9.
Saki Nameh: Das Schenkenbuch
Dem
Kellner * Dem Schenken * Schenke
spricht
Heute
hast du gut gegessen * Nennen
dich den großen Dichter
Saki
* Sommernacht * Schenke
(schläfrig)
Ja,
in der Schenke hab ich auch gesessen,
Mir
ward wie andern zugemessen;
Sie
schwatzten, schrieen, händelten von heut,
So
froh und traurig, wie's der Tag gebeut,
Ich
aber saß, im Innersten erfreut;
An
meine Liebste dacht ich – wie sie liebt?
Das
weiß ich nicht; was aber mich bedrängt –
Ich
liebe sie, wie es ein Busen gibt,
Der
treu sich einer gab und knechtisch hängt.
Wo
war das Pergament, der Griffel, wo,
Die
alles faßten? Doch so wars! ja, so!
Sitz
ich allein,
Wo
kann ich besser sein?
Meinen
Wein
Trink
ich allein;
Und
niemand setzt mir Schranken;
Ich
hab so meine eignen Gedanken.
So
weit bracht es Muley, der Dieb,
Daß
er trunken schöne Lettern schrieb.
Darnach
frag ich nicht!
Ob
der Koran geschaffen sei?
Das
weiß ich nicht!
Daß
er das Buch der Bücher sei,
Glaub
ich aus Mosleminen-Pflicht.
Daß
aber der Wein von Ewigkeit sei,
Daran
zweifl ich nicht;
Oder
daß er von den Engeln geschaffen sei,
Ist
vielleicht auch kein Gedicht.
Der
Trinkende, wie es auch immer sei,
Blickt
Gott frischer ins Angesicht.
Trunken
müssen wir alle sein!
Jugend
ist Trunkenheit ohne Wein;
Trinkt
sich das Alter wieder zu Jugend,
So
ist es wundervolle Tugend.
Für
Sorgen sorgt das liebe Leben
Und
Sorgenbrecher sind die Reben.
Da
wird nicht mehr nachgefragt,
Wein
ist ernstlich untersagt.
Soll
denn doch getrunken sein,
Trinke
nur vom besten Wein!
Doppelt
wärst du ein Ketzer
In
Verdammnis um den Krätzer.
Solang
man nüchtern ist,
Gefällt
das Schlechte;
Wie
man getrunken hat,
Weiß
man das Rechte;
Nur
ist das Übermaß
Auch
gleich zu Handen,
Hafis,
o lehre mich,
Wie
dus verstanden!
Denn
meine Meinung ist
Nicht
übertrieben:
Wenn
man nicht trinken kann,
Soll
man nicht lieben,
Doch
sollt ihr Trinker euch
Nicht
besser dünken:
Wenn
man nicht lieben kann,
Soll
man nicht trinken.
Suleika
Warum
du nur oft so unhold bist?
Hatem
Du
weißt, daß der Leib ein Kerker ist:
Die
Seele hat man hinein betrogen;
Da
hat sie nicht freie Ellenbogen.
Will
sie sich da- und dorthin retten,
Schnürt
man den Kerker selbst in Ketten;
Da
ist das Liebchen doppelt gefährdet;
Deshalb
sie sich oft so seltsam gebärdet.
Wenn
der Körper ein Kerker ist,
Warum
nur der Kerker so durstig ist?
Seele
befindet sich wohl darinnen
Und
bliebe gern vergnügt bei Sinnen,
Nun
aber soll eine Flasche Wein,
Frisch
eine nach der andern herein.
Seele
wills nicht länger ertragen,
Sie
an der Türe in Stücke schlagen.
Setze
mir nicht, du Grobian,
Mir
den Krug so derb vor die Nase!
Wer
mir Wein bringt, sehe mich freundlich an,
Sonst
trübt sich der Eilfer im Glase.
Du
zierlicher Knabe, du komm herein!
Was
stehst du denn da auf der Schwelle?
Du
sollst mir künftig der Schenke sein;
Jeder
Wein ist schmackhaft und helle.
Du
mit deinen braunen Locken,
Geh
mir weg, verschmitzte Dirne!
Schenk
ich meinem Herrn zu Danke,
Nun,
so küßt er mir die Stirne.
Aber
du, ich wollte wetten,
Bist
mir nicht damit zufrieden,
Deine
Wangen, deine Brüste
Werden
meinen Freund ermüden.
Glaubst
du wohl mich zu betrügen,
Daß
du jetzt verschämt entweichest?
Auf
der Schwelle will ich liegen
Und
erwachen, wenn du schleichest.
Sie
haben wegen der Trunkenheit
Vielfältig
uns verklagt
Und
haben von unsrer Trunkenheit
Lange
nicht genug gesagt.
Gewöhnlich
der Betrunkenheit
Erliegt
man, bis es tagt;
Doch
hat mich meine Betrunkenheit
In
der Nacht umhergejagt.
Es
ist die Liebestrunkenheit,
Die
mich erbärmlich plagt,
Von
Tag zu Nacht, von Nacht zu Tag
In
meinem Herzen zagt,
Dem
Herzen, das in Trunkenheit
Der
Lieder schwillt und ragt,
Daß
keine nüchterne Trunkenheit,
Sich
gleich zu heben wagt.
Daß
keine nüchterne Trunkenheit
Ob's
nachtet oder tagt,
Die
göttlichste Betrunkenheit,
Die
mich entzückt und plagt.
Du
kleiner Schelm, du!
Daß
ich mir bewußt sei,
Darauf
kommt es überall an.
Und
so erfreu ich mich
Auch
deiner Gegenwart,
Du
Allerliebster,
Obgleich
betrunken.
