»Ja«, entgegnete
sie, »den habe ich.«
Und sie ergriff das Pferd
beim Zügel und führte es in einen kleinen Stall, der hinter dem
Hause lag.
Dann suchte sie Kalaf wieder
auf, und da er großen Hunger spürte, so fragte er sie,
ob sie nicht jemanden hätte,
der ihm auf dem Markt einiges einkaufen könnte.
Die Witwe gab zur Antwort,
sie habe einen Enkel von
zwölf Jahren, der bei ihr wohne und der diesen Auftrag gut erledigen
würde.
Da zog der Prinz einen
Golddinar aus seinem Beutel, reichte ihn dem Kinde,
und es ging, um sich auf
den Markt zu begeben.
Derweilen hatte die Wirtin
nicht wenig damit zu tun, die Neugier Kalafs zu befriedigen;
er fragte sie nach den
Sitten des Volkes der Stadt und wieviel Häuser man in Peking zählte.
Und schließlich kam
das Gespräch auf den König von China.
»Ich bitte dich;
sage mir«, sprach Kalaf; »von welchem Charakter ist dieser
Fürst?
Ist er großmütig,
und meinst du, daß er den Eifer eines jungen Fremdlings beachten
wird,
der sich erbietet, ihm
wider seine Feinde zu dienen?
Mit einem Wort, ist er
es wert, daß man sich seinem Vorteil widmet?«
»Zweifelsohne«,
erwiderte die Alte, »ist er ein sehr guter Fürst,
der seine Untertanen ebensosehr
liebt, wie er von ihnen geliebt wird,
und es nimmt mich wunder,
daß du noch nicht von unserm guten König Altun Khan vernommen
hast,
denn der Ruf seiner Güte
hat die Welt durcheilt.«
»Nach dem Bilde,
das du mir von ihm entwirfst«, versetzte der Prinz der Nogaiten,
»muß er der
glücklichste und zufriedenste Monarch der Welt sein.«
»Und doch ist er
das nicht«, entgegnete die Witwe,
»man kann sogar sagen,
daß er sehr unglücklich ist.
Zunächst hat er keinen
Sohn der ihm folgen kann in der Herrschaft,
und ihm wird kein männliches
Kind gehören, was er auch zu diesem Zweck an guten Werken tue.
Ich will dir aber sagen,
daß der Kummer, keinen Sohn zu haben,
noch nicht seinen schlimmsten
Schmerz ausmacht;
die Ruhe seines Lebens
trübt die Prinzessin Turandot, seine einzige Tochter.«
»Ei, und weshalb«,
fragte Kalaf, »ist sie für ihn eine Qual?«
Kalaf fragte, auf welche
Weise der Prinz von Samarkand sich in die Prinzessin von China verliebt
hätte,
und der Lehrer erwiderte:
»Ich will es dir
sagen,
und zweifelsohne wirst
du in höchstem Staunen ob des Berichtes erstaunen, den ich dir geben
werde.
Der Prinz von Samarkand«,
fuhr er fort, »lebte glücklich im Palast seines Vaters;
die Würdenträger
sahen in ihm den Prinzen, der eines Tages ihr Herrscher werden würde,
und so befleißigten
sie sich, ihm nicht minder zu gefallen als seinem Vater.
Er verbrachte den Tag in
der Regel auf der Jagd oder beim Ballspiel,
und nachts ließ er
heimlich die glänzendsten Jünglinge der Hauptstadt in sein Gemach
entbieten,
um mit ihnen allerlei Getränke
zu trinken.
Bisweilen fand er auch
Gefallen daran, schöne Sklavinnen tanzen zu sehen
und ihren Stimmen und ihrem
Lautenspiel zu lauschen.
Mit einem Wort, alle Genüsse
ketteten sich aneinander und füllten sein ganzes Leben aus.
Da kam in Samarkand ein
berühmter Maler an,
der führte eine Menge
Bilder von Prinzessinnen,
die er in den verschiedenen
Hauptstädten gemalt hatte, wo er gewesen war,
bei sich.
Er kam, um sie meinem Prinzen
zu zeigen;
und als der Jüngling
die ersten sah, die er ihm zeigte, sprach er:
»Das sind
sehr schöne Gemälde;
ich bin überzeugt,
daß die Urbilder dir viel Dank schuldig sind.«
»O mein Herr<,
erwiderte der Maler, »ich gebe zu, daß diese Bilder ein wenig
schmeicheln;
aber ich will dir auch
sagen, daß ich noch eins habe, schöner als diese alle,
das trotzdem sein Urbild
nicht erreichte.«
Mit diesen Worten zog er
aus einer kleinen Kassette, in der sich die Bilder befanden,
das der Prinzessin von
China hervor.
Kaum aber hielt mein Herr
es in seinen Händen, so rief er,
da er sich nicht vorstellen
konnte, daß die Natur eine so vollkommene Schönheit zu bilden
vermöchte,
es gäbe in der Welt
keine so liebliche Frau
und das Bild der Prinzessin
von China müsse noch mehr schmeicheln als die andern alle.
Der Maler beteuerte, es
täte das nicht, und er versicherte,
daß niemals ein Pinsel
die Anmut und Lieblichkeit wiederzugeben imstande wäre,
die sich im Antlitz der
Prinzessin Turandot zeige.
Auf diese Versicherung
hin erstand mein Gebieter das Bild,
und es machte einen so
starken Eindruck auf ihn,
daß er eines Tages
den Hof seines Vaters und Samarkand von niemandem als mir begleitet verließ;
und ohne mir etwas von
seiner Absicht zu sägen, schlug er die Straße nach China ein
und zog in diese Stadt.
Er gedachte, Altun Khan
eine Weile wider seine Feinde zu dienen
und ihn dann um seine Tochter
zu bitten;
doch als wir eintrafen,
erfuhren wir von der Strenge des Erlasses,
und, was noch seltsamer
ist, statt ob dieser Kunde bekümmert zu sein,
geriet der Prinz darüber
in helle Freude.
»Ich will mich«,
so sprach er zu mir, »den Fragen Turandots stellen, um sie zu beantworten.
Es fehlt mir nicht an Verstand:
ich werde mir diese Prinzessin gewinnen.«
»Alles andre brauche
ich dir nicht erst zu sagen«, fuhr der Lehrer schluchzend fort;
»du kannst dem traurigen
Schauspiel, das du gesehen hast, entnehmen,
daß der bejammernswerte
Prinz von Samarkand seiner Hoffnung entgegen
die verhängnisvollen
Fragen dieser grausamen Schönen nicht beantworten konnte,
die sich darin gefällt,
Blut zu vergießen,
und die schon vielen Königssöhnen
den Tod gebracht hat.
Er hat mir eben, als er
sah, daß er sich zum Tode rüsten müßte,
das Bild dieser grausamen
Prinzessin gegeben.
»Ich vertraue dir«,
so sprach er, »dieses seltene Gemälde an;
bewahre es als anvertrautes
Gut von hohem Wert;
du brauchst es nur meinem
Vater zu zeigen,
wenn du ihm die Kunde von
meinem Schicksal bringst,
und ich zweifle nicht,
wer er ein so reizendes Bildnis sieht, so
wird er mir meine Verwegenheit
vergeben.«
»Aber«, fügte
der Lehrer hinzu, »ein anderer mag, wenn er will,
dem König, seinem
Vater, diese schlimme Nachricht bringen;
ich will, von meinem Kummer
erfüllt, fern von hier und yon Samarkand ein so teures Haupt beweinen.
Das ist es, was, du zu
hören begehrtest,
und hier ist das gefährliche
Bildnis« fuhr er fort,
indem er es unter seinem
Gewand hervorzog und voller Grimm zu Boden schleuderte,
»hier ist die Ursache
des Unglücks meines Prinzen.
O abscheuliches Bild!
Weshalb hatte mein Gebieter,
als du ihm in die Hände fielest, nicht meine Augen?
O unmenschliche Prinzessin,
mögen alle Prinzen
der Welt für dich nur die Empfindungen hegen, die du mir einflößest!
Statt der Gegenstand ihrer
Liebe zu sein, würdest du sie mit Grauen erfüllen!«
Mit diesen Worten ging
der Lehrer des Prinzen von Samarkand voll Grimm davon,
indem er noch einen wutsprühenden
Blick auf den Palast warf.
Zu dem Sohn Timurtaschs
sprach er kein Wort mehr;
der aber raffte eiligst
Turandots Bildnis auf
und wollte damit in das
Haus der Witwe heimkehren;
doch er verirrte sich im
Dunkel und sah sich unvermerkt vor den Toren der Stadt.
Dort harrte er voll Ungeduld
des Tages,
um die Schönheit der
Prinzessin von China betrachten zu können;
und sowie der das Licht
erscheinen sah und seine Neugier befriedigen konnte,
öffnete er den Kasten,
der das Bildnis umschloß.
Trotzdem zögerte er,
bevor er es anschaute,
und rief: »Was will
ich tun?
Darf ich meinen Augen einen
so gefährlichen Anblick bieten?
Bedenke, Kalaf, und abermals,
bedenke die verhängnisvollen
Wirkungen, die es bereits gehabt hat!
Hast du vergessen, was
dir der Lehrer des Prinzen von Samarkand gesagt hat?
Schau das Gemälde
nicht an,
widerstehe der Regung,
die dich fortreißt, solange sie nur erst ein Drang der Neugier ist.
Solange du dich deiner
Vernunft erfreust, kannst du deinem Verderben noch vorbeugen …
Aber was sage ich, vorbeugen!«
fügte er hinzu, indem
er sich eines Bessern besann:
»Welcher falsche
Gedanke flößt mir die schüchterne Vorsicht ein?
Wenn ich die Prinzessin
lieben soll,
steht meine Liebe da nicht
schon mit unverlöschlichen Lettern im Himmel geschrieben?
Übrigens glaube ich
auch,
daß man selbst das
schönste Bildnis ungestraft ansehen darf;
man muß sehr schwach
sein,
wenn man sich durch den
Anblick einer eitlen Farbenmischung verwirren läßt.
Ich will nichts fürchten;
ich will mit kaltem Blick,
auf diese sieghaften und mörderischen Züge schauen;
ich will sogar Fehler darin
zu entdecken suchen
und das neue Vergnügen
kosten, die Reize dieser allzu hoch gemuten Prinzessin zu tadeln;
und. um ihre Eitelkeit
zu demütigen, möchte ich wünschen,
daß sie erführe,
ich habe ihr Bildnis ohne Erregung betrachtet.«
Timurtaschs Sohn also nahm
sich fest vor,
das Bildnis Turandots gleichgültigen
Auges anzuschauen.
Er sah es an und prüfte
es;
er bewunderte die: Rundung
des Gesichts,
die Regelmäßigkeit
der Züge,
die Lebhaftigkeit der Augen,
den Mund und die Nase,
und er erstaunte ob einer
so seltenen Vereinigung;
und obwohl er gegen alles,
was er sah, auf der Hut war,
ließ er sich davon
bezaubern.
Ihm selber zum Trotz durchbebte
ihn eine unsägliche Verwirrung,
und er kannte sich nicht
mehr aus.
»Welches Feuer«,
sprach er, »durchfährt mich plötzlich?
Welche Verwirrung wirft
dieses Bildnis mir in die Sinne?
Allmächtiger, ist
es das Schicksal aller, die dieses Gemälde anschauen,
daß sie die unmenschliche
Prinzessin, die es darstellt, lieben müssen?
Wehe, ich fühle nur
zu gut,
daß sie auf mich
denselben Eindruck macht,
den sie auf den unglücklichen
Prinzen von Samarkand gemacht hat,
auch ich ergebe mich den
Pfeilen, die ihn verwundeten;
und statt mich von seiner
jammervollen Geschichte abschrecken zu lassen,
fehlt wenig daran daß
ich ihn noch um sein Unglück beneide!
Welcher Wandel, o Allah!
Noch eben vermochte ich
mir nicht vorzustellen,
wie man so von Sinnen sein
kann, die Strenge des Erlasses zu mißachten,
und jetzt schon sehe ich
nichts mehr, was mich beängstigt;
die ganze Gefahr ist verschwunden.
Nein, unvergleichliche
Prinzessin«, fuhr er fort,
indem er das Bildnis mit
zärtlichem Blick betrachtete,
»mich hält kein
Hindernis auf;
ich liebe dich trotz deiner
Grausamkeit;
und da es, mir erlaubt
ist, nach deinem Besitz zu streben,
so will ich noch heute
versuchen, dich zu gewinnen.
Wenn ich bei diesem schönen
Unternehmen umkomme,
so werde ich im Tode nichts
als den Schmerz empfinden,
daß ich dich nicht
besitzen kann.«
Als nun Kalaf den Entschluß
gefaßt hatte, um die Prinzessin zu werben,
kehrte er zu seiner alten
Witwe zurück,
deren Haus er nur mit großer
Mühe fand,
denn er hatte sich während
der Nacht weit von ihm entfernt.
»O mein Sohn«,
sprach sie zu ihm, als sie ihn bemerkte,
»ich bin entzückt,
dich wiederzusehen!
Ich war in großer
Sorge um dich; ich fürchtete schon, dir sei ein Unglück widerfahren.
Weshalb bist du nicht früher
heimgekehrt?«
»O meine Mutter«,
erwiderte er, »es tut mir leid, daß du dich meinetwegen beunruhigt
hast,
aber ich hatte mich im
Dunkel verirrt.«
Und dann erzählte
er ihr, wie er dem Lehrer des hingerichteten Prinzen begegnet war,
und er vergaß nicht,
ihr alles zu wiederholen, was dieser Lehrer ihm berichtet hatte.
Und schließlich zeigte
er ihr das Bildnis Turandots und sprach:.
»Sieh, ob dieses
Gemälde nur ein unvollkommenes Bildnis der Prinzessin von China ist;
denn ich kann mir nicht
denken, daß es der Schönheit des Urbilds nicht gleichkommen
sollte.«
»Bei der Seele des
Propheten Sakyamuni!« rief die Alte,
nachdem sie das Bildnis
betrachtet hatte,
»die Prinzessin ist
noch tausendmal schöner und lieblicher, als sie hier dargestellt ist.
Ich wollte, du hättest
sie gesehen, so wärest du wie ich überzeugt,
daß alle Maler der
Welt, die es unternehmen wollten, sie zu malen, scheitern müßten;
ich nehme selbst den berühmten
Mani nicht aus.«
»Du machst mir eine
große Freude«, versetzte der Prinz der Nogaiten,
»wenn du mir versicherst,
daß Turandots Schönheit
über alle Versuche der Maler erhaben ist.
Wie sehr mir diese Versicherung
schmeichelt!
Sie bekräftigt mich
in meinem Vorsatz, und sie spornt mich an,
ein so schönes Abenteuer
auf der Stelle zu bestehen.
Weshalb stehe ich nicht
schon vor der Prinzessin?
Ich brenne vor Ungeduld
darauf, zu erproben,
ob ich glücklicher
sein werde als der Prinz von Samarkand.«
»Was sagst du, o
mein Sohn?« rief die Witwe aus.
»Welchen Plan
wagst du zu fassen?
