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Richard Wagner
 
 Parsifal
 
Ein Bühnenweihfestspiel in drei Aufzügen 
 
(nach dem Wortlaut der gedruckten Partitur
von 1883)
in kommentierendem Vergleich mit den 
Bezugsstellen und Entsprechungen bei 
Chrétien de Troyes
und Wolfram von Eschenbach:
Gralsburgszene und 
Trevrizentbegegnung Parzivals
sowie Robert de Borons "Gralsgeschichte"
durch Feire Fiz
Einführendes zur musikalischen Substanz des Parsifal
 
Erste Hälfte des
ersten Aufzugs
(im Gebiet des Grals)
 
Personen:  
    Amfortas – Bariton 
    Titurel – Baß 
    Gurnemanz – Baß  

    Parsifal – Tenor 
     
    Klingsor – Baß 
    Kundry – Sopran 

 Erster und zweiter Gralsritter  
      – Tenor und Baß 
 Vier Knappen  
      – 2 Soprane, 2 Tenöre  

 KIingsors Zaubermädchen -  
 Sechs Einzelsängerinnen, Sopran und Alt, 
 und Sopran und Alt in zwei Chören.  
 Die sechs Einzelsängerinnen sind in  
 zwei Gruppen (1.-3. und I.-III.) eingeteilt. 
  
 Die Brüderschaft der Gralsritter  
       - Tenor und Baß  
 Jünglinge und Knaben  
       - Tenor, Alt und Sopran

Unter den sechs Hauptpersonen des Wagnerschen "Parsifal" sind zwei stark umgedeutete, eigentlich aus mehreren Personen des Gralsepos (Wolfram) "zusammengefaßte" Figuren, nämlich  
Gurnemanz, der vom ritterlichen Lehrer in höfischem Betragen (Wolfram 162-179) hier zu einem spirituellen Lehrer der Gralsschule wird und damit eher die Funktionen und die gewichtige Bedeutung Trevrizents übernimmt; und  
Kundry, die zwar u.a. auch die Botenfunktionen der gleichnamigen Gestalt aus dem Gralsepos übernimmt, aber eine ganz neuartige, tragende Rolle im Verführungsdrama Wagners gewinnt;  
Klingsor gewinnt gleichfalls an tragender Bedeutung als Gegenfigur zu Amfortas und Titurel mit seiner komplementären Gegenwelt zur Gralsburg, wo auch die "Zaubermädchen" (vgl. Wolfram, die Schastel-marveil-Aventiure Gawans 558 ff, dort auch 637 der Zauberer Clinschor als Herr über die eingeschlossenen Frauen) im zweiten Parsifal-Akt eigenartig süß aufblühen dürfen.  
Die "Brüderschaft der Gralsritter" dagegen wird bei Wagner eindeutig als Orden esoterisch-selbstsüchtiger, mitleidsloser Parasiten am Leid des Gralskönigs charakterisiert.
Ort der Handlung:  
 
Auf dem Gebiete und in der Burg  
der Gralshüter «Monsalvat»;  
Gegend im Charakter der nördlichen  
Gebirge des gotischen Spaniens.  
  
Sodann: Klingsors Zauberschloß,  
am Südabhange derselben Gebirge,  
dem arabischen Spanien zugewandt  
anzunehmen.  
 
Die Jenseitigkeit der Gralsburg besonders bei Wolfram wird zum einen dadurch kenntlich, daß Parzival nur ohne alle eigene Absicht in ihr Gebiet gelangt, zum andern durch das Seelen-Bild der Sigune mit ihrem toten Bräutigam, durch das immer eine Art Bewußtseinsschwelle angezeigt wird. In diesem Grenzbereich findet auch die "Trevrizentbeichte" statt (bezeichnend der Sieg über den Gralsritter unmittelbar vor der Pilgerbegegnung). Wagners Gralsburg "in Spanien" vertritt eher das Christentum gegenüber Klingsors Zauberschloß auf der "arabischen" Seite des Gebirgszugs, ganz gegen die arabisch-heidnische Herkunft der Grals-"Sternendeutung" bei Wolfram und die Unentschiedenheit der Engel, die ihn hüten.
Original-Orchesterbesetzung:  
  
Streichinstrumente: 16 Violinen I,  
16 Violinen II, 12 Bratschen, 
12 Violoncelli, 8 Kontrabässe  
  
Saiteninstrumente: 2 Harfen  
  
Holzblasinstrumente: 3 Oboen,  
3 große Flöten, 1 Englisch Horn,  
3 Klarinetten, 1 Baßklarinette, 
3 Fagotte, 1 Kontrafagott  
  
Blechinstrumente: 4 Hörner, 3 Trompeten, 
3 Posaunen, 1 Baßtuba  
  
Schlaginstrumente: 2 Pauken  
  
Auf der Bühne: 2 Trompeten, 4 Posaunen, 
1 Rührtrommel, Glockenspiel 
Wagners Klangarbeit repräsentiert erst eigentlich die Grundidee: Sie versinnlicht den "Gral" in solchem Maße, daß die Erzählung, auch in ihrer märchenförmig symmetrischen Umarbeitung durch den Dramatiker, als immanent-imaginatives Bei-Spiel der musikalischen Komposition gelten kann, das in deren polyphonen Schichtungen und harmonikal-chromatischen Polaritäten restlos aufgeht, vom ersten Dreiklangsmotiv (s.u. die Skizze zum Vorspiel) bis hin zur unbegrenzt aufsteigenden Quintenzirkularität des "Erlösung dem Erlöser dem Erlöser..."-Motivs des von da an nie mehr verschlossenen Grals.
 