Was
in der Schenke waren heute
Am
frühsten Morgen für Tumulte!
Der
Wirt und Mädchen! Fackeln, Leute!
Was
gab's für Händel, für Insulte!
Die
Flöte klang, die Trommel scholl!
Es
war ein wüstes Wesen –
Doch
bin ich, lust- und liebevoll,
Auch
selbst dabei gewesen.
Daß
ich von Sitte nichts gelernt,
Darüber
tadelt mich ein jeder;
Doch
bleib ich weislich weit entfernt
Vom
Streit der Schulen und Katheder.
Schenke
Welch
ein Zustand! Herr, so späte
Schleichst
du heut aus deiner Kammer;
Perser
nennens Bidamag buden,
Deutsche
sagen Katzenjammer.
Dichter
Laß
mich jetzt, geliebter Knabe!
Mir
will nicht die Welt gefallen,
Nicht
der Schein, der Duft der Rose,
Nicht
der Sang der Nachtigallen.
Schenke
Eben
das will ich behandeln,
Und
ich denk, es soll mir klecken,
Hier,
genieß die frischen Mandeln,
Und
der Wein wird wieder schmecken.
Dann
will ich auf der Terrasse
Dich
mit frischen Lüften tränken;
Wie
ich dich ins Auge fasse,
Gibst
du einen Kuß dem Schenken.
Schau,
die Welt ist keine Höhle,
Immer
reich an Brut und Nestern;
Rosenduft
und Rosenöle!
Bulbul
auch, sie singt wie gestern.
Jene
garstige Vettel,
Die
buhlerische,
Welt
heißt man sie,
Mich
hat sie betrogen,
Wie
die übrigen alle.
Glaube
nahm sie mir weg,
Dann
die Hoffnung!
Nun
wollte sie
An
die Liebe;
Da
riß ich aus.
Den
geretteten Schatz
Für
ewig zu sichern,
Teilt
ich ihn weislich
Zwischen
Suleika und Saki.
Jedes
der beiden
Beeifert
sich um die Wette,
Höhere
Zinsen zu entrichten.
Und
ich bin reicher als je,
Den
Glauben hab ich wieder!
An
ihre Liebe den Glauben!
Er,
im Becher, gewährt mir
Herrliches
Gefühl der Gegenwart.
Was
will da die Hoffnung!
Heute
hast du gut gegessen,
Doch
du hast noch mehr getrunken;
Was
du bei dem Mahl vergessen,
Ist
in diesen Napf gesunken.
Sieh,
das nennen wir ein Schwänchen,
Wie's
dem satten Gast gelüstet;
Dieses
bring ich meinem Schwane,
Der
sich auf den Wellen brüstet.
Doch
vom Singschwan will man wissen,
Daß
er sich zu Grabe läutet;
Laß
mich jedes Lied vermissen,
Wenn
es auf dein Ende deutet!
Nennen
dich den großen Dichter,
Wenn
dich auf dem Markte zeigest;
Gerne
hör ich, wenn du singest,
Und
ich horche, wenn du schweigest.
Doch
ich liebe dich noch lieber,
Wenn
du küssest zum Erinnern;
Denn
die Worte gehn vorüber,
Und
der Kuß, der bleibt im Innern.
Reim
auf Reim will was bedeuten.
Besser
ist es, viel zu denken.
Singe
du den andern Leuten
Und
verstumme mit dem Schenken!
Dichter
Schenke,
komm! Noch einen Becher!
Schenke
Herr,
du hast genug getrunken;
Nennen
dich den wilden Zecher!
Dichter
Sahst
du je, daß ich gesunken?
Schenke
Mahomet
verbietets.
Dichter
Liebchen!
Hört
es niemand, will dirs sagen.
Schenke
Wenn
du einmal gerne redest,
Brauch
ich gar nicht viel zu fragen.
Dichter
Horch!
Wir andern Musulmanen,
Nüchtern
sollen wir gebückt sein,
Er,
in seinem heilgen Eifer,
Möchte
gern allein verrückt sein!
Denk,
o Herr, wenn du getrunken,
Sprüht
um dich des Feuers Glast!
Prasselnd
blitzen tausend Funken,
Und
du weißt nicht, wo es faßt.
Mönche
seh ich in den Ecken,
Wenn
du auf die Tafel schlägst,
Die
sich gleisnerisch verstecken,
Wenn
dein Herz du offen trägst.
Sag
mir nur, warum die Jugend,
Noch
von keinem Fehler frei,
So
ermangelnd jeder Tugend,
Klüger
als das Alter sei.
Alles
weißt du, was der Himmel,
Alles,
was die Erde trägt,
Und
verbirgst nicht das Gewimmel,
Wie
sichs dir im Busen regt.
Hatem
Eben
drum, geliebter Knabe,
Bleibe
jung und bleibe klug!
Dichten
zwar ist Himmelsgabe,
Doch
im Erdenleben Trug.
Erst
sich im Geheimnis wiegen,
Dann
verplaudern früh und spat!
Dichter
ist umsonst verschwiegen,
Dichten
selbst ist schon Verrat.
Dichter
Niedergangen
ist die Sonne,
Doch
im Westen glänzt es immer;
Wissen
möcht ich wohl, wie lange
Dauert
noch der goldne Schimmer?
Schenke
Willst
du, Herr, so will ich bleiben,
Warten
außer diesen Zelten;
Ist
die Nacht des Schimmers Herrin,
Komm
ich gleich, es dir zu melden.
Denn
ich weiß, du liebst, das Droben,
Das
Unendliche zu schauen,
Wenn
sie sich einander loben,
Jene
Feuer in dem Blauen.
