Es war ein Tag von den Tagen des Wintermonats Dei, kurz wie eine Nacht
im Sommer,
als König Behram, in Rot gekleidet und mit Rot geschmückt,
die rote Kuppel besuchte.
Ein Dienstag wars
— und ist nicht der Dienstag Mitte und Nabel der Woche, der beste aller
Tage?
Er ist der Marstag und seine Farbe die der Tapferkeit im Kampfe,
und so ist er auch der Namenstag des Schahs, denn «Behram»
heißt ja «Mars».
Den König erwartete die rotgesichtige Slawenprinzessin:
von der Farbe des Feuers, aber auch wie das Wasser gütig und weich.
Sie bediente mit Eifer den hohen Gast
— wie schön war doch der die Sonne verehrende Mond!
Als nun die Nacht mit ihrer Bannerspitze die Tagseide des Himmelsgewölbes
zerriß,
erbat sich der König von jenem Honigrotapfel eine vergnügliche
Geschichte.
Sie widerstrebte ihm nicht,
sondern streute aus ihrem Karneolmund Perlen zu seinen Füßen
aus:
«O du, dessen Schwelle der Himmel ist und die Sonnenscheibe der
Mond deines Zeltes;
der du höher stehst als jedes Wort, das zu deinem Lob gesagt werden
kann,
und an den niemand auf Erden heranreicht
— möge derjenige erblinden, der deine Größe nicht
zu sehen vermag!»
Nach solcher Einleitung anvertraute die Prinzessin dem Schah ...
Die Geschichte von den Rätseln der Turandocht
Einst herrschte in einer Stadt in Rußland ein König,
der hatte eine Tochter, die ebenso schön war wie klug.
Sie hieß Turandocht.
Und wenn ich sage, daß sie gewachsen war wie eine Zypresse im
Paradies
und daß ihr Antlitz der köstlichsten Rose glich, die du
dir ausdenken magst
— dann ist dies trotzdem nicht richtig,
denn was ist die Zypresse und was die Rose, verglichen mit ihr?
Wer könnte die Feinheit ihres Mundes beschreiben,
und was wäre je so schmal und zerbrechlich gewesen wie ihre
Taille?
Zu wem sie das traumtrunkene Narzissenpaar ihrer Augen nur ein einziges
Mal aufschlug,
der war auf Lebenszeit ihr Gefangener, den die Freien um seine
Fesseln beneideten.
Doch auch an Verstand war diese Prinzessin ein wahres Weltwunder.
Keine Kunst gab es, die sie nicht ausgeübt,
keine Wissenschaft, die sie nicht mit Leichtigkeit gelernt hätte
wie andere irgendein Spiel,
und da sie das übliche Wissen auf die Dauer nicht befriedigen
konnte,
war Turandocht auf die Magie verfallen.
Sie batte die Bücher über die verborgenen Kenntnisse alle
studiert
und auch den Zugang zu jenen Geheimnissen gefunden,
welche diejenigen, die sie besitzen, den vielen Dummen nicht weitersagen.
Wen könnte es schon wundernehmen,
daß der Ruhm einer solchen Prinzessin über die Grenzen des
Reiches hinaus und in alle Lande drang?
Daß jedermann davon hörte?
«Diese Turandocht ist kein gewöhnliches Menschenkind»,
so hieß es,
«es ist, als wären ihre Eltern Sonne und Mond
oder als hätte sie von Mutter Venus die Schönheit geerbt
und von Vater Merkur den Verstand.
Ihresgleichen hat es nie gegeben.»
Und bald kamen von überall her Scharen von Freiern gezogen::
mit Goldhaufen prahlten die einen,
mit ihrer Kraft und Kühnheit andere,
und alle begehrten sie die Königstochter zur Gattin.
Diese jedoch wollte weder von den einen noch von den andern etwas wissen.
Sie empfand für die Männer samt und sonders nichts als
Verachtung,
und schon der Gedanke an die Ehe mit einem von ihnen erfüllte
sie mit Abscheu.
Welcher von diesen Burschen, dachte die Stolze, wäre dessen schon
würdig,
daß ich mich vermählte mit ihm?