Und denkst du wirklich
daran, ihn auszuführen?«
»Ja, o meine Mutter«,
erwiderte Kalaf,
»ich denke, mich
noch heute zu stellen, um auf die Fragen der Prinzessin Antwort zu geben;
ich bin nach China gekommen,
um dem großen König Altun Khan meinen Arm zu bieten;
aber lieber noch will ich
sein Eidam werden als ein Hauptmann seines Heeres.«
Bei diesen Worten brach
die Alte in Tränen aus.
»O mein Herr«,
sprach sie,
»im Namen Allahs,
beharre nicht in einem so verwegenen Entschluß:
du wirst umkommen, wenn
du kühn genug bist, um die Prinzessin zu werben;
statt dich von ihrer Schönheit
berücken zu lassen, verabscheue sie yielmehr,
da sie der Anlaß
so vieler trauriger Geschehnisse ist;
stelle dir vor, welches
der Schmerz deiner Eltern sein mußte,
wenn sie von deinem Tode
Kunde erhielten;
laß dich rühren
von den tödlichen Schmerzen, in die du sie stürzen willst.«
»Ich bitte dich,
o meine Mutter«, unterbrach sie der Sohn Timurtaschs,
»laß ab, mir
solche Bilder zu zeigen, die mich so rühren können;
ich weiß wohl, wenn
sich heute mein Schicksal erfüllt,
so wird es für meine
Erzeuger eine unerschöpfliche Quelle der Tränen sein;
vielleicht gar werden sie
(denn ich weiß, wie zärtlich sie an mir hängen)
von meinem Tode nicht vernehmen
können, ohne vor Schmerzen selber zu sterben;
doch wieviel Dankbarkeit
mir ihre Liebe auch einflößen muß und wirklich einflößt,
so muß ich dennoch
der Glut nachgeben, die mich beherrscht;
aber tue ich es nicht auch,
um sie glücklicher zu machen,
wenn ich mein Leben der
Gefahr aussetze?
Ja, zweifelsohne verbündet
sich ihr Vorteil mit dem Verlangen, das mich treibt,
und wenn mein Vater hier
wäre,
würde er mich, statt
sich meiner Absicht zu widersetzen, treiben,
sie mir um so schneller
auszuführen.
Mein Plan steht fest;
verliere also keine Zeit,
indem du mit abraten willst;
denn nichts vermöchte
mich zu erschüttern.«
Als nun die Alte sah, daß
ihr junger Gast nicht auf ihre Ratschläge hörte,
wuchs ihr Kummer, und sie
sprach von neuem:
»Es ist also ausgemacht,
o mein Herr,
daß ich dich nicht
hindern kann, in dein Verderben zu rennen;
weshalb mußtest du
gerade in meinem Hause absteigen?
Und weshalb habe ich dir
von Turandot gesprochen?
Du hast dich in sie verliebt
auf Grund des Bildes, das ich dir von ihr entwarf,
ich Unglückselige!
Ich selber habe dich zugrunde
gerichtet;
und weshalb, muß
ich mir deinen Tod vorwerfen?«
»Nein, o meine Mutter«,
unterbrach der Prinz der Nogaiten sie zum zweitenmal,
»nicht du bist schuld
an meinem Unglück;
schiebe nicht dir die Schuld
an der Liebe zu,
die ich für die Prinzessin
hege; ich mußte sie lieben,
und ich erfülle mein
Schicksal;
und wer hat dir denn gesagt,
daß ich ihre Fragen nicht richtig beantworten werde?
Ich bin nicht ungelehrt
noch ohne Verstand;
und vielleicht hat der
Himmel mir die Ehre aufgespart,
den König von China
von dem Gram zu befreien,
den ihm sein grauenhafter
Eid bereitet.
Aber«, fügte
er hinzu, indem er den Beutel zog, den ihm der Khan von Berlas gegeben
hatte
und darin sich noch eine
große Menge von Golddinaren befand,
»da das, wie ich
zugeben muß, unsicher ist und es wohl sein kann, daß ich sterbe,
so schenke ich dir diesen
Beutel, um dich über meinen Tod zu trösten;
du kannst auch mein Pferd
verkaufen und den Erlös für dich behalten;
denn ich habe es sicherlich
nicht mehr nötig,
sei es nun, daß die
Tochter Altun Khans meiner Kühnheit zum Lohne mir zufällt,
sei es, daß mein
Tod ihr trauriger Entgelt ist.«
Die Witwe nahm den Beutel
Kalafs und sprach:
»O mein Sohn, du
täuschest dich sehr,
wenn du meinst, daß
diese Goldstücke mich über dein Verderben trösten;
ich will sie zu guten Werken
verwenden
und einen Teil in den Spitälern
unter die Armen verteilen,
die ihr Elend geduldig
tragen und deren Gebete Allah so angenehm sind;
den Rest aber will ich
den Dienern unsrer Moscheen spenden,
damit sie gemeinsam zum
Himmel beten, dir beizustehen
und nicht zu dulden, daß
du ins Verderben rennest;
die einzige Gnade, um die
ich dich bitte, ist die,
dich noch nicht heute den
Fragen Turanots zu stellen;
warte bis morgen, die Frist
ist nicht lang;
lasse mir so viel Zeit,
um gute Seelen aufzufordern,
daß sie Sakyamuni
für dich gewinnen;
und dann sollst du tun,
was dir beliebt;
mache mir, ich bitte dich,
dieses Zugeständnis;
ich kann wohl sagen, daß
du es einer Frau schuldig bist,
die für dich schon
so viel Freundschaft empfindet,
daß sie untröstlich
wäre, wenn du umkämst.«
Wirklich nahm Kalafs Erscheinung
für ihn ein;
abgesehen davon, daß
er einer der schönsten Prinzen der Weh war und von herrlichstem Wuchs,
hatte er ein umgängliches
und so angenehmes Wesen,
daß man ihn nicht
ansehen konnte, ohne ihn zu lieben.
Er war gerührt von
dem Schmerz und der Anhänglichkeit der guten Alten,
und also sprach er:
»O meine Mutter,
ich will dir den Gefallen tun, den du von mir verlangst;
ich will heute noch nicht
zu der Prinzessin gehen;
aber wenn ich dir sagen
soll, was ich denke,
so glaube ich nicht, daß
dein Prophet mich in meinem Entschluß wird wankend machen können.«
Den ganzen Tag hindurch
verließ er das Haus der Witwe nicht;
sie aber versäumte
nicht, in die Spitäler zu gehen,
Almosen zu verteilen und
mit Hilfe barer Münze die Fürsprache der Bonzen zu erkaufen;
sie ließ auch den
Idolen Hühner und Fische opfern;
und selbst die Dschann
wurden nicht vergessen,
denn sie erhielten an den
für diese Feierlichkeit bestimmten Orten Opfer an Reis und Gemüse;
aber alle Gebete der Bonzen
und der Diener der Idole hatten, obwohl gut für sie gezahlt worden
war,
nicht die Wirkung, die
die gute Wirtin Kalafs von ihnen erwartet hatte;
denn am folgenden Morgen
schien der Prinz mehr als je entschlossen zu sein,
um Turandot zu werben.
»Leb wohl, o meine
Mutter«, sprach er zu der Witwe,
»es tut mir leid,
daß du dir gestern um meinetwillen soviel Mühe gegeben hast;
du hättest sie dir
sparen können;
denn ich hatte dir versichert,
daß meine Gesinnung sich bis heute nicht ändern würde.«
Mit diesen Worten verließ
er die Alte,
die sich vom äußersten
Schmerz ergriffen fühlte,
sich das Gesicht mit dem
Schleier verhüllte
und, den Kopf auf die Knie
geneigt, in solcher Trauer zurückblieb,
daß man sie, nicht
schildern könnte.
Der junge Prinz der Nogaiten
aber begab sich,
duftend von Essenzen und
schöner als der Mond,
in den Palast;
er sah am Tore fünf
gefesselte Elefanten,
und zu beiden Seiten standen
in Reihen zweitausend Krieger,
den Helm auf dem Kopf und
bewahrt mit Schilden und ehernen Harnischen.
Einer der Hauptleute, die
sie befehligten,
schloß aus Kalafs
Erscheinung, daß er ein Fremdling sei,
hielt ihn an und fragte
ihn, was er im Palast zu tun hatte.
»Ich bin ein fremder
Prinz«, erwiderte der Sohn Timurtaschs,
»ich komme, um mich
dem König vorzustellen
und ihn um die Erlaubnis
zu bitten,
daß ich auf die Fragen
der Prinzessin, seiner Tochter, antworten darf;«
Der. Hauptmann sah ihn
bei diesen Worten verwundert an und sprach:
»O mein Prinz, weißt
du,
daß du den Tod zu
suchen kommst?
Du hättest besser
daran getan, in deinem Lande zu bleiben,
als den Vorsatz zu fassen,
der dich herführt;
mache kehrt und schmeichle
dir nicht mit der trügerischen Hoffnung,
daß du die grausame
Turandot gewinnen könntest.
Und wenn du weiser wärest
als ein Mandarin der Wissenschaft,
so wirst du doch niemals
den Sinn ihrer zweideutigen Fragen durchschauen.«
»Ich danke dir für
deinen Rat«, erwiderte Kalaf,
»aber ich bin nicht
hergekommen, um zurückzuweichen.«
»So geh in den Tod«,
sprach der Hauptmann mit bekümmerter Miene,
»wenn es, nicht möglich
ist, dich zu hindern!«
Und er ließ ihn in
den Palast ein,
wandte sich zu ein paar
andern Hauptleuten, die ihre Unterhaltung mit angehört hätten,
und sprach:
»Wie schön und
herrlich gewachsen ist dieser junge Prinz!
Es ist schade, daß
er so bald sterben soll.«
Kalaf durchschritt derweilen
mehrere Säle und sah sich endlich in dem,
wo der König seinen
Untertanen Gehör zu leihen pflegte.
Darin stand ein Thron von
Stahl aus Katai,
der war geformt wie ein
Drache und drei Ellen hoch.
Vier sehr hohe Säulen
aus dem gleichen Metall trugen darüber einen ungeheuren Baldachin
aus gelber Seide, die über
und über mit Edelsteinen besetzt war.
Altun Khan saß, bekleidet
mit einem Kaftan aus rotgrundigem Goldbrokat,
in großer Würde
auf seinem Thron,
die durch ein Büschel
sehr langer, in drei Strähnen geteilter Haare mitten in seinem Bart
vortrefflich gesteigert
wurde.
Nachdem der Monarch ein
paar seiner Untertanen angehört hatte,
fiel sein Blick zufällig
auf den Prinzen der Nogaiten, der in der. Menge stand;
und da ihm schien, als
sei er ein Fremdling,
und da er gar wohl an seinem
edlen Anstand und seinen prunkvollen Kleidern erkannte,
daß er kein Mann
aus dem niederen Volke war,
so rief er einen seiner
Mandarine,
zeigte ihm Kalaf mit dem
Finger und gab ihm leise Befehl,
sich nach seinem Stand
und nach dem Anliegen zu erkundigen,
das ihn in seinen Palast
geführt hatte.
Der Mandarin näherte
sich dem Sohn Timurtaschs und sagte ihm,
daß der König
zu wissen begehrte, wer er wäre
und ob er ihn um etwas
zu bitten hätte.
»Du kannst dem König,
deinem Gebieter, sagen«, erwiderte der junge Prinz,
»daß ich der
einzige Sohn eines Herrschers bin
und komme, um zu versuchen,
ob ich mir die Ehre erringen kann,
sein Eidam zu werden.«
Altun Khan hatte kaum die
Antwort des Prinzen der Nogaiten vernommen,
als er die Farbe wechselte
und sein erhabenes Antlitz sich mit einer Blässe überzog,
die der des Todes glich:
er brach die Audienz ab
und schickte alles Volk davon;
dann stieg er von seinem
Thron herab und näherte sich Kalaf,
indem er sprach:
»Verwegener Jüngling,
kennst du die Strenge meines Erlasses
und das unselige Schicksal
all derer, die bisher darauf bestanden,
die Prinzessin, meine Tochter,
erringen zu wollen?«
»Ja,.o mein Herr«,
erwiderte der Sohn Timurtaschs,
»ich kenne die ganze
Gefahr in die ich mich begebe;
meine Augen selber waren
Zeuge der letzten gerechten Strafe,
die deine Hoheit an dem
Prinzen von Samarkand vollstreckt hat;
aber das jammervolle Ende
all dieser Verwegenen,
die sich vergeblich mit
der süßen Hoffnung schmeichelten,
die Prinzessin Turandot
zu gewinnen,
hat mein Verlangen, sie
mir zu verdienen,
nur noch angestachelt.«
»Welcher Wahnwitz!«
sprach der König;
»kaum hat ein Prinz
das Leben verloren,
so stellt sich auch schon
ein zweiter ein,
um dasselbe Schicksal zu
erleiden.
Es ist, als fänden
sie ihre Freude darin, sich zu opfern!
Welch eine Verblendung!
Geh in dich, Prinz,
und sei weniger verschwenderisch
mit deinem Blut.
Du flößest mir
mehr Mitleid ein als alle, die hier bisher schon den Tod gesucht haben;
ich, fühle, wie in
mir eine Neigung zu dir Wurzel faßt;
und ich will mein möglichstes
tun, um dein Verderben zu hindern.
Kehre in die Reiche deines
Vaters zurück und bereite, ihm nicht den Kummer,
daß das Gerücht
ihm sage, er werde seinen Sohn nie wiedersehen.«
»O mein Herr«,
erwiderte Kalaf,
»es ist mir sehr
lieb, aus dem Munde deiner Hoheit selber zu erfahren,
daß ich das Glück
habe, dir zu gefallen;
ich sehe das als ein glückliches
Vorzeichen an;
vielleicht wird sich der
Himmel,
gerührt ob der Unbill,
die die Schönheit der Prinzessin zur Folge hat,
meiner bedienen,
um ihren Lauf aufzuhalten
und zugleich die Ruhe deines
Lehens zu sichern,
die der Zwang, so. grausame
Taten zu befehlen, störte.
Weißt du denn sicher,
ob ich die Fragen, die man mir stellen wird, falsch beantworten, werde?
Woher bist du meines Verderbens
so gewiß?
Wenn andre nicht hinter
den Sinn der dunklen Worte Turandots haben gelangen können,
muß darum auch ich
ihn nicht zu erkennen vermögen?
Nein, o mein Herr, ihr
Beispiel könnte mich nicht dahin bringen,
daß ich auf die glänzende
Ehre verzichte,
dein Eidam zu, werden.«
»O unglücklicher
Prinz«, versetzte der König, indem er weich wurde,
»so willst du denn
durchaus aus dem Leben scheiden!
Die Freier, die sich vor
dir eingestellt haben, führten dieselbe Sprache;
sie hofften alle, daß
sie den Sinn jener Fragen durchschauen würden,
und es ist ihnen nicht
gelungen.
Wehe, auch du wirst von
deiner Zuversicht genarrt werden;
darum noch einmal, o mein
Sohn, laß dich überreden;
ich liebe dich und will
dich retten;
mache nicht durch deine
Hartnäckigkeit meinen guten Willen zunichte.
Wieviel Verstand du auch
zu haben meinst, mißtraue ihm;
du bist im Irrtum, wenn
du dir einbildest,
du könntest auf der
Stelle beantworten, was die Prinzessin dich fragen wird;
und doch hast du nur das
Achtel einer Stunde, um nachzudenken;
das ist die Regel.