Und
das hellste will nur sagen:
»Jetzo
glänz ich meiner Stelle;
Wollte
Gott euch mehr betagen,
Glänztet
ihr wie ich so helle.«
Denn
vor Gott ist alles herrlich
Eben,
weil er ist der Beste;
Und
so schläft nun aller Vogel
In
dem groß und kleinen Neste.
Einer
sitzt auch wohl gestängelt
Auf
den Ästen der Zypresse,
Wo
der laue Wind ihn gängelt,
Bis
zu Taues luftger Nässe.
Solches
hast du mich gelehret,
Oder
etwas auch dergleichen;
Was
ich je dir abgehöret,
Wird
dem Herzen nicht entweichen.
Eule
will ich deinetwegen
Kauzen
hier auf der Terrasse,
Bis
ich erst des Nordgestirnes
Zwillings-Wendung
wohl erpasse.
Und
da wird es Mitternacht sein,
Wo
du oft zu früh ermunterst,
Und
dann wird es eine Pracht sein,
Wenn
das All mit mir bewunderst.
Dichter
Zwar
in diesem Duft und Garten
Tönet
Bulbul ganze Nächte,
Doch
du könntest lange warten,
Bis
die Nacht so viel vermöchte.
Denn
in dieser Zeit der Flora,
Wie
das Griechenvolk sie nennet,
Die
Strohwitwe, die Aurora,
Ist
in Hesperus entbrennet.
Sieh
dich um, sie kommt! wie schnelle!
Über
Blumenfelds Gelänge! –
Hüben
hell und drüben helle,
Ja,
die Nacht kommt ins Gedränge.
Und
auf roten, leichten Sohlen
Ihn,
der mit der Sonn entlaufen,
Eilt
sie irrig einzuholen;
Fühlst
du nicht ein Liebe-Schnaufen?
Geh
nur, lieblichster der Söhne,
Tief
ins Innre, schließ die Türen!
Denn
sie möchte deine Schöne
Als
den Hesperus entführen.
So
hab ich endlich von dir erharrt
In
allen Elementen Gottes Gegenwart,
Wie
du mir das so lieblich gibst!
Am
lieblichsten aber, daß du liebst.
Hatem
Der
schläft recht süß und hat ein Recht, zu schlafen,
Du
guter Knabe, hast mir eingeschenkt,
Vom
Freund und Lehrer, ohne Zwang und Strafen,
So
jung vernommen, wie der Alte denkt.
Nun
aber kommt Gesundheit holder Fülle
Dir
in die Glieder, daß du dich erneust.
Ich
trinke noch, bin aber stille, stille,
Damit
du mich, erwachend nicht, erfreust.
10.
Mathal Nameh:
Buch der Parabeln
Wunderglaube
* Die
Perle, die der Muschel entrann
Vom
Himmel steigend Jesus bracht * Es
ist gut
Vom
Himmel sank in wilder Meere Schauer
Ein
Tropfe bangend, gräßlich schlug die Flut;
Doch
lohnte Gott bescheidnen Glaubensmut
Und
gab dem Tropfen Kraft und Dauer.
Ihn
schloß die stille Muschel ein.
Und
nun, zu ewgem Ruhm und Lohne,
Die
Perle glänzt an unsers Kaisers Krone
Mit
holdem Blick und mildem Schein.
Bulbuls
Nachtlied durch die Schauer
Drang
zu Allahs lichtem Throne,
Und
dem Wohlgesang zu Lohne
Sperrt
er sie in goldnen Bauer.
Dieser
sind des Menschen Glieder.
Zwar
sie fühlet sich beschränket,
Doch
wenn sie es recht bedenket,
Singt
das Seelchen immer wieder.
Zerbrach
einmal eine schöne Schal
Und
wollte schier verzweifeln;
Unart
und Übereil zumal
Wünscht
ich zu allen Teufeln.
Erst
rast ich aus, dann weint ich weich
Beim
traurigen Scherbelesen.
Das
jammerte Gott, er schuf es gleich
So
ganz, als wie es gewesen.
Die
Perle, die der Muschel entrann,
Die
schönste, hochgeboren,
Zum
Juwelier, dem guten Mann,
Sprach
sie: »Ich bin verloren!
Durchbohrst
du mich, mein schönes All,
Es
ist sogleich zerrüttet;
Mit
Schwestern muß ich, Fall für Fall,
Zu
schlechten sein geküttet.«
»Ich
denke jetzt nur an Gewinn;
Du
mußt es mir verzeihen;
Denn
wenn ich hier nicht grausam bin,
Wie
soll die Schnur sich reihen?«
Ich
sah mit Staunen und Vergnügen
Eine
Pfauenfeder im Koran liegen,
»Willkommen
an dem heilgen Platz,
Der
Erdgebilde höchster Schatz!
An
dir, wie an des Himmels Sternen
Ist
Gottes Größe im kleinen zu lernen
Daß
er, der Welten überblickt,
Sein
Auge hier hat aufgedrückt,
Und
so den leichten Flaum geschmückt,
Daß
Könige kaum unternahmen,
Die
Pracht des Vogels nachzuahmen.
Bescheiden
freue dich des Ruhms!
So
bist du wert des Heiligtums.«
Ein
Kaiser hatte zwei Kassiere,
Einen
zum Nehmen, einen zum Spenden;
Diesem
fiels nur so aus den Händen,
Jener
wußte nicht, woher zu nehmen.