Dies sagte sie auch ihrem Vater, sooft er sie zu einer Wahl zu überreden
versuchte,
und der arme König wußte oft kaum mehr aus noch ein,
denn unter den Bewerbern befand sich gar mancher tapfere Recke und
vornehme Prinz,
und immer kamen noch neue hinzu, die ihn bedrängten und bestürmten
von allen Seiten.
Was war da zu tun?
Groß war die Not — und Abhilfe wo?
Fern von der Stadt ragte in einer wilden Gegend ein Berggipfel hoch
zum Himmel auf.
Als nun Turandocht sah, daß der Freier von Tag zu Tag mehr wurden
und daß sie den Palast umschwärmten wie Bienen die Honigwabe,
da faßte sie einen Entschluß, trat vor den König und
sprach:
«Väterchen, verzeih, aber ich muß dich verlassen!
Laß mir auf jenem Berg; der seinen Kopf in die Wolken steckt,
ein festes Schloß bauen;
dort will ich wohnen, damit wir endlich von der Plage mit diesen
lästigen Freiern verschont bleiben.»
Der Herrscher liebte seine Tochter wie den eigenen Augapfel,
doch so schwer ihm die Trennung auch fiel
— es blieb ihm, wie die Dinge nun einmal lagen, nichts anderes übrig,
als ihrer Bitte zu willfahren.
So wurde denn auf jenem fernen Gipfel eine Bürg errichtet
— mit Türmen und Zinnen, so gewaltig,
daß es aussah, als hätte man auf einen ersten Felsberg mit
Riesenkraft noch einen zweiten gestemmt.
In diese unzugängliche Bergfeste zog sich Turandocht vor der Glut
ihrer Liebhaber zurück.
Hinter Stein und Eisen war jetzt der Schatz verschlossen,
und welcher Dieb, sag, hätte ihn dort wieder zu rauben vermocht?
Das Volk gab der Prinzessin den Namen «Dame vom Bergschloß»,
und eine ähnliche Schloßherrin hat selbst im Traum noch
keiner von uns je erblickt.
Sie hatte das Alleinsein schon immer geliebt
— jetzt aber, in ihrem Adlernest, wandte sie den Sinn erst recht von
den Mitmenschen ab.
Wozu brauchte sie die? Und vor allem — wozu einen Mann?
Sie, Turandocht, die selbst einen so männlichen Geist in einem
weiblichen Körper besaß!
Um ihr Schloß sah die Prinzessin die Planeten kreisen;
sie kannte jeden einzelnen Stern, seine Bahn und seine Eigenschaften,
und sie wußte auch, wie er einwirkt auf die Natur und das menschliche
Schicksal!
Prinzessin Turandocht — so.jedenfalls schien es ihr — durchschaute
diese Natur und das Menschenschicksal:
sie wollte damit nichts zu tun haben, sie war geflohen davor,
hierher, auf den höchsten Gipfel und hinter die festesten Mauern.
Aber würde das allein schon genügen?
War sie hier wirklich für immer und vor allem geschützt?
Indem sich die Prinzessin das überlegte, kam sie auf den Gedanken,
ihre Festung noch abgeschiedener und uneinnehmbarer zu machen, als
sie dies ohnehin schon war.
Wozu denn sonst besaß sie ihre geheimen Kenntnisse in der Magie?
Turandocht spürte gar große Lust, ihre Kunst zu beweisen!
Sie formte Talismane, seltsame Figuren aus Eisen und Stein,
deren jede in der Hand gezückt ein Schwert hielt.
Diese künstlichen Wächter versteckte sie, mit einem unsichtbaren
Mechanismus versehen,
am Rand des Saumpfades, der zur Burg hinaufführte.
Jeder Unbefugte, der das Geheimnis nicht kannte
und deshalb nicht in einer ganz bestimmten Weise seine Schritte abzählte,
würde künftig vom einen oder andern der verborgenen
Schwerter erschlagen werden.
Aber selbst wenn es jemand gelingen sollte, heil bis auf den Gipfel
zu kommen,
so war er doch damit noch keineswegs schon im Innern des Schlosses,
denn dessen Tor hatte die Königstochter an einer Stelle in der
Mauer, wo niemand es vermutet hätte,
so anbringen lassen, daß es von außen durch nichts zu erkennen
war.