Richard Wagners Skizze des Vorspiels zu Parsifal, 1.Aufzug: Nehmet hin meinen Leib, nehmet hin mein Blut, um unserer Liebe willen. Schwebende Dreiklangsimmanenz der Melodie zwischen Tonika (Dur) und oberer großer Mediante (Moll), chromatisch-weich vermittelt durch die auf- und abwogenden Streicherglissandi und die impressionistisch getupften Holzbläserakkorde des gleichfalls schwebenden Ausklangs
 
Erster Aufzug 
  Im Gebiet des Grals  
Wald, schattig und ernst,  
doch nicht düster  
  
Eine Lichtung in der Mitte.  
Links aufsteigend  wird der Weg  
zur Gralsburg angenommen.  
Der Mitte des Hintergrundes zu  
senkt sich der Boden zu einem  
tiefer gelegenen  Waldsee hinab. -  
vgl. den parallel gebauten  
Beginn des dritten Aufzugs
Tagesanbruch.  Bei Wolfram kommt der junge Held, der den ganzen Tag unterwegs war, gegen Abend an und nimmt an einem Nachtmahl bzw. "Abendmahl" in allen Bedeutungen des Wortes  teil. 
 
 
Gurnemanz (rüstig greisenhaft)  
und zwei Knappen  
(von zartem Jünglingsalter) 
sind schlafend unter einem Baume gelagert. - 
Von der linken Seite,  
wie von der Gralsburg her, 
ertönt der feierliche Morgenweckruf  
der Posaunen.
 

  
Bei Chrétien wie auch bei Wolfram ist die Gralserzählung ganz an Parzival und seinem Erleben entlanggeführt; eine davon unabhängige Szene, in die der Held erst von außen hineingerät, ist dort nicht denkbar.  
  
Andererseits haben die Epen über mehrere Bücher hinweg (!) ihren zentralen Gawan-Einschub, der selbst wiederum in der "mittlersten Mitte" des Gesamtwerkes episodisch durch Parzivals Trevrizent-Begegnung unterbrochen wird. 

GURNEMANZ  
 (erwachend und die Knaben rüttelnd)  
    He! Ho! Waldhüter ihr,  
    Schlafhüter mitsammen,  
    so wacht doch mindest am Morgen! 
 (Die beiden Knappen springen auf) 
    Hört ihr den Ruf?  
    Nun danket Gott, 
    daß ihr berufen, ihn zu hören!  
(Er senkt sich mit den Knappen auf die Knie  
und verrichtet mit ihnen gemeinschaftlich  
stumm  das Morgengebet.  
Sie erheben sich langsam.) 
Für den Hörer des Wagnerschen Werkes, der gerade erst die harmonischen Wandlungen des Vorspiels von der kadenzklaren Tonalität der Gralsmotive über deren Moll-Durchführung hinein in das kompliziert verstrickte Schmerzensmotiv des Amfortas verfolgt hat und der nun mit "dem Ruf" den Anfang des Anfangs vernimmt, reicht die Frage des Gurnemanz über die Szene hinaus.  
  
Mysteriendrama (das heißt "Bühnenweihfestspiel"): der Hörer ist ein "berufener" Auditor: ho echôn ôta akouein akouetô, "wer Ohren hat zu hören, der höre."  
  
Aber die Schulung zeigt keine übertriebene Strenge gegenüber den "Schlafhütern", wie auch im weiteren Verlauf der Lehrer Gurnemanz sich durch Milde, Verständnis und didaktisches Überzeugen auszeichnet (so auch bei Wolfram 174, vgl. auch Trevrizents Reaktion auf das Bekenntnis Parzivals: Er hätte "seine fünf Sinne benutzen" sollen). 
    Jetzt auf, ihr Knaben!  
    Seht nach dem Bad. 
    Zeit ist's, des Königs dort zu harren.
 (Er blickt nach links in die Szene.)  
    Dem Siechbett, das ihn trägt, voraus  
    seh' ich die Boten schon uns nah'n! 
 (Zwei Ritter treten auf)  
    Heil euch! Wie geht's Amfortas heut'?  
    Wohl früh verlangt' er nach dem Bade:  
    das Heilkraut, das Gawan  
    mit List und Klugheit ihm gewann,  
    ich wähne, daß das Lind'rung schuf? 
 ZWEITER RITTER  
    Das wähnest du, der doch alles weiß?  
    Ihm kehrten sehrender nur  
    die Schmerzen bald zurück: 
    schlaflos von starkem Bresten,  
    befahl er eifrig uns das Bad.  
 GURNEMANZ  
 (das Haupt traurig senkend)  
    Toren wir, auf Lind'rung da zu hoffen,  
    wo einzig Heilung lindert!  
    Nach allen Kräutern, allen Tränken forscht  
    und jagt weit durch die Welt: 
    ihm hilft nur Eines - 
    nur der Eine.  
 ZWEITER RITTER  
    So nenn' uns den!  
 GURNEMANZ  
 (ausweichend)  
    Sorgt für das Bad! 
Bei Wagner dient der See im Gralsgebiet zum Bad des Kranken und zur Linderung seiner Schmerzen; bei Wolfram verbindet sich mit diesem See namens "Brumbane" zugleich die (zunächst nur rätselhafte, biblisch-apostolisch anmutende) Benennung des Anfortas als  "Fischer" oder "Fischerkönig": "Er kann weder reiten noch gehen, weder liegen noch stehen, er lehnt sich an, ohne richtig zu sitzen", so läßt er sich also vom Wasser dort tragen; die Lüfte des Sees vertreiben zudem auch den üblen Geruch seiner Wunde – "daher stammt die Geschichte, er wäre ein Fischer" (Parzival 491). Allerdings ist bei Robert de Boron "der reiche Fischer" Titel des Gralskönigs Hebron bzw. Bron, da dieser zur durchsichtigen, mit dem Blut Christi gefüllten Kristallschale, dem "Gral", und der Patene, die ihm aufliegt, als dritten "Ritualgegenstand" einen Fisch hinzufügte (siehe auch das "Fisch"-Erlebnis im Vergleich der Speisungswunder unten). 
  