Der
Spender starb. Der Herrscher wußte nicht gleich,
Wem
das Geberamt sei anzuvertrauen,
Und
wie man kaum tät um sich schauen,
So
war der Nehmer unendlich reich;
Man
wußte kaum vor Gold zu leben,
Weil
man einen Tag nichts ausgegeben.
Da
ward nun erst dem Kaiser klar,
Was
schuld an allem Unheil war.
Den
Zufall wußt er wohl zu schätzen,
Nie
wieder die Stelle zu besetzen.
Zum
Kessel sprach der neue Topf:
»Was
hast du einen schwarzen Bauch!«
»Das
ist bei uns nun Küchenbrauch!«
Herbei,
herbei, du glatter Tropf,
Bald
wird dein Stolz sich mindern.
Behält
der Henkel ein klar Gesicht,
Darob
erhebe du dich nicht,
Besieh
nur deinen Hintern.«
Alle
Menschen, groß und klein,
Spinnen
sich ein Gewebe fein,
Wo
sie mit ihrer Scheren Spitzen
Gar
zierlich in der Mitte sitzen.
Wenn
nun darein ein Besen fährt,
Sagen
sie, es sei unerhört,
Man
habe den größten Palast zerstört.
Vom
Himmel steigend Jesus bracht
Des
Evangeliums ewige Schrift,
Den
Jüngern las er sie Tag und Nacht,
Ein
göttlich Wort, es wirkt und trifft.
Er
stieg zurück, nahms wieder mit;
Sie
aber hattens gut gefühlt,
Und
jeder schrieb, so Schritt für Schritt,
Wie
ers in seinem Sinn behielt,
Verschieden.
Es hat nichts zu bedeuten:
Sie
hatten nicht gleiche Fähigkeiten;
Doch
damit können sich die Christen
Bis
zu dem Jüngsten Tage fristen.
Bei
Mondenschein im Paradeis
Fand
Jehovah im Schlafe tief
Adam
versunken, legte leis
Zur
Seit ein Evchen, das auch entschlief.
Da
lagen nun in Erdeschranken
Gottes
zwei lieblichste Gedanken –
»Gut!!!«
rief er sich zum Meisterlohn,
Er
ging sogar nicht gern davon.
Kein
Wunder, daß es uns berückt,
Wenn
Auge frisch in Auge blickt,
Als
hätten wirs so weit gebracht,
Bei
dem zu sein, der uns gedacht.
Und
ruft er uns, wohlan, es sei!
Nur,
das beding ich, alle zwei!
Dich
halten dieser Arme Schranken,
Liebster
von allen Gottesgedanken.
11.
Parsi Nameh: Buch
des Parsen
Vermächtnis
altpersischen Glaubens
Welch
Vermächtnis, Brüder, sollt euch kommen
Von
dem Scheidenden, dem armen Frommen,
Den
ihr Jüngeren geduldig nährtet,
Seine
letzten Tage pflegend ehrtet?
Wenn
wir oft gesehn den König reiten,
Gold
an ihm und Gold an allen Seiten,
Edelstein
auf ihn und seine Großen
Ausgesät
wie dichte Hagelschlossen:
Habt
ihr jemals ihn darum beneidet?
Und
nicht herrlicher den Blick geweidet,
Wenn
die Sonne sich auf Morgenflügeln
Darnawends
unzählgen Gipfelhügeln
Bogenhaft
hervorhob? Wer enthielte
Sich
des Blicks dahin? Ich fühlte, fühlte
Tausendmal
in soviel Lebenstagen
Mich
mit ihr, der kommenden, getragen,
Gott
auf seinem Throne zu erkennen,
Ihn
den Herrn des Lebensquells zu nennen,
Jenes
hohen Anblicks wert zu handeln
Und
in seinem Lichte fortzuwandeln.
Aber
stieg der Feuerkreis vollendet,
Stand
ich als in Finsternis geblendet,
Schlug
den Busen, die erfrischten Glieder
Warf
ich, Stirn voran, zur Erde nieder.
Und
nun sei ein heiliges Vermächtnis
Brüderlichem
Wollen und Gedächtnis:
Schwerer
Dienste tägliche Bewahrung,
Sonst
bedarf es keiner Offenbarung.
Regt
ein Neugeborner fromme Hände,
Daß
man ihn sogleich zur Sonne wende,
Tauche
Leib und Geist im Feuerbade!
Fühlen
wird er jeden Morgens Gnade.
Dem
Lebendgen übergebt die Toten,
Selbst
die Tiere deckt mit Schutt und Boden,
Und,
so weit sich eure Kraft erstrecket,
Was
euch unrein dünkt, es sei bedecket!
Grabet
euer Feld ins zierlich Reine,
Daß
die Sonne gern den Fleiß bescheine;
Wenn
ihr Bäume pflanzt, so seis in Reihen
Denn
sie läßt Geordnetes gedeihen.
Auch
dem Wasser darf es in Kanälen
Nie
am Laufe, nie an Reine fehlen;
Wie
euch Senderud aus Bergrevieren
Rein
entspringt, soll er sich rein verlieren.
Sanften
Fall des Wassers nicht zu schwächen,
Sorgt,
die Gräben fleißig auszustechen;
Rohr
und Binse, Molch und Salamander,
Ungeschöpfe,
tilgt sie miteinander!
Habt
ihr Erd und Wasser so im Reinen,
Wird
die Sonne gern durch Lüfte scheinen,
Wo
sie, ihrer würdig aufgenommen,
Leben
wirkt, dem Leben Heil und Frommen.
Ihr,
von Müh zu Mühe so gepeinigt,
Seid
getrost! nun ist das All gereinigt,
Und
nun darf der Mensch als Priester wagen,
Gottes
Gleichnis aus dem Stein zu schlagen.