Nachdem sie dies nun vollbracht hatte, war Turandocht sicher,
daß es in Zukunft keinem Sterblichen mehr möglich sein werde,
ohne ihren Willen bis zu ihr vorzudringen.
Die Prinzessin war auch eine Malerin, wie es in dieser Welt nur wenige
gibt.
Wie jene Muscheln, die Wassertropfen zu Perlen verdichten, fügte
sie Farben zu Bildern,
deren Schatten der Lockenschwärze auf den leuchtenden Gesichtern
von Paradiesesmädchen glichen.
Ja — ihre Gemälde waren ebensogut wie die der großen chinesischen
Meister.
Als sie diesmal zum Pinsel griff, malte sie auf Seide ihr eigenes lebensgroßes
Bildnis,
und darüber schrieb sie mit Buchstaben, wie sie zierlicher nicht
hätten sein können, die Worte:
«Wer mich zur Gattin begehrt, der soll mich nicht bloß
aus der Ferne anschwärmen,
sondern er soll herkommen in mein Schloß, um mich anzuschauen
wie der Nachtfalter das Licht!
Dazu ist allerdings ein Mann vonnöten und keine Memme.
Er braucht tausend Leben statt nur ein einziges
— und er hat, will er mich gewinnen, vier Bedingungen zu erfüllen:
erstens muß er vornehm sein und schön;
zweitens den Schwertzauber lösen, der ihm deriWcg versperrt;
drittens — gelingt ihm dies — das Tor finden, das ihn zu mir
fuhrt,
denn ich will keinen sehen, der übers Dach bei mir einsteigt;
und viertens endlich, wenn er so weit gelangt ist,
muss er die Rätsel lösen, die ich ihm stellen werde im Palast
und in Anwesenheit meinesVaters.
Löst er auch diese, so erlangt er meine Hand und damit das Elixier
der Glückseligkeit
— bleibt er mir die richtige Antwort aber schuldig, so verliert er
sein Leben.»
Darauf übergab die Prinzessin ihr Bild mit dieser Inschrift einem
Boten, dem sie befahl:
«Bring das in die Stadt und hänge es dort über dem
Haupttor auf,
damit jedermann, der mich gewinnen will, es sehen und lesen kann —
hörst du?»
Der Mann tat, wie sie ihm geboten hatte, und so geschah denn, was geschehen
musste.
Mit Windeseile verbreitete sich die Nachricht: von Stadt zu Stadt,
von Land zu Land.
Und jetzt kamen die Freier erst recht.
Ja, haufenweise kamen sie an, Ritter, Prinzen und sogar Könige,
um über dem Torbogen das Gemälde von Turandocht zu schauen.
Manch einer mochte warnenden Freunden und sich selbst vor der Abreise
gesagt haben:
«Ach was -- ich will ja nur das Porträt ansehen, sonst
nichts!
Auf die grausame Prinzessin selber verzichte ich gern ...»
Doch was half da schon der gute Vorsatz?
Der wurde weggewischt vom ersten Blick auf das Bild!
So versuchte bald einer um den andern sein Glück — lauter edle
und tapfere Männer
— und einer nach dem andern verlor sein Leben dabei.
Kein einziger gelangte auch nur bis zum Gipfel des Berges.
Alle wurden sie schon unterwegs von den Zauberschwertern erschlagen;
wenn nicht vom ersten, so zum mindesten vom zweiten oder dritten.
Sie rannten blind und unwissend in ihr Verderben und ernteten doch
nichts als Schande dafür,
denn Prinzessin Turandocht, die soviel klüger war als ihre unglücklichen
Liebhaber,
verachtete und verlachte sie überdies noch.
Sie ließ die Köpfe der um ihretwillen Gefallenen neben
ihr Bild am Stadttor aufhängen,
und es dauerte nicht lange, so bleichten dort in der Sonne lange Reihen
von Schädeln, einer am andern,
und immer kamen noch neue hinzu.
So wie andere Städte mit Mauerzinnen geschmückt und befestigt
sind,
so war es diese hier mit menschlichen Schädeln!
