Feire Fiz (Hans Zimmermann) : Quellensammlung in zwölf Sprachen : Vergil : Aeneis 6 : Anchises' Lehren
Publius Vergilius Maro
Aeneis 6, 703-755 
 
Unterweltbuch, Anchises' Lehren über
Weltbau und Reinkarnation
Vergil als Dichter der Aeneis zwischen Klio (Muse der Geschichtsschreibung) und Melpomene (Muse der tragischen Dichtung)
 Anhang: Sibylle von Cumae  (Michelangelo) und Georgica 4,219 ff
 
interea videt Aeneas in valle reducta
seclusum nemus et virgulta sonantia silvae
Lethaeumque domos placidas qui praenatat amnem
hunc circum innumerae gentes populique volabant
ac velut in pratis ubi apes aestate serena
floribus insidunt variis et candida circum
lilia funduntur strepit omnis murmure Campus
 
Nun vernimmt Aeneas im abgelegenen Talgrund
abgetrennt einen Hain, das rauschende Buschwerk des Waldes
und den Lethestrom, der vor freundlichen Häusern dahingeht:
Emsig umbrausen ihn die zahllosen Stämme und Völker.
Und eben so, wie wenn auf den Wiesen im heiteren Sommer
Bienen durch bunte Blumen wimmeln und rings um die weißen
Lilien schwärmen, vibriert im Summton das ganze Gefilde.
vgl. den "Kosmos" im Bienenbuch der Georgica
horrescit visu subito causasque requirit
inscius Aeneas quae sint ea flumina porro
quive viri tanto complerint agmine ripas
 
Von der Schau überrascht erschauert Aeneas und sucht nach
Gründen ahnungslos, was das für Ströme dort ferne
seien, und was für Männer die Ufer in Scharen erfüllten.
  tum pater Anchises animae quibus altera fato
corpora debentur Lethaei ad fluminis undam
securos latices et longa oblivia potant
has equidem memorare tibi atque ostendere coram
iampridem hanc prolem cupio enumerare meorum,
quo magis ltalia mecum laetere reperta
 
Da sprach Vater Anchises: „Die Seelen, die ihrem Schicksal
neue Körper verdanken, sie trinken an Lethestroms Welle
sorgenlösende Elixiere und tiefes Vergessen.
Diese dir ins Bewußtsein zu rufen und deutlich zu zeigen
drängt es mich längst, dir aufzuzählen den Nachwuchs der Meinen,
daß um so mehr du mit mir des entdeckten Italien froh wirst."
  o pater anne aliquas ad caelum hinc ire putandum est
sublimis animas iterumque ad tarda reverti
corpora quae lucis miseris tam dira cupido
dicam equidem nec te suspensum nate tenebo
suscipit Anchises atque ordine singula pandit
 
"Vater, muß man denn glauben, zum Himmel gingen von hier aus
einige Seelen hinauf und kehrten zurück in die trägen
Körper? Welch eine heillose Sucht treibt die Armen zum Licht hin?"
"Sagen will ichs, mein Sohn, nicht in der Schwebe dich halten",
hebt Anchises nun an, erschließt ihm geordnet das Kleinste.
  principio caelum ac terras camposque liquentis
 
lucentemque globum Lunae Titaniaque astra
 
spiritus intus alit totamque infusa per artus
 
mens agitat molem et magno se corpore miscet.
 
inde hominum pecudumque genus vitaeque volantum
et quae marmoreo fert monstra sub aequore pontus.
igneus est ollis vigor et caelestis origo
seminibus, quantum non noxia corpora tardant
terrenique hebetant artus moribundaque membra.
 
„Himmel und Erde vom Ursprung an, und die Wogengefilde,
Lunas leuchtende Kugel auch, die Titanen-Gestirne
nährt von innen der Geist, Bewußtsein bewegt durch die Glieder
strömend die Masse als ganze und dringt durch den mächtigen Körper.
Daher die Art der Menschen und Tiere, das Leben der Vögel,
Ungeheuer, die unter dem marmornen Spiegel das Meer birgt.
Feurig ist ihre Kraft und himmlischen Ursprungs sind jene
Keime, soweit nicht schädliche Körper sie hindern und hemmen,
Erdenorgane ins Zähe sie ziehen und sterbliche Glieder.
  hinc metuunt cupiuntque dolent gaudentque neque auras
dispiciunt clausae tenebris et carcere caeco
quin et supremo cum lumine vita reliquit
non tamen omne malum miseris nec funditus omnes
corporeae excedunt pestes penitusque necesse est
multa diu concreta modis inolescere miris
ergo exercentur poenis veterumque malorum
supplicia expendunt aliae panduntur inanes
suspensae ad ventos aliis sub gurgite vasto
infectum eluitur scelus aut exuritur igni
 
So voller Furcht, Verlangen, Schmerzen und Freude durchdringt ihr
Blick nicht die Lüfte: verschlossen im Dunkel, im finsteren Kerker.
Ja, selbst wenn mit letztem Blick das Leben dahinschied,
weicht noch nicht alles Übel den Armen, es weichen nicht alle
Seuchen des Körpers von Grund aus fort: notwendigerweise
wurzelt vieles erstaunlich tief, was so lang da hineinwuchs.
Also werden von Pein sie geplagt; für frühere Sünden
büßen Strafen sie ab: weit hangen die einen im leeren
Windraum ausgespannt, den anderen wird unter wildem
Strudel die Untat gelöscht, oder ausgeglüht durch das Feuer.
  quisque suos patimur manis exinde per amplum
mittimur Elysium et pauci laeta arva tenemus
donec longa dies perfecto temporis orbe
concretam exemit labem purumque relinquit
aetherium sensum atque aurai simplicis ignem
has omnis ubi mille rotam volvere per annos
Lethaeum ad fluvium deus evocat agmine magno
scilicet inmemores supera ut convexa revisant
rursus et incipiant in corpora velle reverti
 
Wir erleiden je eigene Manen; dann ausgesandt in die
Weiten Elysiens wohnen manche in Wonnegefilden,
bis der lange Tag, wenn gerundet der Zirkel der Zeit ist,
eingewachsenen Makel tilgt und gereinigt zurückläßt
ätherfein unsren Sinn und von schlichtem Goldhauch das Feuer.
Alle, sobald sie ihr Rad durch tausend Jahre hin wälzten,
ruft zur Lethe der Gott in mächtiger Schar – wie du weißt: daß
ohne Erinnerung sie dann die höhere Wölbung erblicken
und damit sie beginnen, sich wiederverkörpern zu wollen.
  dixerat Anchises natumque unaque Sibyllam
conventus trahit in medios turbamque sonantem
et tumulum capit unde omnis longo ordine posset
adversos legere et venientum discere voltus
 
Also sprach Anchises und zog mit dem Sohn die Sibylle
mitten in die Versammlung hinein, in die summende Menge,
nahm einen Hügel, von wo in langen Reihen er könne
alle durchmustern von vorn und erkennen der Kommenden Antlitz.
Sibylle von Cumae (Michelangelo, Sixtinische Kapelle)
 
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