Wo
die Flamme brennt, erkennet freudig:
Hell
ist Nacht, und Glieder sind geschmeidig,
An
des Herdes raschen Feuerkräften
Reift
das Rohe Tier- und Pflanzensäften.
Schleppt
ihr Holz herbei, so tuts mit Wonne!
Denn
ihr tragt den Samen irdscher Sonne,
Pflückt
ihr Pambeh, mögt ihr traulich sagen:
»Diese
wird als Docht das Heilge tragen.«
Werdet
ihr in jeder Lampe Brennen
Fromm
den Abglanz höhern Lichts erkennen,
Soll
euch nie ein Mißgeschick verwehren
Gottes
Thron am Morgen zu verehren.
Da
ist unsers Daseins Kaisersiegel,
Uns
und Engeln reiner Gottesspiegel,
Und
was nur am Lob des Höchsten stammelt
Ist
in Kreis um Kreise dort versammelt.
Will
dem Ufer Senderuds entsagen,
Auf
zum Darnawend die Flügel schlagen,
Wie
sie tagt, ihr freudig zu begegnen
Und
von dorther ewig euch zu segnen.
Wenn
der Mensch die Erde schätzet,
Weil
die Sonne sie bescheinet,
An
der Rebe sich ergötzet,
Die
dem scharfen Messer weinet,
Da
sie fühlt, daß ihre Säfte,
Wohlgekocht,
die Welt erquickend,
Werden
regsam vielen Kräften,
Aber
mehreren erstickend –
Weiß
er das der Glut zu danken,
Die
das alles läßt gedeihen,
Wird
Betrunkner stammelnd wanken,
Mäßger
wird sich singend freuen.
12.
Chuld Nameh: Buch
des Paradieses
Vorschmack
* Berechtigte Männer
* Auserwählte
Frauen * Begünstigte Tiere
Einlaß
* Anklang * Höheres
und Höchstes * Siebenschläfer *
Gute Nacht!
Der
echte Moslem spricht vom Paradiese,
Als
wenn er selbst allda gewesen wäre;
Er
glaubt dem Koran, wie es der verhieße:
Hierauf
begründet sich die reine Lehre.
Doch
der Prophet, Verfasser jenes Buches,
Weiß
unsre Mängel droben auszuwittern,
Und
sieht, daß trotz dem Donner seines Fluches
Die
Zweifel oft den Glauben uns verbittern.
Deshalb
entsendet er den ewgen Räumen
Ein
Jugendmuster, alles zu verjüngen;
Sie
schwebt heran und fesselt ohne Säumen
Um
meinen Hals die allerliebsten Schlingen.
Auf
meinem Schoß, an meinem Herzen halt ich
Das
Himmelswesen, mag nichts weiter wissen,
Und
glaube nun ans Paradies gewaltig;
Denn
ewig möcht ich sie so treulich küssen.
Berechtigte
Männer
(Nach
der Schlacht von Bedr, unterm Sternenhimmel)
Mahomet
spricht:
Seine
Toten mag der Feind betrauern:
Denn
sie liegen ohne Wiederkehren;
Unsre
Brüder sollt ihr nicht bedauern:
Denn
sie wandeln über jenen Sphären.
Die
Planeten haben alle sieben
Die
metallnen Tore weit getan,
Und
schon klopfen die verklärten Lieben
Paradieses
Pforten kühnlich an.
Finden,
ungehofft und überglücklich,
Herrlichkeiten,
die mein Flug berührt,
Als
das Wunderpferd mich augenblicklich
Durch
die Himmel alle durchgeführt.
Weisheitsbaum
an Baum, zypresseragend,
Heben
Äpfel goldner Zierd empor;
Lebensbäume,
breite Schatten schlagend,
Decken
Blumensitz und Kräuterflor.
Und
nun bringt ein süßer Wind von Osten
Hergeführt
die Himmels-Mädchen-Schar;
Mit
den Augen fängst du an zu kosten,
Schon
der Anblick sättigt ganz und gar.
Forschend
stehn sie, was du unternahmst?
Große
Plane? fährlich blutgen Strauß?
Daß
du Held seist, sehn sie, weil du kamest;
Welch
ein Held du seist, sie forschens aus.
Und
sie sehn es bald an deiner Wunden,
Die
sich selbst ein Ehrendenkmal schreibt.
Glück
und Hoheit, alles ist verschwunden,
Nur
die Wunde für den Glauben bleibt.
Führen
zu Kiosken dich und Lauben,
Säulenreich
von buntem Lichtgestein,
Und
zu edlem Saft verklärter Trauben
Laden
sie mit Nippen freundlich ein.
Jüngling,
mehr als Jüngling, bist willkommen!
Alle
sind wie alle licht und klar;
Hast
du eine dir ans Herz genommen,
Herrin,
Freundin ist sie deiner Schar.
Doch
die allertrefflichste gefällt sich
Keineswegs
in solchen Herrlichkeiten;
Heiter,
neidlos, redlich unterhält dich
Von
den mannigfaltgen Trefflichkeiten.
Eine
führt dich zu der andern Schmause,
Den
sich jede äußerst ausersinnt;
Viele
Frauen hast und Ruh im Hause,
Wert,
daß man darob das Paradies gewinnt,
Und
so schicke dich in diesen Frieden:
Denn
du kannst ihn weiter nicht vertauschen;
Solche
Mädchen werden nicht ermüden,
Solche
Weine werden nicht berauschen.
Und
so war das Wenige zu melden,
Wie
der selge Musulman sich brüstet:
Paradies
der Männer Glaubenshelden
Ist
hiemit vollkommen ausgerüstet.
