Feire Fiz (Hans Zimmermann) : Quellensammlung in zwölf Sprachen : Vergil : 6.Ekloge
Publius Vergilius Maro
Bucolica 6 (= Ecloga 6)
 
6. Lied der Hirtengedichte:
Silen singt die Welt
 
Übersetzung: Johannes und Maria Götte, 
München 1959
Vergil als Dichter der Aeneis zwischen Klio (Muse der Geschichtsschreibung) und Melpomene (Muse der tragischen Dichtung)
 
 
prima Syracosio dignata est ludere versu
nostra neque erubuit silvas habitare Thalia
cum canerem reges et proelia Cynthius aurem
vellit et admonuit pastorem Tityre pinguis
pascere oportet ovis deductum dicere carmen
 
Unsere Muse zuerst hielt wert syrakusischen Verses
tändelndes Spiel und errötete nicht, in Wäldern zu hausen.
Als ich von Kämpfen und Königen sang, da zupfte Apollo
fest mich am Ohr und mahnte: Ein Hirt, mein Tityrus, soll nur
fett seine Schafe sich weiden, soll einfache Lieder nur singen."
  nunc ego namque super tibi erunt qui dicere laudes
Vare tuas cupiant et tristia condere bella
agrestem tenui meditabor harundine musam
non iniussa cano si quis tamen haec quoque si quis
captus amore leget te nostrae Vare myricae
te nemus omne canet nec Phoebo gratior ulla est
quam sibi quae Vari praescripsit pagina nomen
 
Drum will ich, – denn du hast ja genug, die gern deine Taten,
Varus, dir rühmen, die gern von düsteren Kriegen erzählen, -
jetzt auf schlichtem Halme ersinnen ein ländliches Lied. Nicht
singe ich ohne Geheiß. Doch auch dies Hirtenlied – wer es
liest, als Liebender liest: dich, Varus, rühmt unser Strauchwerk,
dich rühmt jeglicher Wald und keine Seite ist Phoebus
lieber als die, die im Titel sich schmückt mit dem Namen: ,Varus'.
  pergite Pierides Chromis et Mnasyllos in antro
Silenum puen somno videre iacentem
inflatum hesterno venas ut semper Iaccho
serta procul tantum capiti delapsa iacebant
et gravis attrita pendebat cantharus ansa
adgressi nam saepe senex spe carminis ambo
luserat iniciunt ipsis ex vincula sertis
addit se sociam timidisque supervenit Aegle
Aegle naiadum pulcherrima iamque videnti
sanguineis frontem moris et tempora pingit
 
Auf denn, ihr Musen! Es sahen Mnasyllos und Chromis, zwei Burschen,
wie der Silen, vom Schlaf überwältigt, lag in der Grotte,
aufgeschwollen vom gestrigen Wein, wie immer, die Adern.
Neben ihm gleich, vom Kopf geglitten, lagen die Kränze,
hing in der Hand der bauchige Krug mit vergriffenem Henkel.
Angriffibereit - denn es täuschte der Greis in der Hoffnung auf Lieder
beide schon oft – umschlingen sie ihn mit den eigenen Kränzen,
und als Kampfgenoß naht sich und hilft den Zagenden Aegle,
Aegle, die schönste der Nymphen, und ihm, der eben erwachte,
färbt sie mit blutroten Maulbeern rings die Stirn und die Schläfen.  
ille dolum ridens quo vincula nectitis inquit
solvite me pueri satis est potuisse videri
carmina quae vultis cognoscite carmina vobis
huic aliud mercedis erit simul incipit ipse
tum vero in numerum Faunosque ferasque videres
ludere tum rigidas motare cacumina quercus
nec tantum Phoebo gaudet Parnasia rupes
nec tantum Rhodope miratur et Ismarus Orphea
 
Er aber lacht zu dem Streich und sagt: ,,Was soll denn die Fessel?
Löst mich, Burschen! Genug, daß ihr sichtlich das Können gezeigt habt.
Hört, die ihr wollt, die Lieder; denn euch beschenk ich mit Liedern,
die da bekommt etwas andres zum Lohn." Und selbst gleich beginnt er; -
da aber konntest du sehn, wie im Takt das Wild und die Faune
tanzten und knorrige Eichen die Wipfel regten zum Tanze.
So sehr freut an Phoebus sich nicht der Fels des Parnassus,
Rhodope nicht noch Ismarus staunt so sehr über Orpheus.  
namque canebat uti magnum per inane coacta
semina terrarumque animaeque marisque fuissent
et liquidi simul ignis ut bis exordia primis
omnia et ipse tener mundi concreverit orbis
tum durare solum et discludere Nerea ponto
coeperit et rerum paulatim sumere formas
iamque novum terrae stupeant lucescere solem
altius atque cadant summotis nubibus imbres
incipiant silvae cum primum surgere cumque
rara per ignaros errent animalia montis
hinc lapides Pyrrhae iactos Saturnia regna
Caucasiasque refert volucres furtumque Promethei
 