Wenn du nicht im Augenblick
eine richtige Antwort gibst,
die den Beifall all der
Gelehrten findet, die als Richter dienen,
so wirst du sofort für
des Todes würdig erklärt
und in der folgenden Nacht
zum Blutgerüst geführt;
darum, o mein Prinz, ziehe
dich zurück;
bringe den Rest des Tages
damit hin, daß du über deine Entscheidung, nachdenkst.
Frage verständige
Menschen um Rat;
überlege alles,
und morgen sollst du wiederkommen,
um mir zu sagen, wozu du
dich entschlossen hast.«
Mit diesen Worten ließ
er Kalaf stehen,
und der ging zum Palast
hinaus,
trostlos, weil er bis zum
folgenden Tage warten sollte,
denn was der König
ihm vorgehalten, hatte ihm keineswegs eingeleuchtet.
So kehrte er zu seiner
Wirtin zurück,
ohne im geringsten an die
furchtbare Gefahr zu denken, der er sich aussetzen wollte.
Sowie er vor der Alten
erschien und ihr erzählt hatte, was im Palast vorgefallen war,
begann sie von neuem, auf
ihn einzureden
und alles aufzubieten,
um ihn von seinem Vorhaben abzubringen;
aber sie erntete von ihren
neuen Bemühungen keine andre Frucht,
als daß sie merken
mußte, wie sie ihren jungen Gast nur anspornten
und in seinem Entschluß
bekräftigten.
Wirklich kehrte er denn
auch am folgenden Tage in den Palast zurück
und ließ sich dem
König melden,
der ihn in seinem Gemach
empfing,
da er nicht wollte, daß
irgend jemand Zeuge ihrer Unterredung wäre.
»Nun, o mein Prinz«,
sprach Altun Khan,
»soll dein Anblick
mich heute erfreuen oder bekümmern?
Wozu bist du entschlossen?«
»O mein Herr«,
erwiderte Kalaf,
»ich hege immer noch
die gleichen Wünsche;
als ich die Ehre genoß,
gestern deiner Hoheit aufzuwarten,
hatte ich bereits jegliche
Überlegung hinter mir;
ich bin entschlossen, dieselbe
Strafe zu erdulden wie meine Nebenbuhler;
wenn der Himmel nicht anders
über mein Schicksal verfügt hat.«
Bei diesen Worten schlug
sich der König die Brust,
er zerriß seinen
Kragen und raufte sich das Haar aus dem Bart.
»Wie elend bin ich«,
rief er aus, »daß ich so viel Freundschaft für diesen
empfinden muß!
Der Tod der andern hat
mir nicht soviel Schmerz gemacht.
O mein Sohn«, fuhr
er fort,
indem er den Prinzen der
Nogaiten in einer Rührung umarmte, die diesem einige Bewegung einflößte,
»ergib dich meinem
Schmerz, wenn meine Gründe dich nicht zu erschüttern vermögen.
Ich fühle, daß
der Schlag, der dir das Leben nehmen wird,
auch mein Herz mit einer
tödlichen Wunde treffen muß;
verzichte, ich beschwöre
dich, auf den Besitz meiner grausamen Tochter;
du wirst in der Welt genug
andere Prinzessinnen finden, die du zu erringen vermagst;
weshalb willst du durchaus
eine unmenschliche erstreben, die du nie gewinnen kannst?
Bleibe, wenn du willst,
an meinem Hofe,
du sollst nach mir die
zweite Stellung haben;
du sollst schöne Sklavinnen
besitzen;
überallhin sollen
dir die Genüsse folgen;
mit einem Wort, ich will
dich ansehen als meinen eignen Sohn.
Steh also ab von deinem
Streben nach Turandot,
damit ich die Genugtuung
habe, dieser blutdürstigen Prinzessin wenigstens ein Opfer zu entreißen«
Der Sohn Timurtaschs war
sehr gerührt ob der Freundschaft,
die ihm der König
von China bezeugte,
doch er erwiderte ihm:
»O mein Herr, ich
bitte dich;
laß mich die Gefahr
bestehen, vor der du mich retten willst.
Je größer sie
ist, um so mehr lockt sie mich an.
Ich will dir sogar gestehen,
daß die Grausamkeit
der Prinzessin meiner Liebe heimlich schmeichelt.
Es ist mir eine bezaubernde
Freude, zu denken,
daß ich vielleicht
der glückliche Sterbliche bin,
der über diese Hoffart
siegen soll.
Im Namen Allahs«,
fuhr er fort, »deine Hoheit höre auf, einen Plan zu bekämpfen,
auf dessen Ausführung
mein Ruhm, meine Ruhe und mein Leben dringen müssen;
denn kurz, ich kann nicht
leben, wenn ich Turandot nicht erringe.«
Als Altun Khan Kalaf in
seinem Entschluß so unerschütterlich beharren sah,
war er aufs tiefste bekümmert.
»Verwegener Jüngling«,
sprach er,
»dein Verderben ist
dir sicher, da du so hartnäckig um meine Tochter wirbst.
Der Himmel ist mein Zeuge,
daß ich mein möglichstes getan habe,
um dir vernünftigere
Gedanken einzugeben.
Du weisest alle meine Ratschlage
ab und willst lieber umkommen als sie befolgen.
So wollen wir denn nicht
mehr davon reden;
bald sollst du den Lohn
deiner wahnwitzigen Beharrlichkeit ernten.
Ich willige ein, daß
du es unternehmest, die Fragen Turandots zu beantworten;
aber zuvor muß ich
dir die Ehren, erweisen, die ich allen Prinzen erwies,.
die je um meine Tochter
warben.«
Mit diesen Worten rief
er den Aga der ersten Abteilung seiner Eunuchen
und befahl ihm, Kalaf in
den Palast der Prinzen zu führen
und ihm zweihundert Eunuchen
zu seiner Bedienung zu geben
Kaum war der Prinz der
Nogaiten in dem Palast, wohin man ihn führte,
als ihn die höchsten
Mandarine aufsuchten, um ihn zu begrüßen;
das heißt, sie warfen
sich vor ihm auf die Knie und senkten den Kopf bis zur Erde,
indem sie einer nach dem
andern sprachen:
»O Prinz, der ewige
Diener deines erlauchten Geschlechts kommt,
um dir in dieser Eigenschaft
seine Verbeugung zu machen.«
Dann übergaben sie
ihm Geschenke und zogen sich zurück.
Derweilen nun schickte
der König,
der für den Sohn Timurtaschs
große Freundschaft empfand und Mitleid mit ihm hatte,
zu dem größten
oder mindestens berühmtesten Gelehrten unter den Olema seines Hofes
und sprach zu ihm:
»O Gelehrter, in
meinem Palast ist wieder ein Prinz eingetroffen, der um meine Tochter wirbt.
Ich habe nichts versäumt,
um ihn abzuschrecken,
aber es ist mir nicht gelungen.
Ich wollte du brächtest
ihn durch deine Beredsamkeit zur Vernunft;
und deshalb ließ
ich dich entbieten.«
Der Gelehrte gehorchte;
er suchte Kalaf auf und
hatte mit ihm eine sehr lange Unterredung;
doch als er zu Altun Khan
zurückkehrte, sprach er zu ihm:
»O mein Herr, es
ist unmöglich, diesen jungen Prinzen, zu überreden;
er will durchaus die Prinzessin
gewinnen oder sterben.
Als ich erkannte, daß
es fruchtlos war, seine Festigkeit überwinden zu wollen,
wünschte ich in meiner
Neugier zu sehen,
ob seine Hartnäckigkeit
sich auch noch auf anderes stützte als bloß auf seine Liebe.
Ich habe ihn in allerlei
Wissenschaften ausgefragt,
und ich habe ihn so bewandert
gefunden, daß es mich wundernahm.
Er ist ein Moslem,
und er scheint mir von
allem, was seinen Glauben angeht, vollkommen unterrichtet zu sein.
Kurz, um deiner Hoheit
zu sagen, was ich davon denke,
so glaube ich, wenn überhaupt
irgendein Prinz imstande ist,
die Fragen der Prinzessin
richtig zu beantworten,
so ist er es.«
»O Gelehrter«,
rief der König aus,
»du entzückst
mich durch deine Worte;
möge es dem Himmel
gefallen, daß dieser Prinz mein Eidam werde!
Sowie er vor mir erschien,
fühlte ich mich von Liebe zu ihm hingezogen;
möge er glücklicher
sein als die andern,
die nur zu ihrem Verderben
in diese Stadt gekommen sind.«
Der gute König Altun
Khan begnügte sich nicht damit, für Kalaf Gelübde emporzusenden,
er versuchte ihm auch die
Geister, die im Himmel, in der Sonne und im Monde herrschen,
gnädig zu stimmen.
Zu diesem Zweck ordnete
er öffentliche Gebete an,
und in allen Tempeln nahm
man feierliche Opfer vor.
Man schlachtete auf seinen
Befehl dem Himmel ein Rind,
der Sonne eine Ziege
und dem Mond ein Schwein.
Ferner ließ er in
Peking verkünden,
daß die Brüderschaften
des Monats ein Fest dem Wunsch zu widmen hätten,
daß der Prinz, der
sich eingestellt habe, um die Prinzessin zum Weibe zu verlangen,
das Glück haben möge,
sie auch zu gewinnen.
Nach diesen Gebeten und
Opfern
schickte der Herrscher
von China seinen Kolao oder Großwesir zu dem Prinzen der Nogaiten,
um ihm zu melden, daß
er sich bereit halten sollte,
am folgenden Tage auf die
Fragen der Prinzessin zu antworten,
und um ihm zu sagen, daß
man nicht verfehlen würde, ihn abzuholen und in den Diwan zu führen,
und daß alle, die
der Versammlung beizuwohnen hätten,
bereits benachrichtigt
worden wären, sich einzufinden.
So fest nun Kalaf auch
entschlossen war, das Abenteuer zu bestehen,
so verbrachte er doch die
Nacht nicht ohne Sorge.
Wenn er sich bald auf seinen
Verstand zu verlassen wagte
und sich einen glücklichen
Ausgang versprach,
so verlor er bald wieder
jede Zuversicht
und stellte sich vor, welche
Schmach ihm zuteil werden müßte,
wenn seine Antworten dem
Diwan nicht genügten;
und bisweilen dachte er
auch an Timurtasch und Elmaza.
»Wehe!«, sprach
er bei sich selber,
»wenn ich sterbe,
was soll da aus meinem Vater und meiner Mutter werden?«
In dieser Verwirrung der
Empfindungen überraschte ihn der Tag,
und bald darauf vernahm
er den Klang vieler Glocken und den lauten Lärm der Trommeln.
Er dachte sich gar wohl,
daß auf diese Weise
all jene in den Diwan gerufen würden, die sich einzufinden hatten,
und indem er seine Gedanken
zu Mohammed, erhob, sprach er:
»O großer Prophet,
du siehst, in welcher Gefahr ich schwebe;
leite mich!
Soll ich mich in den Diwan
begeben
oder zum König gehen
und ihm sagen, daß die Gefahr mich erschreckt?«
Er hatte diese Worte noch
nicht ausgesprochen,
als er plötzlich fühlte,
wie all seine Befürchtungen schwanden
und seine Verwegenheit
wieder erstand;
er erhob sich und legte
einen Kaftan und einen Mantel aus rotem, goldgeblümtem Seidenstoff
an,
den Altun Khan ihm schickte,
und ferner Strümpfe
und Schuhe aus blauer Seide.
Als er sich nun fertig
angekleidet hatte,
traten sechs gestiefelte
Mandarine in sehr weiten, karmesinroten Gewändern zu ihm ins Zimmer;
und nachdem sie ihn auf
die gleiche Weise begrüßt hatten wie die am Tage zuvor,
sagten sie ihm, sie kämen
im Namen des Königs, um ihn in den Diwan zu führen.
Er ließ sich geleiten,
und sie durchschritten
einen Hof inmitten einer doppelten Reihe von Kriegern;
und als sie im ersten Ratssaal
angelangt waren,
sahen sie dort mehr als
tausend Sänger und Lautenspieler,
die sangen und spielten
alle zugleich, so daß die Klänge erstaunlich laut tönten.
Von dort aus traten sie
in den Saal, in dem der Rat versammelt saß
und der mit dem Innern
des Palastes in Verbindung stand.
Schon saßen alle,
die dieser Versammlung beiwohnen sollten,
unter Baldachinen von verschiedenen
Farben, die rings um den Saal aufragten.
Auf der einen Seite sah
man die obersten Mandarine
und auf der andern den
Großwesir mit den Gelehrten des königlichen Hofstaats,
und die andern Plätze
nahmen allerlei Gelehrte ein, deren Ruf bekannt war.
In der Mitte aber standen
zwei goldene Throne,
die auf dreieckigen Podien
standen.
Sowie der Prinz der Nogaiten
eintrat,
begrüßte ihn
die edle und gelehrte Versammlung mit allen Zeichen einer großen
Ehrfurcht;
doch ohne ein Wort zu ihm
zu sprechen,
denn alle harrten der Ankunft
des Königs und bewahrten also tiefstes Schweigen.
Eben wollte die Sonne aufgehen;
und sowie man die ersten
Strahlen des Tagesgestirns erglänzen sah,
öffneten zwei Eunuchen
die Vorhänge der Tür zum innern Palast,
und alsbald trat der König
ein,
begleitet von der Prinzessin
Turandot,
die ein langes Gewand aus
golddurchwebter Seide
und einen Schleier aus
demselben Stoff vor dem Gesicht trag.
Sie stiegen beide auf fünf
silbernen Stufen zu ihren Thronen empor,
und als sie ihre Plätze
eingenommen hatten,
erschienen zwei wunderbar
schöne Mädchen,
die eine auf der Seite
des Königs,
die andre auf der der Prinzessin.
Das waren Sklavinnen aus
dem Harim Altun Khans.
Gesicht und Brust waren
unverhüllt,
in den Ohren trugen sie
dicke Perlen
und sie stellten sich auf,
eine Feder und Papier in der Hand,
um niederzuschreiben, was
ihnen der König befehlen würde.
Während dieser Zeit
blieb die ganze Versammlung,
die sich beim Anblick Altun
Khans erhoben hatte,
mit großem Ernst
und halbgeschlossenen Augen stehen.
Nur Kalaf ließ seine
Blicke über alles hinschweifen,
aber sie blieben bald auf
die Prinzessin geheftet,
deren majestätische
Haltung er bewunderte.
Als nun der gewaltige Beherrscher
Chinas den Mandarinen und Gelenrten befohlen hatte, sich zu setzen,
kniete einer der sechs
Großen, die Kalaf geleitet hatten
— er stand aber mit dem
Prinzen vierzehn Ellen vor den beiden Thronen — nieder
und verlas eine Schrift,
die die Werbung dieses fremden Prinzen um die Prinzessin Turandot enthielt.
Dann erhob er sich wieder
und befahl Kalaf,
vor dem König drei
Verbeugungen zu machen.
Der Prinz der Nogaiten
tat das mit solcher Anmut,
daß Altun Khan sich
nicht enthalten konnte, ihm zuzulächeln
und ihm auf diese Weise
zu bezeugen,
daß er ihn mit Vergnügen
sähe.
Dann erhob sich der Kolao
von seinem Platz
und verlas mit lauter Stimme
den verhängnisvollen Erlaß,
der alle verwegenen Freier,
die auf die Fragen Turandots falsche Antworten gaben, mit dem Tode bedrohte.