Nun begab es sich eines Tages, daß ein junger Königssohn,
der bisher nicht von Turandocht gehört hatte und ausgeritten war,
um zu jagen,
zufällig auch zu jener Stadt karn und vor das Tor,
wo umrahmt von all den Köpfen das Bild hing:
inmitten von Totenschädeln ein strahlendes Feengesicht.
Der Prinz, der nicht nur sehr schön, sondern auch überaus
klug war, betrachtete beides und las dazu den Text.
Auch er wurde auf der Stelle, ob er es wollte oder nicht,
von der Liebe zu Turandocht wie von einer unheilbaren Krankheit gepackt,
so daß er meinte, es ohne sie keine Stunde länger mehr aushalten
zu können
— aber gleichzeitig schauderte ihn vor den Schädeln der zahllosenVorgänger,
und er sprach zu sich selbst:
«Dies Juwel hängt am Hals eines Drachen!
Wie entkäme ich da, wo es ein Entkommen nicht gibt?
Ohne sie kann ich nicht leben,
aber wenn ich die Hand nach ihr ausstrecke, tötet sie mich, noch
ehe ich sie berührt habe,
denn unter dem Seidenbrokat dieses Bildes lauert zusammengerollt eine
giftige Schlange.
Keiner ist ihr entgangen bisher!
Was aber hätte ich davon, wenn auch mein Kopf einst hier hinge?
Und doch wird er das — ich weiß es —,
wenn ich aus dieser Schlinge, die mich fesseln will, nicht mehr loskomme.
Ich bin wohl kühn genug, um das Leben zu wagen —
aber es einfach nur wegwerfen: wie könnte ich das?
Und wem nützte ich damit?»
So stritten in dem Jüngling die herzverwirrende Leidenschaft
und sein noch wacher Verstand,
und er dachte weiter:
Diejenige, die ihr Bild hier aufgehängt hat, um damit die Käufer
zu locken, besitzt Zauberkräfte,
und wer die nicht ebenfalls hat, kann sich nicht messen mit ihr.
So viel verstehe ich.
Wenn ich meiner Liebe jetzt nachgebe und ohne Überlegung
handle, bin ich verloren.
Darum muß ich erst lange und gut darüber nachdenken
und dann erst, wenn ich einen genauen Plan habe, ihn rasch und ohne
Zögern ausführen
— aber wie bring ich das über mich?
Mein Denken ist verstört, noch mehr mein Herz, und meine Sinne
brennen!
Was kann ich da tun? Wie in Ruhe überlegen?
In seine Augen schossen die Tränen, er stöhnte,
ihm war zumute wie einem Verurteilten, vor dem zur Hinrichtung
das Blutleder ausgehreitet wird,
und er mußte sich halten mit allen Kräften, um nicht selbst
noch den Kopf unter das Schwert zu beugen ...
Endlich bezwang er sich.
Er nahm Wohnung in der Stadt und.verbarg seine Leidenschaft
vor jedermann.
Aber Tag und Nacht konnte er an nichts anderes denken als an die schöne
Türandocht,
und jeden Morgen in der Frühe ging er zum Stadttor
und betrachtete das Bild, das ihm die Seligkeit verhieß,
und daneben die Schädel, die ihm den Tod androhten.
Was tun? Wie war der Knoten zu entwirren?
Dieses Schloß öffnete welcher Schlüssel?
Soviel er auch nachsann, tausend Pläne faßte und sie hinterher
wieder verwarf:
er fand keine Lösung.
Wenn es eine solche überhaupt.gab, dann konnte er allein
jedenfalls nicht darauf kommen,
dann mußten ihm dabei andere helfen — doch wer nur?
Darnach begann jetzt unser Jünglmg zu forschen.
Er.suchte Gelehrte auf, fromme Männer
und auch Herbergen, in denen welterfahrene Reisende zu treffen waren,
und einer von diesen erzählte ihm eines Tages von einem Weisen,
der wie ein Engel oder wie der Wundervogel Simorgh geartet sei,
Dämonen zu bannen verstehe
und alle Geheimnisse dieser Welt bis auf den Grund erkannt habe
— wenn einer ihm helfen könne, dann er.
Alsogleich machte der Jüngling sich auf.