Auch bei Wolfram ist die eifrige weltweite Suche nach einem Heilmittel für die Wunder des Königs völlig zwecklos: nur die Mitleidsfrage eines Fremden kann den König erlösen (Parzival 483), wie im Folgenden wiederholt und vollständiger ausgeführt werden wird. 
 
(Die beiden Knappen haben sich  
dem Hintergrunde zugewendet  
und blicken nach rechts.) 
 
 ZWEITER KNAPPE  
    Seht dort die wilde Reiterin!  
 ERSTER KNAPPE  
    Hei! Wie fliegen der Teufelsmähre die Mähnen! 
 ZWEITER RITTER  
    Ha! Kundry dort.  
 ERSTER RITTER 
    Die bringt wohl wicht'ge Kunde?  
 ZWEITER KNAPPE  
    Die Mähre taumelt.  
 ERSTER KNAPPE  
    Flog sie durch die Luft?  
 ZWEITER KNAPPE  
    Jetzt kriecht sie am Boden hin. 
 ERSTER KNAPPE 
    Mit den Mähnen fegt sie das Moos. 
 (Alle blicken lebhaft nach der rechten Seite.)  

 ZWEITER RITTER  

    Da schwingt sich die Wilde herab!  
 KUNDRY 
(stürzt hastig, fast taumelnd herein.  
Wilde  Kleidung, hoch geschürzt;  
Gürtel von  Schlangenhäuten lang herabhängend; 
schwarzes, in losen Zöpfen flatterndes Haar; 
tief braunrötliche Gesichtsfarbe;  
stechende schwarze Augen,  
zuweilen wild  aufblitzend,  
öfters wie todesstarr und unbeweglich.  
Sie eilt auf Gurnemanz zu und dringt ihm  
ein  kleines Kristallgefaß auf) 
    Hier! Nimm du! – Balsam... 
 GURNEMANZ  
    Woher brachtest du dies? 
 KUNDRY  
    Von weiter her als du denken kannst. 
    Hilft der Balsam nicht, 
    Arabia birgt dann nichts mehr  
    zu seinem Heil. - 
    Fragt nicht weiter! Ich bin müde. 
 (Sie wirft sich an den Boden.) 
"Cundrie 
surziere (Zauberin) was ir zuoname"  
 
- so heißt bei Wolfram die häßliche Frau, die (bei Chrétien noch anonym) am Artushof erscheint, kaum daß Parzival dort aus der Faszination der drei Blutstropfen im Schnee herausgerissen und in die Ritterrunde aufgenommen worden ist. Dort verflucht sie ihn im Prophetenstil und reitet dann auf ihrem Maultier weiter.  
  
Chrétien (4608 ff) und Wolfram (312) stimmen in der Beschreibung ihrer Häßlichkeit wie ihres Reittieres überein; aber sie ist bei Wolfram zugleich kostbar mit schwerer Seide gekleidet und ist zu allem Überfluß noch hochgelehrt, d.h. sie kann Latein, Arabisch und Französisch und beherrscht Logik, Geometrie und Astronomie 
  
Von ihrer äußerlichen Beschreibung sind bei Wagner nur die schwarzen Zöpfe übriggeblieben,  
 
- Chrétien (4614):  
"La damoisele fu trechie  
a deus treches tortes et noires"  
(Ihr Haar trug sie in zwei wirren schwarzen Zöpfen),  
  
- Wolfram (313):  
"über den huot ein zopf ir swanc  
unz ûf den mûl: der was sô lanc,  
swarz, herte und niht ze clâr,  
lind als eins swînes rückehâr";  
 
alles weitere bei Wagner ist originell; sie ist auch nicht der Ausbund von Häßlichkeit, wie bei den beiden Epikern, sondern (in Spanien immerhin) eine Art "Carmen", Zigeunerin mit Verführungsreiz, ein wildes Naturwesen, zauberkräftig nicht so sehr durch die Kompensation ihrer Häßlichkeit mit scharfer Klugheit, ja Prophetie (wie bei Chrétien) oder durch Gelehrtheit in den sieben freien Künsten (wie bei Wolfram), als wegen ihrer seelischen Zerrissenheit und ihres erfahrungstiefen Alters durch mehrere Inkarnationen hindurch, hier nur knapp symbolisch repräsentiert mit ihrem "Gürtel von Schlangenhäuten".  
  