Und indem er das Wort an
Kalaf richtete, sprach er zu ihm:
»O mein Prinz, du
hast vernommen,
unter welcher Bedingung
man die Prinzessin erringen kann;
wenn der Gedanke an die
drohende Gefahr auf deine Seele irgendwelchen Eindruck machen kann,
so ist es dir noch erlaubt,
dich zurückzuziehen.«
»Nein, nein«,
sprach der Prinz der Nogaiten,
»der Lohn, den es
davonzutragen gilt,
ist zu schön, um feig
darauf zu verzichten.«
Da nun der König Kalaf
bereit sah, auf die Fragen Turandots zu antworten,
so wandte er sich zu der
Prinzessin und sprach:
»O meine Tochter,
jetzt ist es an dir, zu reden;
stelle diesem Jüngling
die Fragen, die du bereit hast;
und möge es allen
Geistern, denen man gestern geopfert hat, gefallen,
daß er den Sinn deiner
Worte durchschaue.«
Bei diesen Worten sprach
Turandot:
»Ich rufe den Propheten
Sakyamuni zum Zeugen an,
daß ich so viele
Prinzen nicht ohne Bedauern sterben sehe;
aber weshalb verlangen
sie mit solcher Hartnäckigkeit,
daß ich ihnen gehören
soll?
Weshalb lassen sie mich
nicht ruhig in meinem Palaste leben,
ohne es auf meine Freiheit
anzulegen?
Wisse also, verwegener
Jüngling«, fügte sie hinzu, indem sie sich an Kalaf wandte,
»daß du mir
keinen Vorwurf zu machen hast,
wenn du nach dem Beispiel
all deiner Nebenbuhler eines grausamen Todes sterben mußt.
Du allein bist die Ursache
deines Verderbens, da ich dich nicht dazu zwinge, dich um meine Hand zu
bewerben.«
»O schöne Prinzessin«,
erwiderte der Prinz der Nogaiten,
»ich weiß,
was man darüber sagen kann;
stelle mir, ich bitte dich,
deine Fragen,
und ich will versuchen,
ihren Sinn zu erkennen.«
»Nun denn«,
fuhr Turandot fort, »so sage mir,
welches ist das Geschöpf,
das in jedem Lande wohnt,
das jedem Freund ist
und das seinesgleichen
nicht zu dulden vermöchte?«
»O meine Herrin«,
erwiderte Kalaf, »das ist die Sonne.«
»Er hat recht«,
riefen alle Gelehrten, »es ist die Sonne.«
»Welches ist die
Mutter«, fuhr die Prinzessin fort,
»die ihre Kinder
in die Welt setzt und sie verschlingt,
wenn sie groß geworden
sind?«.
»Das Meer«,
erwiderte der Prinz der Nogaiten,
»denn die Flüsse,
die sich ins Meer ergießen,
stammen auch aus ihm.«
Als nun die Prinzessin
Turandot sah,
daß der junge Prinz
ihre Fragen richtig beantwortete,
war sie so darob erbittert,
daß sie beschloß,
nichts zu versäumen,
um ihn ins Verderben zu stürzen.
»Welches ist der
Baum«, sprach sie,
»dessen sämtliche
Blätter auf der einen Seite weiß sind,
auf der andern aber schwarz?«
Doch sie begnügte
sich nicht damit, diese Frage zu stellen:
zugleich hob sie in ihrer
Bosheit, um Kalaf zu blenden und zu betäuben, ihren Schleier
und ließ die Versammlung
die ganze Schönheit ihres Gesichtes sehen,
der Ärger und Scham
nur neue Reize liehen.
Ihr Haupt war mit natürlichen
Blumen geschmückt, die mit unendlicher Kunst verteilt waren,
und ihre Augen schienen
glänzender als die Sterne.
Sie war schön wie
die Sonne,
wenn sie sich durch einen
Riß dichter Wolken in ihrem vollen Glanze zeigt.
Der verliebte Sohn Timurtaschs
blieb bei diesem Anblick,
statt auf die gestellte
Frage zu antworten, stumm und reglos stehen,
und alsbald fühlte
sich der gesamte Diwan, der an ihm Anteil nahm, von tödlichem Schreck
ergriffen;
der König selber erblich
und glaubte, es sei um den jungen Prinzen geschehen.
Aber als Kalaf sich von
der Überraschung erholt hatte,
in die ihn Turandots Schönheit
so plötzlich stürzte,
beruhigte er die Versammlung
alsbald, indem er also sprach:
»O reizende Prinzessin,
ich bitte dich, vergib, wenn ich ein paar Augenblicke sprachlos blieb;
ich glaubte, eins jener
Himmelswesen zu sehen, die die schönste Zierde des Ortes sind,
der den Gläubigen
nach ihrem Tode zum Aufenthalt versprochen ist;
ich konnte so viele Reize
nicht sehen, ohne in Verwirrung zu geraten:
habe die Güte und
wiederhole die Frage, die du mir stelltest,
denn ich entsinne mich
ihrer nicht mehr,
du selbst hast sie in Vergessenheit
gebracht«
»Ich habe dich gefragt«,
erwiderte Turandot:
»Welches ist der
Baum,
dessen sämtliche Blätter
auf der einen Seite weiß sind,
auf der andern aber schwarz?«
»Dieser Baum«,
sprach Kalaf, »ist das Jahr,
das aus Tagen und Nächten
besteht.«
Auch diese Antwort fand
im ganzen Diwan Beifall;
die Mandarine und Gelehrten
sagten, sie sei richtig,
und spendeten dem jungen
Prinzen tausendfaches Lob.
Sprach Altun Khan zu Turandot:
»O meine Tochter,
erkläre dich für besiegt
und willige ein, dich deinem
Sieger zu vermählen;
die andern haben nicht
eine deiner Fragen beantworten können;
dieser aber ersieht den
Sinn von allen, wie du siehst.«
»Noch hat er nicht
den Sieg davongetragen«, erwiderte die Prinzessin,
indem sie ihren Schleier
wieder vors Gesicht nahm,
um ihre Verwirrung und
die Tränen zu verbergen, die zu vergießen sie sich nicht enthalten
konnte;
»ich habe ihm noch
weitere Fragen zu stellen,
aber ich werde sie erst
morgen nennen.«
»O nein«, sprach
der König, »ich werde nicht erlauben,
daß da ihm bis ins
Unendliche hinein immer neue Fragen stellst;
nur dieses eine gebe ich
zu, daß du ihm auf der Stelle noch eine vorlegst.«
Die Prinzessin wehrte sich
dagegen, indem sie sagte,
sie sei nur auf jene gerüstet,
die ihre Antwort gefunden hätten;
und sie bat den König,
ihren Vater, ihr nicht die Erlaubnis zu versagen,
daß sie den Prinzen
am folgenden Tage noch einmal prüfe.
»Eben das werde ich
dir nie gewähren«, rief der Beherrscher Chinas aus, indem er
ergrimmte,
»du.suchst nur einen
Fehl am Geist dieses Prinzen zu finden,
und ich denke nur daran,
mich von dem grauenhaften Schwur zu lösen,
den ich unvorsichtig geleistet
habe.
O Grausame, du atmest nur
Blut,
und der Tod deiner Freier
ist dir ein süßes Schauspiel.
Die Königin, deine
Mutter, ist aus Gram ob des ersten Unheils, das du verursacht hast, ge¬storben,
denn es schmerzte sie,
eine so grausame Tochter geboren zu haben;
und ich, das ist dir nicht
unbekannt, bin versunken in eine Melancholie,
aus der mich nichts zu
heben vermag,
seit ich die verhängnisvollen
Folgen meiner Nachgiebigkeit gegenüber deinem Willen erlebe.
Aber Dank sei den Geistern,
die im Himmel, im Mond und in der Sonne herrschen
und denen meine Opfer angenehm
waren;
man soll in meinem Palast
nicht mehr diese furchtbaren Todesurteile vollstrecken,
die deinen Namen zum Grauen
machen.
Da dieser Prinz auf deine
Fragen richtig geantwortet hat,
so frage ich die ganze
Versammlung, ob es nicht recht ist,
daß er dein Gatte
werde.«
Die Mandarine und die Gelehrten
brachen in ein Gemurmel aus,
und der Kolao ergriff das
Wort und sprach zu dem König:
»O mein Herr, deine
Hoheit.ist nicht länger durch den Schwur gebunden,
den du leistetest, deinem
strengen Erlaß Beachtung zu erzwingen;
jetzt ist es an der Prinzessin,
ihm ihrerseits zu genügen:
sie hat ihre Hand demjenigen
versprochen, der ihre Fragen richtig beantworten würde;
ein Prinz hat das eben
auf eine Weise getan, die den ganzen Diwan befriedigt;
sie muß ihr Versprechen
halten,
oder wir dürfen nicht
daran zweifeln,
daß die Geister,
die über den Eidbruch wachen, sie baldigst strafen.«
Turandot bewahrte währenddessen
Schweigen;
sie hatte das Haupt auf
die Knie gebeugt und schien in tiefem Kummer vergraben.
Als Kalaf das bemerkte,
warf er sich vor Altun Khan nieder und sprach:
»O großer König,
dessen Gerechtigkeit und Güte das ungeheure Reich China erblühen
läßt,
ich bitte deine Hoheit
um eine Gnade;
ich sehe, die Prinzessin
ist in Verzweiflung,
dieweil ich das Glück
hatte, ihre Fragen beantworten zu können;
zweifelsohne würde
sie es lieber sehen, wenn ich mir den Tod verdient hätte.
Da sie eine solche Abneigung
wider die Männer hat,
daß sie sich mir
trotz des gegebenen Wortes verweigert,
so will ich meinen Rechten
an sie entsagen, doch nur unter der Bedingung,
daß auch sie ihrerseits
eine Frage, die ich ihr stellen will,
richtig beantworte.«
Die ganze Versammlung erstaunte
ob dieser Rede.
»Ist dieser junge
Prinz von Sinnen?«
fragten die einen leise
die andern;
»er setzt sich der
Gefahr aus, wieder zu verlieren,
was er eben durch das Spiel
mit seinem Leben gewann.
Glaubt er, eine Frage stellen
zu können,
die Turandot in Verlegenheit
bringt?
Er muß den Verstand
verloren haben.«
Und auch Altun Khan war
im höchsten Grade verwundert
ob der Gnade, die Kalaf
von ihm erbat.
»O mein Prinz«,
sprach er,
»hast du dir die
Worte, die dir soeben entschlüpften, auch wohl überlegt?«
»Ja, o mein Herr«,
erwiderte der Prinz der Nogaiten,
»und ich beschwöre
dich, mir diese Gnade zu gewähren.«
»Ich will es tun«,
versetzte der König,
»aber was auch geschehen
möge, so erkläre ich hier,
daß ich hinfort nicht
mehr durch den Schwur gebunden hin,
den ich geleistet habe,
und daß ich keinen
Prinzen mehr werde hinrichten lassen.«
»O göttliche
Turandot«, fuhr der Sohn Timurtaschs fort, indem er sich an die Prinzessin
wandte,
»du hast vernommen,
was ich sagte;
obwohl mir nach dem Urteil
dieser gelehrten Versammlung deine Hand gebührt,
obwohl du mir gehörst,
so gebe ich deinen Besitz
auf,
ich beraube mich selber
eines so kostbaren Gutes,
wenn du die Frage, die
ich dir stellen werde, richtig beantwortest;
aber schwöre mir auch
da, wenn du die Frage nicht zu beantworten vermagst,
daß du dann gutwillig
mein Glück erfüllen und meine Liebe krönen willst.«
»Ja, o mein Prinz«,
sprach Turandot, »ich nehme diese Bedingung an;
bei allem Heiligen schwöre
ich es, und diese Versammlung sei meines Schwures Zeugin.«
Der ganze Diwan harrte
der Frage, die Kalaf der Prinzessin stellen würde,
und niemand war, der den
jungen Prinzen nicht getadelt hätte,
dieweil er sich ohne Not
der Gefahr aussetzte, die Tochter Altun Khans zu verlieren,
denn alle waren ob seiner
Verwegenheit bestürzt.
Sprach Kalaf: »O
schöne Prinzessin,
wie heißt der Prinz,
der nach tausendfacher
Mühsal und nachdem er sein Brot erbettelte,
in diesem Augenblick von
Ruhm und Freude übermannt dasteht?«
Die Prinzessin blieb eine
Weile in Gedanken versunken;
dann sprach sie:
»Es ist mir unmöglich,
in diesem Augenblick darauf zu antworten;
doch ich verspreche dir,
daß ich morgen den
Namen dieses Prinzen nennen will.«
»O meine Herrin«,
rief Kalaf,
»ich habe keinen
Aufschub erbeten,
und es ist nicht gerecht,
wenn ich ihn dir gewähre;
doch ich will dir auch
diesen Gefallen noch tun;
ich hoffe, daß du
dann zu sehr mit mir zufrieden sein wirst,
um dich noch ferner zu
weigern, mein Weib zu werden.«
»Sie wird sich dazu
entschließen müssen«, sprach Altun Khan,
»wenn sie die gestellte
Frage nicht beantwortet;
sie glaube nicht, indem
sie erkranke oder sich krank stelle, ihrem Freier entgehen zu können;
wenn auch mein Schwur mich
nicht bände, sie diesem Prinzen zu geben,
und wenn sie ihm auch nach
dem Wortlaut des Erlasses nicht schon gehörte,
so sollte sie doch eher
sterben als diesen jungen Prinzen abweisen dürfen:
wie kann sie je einem liebenswerteren
Mann, begegnen?«
Mit diesen Worten erhob
er sich von seinem Thron und entließ den Diwan,
indem er in das Innere
des Palastes ging,
begleitet von der Prinzessin,
die sich von dort aus in ihre Gemächer zurückzog.
Sowie nun der König
den Diwan verlassen hatte,
beglückwünschten
all die Gelehrten und Mandarine Kalaf zu seinem Verstande.
»Ich bewundere«,
sagte der eine, »deine schnelle und behende Fassungskraft«.
»Nein«, sprach
der andre,
»es gibt keinen Schüler
und keinen Gelehrten und keinen Weisen,
der scharfsinniger wäre
als du.
Keiner der Prinzen, die
sich bisher einstellten, hatte auch nur entfernt deine Gaben,
und wir freuen uns aufs
höchste, daß du Erfolg bei deinem Unternehmen hattest«
Der Nogaitenprinz hatte
nicht wenig zu tun, um all denen zu danken,
die sich beeilten, ihm
Glück zu wünschen.
Und schließlich führten
ihn die sechs Mandarine, die ihn in den Diwan geleitet hatten,
in denselben Palast zurück,
aus dem sie ihn geholt hatten,
und derweilen gingen die
andern mit den Gelehrten davon,
doch nicht ohne Sorge ob
der Antwort,
die die Tochter Altun Khans
auf die Frage geben würde.
Die Prinzessin Turandot
also ging in ihren Palast,
und ihr folgten zwei junge
Sklavinnen, die zu ihren Vertrauten gehörten.