Er kroch durch Schluchten, durchquerte Wüsten, erklomm Berge
— und endlich fand er den Weltweisen auch.
Aber wo? Rate!
In keiner Stadt, in keinem Palast und nicht einmal in einer Hütte,
sondern in der Einsamkeit einer schon ganz verfallenen Höhle
im Gebirge.
Doch das konnte den jungen Prinzen nicht abschrecken.
Er erwies dem Einsiedler seine Ehrerbietung
und blieb bei ihm als sein Schüler und Diener — lange, lange Zeit.
Schließlich, nachdem er große Geduld und noch manches andere
an Weisheit gelernt hatte,
wagte er es,.dem Erleuchteten von der Prinzessin Turandocht und seiner
Liebe zu ihr zu erzählen.
Ihr Gemälde schilderte er, ihre Zauberkunst und die vier
Bedingungen,
mit denen sie schon so viele ihrer Liebhaber in Schmach und Verderben
gestürzt habe.
Nachdem der Alte das alles vernommen und wohl überdacht hatte,
teilte er dem Königssohn seine geheimsten Kenntnisse mit
und verriet ihm die Antworten auf die schwierigsten Rätsel.
Der Jüngling dankte.ihm dafür tausendfach;
dann nahm er Abschied von seinem Lehrer
und kehrte zurück in die Stadt, wo Turandochts Vater König
war.
Mit Umsicht bereitete er dort seinen Gang zur Prinzessin vor.
Zuerst befragte er die Sterne, stellte das Horoskop und setzte den
für sein Vorhaben günstigsten Tag fest.
Darnach überlegte er sich die Mittel, die er nach seiner Lehrzeit
beim Einsiedler nunmehr besaß,
um die gefährlichen Zauberschwerter aufzufinden und sie der Reihe
nach lahmzulegen.
Auch suchte er alle Asketen und Gottsucher auf die er außerdem
noch kannte,
und bat sie, ihn durch die geistige Kraft ihres Gedenkens und ihrer
Gebete zu unterstützen.
Als nun.die Stunde seiner Abreise herannahte,
zog der Jüngling ein blutrotes Kleid an
und dies tat er zum Zeichen der Trauer und Klage über die Grausamkeit
des Schicksals,
das schon so viele edle Männer um der schönen Prinzessin
willen in ihrem Blut hatte umkommen lassen.
Für sie alle weinte der Königssohn jetzt, tat jede Begierde
von sich.ab und sprach:
«Nicht meinetwegen ziehe ich aus, denn ich habe die Leidenschaft
in meinem Innern besiegt,
aber diesem Blutvergießen muß ein Ende gemacht werden.
Entweder gelingt mir das, oder dann soll auch mein Kopf hier am Tore
hängen!»
Nachdem ihm der alte König seinen Segen mitgegeben hatte,
brach der Rotgewandete auf,
begleitet von den Glückwünschen des ganzen Volkes, die ihn
umgaben wie ein unsichtbarer Panzer.
Als er den Fuß des Berges und den Saumpfad, der zum Gipfel führte,
erreicht hatte,
hieb er einen Spalt in die Erde und sprach darüber eine Beschwörung
aus,
wie es ihn der Weise in der Höhle gelehrt hatte,
wodurch der Mechanismus des ersten Zauberschwertes, zerstört wurde.
Und so drang er. schrittweise vor, immer höher,
und indem er in gewissen Abständen die jeweils richtigen
Zauberformeln gebrauchte,
machte er die künstlichen Wächter einen nach dem andern unschädlich.
Endlich erreichte er den Gipfel,
und vor ihm ragten die Mauern des gewaltigen Schlosses zum Himmel.
Aber da war nirgends ein Tor!
Wie es nur finden?
Doch der rote Prinz besann sich nicht lange.
Er nahm seine Trommel zur Hand und schlug darauf einen machtvollen
Wirbel.
Dann lauschte er, und an der Stelle, von der das Echo widerklang,
grub er nach
und fand dort auch wirklich die verborgene Tür
und dahinter einen unterirdischen Gang, der ins Burginnere weiterführte.
Auch, die dritte Bedingung war damit erfüllt!