Und sie, die Verführerin und Ursache der Verwundung des Königs, reicht einen Balsam "von weiter her als du denken kannst", – von jenseits des Bewußtseins – ein, wie wir erfahren werden, weit stärkerer Kompensationsdrang als bei der häßlichen Prophetin im Epos. In der Tat ist sie die tragende Figur der ganzen Handlung, Ursache und treibende Kraft.  
  
Die Kompensation ihrer hier noch verborgenen "Nachtseite" (die aber als "Schlaf" hervordrängt) beansprucht ihre Kräfte so sehr, daß sie sofort von einer unwiderstehlichen Müdigkeit überwältigt wird – mitten am Tage! 
(Ein Zug von Knappen und Rittern,  
die Sänfte tragend und geleitend,  
in welcher Amfortas ausgestreckt liegt,  
gelangt, von links her, auf die Bühne. -  
Gurnemanz hat sich, von Kundry ab-,  
sogleich den Ankommenden zugewendet.) 

 GURNEMANZ  

    Er naht: sie bringen ihn getragen. -  
    O weh'! Wie trag' ich's im Gemüte, 
    in seiner Mannheit stolzer Blüte  
    des siegreichsten Geschlechtes Herrn  
    als seines Siechtums Knecht zu seh'n! 
(zu den Knappen) 
    Behutsam! Hört, der König stöhnt. 
(Die Knappen halten an  
und stellen das Siechbett nieder) 

AMFORTAS  
(erhebt sich ein wenig)  

    Recht so! – Habt Dank! -  
    Ein wenig Rast. -  
    Nach wilder Schmerzensnacht  
    nun Waldes-Morgenpracht.  
    Im heil'gen See 
    wohl labt mich auch die Welle: 
    es staunt das Weh',  
    die Schmerzensnacht wird helle. - 
    Gawan! 
ZWEITER RITTER 
    Herr! Gawan weilte nicht.  
    Da seines Heilkrauts Kraft,  
    wie schwer er's auch errungen,  
    doch deine Hoffnung trog, 
    hat er auf neue Suche sich fortgeschwungen. 
AMFORTAS  
    Ohn' Urlaub? – Möge das er sühnen, 
    daß schlecht er Gralsgebote hält!  
    O wehe ihm, dem trotzig Kühnen,  
    wenn er in Klingsors Schlingen fällt!  
    So breche keiner mir den Frieden: 
    ich harre des, der mir beschieden.  
    «Durch Mitleid wissend» 
    - war's nicht so? 
GURNEMANZ  
    Uns sagtest du es so. 
AMFORTAS  
    «der reine Tor» – -: 
    mich dünkt ihn zu erkennen: 
    dürft' ich den Tod ihn nennen! 
GURNEMANZ  
(indem er Amfortas das Fläschchen Kundrys überreicht) 
    Doch zuvor versuch' es noch mit diesem!
 AMFORTAS 
    Woher dies heimliche Gefäß?
GURNEMANZ 
    Dir ward es aus Arabia hergeführt.
AMFORTAS 
    Und wer gewann es? 
GURNEMANZ 
    Dort liegt's, das wilde Weib. -  
    Auf, Kundry, komm! 
(Kundry weigert sich und bleibt am Boden.) 
  
AMFORTAS  
    Du, Kundry? 
    Muß ich dir nochmals danken,  
    du rastlos scheue Magd? -  
    Wohlan!  
    Den Balsam nun versuch' ich noch; 
    es sei aus Dank für deine Treue! 
KUNDRY  
(unruhig und heftig  
am Boden sich bewegend)  
    Nicht Dank! – Haha! Was wird es helfen?  
    Nicht Dank! Fort, fort! Ins Bad! 
(Amfortas gibt das Zeichen zum Aufbruch.) 
(Der Zug entfernt sich nach dem tieferen  
Hintergrunde zu. - 
Innerhalb der Gralsburgszene bei Chrétien und Wolfram sind die Leiden des Anfortas diskret mit Symbolen verhüllt, die erst durch die Erklärungen Sigunes (unmittelbar nach der Gralsbegegnung) und später besonders durch Trevrizents Ausführungen "lesbar" werden.  
  
Sogar das friedlich-zivile Eingangsbild des "Fischers" auf dem See beinhaltet (wie bereits erklärt wurde) den Schmerz des Verwundeten, der "weder reiten noch gehen, weder liegen noch stehen" kann (Parzival 491) und auf dem See Linderung sucht.  
  
Daß der Schmerz nicht schwindet, sondern nur gewissermaßen "umgefärbt" wird – "aufgehellt", also vielleicht sogar verstärkt in eine andere Richtung – entspricht den Gegenschmerzmitteln in Trevrizents Bericht: die Saturnskälte und der blutende Speer. Hier ist die Musik sprechend (wie immer in Wagners Werk): der eigenartige Klang der Hörner, ganz Gegen-Impression zum gleißenden, scharf von Trompeten überglänzten Unisono der Streicher im Motiv der Gralenthüllung, wo die "Schmerzensnacht" des zelebrierenden Königs auf eine ganz andere Art und Weise "helle wird", und mit der entsprechenden harmonischen Chromatik besonders bei der Mollvariante des Motivs ("Nehmet hin mein Blut, nehmet hin meinen Leib").  
  