Denn er sang, wie im leeren, gewaltigen Raum ineinander
wirbelten noch die Keime für Land und Luft und für Wasser
und für lauteres Feuer zugleich, wie aus diesen als Urstoff
alles entstand und sogar das zarte Gewölbe der Welt wuchs.
Dann, wie der Boden begann, sich zu festigen, wie er vom Festland
trennte das flutende Meer und mählich sich formte zur Dingwelt.
Wie die Lande bestaunten die jungaufstrahlende Sonne,
und wie aus höherentrücktem Gewölk nun strömte der Regen,
während die Wälder zuerst zu ragen begannen und Tiere
einzeln durchirrten die Höhn, die noch nie solche Wesen gesehen.
Von den Steinen, die Pyrrha warf, vom Reich des Saturnus
sang er alsdann, von des Kaukasus Aar und dem Trug des Prometheus.  
his adiungit Hylan nautae quo fonte relictum
clamassent ut litus Hyla Hyla omne sonaret
et fortunatam si numquam armenta fuissent
Pasiphaen nivei solatur amore iuvenci
a virgo infelix quae te dementia cepit
Proetides implerunt falsis mugitibus agros
at non tam turpis pecudum tamen ulla secuta
concubitus quamvis collo timuisset aratrum
et saepe in levi quaesisset cornua fronte
a virgo infelix tu nunc in montibus erras
ille latus niveum molli fultus hyacintho
ilice sub nigra pallentis ruminat herbas
aut aliquam in magno sequitur grege claudite nymphae
Dictaeae nymphae nemorum iam claudite saltus
si qua forte ferant oculis sese obvia nostris
errabunda bovis vestigia forsitan illum
aut herba captum viridi aut armenta secutum
perducant aliquae stabula ad Gortynia vaccae
 
Weiter dann ging's, wie die Schiffer den Hylas riefen, an welchem
Quell er geblieben, wie's ,,Hylas, O Hylas!" hallte am Strand lang.
Und Pasiphae, selig, wenn's nie doch Rinder gegeben,
tröstete er mit der Liebe zum schneeigschimmernden Stiere.
Mädchen, unseliges, welcher Wahn, ach, hat dich ergriffen?
Proetus' Töchter erfüllten mit täuschendem Brüllen die Feldflur,
doch so schändlicher Buhlschaft mit Vieh ergab sich doch keine,
wenn sie auch schon für den Nacken den Pflug gefürchtet und wenn sie
oft schon getastet an glatter Stirn nach sprossenden Hörnern.
Mädchen, unseliges, ach, du irrst jetzt über die Berge.
Jener ruht, hyazinthenumkost die schneeige Flanke,
unter der Steineiche Dunkel und kaut zartgrünende Gräser,
oder er folgt einer Kuh aus der größen Herde. „O schließt, ihr
Nymphen, dictaeische Nymphen, so schließt doch die Schluchten der Wälder
ob unsern Augen vielleicht begegnen rings auf den Wegen
irrende Spuren des Stieres; vielleicht bezaubern ihn grüne
Gräser oder er folgt den weidenden Rindern und also
locken ihn einige Kühe vielleicht zu den Ställen von Gortyn."  
tum canit Hesperidum miratam mala puellam
tum Phaethontiadas musco circumdat amarae
corticis atque solo proceras erigit alnos
tum canit errantem Permessi ad flumina Gallum
Aonas in montis ut duxerit una sororum
utque viro Phoebi chorus adsurrexerit omnis
ut Linus haec illi divino carmine pastor
floribus atque apio crinis ornatus amaro
dixerit hos tibi dant calamos en accipe Musae
Ascraeo quos ante seni, quibus ille solebat
cantando rigidas deducere montibus ornos
his tibi Grynei nemoris dicatur origo
ne quis sit lucus quo se plus iactet Apollo
 
Weiter besingt er das Mägdlein, das goldene Äpfel bestaunte,
Phaetons Schwestern umwebt er alsdann mit der bitteren Rinden
Moos und läßt sie vom Boden schlank aufragen als Erlen.
Weiter singt er von Gallus, wie ihn, der am Strom des Permessus
ziellos ging, eine Muse empor zu Aoniens Höhen
führte, wie rings vor dem Mann sich erhob der Reigen des Phoebus,
wie ihm Linus, der Hirt, der göttlichbegnadete Sänger,
Blütenkränze im wallenden Haar und bitteren Eppich,
dieses gesagt: „Die Flöte hier nimm, eine Gabe der Musen,
einst dem askraeischen Alten geschenkt; sooft er sie spielte,
pflegte er knorrige Eschen zum Tanz von Bergen zu ziehen.
Preise auf ihr des gryneischen Haines göttlichen Ursprung,
daß kein Hain mehr sei, dessen lieber sich rühmte Apollo!"  
quid loquar aut Scyllam Nisi quam fama secuta est
candida succinctam latrantibus inguina monstris
Dulichias vexasse rates et gurgite in alto
a timidos nautas canibus lacerasse marinis
aut ut mutatos Terei narraverit artus
quas illi Philomela dapes quae dona pararit
quo cursu deserta petiverit, et quibus ante
infelix sua tecta super volitaverit alis
 
Sag ich noch, wie er von Scylla, des Nisus Tochter, erzählte?
Bellende Untiere rings an den schimmernden Hüften, so heißt es,
suchte Dulichions Schiffe sie heim, und die bebenden Schiffer,
ach, zerriß sie im wirbelnden Schlund mit den Hunden des Meeres.
Oder wie er des Tereus verwandelte Glieder besungen,
was für ein Mahl Philomele ihm gab und was für Geschenke,
wie sie zur Wüste enteilte und wie befiedert zuvor sie
unglückselig ihr liebes Haus noch flatternd umkreiste?  
omnia quae Phoebo quondam meditante beatus
audiit Eurotas iussitque ediscere lauros
ille canit pulsae referunt ad sidera valles
cogere donec oves stabulis numerumque referre
iussit et invito processit Vesper Olympo
 
Alles, was bei Phoebus Gesang voreinst der Eurotas
glücklich vernahm und zu lernen befahl den lauschenden Lorbeern,
sang der Silen – es trugen den Klang zu den Sternen die Täler -,
bis die Schafe zum Stall zu treiben und alle zu zählen
mahnte der Abendstern; ungern sah sein Licht der Olympus.
Mosaik aus El Jem (Africa)
 
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