Inzwischen hatte auch Turandocht entdeckt, was geschehen war,
und rasch sandte sie eine ihrer Sklavinnen dem Jüngling entgegen
und ließ ihm folgendes ausrichten:
«Dich hat wahrhaftig das Glück geleitet, du breschen schlagender
Pfadfinder,
der du zuerst das Geheimnis der Schwerter und nun auch die Tür
zur Schatzkammer gefunden hast!
Aber kehre jetzt zurück in die Stadt.
Hab dort zwei Tage Geduld — wenn du kannst.
Dann werde ich kommen und dich am Hof meines Vaters aufs genaueste
prüfen.
Vier Rätsel werde ich dir stellen,
und wenn du sie richtig beantworten kannst, so will ich mich mit dir
vermählen.»
Daraufhin trat der Prinz den Heimweg an.
In der Stadt eingetroffen, zog er unter dem Jubel der Bevölkerung
zum Haupttor,
holte das auf Seide gemalte Bildnis der Turandocht herunter,
faltete es — das soviel Unglück über die Menschen gebracht
hatte — zusammen
und übergab es einem Diener zum Aufbewahren.
Dann kamen die Schädel an die Reihe.
Auch sie schnitt der Jünghng von den Seilen, an denen sie aufgereiht
hingen,
und ließ sie bei den Leibern der Unglücklichen bestatten.
Die ganze Stadt hatte unterdessen ein Freudentaumel ergriffen.
Die Leute sangen und drängten sich in den Straßen,
Musikanten spielten zum Tanz auf,
Gold- und Silberstücke wurden überall verstreut,
Bilder und Teppiche schmückten Türen und Dächer.
Aber die vierte Bedingung? Noch war sie unerfüllt!
Wie, wenn der Jüngling auf Turandochts Fragen die rechte Antwort
nicht fand?
Was dann?
An diese Möglichkeit dachte jedermann mit Bangen, aber auch mit
Zorn,
und die Bürger ballten insgeheim die Fäuste, steckten die
Köpfe zusammen und flüsterten untereinander:
«Wenn der König diesem Jüngling seine Tochter verweigert,
dann — wir schwören es! — machen wir seiner Herrschaft ein Ende,
und setzen statt seiner diesen jungen Helden auf den Thron,
denn der hat uns aus der Not errettet, in die Turandocht mit dem Willen
ihres Vaters uns brachte.»
So sprachen die Menschen — was sie aber nicht wußten, war dies,
daß auch die zauberkundige Turandocht, die den Jüngling
von ihrem Schloß aus heimlich beobachtet hatte,
an ihm Gefällen fand
und in ihrem Innern sogar hoffte, er möchte zu ihren Rätseln
die Schlüssel besitzen.
Als nun die Nacht mit ihrem schwarzen Moschus die Erde betäubte,
verließ die schone Prinzessin ihr Schloß, bestieg eine
Sänfte
und ließ sich im Schein des aufgehenden Mondes,
der so mit seinen Strahlen sein irdisches Ebenbild begleitete,
zur Residenz und in den väterlichen Palast bringen.
Wie herzlich freute dieses Wiedersehen den alten Herrscher!
Turandocht erzählte ihm, was sie inzwischen erlebt hatte;
sie sprach auch von den vielen Freiern, die auf dem Weg zu ihr umgekommen
waren
und die — wie sie sagte — selbst schuld seien an ihrem Verderben.
Am Ende lobte sie dann den rotgekleideten Jüngling, seinen
Mut und seine Klugheit, und meinte:
«Drei Bedingungen hat er erfüllt — wie aber wird es ihm
wohl mit der vierten ergehn?»
«Wozu noch die vierte?» erwiderte.der König,
der seine Tochter über alles liebte
und ihr nur deshalb immer nachgegeben hatte.
«Schon an einer war es genug; gib dich zufrieden!»
Turandocht lächelte.
Ihr Mund war süß, aber was er sagte, klang unerbittlich:
«Vier Rätsel werde ich dem Jüngling stellen,
und die werden schwierig sein — so schwierig, daß ihn hei der
Lösung sein Glück fuhren muß.
Gelingt es ihm aber, so bin ich selbst seine Belohnung;
gelingt es ihm nicht, so weiß er ja, was seiner wartet.