Und sowie sie in ihrem
Gemach anlangte,
legte sie ihren Schleier
ab, warf sich auf ein Lager
und ließ den Empfindungen,
die sie bewegten, freien Lauf;
Scham und Schmerz sah man
sich auf ihrem Antlitz malen;
und ihre Augen, die schon
voll Tränen standen, vergossen neues Naß;
sie riß sich die
Blumen herab, mit denen ihr Haupt geziert war,
und verwirrte ihr herrliches
Haar.
Und als ihre beiden Lieblingssklavinnen
sie trösten wollten, sprach sie:
»Laßt mich
allein, die eine wie die andre;
hört auf, euch unnütze
Mühe zu geben;
ich höre auf nichts
als auf meine Verzweiflung,
und ich will weinen und
traurig sein!
Ach, wie verwirrt muß
ich morgen dastehen,
wenn ich vor dem versammelten
Diwan und den größten Gelehrten Chinas eingestehen muß,
daß ich auf die gestellte
Frage nicht antworten kann!
>Ist das<, so werden
sie sagen, >die kluge Prinzessin, die da meint, alles zu wissen,
und die es nichts kostet,
das schwierigste Rätsel zu lösen?<
Wehe«, fuhr sie fort,
»sie nehmen alte Anteil an dem jungen Prinzen;
ich sah sie in Schrecken
erbleichen, als er in Verlegenheit schien;
und ich sah sie voller
Freude, als er den Sinn meiner Fragen durchschaute.
Ich werde die grausame
Demütigung erleben,
daß ich sehen muß,
wie sie sich meines Schmerzes freuen,
wenn ich mich für
besiegt erkläre.
Wieviel Vergnügen
wird ihnen dieses schmähliche Geständnis machen,
und welche Folter wird
es mir sein, daß ich es abzulegen gezwungen bin!«
»O meine Prinzessin«,
sagte eine ihrer Sklavinnen zu ihr,
»statt dir im voraus
Kummer zu machen,
statt dir die Schmach vorzustellen,
die dir morgen zufallen wird
— tätest du da nicht
besser daran, daß du ihr vorzubeugen suchtest?
Ist die Frage, die man
dir vorgelegt hat, so schwierig,
daß du sie nicht
beantworten kannst?
Sollte dir das bei deinem
Verstand und deinem Scharfsinn nicht gelingen?«
»Nein«, sagte
Turandot, »es ist unmöglich,
denn seine Frage lautet
>Welches ist der Name des Prinzen,
der nach tausendfacher
Mühsal und nachdem er sein Brot erbettelte,
in diesem Augenblick von
Freude und Ruhm übermannt ist?<
Ich denke mir zwar, daß
er wohl selbst dieser Prinz ist;
aber da ich ihn nicht kenne,
so kann ich seinen Namen nicht nennen.«
»Aber, o meine Herrin«,
fuhr dieselbe Sklavin fort,
»du hast versprochen,
diesen Prinzen morgen dem Diwan zu nennen;
als du dieses Versprechen
abgabst, hofftest dir zweifelsohne, es halten zu können?«
»Ich hoffte nichts«,
erwiderte die Prinzessin,
»und ich habe nur
um Zeit gebeten,
damit ich Kummers sterben
kann, bevor ich meine Schande eingestehen
und mich mit dem Prinzen
vermählen muß.«
»Dieser Entschluß
ist gewalttätig«,
sagte da die andre Lieblingssklavin;
»ich weiß wohl,
meine Herrin, daß kein Mann deiner würdig ist,
aber ich muß zugeben,
daß dieser besondere Vorzüge hat;
seine Schönheit, seine
stattliche Erscheinung und sein Verstand müßten zu seinen Gunsten
sprechen.«
»Ich lasse ihm Gerechtigkeit
widerfahren«, unterbrach die Prinzessin sie.
»Wenn es in der ganzen
Welt einen Prinzen gibt;
der verdient, daß
ich ihn mit günstigem Auge ansehe,
so ist er es.
Noch eben, ich gestehe
es, habe ich ihn, ehe ich ihn fragte, beklagt;
ich seufzte, als ich ihn
erblickte;
und, was mir bis auf diesen
Tag noch niemals begegnet ist,
fast hätte ich gewünscht,
daß er meine Fragen richtig beantwortete;
freilich bin ich im Nu
ob meiner Schwäche errötet;
mein Stolz hat sie überwunden,
und die richtigen Antworten,
die er mir gab, haben mich vollends wider ihn empört;
all der Beifall, den die
Gelehrten, ihm zollten, hat mich so gedemütigt,
daß ich für
ihn nur noch Regungen des Hasses fühlte und noch fühle.
O unselige Turandot! Stirb
auf der Stelle vor Gram und Ärger,
dieweil du einen Jüngling
fandest,
der dich mit Schmach bedecken
und dich zwingen konnte, sein Weib zu werden!«
Mit diesen Worten weinte
sie nur noch heftiger auf,
und im Übermaß
ihres Schmerzes verschonte sie weder ihr Haar noch ihre Kleider;
mehr als einmal legte sie
sogar die Hand an ihre schönen Wangen, um sie zu zerfleischen
und ihre Reize als die
ersten Urheber der Verwirrung, die sie erfahren hatte, zu bestrafen;
doch ihre Sklavinnen, die
ihre Raserei überwachten, retteten ihr Gesicht,
wenn sie auch trotz ihres
Eifers, ihr zu dienen, ihre Aufregung nicht beruhigen konnten.
Während nun sie in
diesem furchtbaren Zustand war,
schwamm der Prinz der Nogaiten,
entzückt von dem Ergebnis der Sitzung, in der Freude
und überließ
sich der Hoffnung, am folgenden Tage seine Geliebte zu besitzen.
Als aber der König
aus dem Ratssaal in sein Gemach zurückgekehrt war,
schickte er zu Kalaf, um
heimlich mit ihm über das zu sprechen, was im Diwan vorgefallen war;
der Prinz der Nogaiten
eilte alsbald auf den Befehl des Monarchen herbei,
der ihn mit vieler Zärtlichkeit
umarmte und zu ihm sprach:
»O mein Sohn, komm
und nimm mir die Sorge, in der ich bin;
ich fürchte, meine
Tochter wird die Frage, die du ihr gestellt hast, beantworten.
Weshalb hast du dich in
Gefahr begeben, den Gegenstand deiner Liebe wieder zu verlieren?«
»O mein, Herr«,
erwiderte Kalaf,
»Deine Hoheit fürchte
nichts;
es ist unmöglich,
daß die Prinzessin mir sage, wie der Prinz heißt,
nach dessen Namen ich sie
gefragt habe,
denn ich selbst bin dieser
Prinz,
und niemand kennt mich,
an deinem Hofe.«
»Diese Worte beruhigen
mich«, rief der König voller Freude;
»ich gestehe dir,
ich war in Angst;
Turandot ist sehr scharfsinnig;
ich zitterte für dich
vor der Gewandtheit ihres Geistes;
aber dank dem Himmel machst
du mich ruhig;
wie leicht sie auch den
Sinn der Rätsel durchschaue,
so kann sie doch deinen
Namen wirklich nicht erraten;
ich klage dich nicht mehr
als einen Tollkühnen an,
und ich erkenne, was ich
für einen Mangel an Klugheit hielt,
das ist ein scharfsinniger
Kunstgriff, um meiner Tochter jeden Vorwand zu nehmen,
mit dessen Hilfe sie sich
deinen Wünschen hätte versagen können.«
Nachdem Altun Khan also
mit Kalaf über die der Prinzessin gestellte Frage gelacht hatte,
rüstete er sich für
die Zerstreuung durch die Jagd;
er bekleidete sich mit
einem engen und leichten Kaftan
und ließ sich den
Bart in einen Beutel aus schwarzem Satin einschließen.
Er befahl den Mandarinen,
sich zum Geleit bereit zu halten,
und ließ auch dem
Prinzen der Nogaiten Jagdkleider reichen;
dann aßen sie in
aller Eile ein paar Bissen und verließen den Palast;
die Mandarine in goldbelegten,
offenen Elfenbeinsänften an der Spitze,
ein jeder getragen von
sechs Trägern und ferner begleitet von vier Leuten,
zweien mit Strickpeitschen
vorn und zweien hinten mit silbernen Tafeln,
darauf in großen
Lettern all seine Titel standen;
der König und Kalaf
aber in einer Sänfte aus rotem Sandelholz,
die wurde getragen von
zwanzig Heereshauptleuten;
sie war offen und zeigte
vorn den Anfangsbuchstaben des Herrschernamens,
und in silbernen Zügen
waren allerlei Tierfiguren daraufgezeichnet;
zwei oberste Heerführer
aus dem Heere Altun Khans zogen neben der Sänfte her,
ein jeder mit einem großen
Fächer, um ihnen die Hitze zu vertreiben;
und hinter der Sänfte
beschlossen den Zug dreitausend Eunuchen zu Fuß.
Als sie so eintrafen an
der Stelle, wo die Jagdmeister den König mit den Jagdvögeln erwarteten,
begann man die Jagd auf
die Wachteln, und die dauerte bis zum Sonnenuntergang.
Dann kehrten der Fürst
und die Leute seines Gefolges in derselben Ordnung wie beim Auszug
in den Palast zurück.
Auf einem Hofe fanden sie
unter allerlei Zelten aus vielfarbigem Taft
eine Fülle von kleinen
Tischchen, die schön gefirnist waren
und bedeckt mit mancherlei
fertig vorgeschnittenen Speisen.
Kalaf und die Mandarine
setzten sich nach dem Beispiel des Königs jeder an einen besonderen
kleinen Tisch,
neben dem ein zweiter mit
den Speisen stand.
Ehe sie die Speisen berührten,
tranken sie alle mehrere Becher Reisweins;
und dann aßen sie
nur noch, ohne zu trinken.
Als die Mahlzeit beendet
war,
führte Altun Khan
den Prinzen der Nogaiten in einen großen, hell erleuchteten Saal,
in dem mehrere Reihen von
Sitzen waren, als sollte man ein Schauspiel sehen,
und ihnen folgten all die
Mandarine.
Der König verteilte
die Reihen
und ließ Kalaf neben
sich auf einem großen Ebenholzthron Platz nehmen,
der mit Goldfiligran verziert
war.
Und sowie sie alle saßen,
trafen Sänger und
Lautenspieler ein, die ihre Instrumente stimmten
und ein herrliches Spiel
begannen, von dem Altun Khan entzückt war.
Da ihn die chinesische
Musik begeisterte,
so fragte er von Zeit zu
Zeit den Sohn Timurtaschs, was er davon halte,
und der junge Prinz stellte
sie aus Gefälligkeit über jegliche Musik der Welt.
Als das Spiel zuende war,
zogen sich die Sänger und Spieler zurück,
um einem künstlichen
Elefanten Platz zu machen,
der auf Federn bis in die
Mitte des Saales sprang und dort sechs Gaukler ausspie,
die gefährliche Sprünge
auszuführen begannen.
Sie waren fast nackt und
trugen nur Schurze,
dazu kurze Hosen aus indischer
Leinwand und Mützen aus Brokat.
Und nachdem sie durch tausend
überraschende Künste
ihre Gewandtheit und Behendigkeit
gezeigt hatten,
sprangen sie in ihren Elefanten
zurück, worauf der verschwand, wie er gekommen war.
Nach ihnen erschienen Komödianten,
die aus dem Stegreif ein
Stück darstellten, dessen Thema der König ihnen angab.
Und als all diese Vergnügungen
zu Ende waren,
erhoben sich Altun Khan
und Kalaf, da die Nacht bereits weit vorgerückt war,
um sich in ihren Gemächern
zur Ruhe zu begeben;
und all die Mandarine zogen
sich zurück.
Der junge Prinz der Nogaiten,
den Eunuchen führten,
die in goldenen Leuchtern
Kerzen aus dem Pete von Schlangen trugen,
rüstete sich, die
Süße des Schlummers zu kosten,
soweit die Ungeduld, wieder
in den Diwan zu treten, es ihm erlaubte,
als er beim Eintritt in
sein Gemach eine junge Dame vorfand,
die gekleidet war in ein
sehr weites Kleid aus silberblumigem, rotem Brokat,
über dem sie ein zweites
engeres trug, das aus weißem Satin war,
ganz bestickt mit Gold
und übersät mit Rubinen und Smaragden.
Auf dem Haupt hatte sie
eine Mütze aus perlenbesticktem, rosenfarbenem Taft,
der mit leichter Silberstickerei
verziert war;
diese Mütze bedeckte
nur ihren Scheitel
und zeigte sehr schöne,
lockige Haare, die mit künstlichen Blumen untermischt waren;
und was ihren Wuchs und
ihr Gesicht anging,
so konnte man nächst
der Prinzessin von China nichts Schöneres noch Vollkommeneres sehen.
Timurtaschs Sohn war nicht
wenig erstaunt,
inmitten der Nacht in seinem
Gemach eine so liebliche Dame ganz allein zu finden.
Er hätte sie auch
nicht ungestraft ansehen dürfen, hätte er Turandot nicht gekannt;
aber konnte, wer diese
Prinzessin liebte, noch für eine andre Augen haben?
Kaum nun bemerkte die Dame
Kalaf,
so erhob sie sich von einem
Lager, auf dem sie saß und auf das sie ihren Schleier gelegt hatte;
und mit einer tiefen Neigung
des Kopfes sprach sie:
»O mein Prinz, ich
zweifle nicht daran,
daß du sehr erstaunt
bist, hier eine Frau zu finden;
denn du weißt ohne
Zweifel, daß es den Männern und Frauen in diesem Palast
bei strengen Strafen verboten
ist, irgendwelchen Verkehr miteinander zu pflegen;
aber die Wichtigkeit der
Dinge, die ich dir zu sagen habe, bewirkt, daß ich alle Gefahren
verachte;
ich war gewandt und glücklich
genug,
jedes Hindernis, das sich
meiner Absicht entgegenstellte, zu übersteigen;
ich habe die Eunuchen gewonnen,
die dir dienen, und mich in dein Gemach geschlichen.
Ich brauche dir nur noch
zu sagen, was mich herführt, und das sollst du hören.«
Dieser Anfang nahm Kalaf
für die Dame ein,
und er zweifelte nicht
mehr,
daß sie ihm Dinge
zu sagen hatte, die seiner Aufmerksamkeit würdig waren,
zumal sie sich zu einem
so gefährlichen Schritt entschlossen hatte.
Er bat sie, sich wieder
auf das Lager zu setzen,
und sie setzten sich nebeneinander,
worauf die Dame mit diesen
Worten anhub:
»O mein Herr, ich
glaube dir zu Anfang sagen zu müssen,
daß ich die Tochter
eines Khans bin, der Altun Khan tributpflichtig, ist.
Mein Vater erkühnte
sich vor mehreren Jahren, den gewohnten Tribut zu verweigern;
und da er sich gar zu sehr
auf seine Erfahrung in der Kriegskunst
wie auch auf den Heldenmut
seiner Krieger verließ,
so rüstete er sich
für den Fall, daß man ihn angreifen würde zur Verteidigung;
der Angriff, blieb denn
auch nicht aus.
Der König von China
schickte, durch, seine Verwegenheit gereizt,
den geschicktesten Heerführer
mit einer gewaltigen Macht wider ihn aus.
Mein Vater zog ihm, obwohl
er weniger stark war, entgegen.
Nach einer blutigen Schlacht,
die am Ufer eines Flusses geschlagen wurde,
blieb der chinesische Heerführer
siegreich.