Frauen
sollen nichts verlieren,
Reiner
Treue ziemt zu hoffen;
Doch
wir wissen nur von vieren,
Die
alldort schon eingetroffen.
Erst
Suleika, Erdensonne,
Gegen
Jussuf ganz Begierde;
Nun,
des Paradieses Wonne,
Glänzt
sie, der Entsagung Zierde.
Dann
die Allgebenedeite,
Die
den Heiden Heil geboren
Und
getäuscht, in bittrem Leide
Sah
den Sohn am Kreuz verloren.
Mahoms
Gattin auch, sie baute
Wohlfahrt
ihm und Herrlichkeiten,
Und
empfahl bei Lebenszeiten
Einen
Gott und eine Traute.
Kommt
Fatima dann, die Holde,
Tochter,
Gattin sonder Fehle,
Englisch
allerreinste Seele
In
dem Leib von Honiggolde.
Diese
finden wir alldorten;
Und
wer Frauenlob gepriesen,
Der
verdient an ewgen Orten
Lustzuwandeln
wohl mit diesen.
Vier
Tieren auch verheißen war,
Ins
Paradies zu kommen;
Dort
leben sie das ewge Jahr
Mit
Heiligen und Frommen
Den
Vortritt hier ein Esel hat,
Er
kommt mit muntren Schritten:
Denn
Jesus zur Prophetenstadt
Auf
ihm ist eingeritten.
Halb
schüchtern kommt der Wolf sodann,
Dem
Mahomet befohlen:
Laß
dieses Schaf dem armen Mann,
Dem
Reichen magst dus holen!
Nun,
immer wedelnd, muter, brav,
Mit
seinem Herrn, dem braven,
Das
Hündlein, das den Siebenschlaf
So
treulich mitgeschlafen.
Abuherris
Katze hier
Knurrt
um den Herrn und schmeichelt:
Denn
immer ists ein heilig Tier,
Das
der Prophet gestreichelt.
Huri
Heute
steh ich meine Wache
Vor
des Paradieses Thor;
Weiß
nicht grade, wie ichs mache;
Kommst
mir so verdächtig vor!
Ob
du unsern Mosleminen
Auch
recht eigentlich verwandt?
Ob
dein Kämpfen, dein Verdienen
Dich
ans Paradies gesandt?
Zählst
du dich zu jenen Helden?
Zeige
deine Wunden an,
Die
mir Rühmliches vermelden,
Und
ich führe dich heran.
Dichter
Nicht
so vieles Federlesen!
Laß
mich immer nur herein:
Denn
ich bin ein Mensch gewesen
Und
das heißt ein Kämpfer sein.
Schärfe
deine kräftgen Blicke!
Hier
durchschaue diese Brust,
Sieh
der Lebenswunden Tücke,
Sieh
der Liebeswunden Lust!
Und
doch sang ich gläubger Weise,
Daß
mir die Geliebte treu,
Daß
die Welt, wie sie auch kreise,
Liebevoll
und dankbar sei.
Mit
den Trefflichsten zusammen
Wirkt
ich, bis ich mir erlangt,
Daß
mein Nam in Liebesflammen
Von
den schönsten Herzen prangt.
Nein!
du wählst nicht den Geringern!
Gib
die Hand, daß Tag für Tag
Ich
an deinen zarten Fingern
Ewigkeiten
zählen mag.
Huri
Draußen
am Orte,
Wo
ich dich zuerst sprach,
Wacht
ich oft an der Pforte,
Dem
Gebote nach.
Da
hört ich ein wunderlich Gesäusel,
Ein
Ton- und Silbengekräusel;
Das
wollte herein,
Niemand
aber ließ sich sehen,
Da
verklang es klein zu klein;
Es
klang aber fast wie deine Lieder,
Das
erinnr ich mich wieder.
Dichter
Ewig
Geliebte! wie zart
Erinnerst
du dich deines Trauten!
Was
auch in irdischer Luft und Art
Für
Töne lauten,
Die
wollen alle herauf;
Viele
verklingen da unten zu Hauf;
Andere
mit Geistes Flug und Lauf,
Wie
das Flügel-Pferd des Propheten,
Steigen
empor und flöten
Draußen
an dem Tor.
Kommt
deinen Gespielen so etwas vor,
So
sollen sies freundlich vermerken,
Das
Echo lieblich verstärken,
Daß
es wieder hinunter halle,
Und
sollen Acht haben,
Daß
in jedem Falle,
Wenn
er kommt, seine Gaben
Jedem
zugute kommen:
Das
wird beiden Welten frommen.
Sie
mögens ihm freundlich lohnen,
Auf
liebliche Weise fügsam;
Sie
lassen ihn mit sich wohnen:
Alle
Guten sind genügsam.
Du
aber bist mir beschieden,
Dich
laß ich nicht aus dem ewigen Frieden;
Auf
die Wache sollst du nicht ziehn.
Schick
eine ledige Schwester dahin!
Dichter
Deine
Liebe, dein Kuß mich entzückt!
Geheimnisse
mag ich nicht erfragen;
Doch
sag mir, ob du an irdischen Tagen
Jemals
teilgenommen!
Mir
ist oft so vorgekommen.
Ich
wollt es beschwören, ich wollt es beweisen:
Du
hast einmal Suleika geheißen.
Huri
Wir
sind aus den Elementen geschaffen,
Aus
Wasser, Feuer, Erd und Luft,
Unmittelbar,
und irdischer Duft
Ist
unserm Wesen ganz zuwider.