Lade ihn also morgen vor deinen Thron!
Auch ich werde dort sein, hinter einem Vorhang verborgen.»
«Gut», seufzte der König, «es geschehe, wie
du es verlangst.
Ich nehme, was du zu tun gedenkst, auf meinen eigenen Nacken.»
Daraufgingen die beiden, Vater und Tochter, schlafen.
Als anderntags der Sonnenrubin am blauen Himmelsrad wieder hochstieg
und sein Funkeln die Welt erleuchtete,
wurde der Jüngling an den Hof des Königs gerufen,
wo die Großen des Reiches schon alle versammelt waren.
Ein Festschmaus erwartete die Gäste,
und die goldenen Speiseplatten bogen sich unter der Überfülle
von Köstlichkeiten.
Der König und sein Hofstaat erwiesen dem tapferen Prinzen
die höchsten Ehren,
und nachdem jedermann nach Herzenslust gegessen und getrunken
hatte, befahl der Herrscher,
daß in der Palasthalle die Prüfung beginnen solle.
Er selbst begab sich zu seiner Tochter hinter den Vorhang und überließ
dem Jüngling den Thronsitz.
Vor Spannung atemlos erwarteten die Anwesenden die erste Frage.
Aber kein Laut verstörte die Stille.
Die schöne Turandocbt schwieg.
Stattdessen zog sie in aller Ruhe ihre Ohrgehänge aus,
brach aus dem Schmuck zwei kleine gleichartige Perlen,
und indem sie diese einer neben ihr stehenden Dienerin überreichte,
sprach sie endlich:
«Bring sie unserm Gast und erwarte seine Antwort darauf!»
Der Jüngling nahm die Perlchen, betrachtete sie,
und nachdem er eine Waage verlangt und sie gewogen hatte,
legte er zu den zweien drei weitere von genau demselben Gewicht
und sandte alle fünf der Prinzessin zurück.
Diese wog sie ihrerseits wieder,
zermalmte sie dann mit dem Gewichtsstein zu Staub
und vermengte diesen mit einer Handvoll Streuzucker.
Die Mischung wurde dem Jüngling gebracht,
der ihren Sinn alsbald erriet, um einen Becher Milch bat,
den er, nachdem er das Pulver hineingeworfen hatte, Turandocht übersandte.
Sie trank die Milch mit dem Zucker darin aus,
wog dann den Perlenstaub, der auf dem Grund zurückgeblieben war,
und fand ihn nicht schwerer und nicht leichter als zuvor.
Daraufhin zog sie einen Ring aus und übergab ihn der Botin.
Aus deren Hand empfing ihn der Prinz, beschaute ihn zärtlich und
steckte ihn sich an den Finger.
Nachher schickte er Turandocht eine wundervolle Perle,
aufleuchtend wie in der Nacht eine. Fackel.
Die Prinzessin legte sie auf ihre Handfläche,
riß darauf ihre Halskette entzwei und fand auch wahrhaftig
eine einzige Perle,
die jener ersten an Größe und Farbe aufs genaueste glich.
Sie band die beiden mit. einem Faden zusammen und sandte sie dem
Jüngling.
Der nahm und.untersuchresie sorgfältig — aber welche war wem?
Er konnte die zwei Perlen, wie sehr er sich auch anstrengte, nicht
voneinander unterscheiden.
Da es eine dritte solche nirgends mehr geben würde,
bat er einen herumstehendenWachtsoldaten um eine kleine blaue Glasmurmel.
Die knüpfte.er an die zwei herrlichen Perlen und ließ sie
so der Königstochter wieder überreichen.
Als diese das Glaskügelcheii sah, küßte sie es
und band es sich dann mit einem glücklichen Lächeln ans Handgelenk
— die beiden Perlen hingegen an die Obren.
«Bereite unsere Hochzeit vor, Vater», rief sie, «und
schau dir mein Glück an!
Ich habe meinen Gatten gefunden, und er hat auf dieser Welt nicht seinesgleichen.
Auch ich kenne und verstehe ja manches, gewiß,
aber seine Weisheit steht hoch über der meinen.»