Mein Vater starb, von tausend
Streichen durchbohrt, im Gefecht;
aber sterbend befahl er
noch,
daß man seine Frauen
und seine Kinder in den Fluß werfen sollte,
um sie vor der Sklaverei
zu retten.
Jene, die er mit diesem,
großherzigen, aber unmenschlichen Befehl betraute, führten ihn
aus;
sie stürzten mich
mit meiner Mutter, meinen
Schwestern und zwei Brüdern,
die ihre große Jugend
noch bei uns zurückhielt,
ins Wasser.
Einen Augenblick darauf
kam der chinesische General an die Stelle des Flusses,
wo man uns hinabgestürzt
hatte
und wo wir unser elendes
Schicksal beschlossen.
Dieses traurige Schauspiel
des Grauens weckte sein Mitleid,
und er versprach denen
unter seinen Kriegern,
die irgendeinen von den
Angehörigen des besiegten Khans retten würden,
eine hohe Belohnung.
Viele chinesische Reiter
sprengten trotz der Schnelle des Stroms alsbald ins Wasser
und trieben ihre Pferde
dorthin, wo sie unsre sterbenden Leiber schwimmen sahen.
Sie rissen ein paar von
uns heraus,
aber nur mir allein nützte
ihre Hilfe;
ich atmete noch, als sie
mich ans Land trugen;
alle andern hatten das
Leben schon aufgegeben.
Der General sorgte sich
so sehr um mich, als wäre ihm das zu seinem Ruhme not
und als gäbe meine
Gefangenschaft seinem Siege neuen Glanz.
Er brachte mich in diese
Stadt und stellte mich dem König vor,
nachdem er ihm über
seinen Zug Bericht erstattet hatte.
Altun Khan gab mich der
Prinzessin, seiner Tochter,
die um zwei oder drei Jahre
jünger ist als ich.
Obgleich ich noch die Kindheit
nicht hinter mir hatte,
ließ mich doch der
Gedanke nicht los, daß ich eine Sklavin geworden war
und daß meine Gesinnungen
meinem Unglück entsprechen müßten;
deshalb erforschte ich
auch Turandots Launen;
ich mühte mich, ihr
zu gefallen,
und es gelang mir durch
meine Gefälligkeit und Pflege so gut,
daß ich mir ihre
Freundschaft gewann.
Seit jener Zeit teile ich
ihr Vertrauen mit einem Mädchen von erlauchter Geburt,
die das Unglück ihres
Hauses ebenfalls in die Sklaverei geführt hatte.
Vergib mir, o mein Herr«,
fuhr sie fort, »diesen Bericht,
der nichts mit dem zu tun
hat, was mich herführt.
Ich glaubte dir sagen zu
müssen, daß ich aus edlem Geblüt bin,
damit du mehr Vertrauen
zu mir faßt;
denn die wichtige Mitteilung,
die ich dir zu machen habe, ist derart,
daß eine einfache
Sklavin vor deinem Geist vielleicht wenig Glauben fände.
Ich weiß sogar nicht
einmal, ob ich, wiewohl ich die Tochter eines Khans bin,
dich zu überzeugen
vermag;
wird ein von Turandot entzückter
Prinz dem Glauben schenken, was ich ihm von ihr sagen will?«
»O meine Prinzessin«,
unterbrach sie an dieser Stelle der Sohn Timurtaschs,
»laß mich nicht
länger im ungewissen;
teile mir, ich bitte dich,
mit, was du mir über die Prinzessin von China zu sagen hast.«
»O mein Herr«,
erwiderte ihm die Dame,
»Turandot, die grausame
Turandot, hat einen Plan entworfen, um dich ermorden zu lassen.«
Bei diesen Worten warf
Kalaf sich
in der Haltung eines Mannes,
den Grauen und Verwunderung packen,
aufs Lager zurück.
Die Sklavenprinzessin aber,
die die Überraschung des jungen Prinzen wohl berechnet hatte,
sprach zu ihm:
»Es nimmt mich, nicht
wunder,
daß du diese furchtbare
Nachricht also anhörst,
und ich sehe wohl, daß
ich recht hatte, wenn ich besorgte, du würdest mir nicht glauben.«
»O Himmel«,
rief Kalaf, als er sich von seiner Bestürzung erholt hatte,
»habe ich recht gehört?
Kann die Prinzessin von
China einer so schwarzen Tat fähig sein?
Wie hat sie auf den Gedanken
kommen können?«
»O mein Prinz«,
sprach die Dame,
»ich will dir sagen,
wie sie zu diesem grauenhaften Entschlusse kam;
als sie heute morgen den
Diwan verließ, wo ich hinter ihrem Thron gestanden hatte,
war sie in tödlichem
Trotz ob dessen, was geschehen war;
sie kehrte, gejagt von
den lebhaftesten Regungen des Hasses und der Wut, in ihr Gemach zurück;
lange grübelte sie
über die Frage nach, die du ihr gestellt hattest,
und da sie keine Antwort
finden konnte, die ihr gefiel,
so überließ
sie sich der Verzweiflung.
Ich habe, wie auch die
andere Favoritin, nichts unterlassen,
um die Gewalt ihrer Leidenschaft
zu heruhigen.
Wir taten sogar unser möglichstes,
um sie dir günstig zu stimmen;
wir rühmten ihr deine
stattliche Erscheinung und deinen Verstand,
und wir hielten ihr vor,
daß sie, statt sich so maßlosem Kummer hinzugehen,
vielmehr den Entschluß
fassen sollte, dir die Hand zu reichen.
Aber sie erlegte uns durch
einen Strom von Schmähungen wider die Männer Schweigen auf;
der liebenswerteste macht
auf sie nicht mehr Eindruck als der häßlichste und am schlechtesten
gewachsene.
>Alle<, rief sie, >sind
sie verächtlich,
und ich werde ihnen stets
nur Abneigung entgegenbringen.
Was den angeht, der sich
jetzt eingestellt hat, so hasse ich ihn noch mehr als alle andern;
und da ich mich nicht anders
als durch einen Mord von ihm befreien kann,
so werde ich ihn ermorden
lassen!<
Ich bekämpfte diesen
abscheulichen Plan«, fuhr die Sklavenprinzessin fort,
»und ich hielt Turandot
die furchtbaren Folgen vor.
Ich machte ihr klar, daß
sie an sich selber unrecht handeln würde
und daß die kommenden
Jahrhunderte ihrer nur mit Abscheu gedenken könnten.
Die andre Favoritin verfehlte
gleichfalls nicht, meine Gründe noch durch die ihren zu verstärken;
aber all unsre Reden waren
nutzlos;
wir konnten sie nicht von
ihrer Absicht abbringen.
Sie hat ein paar getreue
Eunuchen beauftragt,
dir morgen früh, wenn
du deinen Palast verläßt, um in den Diwan zu gehen,
das Leben zu nehmen.«
»O unmenschliche
Prinzessin! Verräterische Turandot«, rief der Prinz der Nogaiten
aus,
»bereitest du dich
so, die Liebe des unseligen Sohnes Timurtaschs zu krönen?
Ist dir Kalaf als so verabscheuenswürdig
erschienen,
daß du dich von ihm
lieber durch ein Verbrechen befreien willst, das dich entehrt,
als dein Los mit dem seinen
zu verbinden?
O mein Gott!
Aus wie wunderlichen Abenteuern
setzt sich mein Leben zusammen!
Bald ist es, als genösse
ich eines beneidenswerten Glücks,
und bald stürze ich
in einen Abgrund der Leiden hinab!«
«O mein Herr«,
sprach die Sklavin,
»wenn der Himmel
dir Unheil sendet, so wünscht er wenigstens nicht, daß du ihm
erliegest,
dieweil er dich vor den
drohenden Gefahren warnt.
Ja, o mein Prinz, zweifelsohne
hat er mir den Gedanken eingegeben, dich zu retten,
denn ich komme nicht nur,
um dich zu retten vor dem Streich, der wider deine Tage geführt wird,
sondern auch, um dir die
Mittel anzugeben, wie du ihn vermeiden kannst.
Durch die Vermittlung einiger
Eunuchen, die mir ergeben sind,
habe ich die Krieger der
Wache gewonnen, die dir den Ausgang aus dem Palast erleichtern werden.
Da man nach deiner Flucht
nicht verfehlen wird, Nachforschungen anzustellen,
so daß man erfährt,
wer sie ermöglicht hat,
bin ich entschlossen, mit
dir zu fliehen, um diesen verhängnisvollen,Hof zu verlassen,
an dem mich mehr als eines
kränkt;
meine Sklaverei flößt
mir Haß wider ihn ein,
und um deinetwillen wird
er mir nur noch verhaßter.
An einer Stelle dieser
Stadt«, fuhr sie fort,
»warten Pferde auf
uns; laß uns aufbrechen
und, wenn es möglich
ist, das Gebiet des Stammes Berlas zu erreichen suchen.
Ich bin mit dem Fürsten
dieses Stammes, dem Khan Alinger, durch Blutsverwandtschaft verbunden;
er wird sich in höchster
Freude freuen,
seine Base von den Ketten
des hochfahrenden Altun Khan befreit zu sehen,
und dich wird er als meinen
Befreier empfangen.
Wir werden beide unter
seinen Zelten ruhiger und glücklicher leben als hier;
Ich erlöst aus den
Banden meiner Gefangenschaft,
so daß ich eines
sanfteren Loses genießen kann,
und du, o mein Herr, du
wirst dort eine Prinzessin finden, schön genug, deine Liebe zu verdienen;
und statt dir nach dem
Leben zu trachten, um nicht dein Weih zu werden,
wird sie nur danach streben,
dir zu gefallen,
wenn sie einen solchen
Prinzen glücklich machen kann.
Laß uns keine Zeit
verlieren! Auf!
Und morgen finde uns die
Sonne, wenn sie ihren Lauf beginnt, schon weit von Peking.«
Versetzte Kalaf: »O
schöne Prinzessin,
ich habe dir tausendfach
Dank zu sagen,
dieweil du mich aus der
Gefahr, in der ich schwebe, retten wolltest.
Weshalb kann ich dich nicht
zum Zeichen der Erkenntlichkeit der Sklaverei entreißen
Und dich zum Zeltlager
deines Vetters, des Khans von Berlas, führen!
Mit welcher Freude würde
ich dich in seine Hände geben!
Dadurch würde ich
ihm danken für alle Güte, die er mir erwies.
Doch sage mir, o meine
Prinzessin, kann ich so aus Altun Khans Augen verschwinden?
Was würde er von mir
denken?
Er würde glauben,
ich sei nur, um dich zu entführen, an seinen Hof gekommen;
und während ich nur
entflöhe, um seiner Tochter ein Verbrechen zu ersparen,
würde er mich anklagen,
weil ich die Gesetze des Gastrechts verletzte;
soll ich es übrigens
dir gestehen?
So grausam die Prinzessin
von China auch ist,
so könnte mein feiges
Herz sie doch nicht hassen.
Was sage ich, sie hassen!
Ich bete sie an;
ich füge mich in ihren
Willen;
und wenn sie mich zu opfern
wünscht, so steht das Opfertier bereit.«
Als nun die Dame den Prinzen
der Nogaiten entschlossen sah,
eher zu sterben als mit
ihr zu entfliehen,
begann sie zu weinen, indem
sie sprach:
»Ist es möglich,
o mein Herr,
daß du der Dankbarkeit
einer gefangenen Prinzessin, deren Ketten du brechen kannst,
den Tod vorziehst?
Wenn Turandot schöner
ist als ich, so habe ich dafür ein andres Herz als sie.
Wehe, als du heute morgen
in den Diwan tratest, bebte ich für dich;
ich fürchtete, du
würdest die Fragen der Tochter Altun Khans nicht beantworten können;
und als du sie richtig
beantwortet hattest, fühlte ich, wie eine andre Sorge sich erhob;
ich ahnte zweifellos schon
da, daß man dir nach dem Leben trachten würde!
O mein teurer Prinz«,
fügte sie hinzu,
»ich beschwöre
dich, komme zu dir selber und laß dich nicht fortreißen von
deiner Kühnheit,
in der du dem Tod ins Auge
schaust, ohne zu erbleichen.
Blinde Liebe treibe dich
nicht, eine Gefahr zu mißachten, die mich entsetzt;
weiche der Angst, die mich
um dich erregt,
und laß ans beide
unverzüglich diesen Palast verlassen, in dem ich grausame Foltern
erdulde.«
»O meine Prinzessin«,
versetzte der Sohn Timurtaschs,
»welches Unheil mich
auch treffen möge,
ich kann mich nicht zu
einer so schnellen Flucht entschließen.
Ich gebe zu, du besitzest
genug,
um deinen Befreier zu belohnen
und ihm ein herrliches Los zu bereiten,
aber ich bin nicht zum
Glück geboren;
es ist mein Schicksal,
daß ich Turandot lieben muß;
trotz ihres Grauens vor
mir würde ich fern von ihr doch nur siech meine Tage hinschleppen.«
»Nun, Undankbarer,
so bleib«, unterbrach ihn die Dame schroff, indem sie aufstand,
»verlasse diesen
Aufenthalt nicht, der dein.Entzücken ausmacht;
und wenn du ihn auch mit
deinem Blut benetzen solltest,
ich dränge dich nicht
mehr zum Aufbruch;
es mißfällt
dir, mit einer Sklavin zu fliehen;
wenn du im Grunde meines
Herzens liest, so lese auch ich in dem deinen;
welche Glut dir die Prinzessin
von China auch einflöße,
du bringst ihr weniger
Liebe entgegen als mir Abneigung!«
Und.init diesen Worten
legte sie ihren Schleier, vor und verließ Kalafs Gemach.
Der junge Prinz blieb nach
ihrem Aufbruch in großer Ratlosigkeit auf dem Lager sitzen.
»Soll ich glauben«,
sprach.er, »was ich vernommen.habe?
Kann man die Grausamkeit
bis dahin treiben?
Aber wehe, ich darf gar
nicht daran zweifeln;
dieser Sklavin graute es
vor der Tat, auf die Turandot sinnt,
sie hat mich gewarnt, und
ebendie Empfindungen, die sie nur verriet,
sind mir eine sichere Gewähr
für ihre Aufrichtigkeit.
O grausame Tochter der
besten aller Könige,
mißbrauchst du so
die Gaben, die du vom Himmel empfangen hast?
O Allah, wie hast du diese
unmenschliche Prinzessin mit so vollkommener Schönheit beschenken
können,
oder weshalb hast du ihr
bei solchen Reizen eine so grausame Seele gegeben?«
Und statt zu versuchen,
ob er sich ein paar Stunden des Schlummers verschaffen könnte,
verbrachte er den Rest
der Nacht in den traurigsten Gedanken.
Endlich erschien der Tag,
und der Klang der Glocken
und Trommeln ließ sich vernehmend.
Gleich darauf kamen wie
am Tage zuvor sechs Mandarine,
um ihn in den Diwan zu
holen.
Er durchschritt den Hof,
wo die Krieger von der Wache des Königs in Reihen standen;
und er glaubte, an dieser
Stelle das Leben lassen zu müssen,
da die Leute, die man gewählt
hatte, um ihn zu ermorden,
ohne Zweifel am Eingang
harrten.