Wir
steigen nie zu euch hernieder;
Doch
wenn ihr kommt, bei uns zu ruhn,
Da
haben wir genug zu tun.
Denn,
siehst du, wie die Gläubigen kamen,
Von
dem Propheten so wohl empfohlen,
Besitz
vom Paradiese nahmen,
Da
waren wir, wie er befohlen,
So
liebenswürdig, so charmant,
Wie
uns die Engel selbst nicht gekannt.
Allein
der erste, zweite, dritte,
Die
hatten vorher eine Favorite;
Gegen
uns warens garstige Dinger,
Sie
aber hielten uns doch geringer.
Wir
waren reizend, geistig, munter,
Die
Moslems wollten wieder hinunter.
Nun
war uns himmlisch Hochgebornen
Ein
solch Betragen ganz zuwider;
Wir
aufgewiegelten Verschwornen
Besannen
uns schon hin und wieder,
Als
der Prophet durch alle Himmel fuhr,
Da
paßten wir auf seine Spur.
Rückkehrend
hatt er sichs nicht versehn,
Das
Flügel-Pferd, es mußte stehn.
Da
hatten wir ihn in der Mitte! –
Freundlich
ernst, nach Propheten-Sitte,
Wurden
wir kürzlich von ihm beschieden;
Wir
aber waren sehr unzufrieden.
Denn
seine Zwecke zu erreichen,
Sollten
wir eben alles lenken;
So
wie ihr dächtet, sollten wir denken,
Wir
sollten euren Liebchen gleichen.
Unsre
Eigenliebe ging verloren,
Die
Mädchen krauten hinter den Ohren.
Doch,
dachten wir, im ewigen Leben
Muß
man sich eben in alles ergeben.
Nun
sieht ein jeder, was er sah,
Und
ihm geschieht, was ihm geschah.
Wir
sind die Blonden, wir sind die Braunen,
Wir
haben Grillen und haben Launen,
Ja,
wohl auch manchmal eine Flause,
Ein
jeder denkt, er sei zu Hause.
Und
wir darüber sind frisch und froh,
Daß
sie meinen, es wäre so.
Du
aber bist von freiem Humor,
Ich
komme dir paradiesisch vor;
Du
gibst dem Blick, dem Kuß die Ehre,
Und
wenn ich auch nicht Suleika wäre.
Doch
da sie gar zu lieblich war,
So
glich sie mir wohl auf ein Haar.
Dichter
Du
blendest mich mit Himmelsklarheit;
Es
sei nun Täuschung oder Wahrheit,
Genug,
ich bewundre dich vor allen.
Um
ihre Pflicht nicht zu versäumen,
Um
einem Deutschen zu gefallen,
Spricht
eine Huri in Knittelreimen.
Huri
Ja,
reim auch du nur unverdrossen,
Wie
es dir aus der Seele steigt!
Wir
paradiesische Genossen
Sind
Wort und Taten reinen Sinns geneigt.
Die
Tiere, weißt du, sind nicht ausgeschlossen,
Die
sich gehorsam, die sich treu erzeugt!
Ein
derbes Wort kann Huri nicht verdrießen;
Wir
fühlen, was vom Herzen spricht,
Und
was aus frischer Quelle bricht,
Das
darf im Paradiese fließen.
Huri
Wieder
einen Finger schlägst du mir ein!
Weißt
du denn, wie viel Äonen
Wir
vertraut schon zusammen wohnen?
Dichter
Nein!
– Wills auch nicht wissen. Nein!
Mannigfaltiger
frischer Genuß,
Ewig
bräutlich keuscher Kuß! –
Wenn
jeder Augenblick mich durchschauert,
Was
soll ich fragen, wie lang es gedauert!
Huri
Abwesend
bist denn doch auch einmal;
Ich
merk es wohl, ohne Maß und Zahl.
Hast
in dem Weltall nicht verzagt,
An
Gottes Tiefen dich gewagt.
Nun
sei der Liebsten auch gewärtig!
Hast
du nicht schon das Liedchen fertig?
Wie
klang es draußen an dem Tor?
Wie
klingts? – Ich will nicht stärker in dich dringen,
Sing
mir die Lieder an Suleika vor:
Denn
weiter wirst dus doch im Paradies nicht bringen.
Daß
wir solche Dinge lehren,
Möge
man uns nicht bestrafen:
Wie
das alles zu erklären,
Dürft
ihr euer Tiefstes fragen.
Und
so werdet ihr vernehmen,
Daß
der Mensch mit sich zufrieden,
Gern
sein Ich gerettet sähe,
So
dadroben wie hienieden.
Und
mein liebes Ich bedürfte
Mancherlei
Bequemlichkeiten;
Freuden,
wie ich hier sie schlürfte,
Wünscht
ich auch für ewge Zeiten.
So
gefallen seine Gärten,
Blum
und Frucht und hübsche Kinder,
Die
uns allen hier gefielen,
Auch
verjüngtem Geist nicht minder.
Und
so möcht ich alle Freunde,
Jung
und alt, in eins versammeln,
Gar
zu gern in deutscher Sprache
Paradieses
Worte stammeln.
Doch
man horcht nun Dialekten,
Wie
sich Mensch und Engel kosen,
Der
Grammatik, der versteckten,
Deklinierend
Mohn und Rosen.
Mag
man ferner auch in Blicken
Sich
rhetorisch gern ergehen
Und
zu himmlischem Entzücken
Ohne
Klang und Ton erhöhen.
Ton
und Klang jedoch entbindet
Sich
dem Worte selbstverständlich,
Und
entschiedener empfindet
Der
Verklärte sich unendlich.