Gawan wird bei Wagner vom Befreier des Schastel marveil hier auf einen durch Klingsor (also eben durch das Zauberschloß) gefährdeten Heilmittelsucher reduziert, so daß sein Anteil an der Gesamthandlung des Epos auf Parsifal übertragen werden kann.  
  
Die Verheißung der Heilung durch einen Fremden, der die symbolhaft-diskrete Verschleierung der Ereignisse mit einer schlichten Mitleidsfrage durchdringt: bei Sigune und, als Gipfel der Heilungssuche, bei Trevrizent 
  
Exotik der Heilmittel – noch ist die arabische Kultur die medizinisch, wissenschaftlich und technisch überlegene Nachbarkultur des Abendlandes – in Trevrizents Bericht; der Begriff des "Heidnischen" ist bei Wolfram niemals pejorativ; zwar macht die Taufe hellsichtig, aber meistens nur für Geheimnisse, die doch von den "Heiden" selbst erst dargeboten werden.  
  
Bei Wagner schimmert durch die Exotik – "heimliches Gefäß aus Arabia", aber auch das zigeunerhafte Erscheinungsbild (gemäß Merimee: Carmen; vgl. Nietzsches Äußerung, er habe sich durch übermäßigen, suchtartigen Genuß der Bizet-Oper von Wagners Psychologismen heilen wollen...) der Surziere Kundry – schon der Verdacht durch, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugeht: "Arabia" ist Klingsors Welthälfte; die soeben vom Himmel hier auf die Erde gestürzte wilde Reiterin (wie die "wilde Jagd") bringt das Heilmittel von dort her, von ihrer eigenen Nachtseite, die (so sagt sie selbst) der Gralslehrer Gurnemanz mit seinem Bewußtsein nicht erreichen kann.  
  
Kundry vermeidet die unmittelbare Begegnung und Berührung mit dem Gralskönig; Gurnemanz soll es weitergeben; Dank nimmt sie nicht an. Sie hat wohl eine gefühlsartige Ahnung von Schuld, Kompensation, Wirksamkeit und Unwirksamkeit in ihrem Versuch, während die Äußerung des Kranken mit Blick auf die Gesamthandlung geradezu grotesk erscheint: "es sei aus Dank für deine Treue" – das Oberflächenbewußtsein verkehrt die "wahren" Sachverhalte und verbirgt sie mit Harmlosigkeiten.  
  
Diese dramatische Polarität und Spannung wird von Freud in der bekannten Weise beschrieben (z.B. in seiner "Traumdeutung"), ist aber durch die griechische Tragödie und besonders durch Wagners Bühnenwerke seit jeher ausgestaltet worden; Nietzsche, angeregt durch Schopenhauer, aber selbst Altphilologe und glühender Wagnerianer, greift das romantische Begriffspaar "dionysisch"-"apollinisch" von Creuzer und Schelling auf und bezieht es auf die spannende Polarität des dionysischen Wahns und seiner apollinischen  Bewältigung im Bewußtsein: "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" (1871); vgl. insbesondere zu Beginn dieser Schrift die Bildbeschreibung der "Verklärung" von Raffaelo Santi im Vatikanischen Museum, wo mit der schwebenden Christusgestalt oben die vergebliche Heilung des Besessenen durch die Jünger unten kontrastiert und die einzige Verbindung der unteren und der oberen Bildhälfte durch den Blick des "Besessenen" nach oben zur schwebenden Gestalt geknüpft wird 
Man beachte insbesondere die rätselhafte kniende Frauengestalt in der unteren Bildhälfte.  
  
Raffaelo Santi: Christi Verklärung und Heilung des besessenen Knaben, in Nietzsche: Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik Urbild der Polarität des Apollinischen und Dionysischen
Gurnemanz, schwermütig nachblickend,  
und Kundry,  
fortwährend auf dem Boden gelagert,  
sind zurückgeblieben. -  
Knappen gehen ab und zu.) 
  