Aber statt auf der Hut
zu sein, und an seine Verteidigung zu denken,
schritt er dahin wie ein
Mann, der zum Tode entschlossen ist,
und er schien seine Mörder
eher ob ihrer Langsamkeit zu verklagen.
Dennoch hatte er bald darauf
den Hof hinter sich, ohne daß irgend jemand ihn angegriffen hätte,
und so betrat er den ersten
Ratssaal.
»Ohne Zweifel soll
hier der Blutbefehl. der Prinzessin, vollstreckt werden«,
sagte er bei sich selber.
Und zugleich sah er sich
nach allen Seiten um,
und jeder, den er erblickte,
erschien ihm als sein Mörder.
Trotzdem kam er auch in
den zweiten Saal, wo der Diwan versammelt war,
ohne den tödlichen
Hieb, den er erwartete, zu empfangen.
Alle Gelehrten und Mandarine
saßen bereits unter ihren Zelten,
und man erwartete Altun
Khan.
»Welches ist denn
die Absicht der Prinzessin?« sprach Kalaf da bei sich selber.
»Will sie Zeugin
meines Todes sein,
und will sie mich vor den
Augen ihres Vaters ermorden lassen?
Wäre der König
an dieser Tat beteiligt?
Was soll ich denken?
Oder hat sie ihren Sinn
geändert und den Befehl widerrufen?«
Während er noch in
solcher Ungewißheit schwebte, tat sich die Tür vom inneren Palast
her auf,
und begleitet von Turandot,
trat der König in den Saal.
Beide setzten sich auf
ihre Throne,
und der Prinz der Nogaiten
blieb vor ihnen stehen
und hielt sich in gleichem
Abstand wie am Tage zuvor.
Sowie nun der Großwesir
den König sitzen sah,
erhob er sich und fragte
den jungen Prinzen,
ob er sich entsänne,
daß er versprochen hätte,
auf die Prinzessin zu verzichten,
wenn sie die Frage, die er ihr gestellt hätte,
richtig beantworten könnte.
Kalaf bejahte und versicherte
von neuem,
daß er unter dieser
Bedingung keinen Anspruch mehr auf die Ehre erhöbe,
der Eidam des Königs
zu werden.
Da richtete der Kolao das
Wort an Turandot und sprach: .
»Und du, o große
Prinzessin, weißt du, was für ein Schwur dich bindet
und worein du dich gefügt
hast,
wenn du heute wieder nicht
den Prinzen nennen kannst,
nach dessen Namen man dich
gefragt hat?«
Der König aber, der
überzeugt war, daß sie auf Kalafs Frage nicht würde antworten
können,
sprach zu ihr:
»O meine Tochter,
du hast Zeit genug gehabt, um über das nachzudenken, was man dich
fragt;
aber wenn man dir auch
ein ganzes Jahr gewährte, um darüber nachzusinnen,
so glaube ich doch,
daß du deinem Scharfsinn
zum Trotz schließlich einzugestehen gezwungen wärest,
daß dir diese Frage
unlösbar bleibt.
Da du also die Antwort
nicht zu erraten vermagst,
so ergib dich gutwillig
der Liebe dieses jungen Prinzen
und erfülle meinen
Wunsch, in ihm deinen Gatten zu erblicken;
er ist es wert, als solcher
mit dir nach meinem Tode über die Völker Chinas zu herrschen.«
»O mein Herr«,
sagte Turandot,
»weshalb meinst du,
daß ich die Frage dieses Prinzen nicht zu beantworten vermag?
Es ist nicht so schwer,
wie du denkst;
wenn ich gestern die Schmach
erlebte, daß ich besiegt wurde,
so denke ich mir heute
die Ehre des Sieges zu erringen,
ich will diesen verwegenen
Jüngling, der eine zu geringe Meinung von meinem Verstand hatte,
zuschanden machen.
Er stelle mir seine Frage,
so will ich sie ihm beantworten.«
»O meine Herrin«,
sprach da der Prinz der Nogaiten,
»ich frage dich:
Welches ist der Name des
Prinzen,
der nach tausendfacher
Mühsal und nachdem er sein Brot erbettelte,
in diesem Augenblick von
Freude und Ruhm übermannt da steht?«
»Dieser Prinz«,
erwiderte Turandot, »heißt Kalaf, und er ist der Sohn Timurtaschs.«
Kaum nun hörte Kalaf
seinen Namen nennen, so wechselte er die Farbe;
seine Augen bedeckten sich
mit dichter Finsternis,
und er stürzte jählings
bewußtlos zu Boden.
Da der König und die
ganze Versammlung daran erkannten,
daß Turandot wirklich
den Namen des Prinzen genannt hatte, den man verlangte,
erblichen sie und saßen
in großer Bestürzung da.
Als aber der Prinz Kalaf
sich mit der Hilfe der Mandarine
und des Königs selber,
der von seinem Thron herabgestiegen war,
aus seiner Ohnmacht erholte,
redete er Turandot also
an:
»O schöne Prinzessin,
du bist im Irrtum, wenn du glaubst, meine Frage richtig beantwortet zu
haben;
der Sohn des Timurtasch
ist nicht von Freude und Ruhm übermannt;
er ist vielmehr mit Schmach
bedeckt, und vom Schmerz bedrückt.«
»Ich gebe zu«,
sprach die Prinzessin,
»daß du in
diesem Augenblick nicht mehr von Freude und Ruhm übermannt bist;
aber du warst es, als du
mir deine Frage stelltest;
und also, mein Prinz, gib
offen zu, statt dich in eitle Spitzfindigkeiten zu flüchten,
daß du deiner Rechte
auf Turandot verlustig gehst.
Ich kann, dir also meine
Hand versagen und dich dem Gram überlassen,
dieweil du sie nicht erlangt
hast.
Aber ich will es dir sagen
und hier öffentlich erklären:
ich habe anderes mit dir
vor:
die Freundschaft, die mein
Vater, der König, zu dir gefaßt hat,
und deine besonderen Vorzüge
bestimmen mich,
dich zum Gatten zu nehmen.«
Bei diesen Worten hallte
der Saal des Diwans von tausend Freudenschreien wider.
Die Mandarine und die Gelehrten
zollten sämtlich den Worten der Prinzessin Beifall;
der König trat zu
ihr, umarmte sie und sprach:
»O meine Tochter,
du konntest keinen Entschluß
fassen, der mir angenehmer wäre;
so wirst du den schlimmen
Eindruck tilgen,
den du auf das Empfinden
meiner Völker gemacht hast,
und du wirst deinem Vater
die Genugtuung geben,
die er seit langem von
dir erwartete,
die aber je zu erlangen
er schon verzweifelte.
Ja, deine Abneigung wider
alle Männer, die der Natur so sehr widersprach,
nahm mir bereits die süße
Hoffnung,
dir Prinzen meines Bluts
entspringen zu sehen.
Zum Glück ist dieser
Haß mit dem heutigen Tage erloschen;
und was all meine Wünsche
krönt,
du tilgst ihn zugunsten
eines junges Helden, der mir teuer ist.
Aber sage uns«, fuhr
er fort,
»wie du den Namen
eines Prinzen erraten konntest,
der dir unbekannt war!
Durch welchen Zauber hast
du ihn entdeckt?«
»O mein Herr«,
erwiderte Turandot,
»ich habe ihn nicht
durch einen Zauber erfahren,
sondern durch ein ganz
natürliches Abenteuer;
eine meiner Sklavinnen
hat heute nacht den Prinzen Kalaf aufgesucht;
und sie war geschickt genug,
ihm sein Geheimnis zu entreißen;
er muß mir vergeben,
daß ich mich dieser Verräterei bediente,
denn ich habe keinen schlechten
Gebrauch von ihr gemacht.«
»O liebliche Turandot«,
rief der Prinz der Nogaiten aus,
»ist es möglich,
daß du mir so günstig gesinnt bist?
Aus welchem furchtbaren
Abgrund ziehst du mich,
um mich zur ersten Stelle
der Welt zu erheben?
Ach, wie ungerecht bin
ich gewesen!
Während du mir ein
so schönes Schicksal bereitetest,
hielt ich dich des schwärzesten
Verrats für fähig.
Getäuscht durch eine
grauenhafte Fabel, die mir den Verstand verwirrte,
habe ich deine Güte
mit schmählichem Argwohn belohnt;
mit welcher Ungeduld sehne
ich mich danach,
meine Ungerechtigkeit zu
deinen Füßen zu sühnen!«
Soeben wollte der verliebte
Sohn Timurtaschs fortfahren,
sich in zärtlichen
und leidenschaftlichen Reden zu ergehen,
als er sich plötzlich
gezwungen sah, zu verstummen,
um einer Sklavin Auge und
Ohr zu leihen,
die bis dahin hinter der
Prinzessin von China gestanden hatte
und nun mitten unter die
Versammlung trat
und jedermann durch ihre
Handlungsweise überraschte;
sie hob ihren Schleier,
und auf der Stelle erkannte
Kalaf in ihr eben jene Sklavin,
die er nachts in seinem
Gemach gesehen hatte;
ihr Gesicht war bleich
wie der Tod,
ihre Augen waren irr,
und sie schien auf eine
furchtbare Tat zu sinnen.
Alle, die anwesend waren,
sahen ihr in höchstem Staunen zu,
und Altun Khan war wie
alle andern gespannt auf das, was sie zu sagen hatte,
als sie sich zu Turandot
wandte und zu ihr sprach:
»O meine Prinzessin,
es ist Zeit, dich aufzuklären;
ich habe den Prinzen Kalaf
nicht aufgesucht, um seinen Namen zu entdecken;
ich habe diesen Schritt
nicht unternommen, um dir zu dienen;
nur für mich habe
ich ihn gewagt;
ich wollte der Sklaverei
entfliehen und dir deinen Liebhaber entführen;
ich hatte alles zur Flucht
mit ihm vorbereitet;
er aber hat meinen Vorschlag
abgewiesen,
oder vielmehr, der Undankbare
hat meine Liebe verschmäht.
Ich habe nichts unterlassen,
ihn dir zu entreißen;
ich habe ihm deinen Stolz
in den schwärzesten Farben gemalt;
ich habe ihm sogar gesagt,
daß du ihn heute wolltest ermorden lassen;
aber vergeblich habe ich
dich dieser Absicht bezichtigt,
ich konnte seine Treue
nicht erschüttern;
er weiß, wie sehr
ich außer mir war, als ich ihn verließ,
und seine Augen waren Zeugen
meines Grimms und meiner Verwirrung.
Voll Eifersucht und Verzweiflung
kehrte ich in dein Gemach zurück;
und durch eine schmähliche
Lüge habe ich mir bei dir
aus einem Schritt, der
sich nur zu meiner Schande wandte,
ein Verdienst, gemacht.
Nicht also, um dich aus
der Verlegenheit zu ziehen,
habe ich dir den Namen
genannt, den du wissen wolltest;
er entschlüpfte dem
Prinzen in einem Schmerzenserguß, den er nicht zurückhalten
konnte;
und ich glaubte, daß
du dich in dauernder Feindschaft wider die Männer freuen würdest,
Kalaf entfernen zu können.
Kurz, ich glaubte auf diese
Weise die verhängnisvolle Verbindung, die euch verknüpfen soll,
verhindern zu können;
da aber meine List fruchtlos
war
und du entschlossen bist,
dich deinem Liebhaber zu vermählen,
so bleibt mir kein andrer
Weg mehr übrig als dieser.«
Zugleich zog sie unter
ihrem Kleide einen Dolch hervor und bohrte ihn sich in die Brust.
Die ganze Versammlung erbebte
ob dieser Tat.
Altan Khan fühlte
sich von Grauen.gepackt,
Kalaf sah seine Freude
verringert,
und Turandot stieg mit
einem lauten Aufschrei von ihrem Thron herab,
um der gefangenen Prinzessin
zu Hilfe zu kommen
und, wenn es möglich
wäre, ihren Tod zu yerhindern;
die zweite Favoritin und
die beiden andern Sklavinnen,
die die Tintenkapsel und
das Papier in Händen hielten,
eilten in gleicher Absicht
herbei,
doch ehe sie sie erreichten,
zog die Unglückliche,
die den Sohn Timurtaschs so liebte,
den Dolch, als hätte
der erste Stoß noch nicht genügt, um ihr das Leben zu nehmen,
aus der Wunde heraus,
und bohrte ihn sich ein
zweites Mal in die Brust,
Sie konnten nichts anderes
mehr, tun, als die Wankende in ihren Armen auffangen,
und die Prinzessin von
China sprach unter Tränen zu ihr:
»Ö Adelmulk,
meine teure Adelmulk,
was hast du getan?
Mußtest du bis zu
diesem Äußersten gehen?
Wes¬halb hast du mir
heute nacht nicht dein Herz erschlos¬sen?
Weshalb hast du mir nicht
gesagt, daß du das Le¬ben verlieren müßtest,
wenn ich mich dem Prinzen
Kalaf vermählte?,
Was hätte ich nicht
für eine Nebenbuhlerin wie dich getan?
Bei diesen Worten schlug
die gefangene Prinzessin die Augen auf,
die schon der Tod zu schließen
begann,
wandte sich matt an Turandot
und sprach:
»Es ist geschehen,
o meine Prinzessin,
ich scheide aus dem Leben
und dem Leiden,
beklage mein Schicksal
nicht, sondern lobe meinen mutigen Entschluß.
Ich befreie mich durch
den Tod von einer doppelten Sklaverei;
ich verlasse die Ketten
Altun Khans und die der Liebe, die noch schwerer sind.
Ich habe schon mit der
Milch die Lehren Xacas 1) eingesogen;
so daß dich meine
Festig¬keit nicht wundernehmen darf.«
Mit diesen Worten schied
sie unter einem tiefen Seufzer aus dem Leben,
1) Nach dieser Lehre hat
man nach dem Tode weder Lohn noch Strafe zu erwarten.
Die Mandarine und Gelehrten
waren tief gerührt von dem jammervollen Ende Adelmulks;
Turandot aber brach von
neuem in Tränen aus,
und da Kalaf sich selbst
als den Anlaß dieses traurigen Ausgangs ansah,
packte ihn tiefer Schmerz,
Und auch der gute König
von China schien sehr bekümmert und sprach:
»O unglückselige
Prinzessin, einziger und kostbarer Rest der Trümmer eines berühmten
Hauses;
was hilft es dir jetzt,
daß man dich der Wut des Wassers entriß?
Wehe, du wärest glücklicher
gewesen,
wenn du dein Schicksal
an dem Tage beschlossen hättest,
der den unseligen Kaikobad,
deinen Vater, den Khan der Katalanen,
und dein ganzes Haus sterben
sah,
Mögest du wenigstens,
nachdem du die neun Höllen durchwandert hast,
bei der ersten Seelenwanderung
als die Tochter eines andern Herrschers wiedergeboren werden!«
Altun Khan begnügte
sich nicht damit,
so das Unglück der
Prinzessin Adelmulk zu beklagen,
sondern ordnete auch ein
prunkvolles Begräbnis an,
Man trug die Leiche in
einen besonderen Palast,
wo sie mit reichen weißen
Gewändern bekleidet wurde;
und ehe man sie in den
Sarg legte,
erwies der König ihr
mit allen Würdenträgern seines Hauses die letzte Ehre
und brachte ihr Wohlgerüche
dar;
dann schloß man sie
ein in einen Sarg aus Aloenholz
und setzte sie auf ejnen
Thron,
der eigens mitten auf einem
großen Hof errichtet worden war;
dort blieb sie eine volle
Woche lang stehen;
und jeden Tag mußten
die Frauen der Mandarine sie,
vom Kopf bis zu den Füßen
in Trauergewänder gehüllt, aufsuchen
und ihr unter den Zeichen
des Schmerzes je vier Verbeugungen machen.