«Mein Engel», erwiderte der alte König, von ihren
Worten beglückt, «das ist alles sehr schön und sehr gut
— aber zuerst erkläre mir doch, was hier eigentlich zwischen euch
beiden geschah!
Du mußt nämlich wissen, daß ich nichts davon begriffen
habe:
weder deine Fragen noch auch seine Antworten.»
«So hör mich denn an», gab Turandocht zur Antwort,
«als ich dem Jüngling zu Beginn die zwei Perlchen aus meinem
Ohrgehänge schickte,
sagte ich ihm damit: <Ein Menschenleben ist kurz wie zwei Tage;
nütze die Zeit!>
Indem er drei weitere Perlen hinzufügte, entgegnete er:
<Ob es auch fünf Tage dauert, so vergeht es doch ebenso schnell.>
Darauf ich, indem ich den Perlenstaub mit. dem Zucker vermischte:
<Wer besäße schon den Stein der Weisen,
um in diesem von Leidenschaft befleckten Leben das Unvergängliche
vom Nichtigen zu scheiden?>
Worauf der Jüngling auf das Gemisch die Milch goß und dadurch
antwortete:
<Ein Tropfen Milch schon genügt, um vom Perlenstaub den Zucker
zu trennen!>
Ich aber trank diese Milch zum Zeichen, daß ich mich seiner Weisheit
gegenüber als Säugling fühle,
und gab ihm durch Übersendung des Ringes meine Einwilligung zur
Heirat kund.
Auf das hin schickte er mir jene Perle, was bedeutete:
< Ebensowenig wie ein zweites solches Juwel findest du für
mich eine ebenbürtige Partnerin!>
Doch ich fand in meinem Schmuck die Zwillingsperle,
band die beiden zusammen, und das hieß:
< Ich bin diese Partnerin!>
Er mußte das zugeben, denn es gibt keinen dritten derartigen
Edelstein auf der Welt
— und so fügte er zum Perlenpaar jene blaue Glasmurmel,
die ein Schutz ist gegen den bösen Blick und sein Liebessiegel
auf meiner Schatzkammer ...»
Als der König diese Erklärung vernommen und voll Freude erkannt
hatte,
daß seine Tochter gezähmt und ihr Meister gefunden worden
war,
ließ er mit Pomp und Pracht das Hochzeitsfest feiern.
Nachher breitete er für seine zwei Sterne einen Paradiesteppich
aus, duftend nach Moschus und Aloe,
und darauf blieben die beiden allein.
Da bedeckte der Jüngling das Gesicht der Geliebten mit Küssen,
koste das einemal die Granatapfelbrüste
und dann wieder kostete er die Süßigkeit von den Datteln
der Lippen.
Am Ende gewann im Liebeskampf der Diamant über die Perle
die Oberhand,
und auf der Brust des Fasans thronte der Falke.
Er sah unter sich ihr Augenpaar trunken von Liebe zu ihm
und an ihrer Hand seine blaue Glasmurmel schimmern — und da hob er
das Siegel vom verborgenen Schatz.
Diesmal galt ihm das Blut als ein Zeichen des Segens,
und er selbst trug wiederum, wie am Tage seines Auszugs zum verzauberten
Berg, ein rotes Gewand.
Nur war Rot jetzt die Farbe seines Glücks.
Weil er der Todesschwärze entkommen war zum Lebensrot,
trug er inskünftig immer sein rotes Kleid
und wurde später von allen «König Rotrock» genannt.
Durch seine Röte ist kostbar so mancher Edelstein,
und die Alchimisten nennen das Gold «Roter Schwefel».
Rot ist auch die Seele des Lebens,
und von ihr hat das Blut Farbe und Feinheit,
wodurch denn Rot aller Schönheit Quelle ist:
so wie die rote Rose nicht des Gartens Königin wäre ohne
ihr Purpurgewand.
So beendete die russische Prinzessin ihre Geschichte,
und es war, als schwebten ihre Worte selbst wie der Duft roter Rosen
im Raum.
Von ihremWiderschein strahlte auch wie rosenfarbener Wein das Antlitz
König Behrams,
und er streckte die Hand aus nach der Purpurrose
und zog sie zu süßem Schlummer an seine Brust.