DRITTER KNAPPE  
    He! Du da! -  
    Was liegst du dort wie ein wildes Tier?
KUNDRY  
    Sind die Tiere hier nicht heilig? 
DRITTER KNAPPE  
    Ja; doch ob heilig du,  
    das wissen wir grad' noch nicht. 
VIERTER KNAPPE  
    Mit ihrem Zaubersaft, wähn' ich,  
    wird sie den Meister  
    vollends verderben.
GURNEMANZ  
    Hm! – Schuf sie euch Schaden je?  
    Wann Alles ratlos steht,  
    wie kämpfenden Brüdern in fernste Länder 
    Kunde sei zu entsenden,  
    und kaum ihr nur wißt, wohin? -  
    Wer, ehe ihr euch nur besinnt,  
    stürmt und fliegt da hin und zurück,  
    der Botschaft pflegend  
    mit Treu' und Glück?  
    Ihr nährt sie nicht, sie naht euch nie,  
    nichts hat sie mit euch gemein;  
    doch wann's in Gefahr der Hilfe gilt,  
    der Eifer führt sie schier durch die Luft 
    die nie euch dann zum Danke ruft.  
    Ich wähne, ist dies Schaden,  
    so tät' er euch gut geraten? 
DRITTER KNAPPE  
    Doch haßt sie uns. -  
    Sieh' nur, wie hämisch dort  
    nach uns sie blickt! 
VIERTER KNAPPE  
    Eine Heidin ist's, ein Zauberweib. 
GURNEMANZ  
    Ja, eine Verwünschte mag sie sein. 
    Hier lebt sie heut' – vielleicht erneut, 
    zu büßen Schuld aus früh'rem Leben, 
    die dorten ihr noch nicht vergeben.  
    Übt sie nun Buß' in solchen Taten,  
    die uns Ritterschaft zum Heil geraten, 
    gut tut sie dann und recht sicherlich, 
    dienet uns – und hilft auch sich. 
DRITTER KNAPPE  
    So ist's wohl auch jen' ihre Schuld, 
    die uns so manche Not gebracht? 
Daß die Knappen, unerzogen, ohne Anstand, noch eine Ahnung oder kaum bewußte Kenntnis davon haben, daß mit Kundry "irgendetwas nicht stimmt", gegenüber dem grotesken Verkennen der Situation durch ihr Verführungsopfer Amfortas und den Lehrer Gurnemanz, zeigt, daß sie in gewisser Weise näher beieinanderstehen und etwas gemeinsam haben – wohl die Natürlichkeit der Jugend, die der personalen Verkörperung der Natur, Kundry, enger verwandt ist als die höfisch-höflichen Alten. Kundry als Natur-Personalisierung, nicht bloß als wildes Naturwesen mit naturhaft verdichteter Verführungs-, Hellsichtigkeits- und Heilkraft: Sie "stürmt und fliegt" durch die Luft wie eine Walküre, wie Odins wilde Jagd, wie ein Wind- und Wettergeist.  
  
Andererseits müßten die beiden Alten, besonders Gurnemanz, mit ihr die Erfahrung und Lebensweisheit gemeinsam haben; Gurnemanz ruft ihre "Leistungen" ins Gedächtnis, erkennt und erklärt sie auch allmählich als Kompensation, und führt, fast unmerklich, die Erwägung an das offene Problem heran: daß die Helferin immer dann, wenn wirkliche Hilfe vonnöten war, fernblieb. Daß sie die "Ursache" selbst ist, diese Einsicht rückt näher heran an seine Reflexion, erreicht ihn aber nicht.  
  
Die tiefste seiner Einsichten: daß der Eifer, für den sie jeden Dank abweist, einem Kompensationsbedürfnis entspringt, das über ihre bewußt erreichbare individuelle jetzige Lebenssphäre hinausreicht, führt seine Erwägungen sogar an die Möglichkeit heran, daß sie Handlungen aus "früheren Leben" durch helfende Taten ausgleicht, also auf die klassische "Karma"-Idee - hier allerdings individuell auf die helfende Botin bezogen, noch nicht zu einem Prinzip für das Tatenausgleichsgeflecht aller Menschen verallgemeinert.  
  
Die etwas unverschämte Rückfrage des dritten Knappen: ob denn nicht von dem Helfersyndrom der ruhelosen Gralsbotin, also von ihrem Bedürfnis, frühere Schuld auszugleichen, auch darauf geschlossen werden könne, daß sie die Ursache "mancher Not" der Gralsritterschaft sein könne, ist logisch genug, den Lehrer Gurnemanz nahe an die Wurzel des Problems heran zu rücken. "Schuld aus früherem Leben" müßte allerdings nicht mit dem Gral und seiner Ritterschaft zusammenhängen; Schuld am Gral oder seiner Ritterschaft läge eher in diesem Leben, in dem Bereich, den das Bewußtsein des Lehrers als Gralsgeschichte überschaut.  
  
Das Motiv der Verkörperungen-Kette Kundrys wird erst im zweiten Akt durch Klingsor aufgegriffen und gewissermaßen im Nachhinein "bestätigt"; die Frage nach einem engeren Zusammenhang von verborgener Schuldursache und ausgleichendem Tatendrang wird nun durch den dialogisch-lehrenden Gurnemanz zugeschärft und bringt die Verwundung des Amfortas zur Anamnese.  
  
Man vergleiche die Schuld oder Nichtschuld der Engel, die den Gral hüten: Sie haben sich im Kampf zwischen Michael und dem Drachen nicht entschieden – ob Gott ihnen vergeben habe, muß selbst dem theologisch klarsichtigen Trevrizent offenbleiben.  
 