Als dann nach diesen Förmlichkeiten
der Tag gekommen war,
den der oberste Sternkundige
für das Begräbnis bestimmt hatte,
setzte man den Sarg auf
einen Triumphwagen,
der mit Silberplatten und
auf Pappe gemalten Tierfiguren bedeckt war;
und schließlich brachte
man dem Geist, der den Wagen beschützte, ein Opfer dar,
damit das Begräbnis
glücklich vonstatten ginge.
Der Sarg wurde mit duftenden
Wassern besprengt,
und der Zug begann.
Er dauerte drei Tage lang,
so vielfältig waren
die Zeremonien, die es zu erfüllen galt,
und so oft machte man halt,
bevor man in das Gebirge kam,
wo sich die Gräber
der Könige von China befinden;
denn Altun Khan wünschte,
daß die Asche der
Prinzessin Adelmulk mit der Asche der Fürsten seines Hauses vermischt
würde,
und zwar hatte Turandot
den König, ihren Vater,
aus Freundschaft für
ihre Sklavin um diese Ehre gebeten:
Und als der Zug in die
Nähe des Gebirges gelangte,
nahm man den Sarg von dem
Wagen, der ihn dorthin gebracht hatte,
und setzte ihn auf einen
zweiten, noch reicheren;
dann opferte man einen
Stier, den man mit aromatischem Wein besprengte,
und brachte ihn mit andern
Dingen der Erde dar, indem man sie anflehte,
den Leichnam der Prinzessin
gnädig abzunehmen.
Als das Begräbnis
Adelmulks vorüber war,
wechselte der Hof von China
sein Gesicht;
man warf die Trauerkleider
ab,
und den verhängnisvollen
Dingen, mit denen man beschäftigt gewesen war,
folgten die Genüsse.
Altun Khan befahl, zur
Hochzeit Kalafs mit Turandot zu rüsten;
und während man alles
vorbereitete,
schickte er Gesandte zum
Berlasstamm,
um dem Khan der Nogaiten
alles mitzuteilen, was in China vorgefallen war,
und um jhn zu bitten,
daß er mit seinem
Weibe, der Königin; dorthin käme.
Die Hochzeit wurde mit
allem Prunk und in aller Pracht gefeiert,
die sich für den Stand
der Gatten geziemte;
man gab Kalaf nicht, wie
es sonst an jenem Hofe Sitte war, Lehrer,
um ihn in dem zu unterrichten,
was sich für einen Prinzen des Landes geziemte,
und der König erklärte
sogar vor allem Volk,
er befreie seinen Eidam,
um ihm seine besondere Achtung und Freundschaft zu zeigen,
von den vorgeschriebenen
Verbeugungen vor seinem Weibe.
Einen vollen Monat sah
man in Peking nur Schauspiele und Feste,
und überall fanden
große Lustbarkeiten statt.
Der Besitz Turandots konnte
Kalafs Liebe nicht vermindern;
und die Prinzessin, die
die Männer bisher mit so viel Verachtung angesehen hatte,
konnte sich nicht mehr
gegen die Liebe zu einem so vollkommenen Prinzen wehren.
Bald nach der Hochzeit
kehrten die Gesandten, die Altun Khan geschickt hatte,
mit guter Gesellschaft
zurück:
sie brachten nicht nur
Vater und Mutter des Eidams ihres Königs,
sondern auch den Fürsten
Alinger,
der Elmaza und Tjmurtasch,
um sie zu ehren,
mit den vornehmsten Großen
seines Hofes hatte begleiten und nach Peking führen wollen.
Als der junge Prinz der
Nogaiten von ihrem Nahen vernahm,
verfehlte er nicht, ihnen
entgegenzuziehen,
und er traf sie am Tor
des Palastes;
man kann sich vorstellen,
mit welcher Freude er seinen
Vater und seine Mutter wiedersah
und welche Empfindungen
sie bei seinem Anblick erschütterten;
denn mit Worten läßt
es sich nicht schildern.
Sie umarmten sich mehrmals
alle drei,
und die Tränen, die
sie während der Umarmung vergossen,
weckten auch die der Chinesen
und Tataren, die anwesend waren.
Nach diesen Umarmungen
begrüßte Kalaf auch den Khan von Berlas;
er beteuerte ihm, wie sehr
er von seiner Güte gerührt sei
und vor allem davon, daß
er seine Eltern selbst habe bis an den Hof von China geleiten wollen.
Fürst Alinger aber
erwiderte,
da ihm der Stand Timurtaschs
und Ehmazas unbekannt gewesen sei,
so habe er ihnen nicht
all die Ehren erwiesen, die ihnen gebührten;
und um es also wieder gutzumachen,
wenn er ihnen schlechte Behandlung habe angedeihen lassen,
so habe er geglaubt, diesen
Schritt unternehmen zu müssen.
Der Khan der Nogaiten und
sein Weib, die Königin,
dankten dem Herrscher von
Berlas,
und dann traten alle in
den Palast ein,
um Altun Khan aufzusuchen.
Sie fanden den König,
der sie erwartete, im ersten Saal;
er umarmte sie nacheinander
und nahm sie sehr freundlich auf;
dann führte er sie
in sein Gemach,
und nachdem er Timurtasch
versichert hatte, mit welcher Freude er ihn begrüßte
und welchen Anteil er an
seinem Unglück nähme, beteuerte er,
daß er all seine
Kraft aufbieten würde,
um ihn an dem Sultan von
Charesmien zu rächen.
Und diese Worte waren nicht
eitel,
denn noch selbigen Tages
schickte er all den Statthaltern in den Provinzen Befehl,
die Krieger, die in den
Städten ihrer Rechtsprechung ständen,
in Eilmärschen nach
dem See Baldschuta zu schicken,
den man dem furchtbaren
Heer, das aufgestellt wurde, zum Sammelplatz ausersah.
Der Khan von Berlas aber,
der diesen Krieg vorausgesehen hatte
und bei der Wiedereinsetzung
Timurtaschs in seine Reiche mitzuhelfen wünschte,
hatte bereits beim Aufbruch
von seinem Stamm dem obersten Heerführer seiner Truppen befohlen,
sich bereit zu halten und
auf den ersten Befehl ins Feld zu rücken.
Er entbot ihm also, sich
aufs schnellste an den See Baldschuta zu begeben.
Während nun die Hauptleute
und die Krieger,
die das Heer Altun Khans
bilden sollten und die verstreut in den vielen Städten des Reiches
lagen,
auf dem Marsch waren, um
sich alle am gleichen Ort zu treffen,
unterließ der König
nichts, seine neuen Gäste gut zn bewirten;
er ließ einem jeden
einen besonderen Palast anweisen
nebst einer großen
Anzahl von Eunuchen und einer Wache von zweitausend Kriegern.
Jeden Tag gab er ihnen
ein neues Fest
und er verwandte seine
ganze Aufmerksamkeit darauf,
zu erforschen, was ihnen
gefallen mochte,
Kalaf aber vergaß,
obwohl ihn tausend Sorgen umdrängten, auch seine alte Wirtin nicht,
sondern gedachte mit Vergnügen
des Anteils, den sie an seinem Lose genommen hatte;
er ließ sie in den
Palast entbieten
und bat Turandot, sie unter
ihr Gefolge aufzunehmen.
Die Hoffnung, noch einmal
den Thron der nogaitischen Tataren zu besteigen,
ließ Timurtasch und
die Königin Elmaza unmerklich ihr vergangenes Unglück vergessen;
und der schöne Prinz,
dessen Turandot um diese Zeit genas, machte ihre Freude vollkommeri.
Die Geburt dieses Kindes,
das zum Prinzen von China ernannt ward,
wurde in allen Städten
des ungeheuren Reiches mit öffentlichen Lustbarkeiten gefeiert:
Sie dauerten noch an, als
man durch Eilboten der Hauptleute,
die den Befehl hatten,
das Heer zu versammeln, erfuhr,
daß alle Truppen
des Reiches und auch die des Khans von Berlas
am See Baldschuta eingetroffen
waren.
Alsbald brachen Timurtasch,
Kalai und Alinger auf, um sich ins Feld zu begeben,
und sie fanden alles im
Stande, und siebenhunderttausend Mann waren marschbereit;
sie schlugen sogleich den
Weg nach Kotan ein,
von wo sie nach Kaschar
zogen;
und endlich betraten sie
die Reiche des Sultans von Charesrnien.
Als dieser Fürst nun
durch die Boten, die ihm die Statthalter seiner Grenzfesten schickten,
von ihrem Anmarsch und
ihrer Anzahl vernahm,
rüstete er sich, statt
ob so vieler Feinde zu erstaunen, mutig zu ihrem Empfang.
Er war sogar, statt sich
zu verschanzen, verwegen genug,
ihnen an der Spitze der
vierhunderttausend Mann, die er in aller Eile zusammengerafft hatte,
entgegenzuziehen.
Sie trafen dicht bei Koschenda
aufeinander und stellten sich dort in Schlachtordnung auf.
Bei den Chinesen befehligte
Timurtasch den rechten Flügel, Alinger den linken,
und Kalaf blieb in der
Mitte;
auf der feindlichen Seite
vertraute der Sultan die Führung seines rechten Flügels
dem gewandtesten seiner
Heerführer an;
dem Prinzen der Nogaiten
stellte er den Prinzen von Charesmien entgegen,
und sich selber behielt
er den linken Flügel vor,
in dem sich seine besten
Reiter befanden.
Der Khan von Berlas begann
den Kampf mit den Kriegern seines Stammes;
und sie schlugen sich wie
Leute, die die Augen ihres Herrn zu Zeugen ihrer Taten hatten;
sie brachten denn auch
den rechten Flügel der Feinde bald zum Weichen;
aber der Heerführer,
der ihn befehligte, stellte ihn wieder her.
Timurtasch war nicht so
glücklich;
der Sultan warf ihn beim
ersten Zusammenprall zurück,
und die Chinesen waren
in ihrer Verwirrung schon bereit, die Flucht zu ergreifen,
ohne daß der Khan
der Nogaiten sie aufhalten konnte,
als Kalaf vernahm, was
vorging;
er übergab den Befehl
über die Mitte einem alten chinesischen Heerführer
und eilte seinem Vater
mit auserlesenen Truppen zu Hilfe.
In kurzer Zeit zeigten
die Dinge ein anderes Gesicht;
der linke Flügel der
Charesmier wurde zurückgeworfen;
die Reihen wurden durchbrochen
und ohne Mühe zerrissen;
der ganze Flügel ergriff
die Flucht.
Der Sultan, der siegen
oder fallen wollte,
machte unglaubliche Anstrengungen,
um seine Krieger wieder zu sammeln,
aber Timurtasch und Kalaf
ließen ihm keine Zeit dazu
und schlossen ihn auf allen
Seiten ein.
Und da inzwischen Fürst
Alinger auch den rechten Flügel aufgelöst hatte,
so erklärte sich der
Sieg für die Chinesen.
Dem Sultan von Charesmien
blieb nur noch eines übrig,
nämlich, sich durch
seine Feinde eine Gasse zu hauen
und sich zu einem fremden
Fürsten zu flüchten.
Aber da er seine Niederlage
nicht überleben wollte,
um nicht den Völkern
eine ihrer Krone beraubte Stirn zu zeigen,
warf er sich blind dorthin,
wo er ein großes Blutbad anrichten sah;
und nicht eher ließ
er vom Kampfe ab,
als bis er, von tausend
Streichen durchbohrt, leblos zusammenbrach
und unter der Fülle
der Toten liegenblieb.
Sein Sohn, der Prinz von
Charesmien, teilte sein Schicksal;
zweimalhunderttausend ihrer
Leute wurden getötet oder gefangengenommen,
und der Rest suchte sein
Heil in der Flucht;
auch die Chinesen hatten
viele Leute verloren;
aber wenn die Schlacht
auch blutig gewesen war,
so war sie doch wenigstens
entscheidend.
Timurtasch schickte, nachdem
er dem Himmel für diesen glücklichen Erfolg Dank gesagt hatte,
einen Hauptmann nach Peking,
um dem König von China
im einzelnen Bericht zu erstatten;
dann drang er ins Zigantal
ein und bemächtigte sich der Stadt Charesmien.
Er ließ in dieser
Hauptstadt verkünden,
daß er es weder auf
die Reichtümer noch auf die Freiheit der Charesmier abgesehen hätte;
da Gott ihm den Thron seines
Feindes in die Hand gegeben habe,
so denke er, ihn sich zu
erhalten;
hinfort also sollten das
Zigantal und die andern Länder, die dem Sultan gehorchten,
den Prinzen Kalaf, seinen
Sohn, als ihren Herrscher anerkennen.
Die Charesmier, die der
Herrschaft ihres letzten Herrn bereits müde geworden
und überzeugt waren,
daß die Kalafs milder sein würde,
unterwarfen sich gutwillig
und riefen den jungen Prinzen,
dessen Vorzüge sie kannten, zum Sultan aus.
Während nun der neue
Sultan von Charesmien
alle für die Befestigung
seiner Macht notwendigen Maßnahmen traf,
brach Timurtasch mit einem
Teil der chinesischen Truppen auf
und begab sich mit aller
möglichen Eile in seine Staaten.
Die nogaitischen Tataren
empfingen ihn als treue Untertanen,
die entzückt waren,
ihren angestammten Herrscher wiederzusehen;
aber er begnügte sich
nicht damit, seinen Thron zu besteigen,
sondern erklärte auch
den Tscherkessen den Krieg,
um sich für den zu
Dschund an seinem Sohn verübten Verrat zu rächen.
Statt ihn durch Unterwürfigkeit
zu versöhnen,
bildeten diese Völkerschaften
in aller Eile ein Heer, um ihm Widerstand zu leisten;
er schlug sie, hieb sie
fast alle in Stücke
und ließ sich zum
König von Tscherkessien ausrufen.
Darauf kehrte er ins Zigantal
zurück
und traf dort mit der Königin
Elmaza und der Prinzessin Turandot zusammen,
die Altun Khan in großem
Pomp hatte nach Charesmien bringen lassen.
Dies also war das Ende
all der Mißgeschicke des Prinzen Kalaf,
der sich durch seine Tugend
gar bald die Liebe und die Achtung der Chaiesmier erwarb.
Er herrschte lange und
friedlich über sie,
und während er immer
von Turandot bezaubert blieb,
gebar sie ihm noch einen
zweiten Sohn,
der nach ihm Sultan von
Charesmien wurde;
den Prinzen von China aber
ließ Altun Khan auferziehen,
und ihn erwählte er
auch zu seinem Nachfolger.
Timurtasch und sein Weib,
die Königin Elmaza, verlebten den Rest ihrer Tage in Astrachan;
und der Khan von Berlas
zog sich,
nachdem er von ihnen und
ihrem Sohn all die Zeichen des Danks empfangen hatte,
die seine Großmut
verdiente,
mit dem Rest seiner Truppen
zu seinem Stamm zurück.
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