Ist
somit dem Fünf der Sinne
Vorgesehn
im Paradiese,
Sicher
ist es, ich gewinne
Einen
Sinn für alle diese.
Und
nun dring ich aller Orten
Leichter
durch die ewgen Kreise,
Die
durchdrungen sind vom Worte
Gottes
rein-lebendger Weise.
Ungehemmt
mit heißem Triebe
Läßt
sich da kein Ende finden,
Bis
im Anschaun ewger Liebe
Wir
verschweben, wir verschwinden.
Sechs
Begünstigte des Hofes
Fliehen
vor des Kaisers Grimme,
Der
als Gott sich läßt verehren,
Doch
als Gott sich nicht bewähret:
Denn
ihn hindert eine Fliege,
Guter
Bissen sich zu freuen.
Seine
Diener scheuchen wedelnd,
Nicht
verjagen sie die Fliege.
Sie
umschwärmt ihn, sticht und irret
Und
verwirrt die ganze Tafel,
Kehret
wieder wie des hämschen
Fliegengottes
Abgesandter.
»Nun«,
– so sagen sich die Knaben –
»Sollt
ein Flieglein Gott verhindern?
Sollt
ein Gott auch trinken, speisen,
Wie
wir andern? Nein, der Eine,
Der
die Sonn erschuf, den Mond auch,
Und
der Sterne Glut uns wölbte,
Dieser
ists, wir fliehn!« – Die zarten
Leicht
beschuht-beputzten Knaben
Nimmt
ein Schäfer auf, verbirgt sie
Und
sich selbst in Felsenhöhle.
Schäferhund,
er will nicht weichen;
Weggescheucht,
den Fuß zerschmettert,
Drängt
er sich an seinen Herrn
Und
gesellt sich zum Verborgnen,
Zu
den Lieblingen des Schlafes.
Und
der Fürst, dem sie entflohen,
Liebentrüstet,
sinnt auf Strafen,
Weiset
ab so Schwert als Feuer;
In
die Höhle sie mit Ziegeln
Und
mit Kalk sie läßt vermauern.
Aber
jene schlafen immer,
Und
der Engel, ihr Beschützer,
Sagt
vor Gottes Thron berichtend:
»So
zur Rechten, so zur Linken
Hab
ich immer sie gewendet,
Daß
die schönen jungen Glieder
Nicht
des Moders Qualm verletze.
Spalten
riß ich in die Felsen,
Daß
die Sonne steigend, sinkend,
Junge
Wangen frisch erneute:
Und
so liegen sie beseligt.
Auch,
auf heilen Vorderpfoten,
Schläft
das Hündlein süßen Schlummer.«
Jahre
fliehen, Jahre kommen,
Wachen
endlich auf die Knaben,
Und
die Mauer, die vermorschte,
Altershalber
ist gefallen.
Und
Jamblika sagt, der Schöne,
Ausgebildete
vor allen,
Als
der Schäfer fürchtend zaudert:
»Lauf
ich hin und hol euch Speise,
Leben
wag ich und das Goldstück!« –
Ephesus
gar manches Jahr schon
Ehrt
die Lehre des Propheten
Jesus.
(Friede sei dem Guten!)
Und
er lief, da war der Tore
Wart
und Turm und alles anders.
Doch
zum nächsten Bäckerladen
Wandt
er sich nach Brot in Eile.
»Schelm!«
so rief der Bäcker, »hast du,
Jüngling,
einen Schatz gefunden?
Gib
mir, dich verrät das Goldstück,
Mir
die Hälfte zum Versöhnen!«
Und
sie hadern. – Vor den König
Kommt
der Handel; auch der König
Will
nur teilen wie der Bäcker.
Nun
betätigt sich das Wunder
Nach
und nach aus hundert Zeichen.
An
dem selbsterbauten Palast
Weiß
er sich sein Recht zu sichern;
Denn
ein Pfeiler durchgegraben
Führt
zu scharfbenamsten Schätzen.
Gleich
versammeln sich Geschlechter,
Ihre
Sippschaft zu beweisen.
Und
als Ururvater prangend
Steht
Jamblikas Jugendfülle.
Wie
von Ahnherrn hört er sprechen
Hier
von seinem Sohn und Enkeln;
Der
Urenkel Schar umgibt ihn,
Als
ein Volk von tapfern Männern,
Ihn,
den jüngsten, zu verehren.
Und
ein Merkmal übers andre
Dringt
sich auf, Beweis vollendend,
Sich
und den Gefährten hat er
Die
Persönlichkeit bestätigt.
Nun
zur Höhle kehrt er wieder;
Volk
und König ihn geleiten. –
Nicht
zum König, nicht zum Volke
Kehrt
der Auserwählte wieder;
Denn
die Sieben, die von lang her
(Achte
warens mit dem Hunde)
Sich
von aller Welt gesondert,
Gabriels
geheim Vermögen
Hat,
gemäß dem Willen Gottes,
Sie
dem Paradies geeignet,
Und
die Höhle schien vermauert.
Nun,
so legt euch, liebe Lieder,
An
den Busen meinem Volke!
Und
in einer Moschuswolke
Hüte
Gabriel die Glieder
Des
Ermüdeten gefällig,
Daß
er frisch und wohlerhalten,
Froh,
wie immer, gern gesellig,
Möge
Felsenklüfte spalten,
Um
des Paradieses Weiten
Mit
Heroen aller Zeiten
Im
Genusse zu durchschreiten,
Wo
das Schöne, stets das Neue,
Immer
wächst nach allen Seiten,
Daß
die Unzahl sich erfreue.
Ja,
das Hündlein gar, das treue,
Darf
die Herren hinbegleiten.