 GURNEMANZ  
 (sich besinnend) 
    Ja, wann oft lange sie uns ferne blieb, 
    dann brach ein Unglück wohl herein.  
    Und lang' schon kenn' ich sie: 
    doch Titurel kennt sie noch länger:  
    Der fand, als er die Burg dort baute,  
    sie schlafend hier im Waldgestrüpp,  
    erstarrt, leblos, wie tot.  
    So fand ich selbst sie letztlich wieder, 
    als uns das Unheil kaum gescheh'n, 
    das jener Böse über den Bergen  
    so schmählich über uns gebracht. -
(zu Kundry)  
    He! Du! – Hör' mich und sag': 
    wo schweiftest damals du umher,  
    als unser Herr den Speer verlor? 
(Kundry schweigt düster.)  
    Warum halfst du uns damals nicht?
KUNDRY  
    Ich – helfe nie. 
VIERTER KNAPPE  
    Sie sagt's da selbst. 
DRITTER KNAPPE  
    Ist sie so treu, so kühn in Wehr,  
    so sende sie  
    nach dem verlor'nen Speer! 
GURNEMANZ  
(düster) 
    Das ist ein And'res: 
    jedem ist's verwehrt. - 
(mit großer Ergriffenheit)  
    O, wunden-wundervoller  
    heiliger Speer! 
    Ich sah dich schwingen  
    von unheiligster Hand! - 
So weit erkennt auch Gurnemanz die Zusammenhänge: Zum einen ist mit dem Schaden für den Gral und seine Hüter jeweils eine längere Abwesenheit Kundrys verbunden. Zum zweiten ist sie allen Gralsgenerationen, auch der ältesten, nämlich Titurel, bekannt. Zum dritten taucht sie aus tranceartigen Zuständen auf, wenn sie nach längerer Abwesenheit "gefunden" wird, und das im "Waldgestrüpp", geradezu verflochten mit der wilden Natur, die sie personifiziert. Eben so wird sie ja auch im dritten Akt auftauchen.  
  
Dieses Bildmotiv der erstarrten, "leblos, wie tot" Schlafenden, die passiv aufgefunden wird, verstärkt den Charakter der Kundry-Gestalt im Parsifal als der schlechthinnigen Personifikation der Natur: Hineingezogen in den Sündenfall - bzw. in der Deutung durch Trevrizent: befleckt durch den Brudermord Kains – verliert die Erde ihre paradiesische Unschuld, bringt statt Milch und Honig Dornen und Disteln hervor, wird trocken, staubig und steinig, verliert ihre Erkenntnistransparenz: Die eigentlichen Ursachenkräfte liegen nun im Verborgenen; dem findenden Bewußtsein zeigt sich nur noch eine material erstarrte, passive Erscheinungswelt.  
  
Hat Gurnemanz sich im Dialog durch die Frage des Knappen selbst die Ereignisse ins Gedächtnis gerufen, so "bohrt" er hier gewissermaßen richtig weiter, indem er Kundry danach fragt, wo sie vor ihrem letzten Aufgefundenwerden und Aufwachen aus der Trance denn gewesen sei.  
  
Abweisung jedes Danks, das "ich – helfe nie", im dritten Akt die dort einzigen Worte "dienen – dienen" - all diese abgerissen-kurz dahingestammelten Äußerungen stehen in völligem Gegensatz zum strömenden Melos der eloquenten Überbringerin mütterlicher Grüße und Küsse im zweiten Akt. Sie finden immerhin Entsprechung und anziehende Verwandtschaft in den naiv-lakonischen Auskünften des Schwanentöters, etwa "waren sie bös?" und "wer ist gut?": Hier wie dort schreibt sich die tätige Seele keine ihrer Taten als "gut" zu; dies weiter unten noch einmal deutlicher: "Nie tu ich Gutes" 
  
Hier das erste Mal das Motiv vom verlorenen Speer, eine Wagnersche Spezialität: Bei Chrétien und Wolfram gehört der Speer zu den Ritualgegenständen der Gralsspeisung und wird zur Vergegenwärtigung der Schmerzen des Gralskönigs immer wieder durch den Raum getragen. Von einem Verlust an den Kämpfer, der Anfortas verwundete, kann keine Rede sein. Verbunden mit diesem Motiv des Speerverlustes ist bei Wagner die Rolle Klingsors: Anders als bei Chrétien und Wolfram ist er der Täter, hat die Waffe dem Amfortas entwunden und sie gegen ihn geführt, und nun hält er sie als Ritualgegenstand fest, bis er auch den Gral in der Hand hat, so ist jedenfalls seine Absicht. 
(in Erinnerung sich verlierend)  
    Mit ihm bewehrt, Amfortas, allzukühner, 
    wer mochte dir es wehren 
    den Zaub'rer zu beheeren? - 
    Schon nah' dem Schloß  
    wird uns der Held entrückt: 
    ein furchtbar schönes Weib  
    hat ihn entzückt: 
    In seinen Armen liegt er trunken,  
    der Speer ist ihm entsunken. -  
    Ein Todesschrei! -  
    Ich stürm herbei: -  
    von dannen Klingsor lachend schwand, 
    den heil'gen Speer hat er entwandt.  
    Des Königs Flucht  
    gab kämpfend ich Geleite;  
    doch eine Wunde  
    brannt' ihm in der Seite: 
    die Wunde ist's,  
    die nie sich schließen will. 
Zwar ist auch bei Chrétien und Wolfram Ursache der Verwundung des Anfortas dessen jugendlich-überschwenglicher Minnedienst, aber der Täter wird selbst durch Anfortas besiegt und ist mit Clinschor, dem Zauberherrn des Schastel marveil, nicht identisch.  
  
Den Bericht von der Unternehmung des Anfortas, seiner Verwundung und dem Geleit zurück zur Gralsburg gibt im Epos natürlich Trevrizent, der Bruder des Gralskönigs und der Herzeloyde, Onkel Parzivals und sein klarsichtiger Beichtvater, der sich familiär mitverantwortlich fühlt und mit seiner Askese ein Gegengewicht zur Schuld des Bruders aufbaut
(Der erste und zweite Knappe kommen -  
vom See her – zurück.)  
  
DRITTER KNAPPE  
 (zu Gurnemanz) 
    So kanntest du Klingsor? 
GURNEMANZ  
(zu den zurückkommenden beiden Knappen) 
    Wie geht's dem König?
ERSTER KNAPPE  
    Ihn frischt das Bad.
ZWEITER KNAPPE  
    Dem Balsam wich das Weh.
GURNEMANZ  
(für sich) 
    Die Wunde ist's,  
    die nie sich schließen will! - 
DRITTER KNAPPE  
    Doch, Väterchen, sag' und lehr' uns fein: 
    du kanntest Klingsor – wie mag das sein?  
     
Sobald die Fragen der Knappen, die in Bezug auf Kundry alle Höflichkeitsgrenzen überschritten, den Lehrer in einen skandalverdächtigen Zusammenhang mit Klingsor bringen, überdeckt die Sorge des Gurnemanz um den König die Anamnese.  
  
Aber dies ruft wegen der Wunde, "die nie sich schließen will", gerade die Erinnerung an die tieferen Zusammenhänge wach; als Lehrer angesprochen und um Aufklärung gebeten, setzt der Trevrizent-Amfortas dieser weitläufigen Exposition seinen Bericht fort. 
(Der dritte und der vierte Knappe  
hatten sich  zuletzt schon  
zu Gurnemanz' Füßen niedergesetzt;  
die beiden anderen gesellen sich jetzt  
in gleicher Weise zu ihnen  
unter dem großen Baum.)  
  
GURNEMANZ  
    Titurel, der fromme Held,  
    der kannt' ihn wohl. 
    Denn ihm,  
    da wilder Feinde List und Macht  
    des reinen Glaubens Reich bedrohten,  
    ihm neigten sich in heilig ernster Nacht 
    dereinst des Heilands selige Boten: 
    daraus der trank  
    beim letzten Liebesmahle,  
    das Weihgefäß,  
    die heilig edle Schale,  
    darein am Kreuz  
    sein göttlich Blut auch floß,  
    dazu den Lanzenspeer,  
    der dies vergoß -  
    der Zeugengüter höchstes Wundergut, - 
    das gaben sie in unsres Königs Hut.  

    Dem Heiltum baute er das Heiligtum.  
    Die seinem Dienst ihr zugesindet  
    auf Pfaden, die kein Sünder findet,  
    ihr wißt, daß nur dem Reinen 
    vergönnt ist, sich zu einen  
    den Brüdern, die zu höchsten Rettungswerken  
    des Grales Wunderkräfte stärken. 

  
  
Wolfram holt weiter aus in seinem Bericht von den Ursprüngen des Grals und seiner Weitergabe; von der Gralskunde in den Sternen, gelesen durch Flegetanis, über die rückwärtige Gralsforschung durch Kyot, der in Anjou das Geschlecht auffindet, das berufen ist, den Gral zu hüten, gelangt er zu den letzten vier Generationen bis an die Zeit heran, in der die Handlung spielt: Titurel, der eigentliche Emfänger des Grals und Erbauer der Gralsburg (vgl. die Erzählung von Luzifers "Stein aus der Krone der Gerechtigkeit" im "Wartburgkrieg"), dann Frimutel und schließlich Anfortas, dessen Schwester Herzeloyde dem Gachmuret einen Sohn schenkt:Parzival 
  
Aber die eigentliche Quelle für die Identifikation des Grals – der bei Chrétien nicht weiter beschrieben wird, außer daß er aus Gold gearbeitet und mit kostbaren Edelsteinen besetzt ist und sonnenhell leuchtet, und der bei Wolfram ein Stein ist, der in mythisch-imaginativen Bezügen eher verschlossen als enthüllt wird – die eigentliche Quelle also für die Identifikation des Grals mit dem Abendmahlskelch, in dem das Blut Christi am Kreuz aufgefangen worden sei, ist Robert de Borons "Estoire del Graal". Dort ist es Joseph von Arimathia, der das Blut im Kelch auffängt, dem Christus erscheint (vgl. Nikodemus-Ev. Kap.15) und die Heiligkeit des sakramentalen Kelches bestätigt, und der nach vierzigjähriger Gefangenschaft mit zwölf Jüngern die Gralsgemeinschaft begründet.  
  
    Drum blieb es dem,  
    nach dem ihr fragt, verwehrt,  
    Klingsor'n, wie hart ihn Müh'  
    auch drob beschwert 
    Jenseits im Tale war er eingesiedelt;  
    darüber hin liegt üpp'ges Heidenland: 
    unkund blieb mir,  
    was dorten er gesündigt;  
    doch wollt' er büßen nun,  
    ja heilig werden.  
    Ohnmächtig, in sich selbst  
    die Sünde zu ertöten, 
    an sich legt' er die Frevlerhand,  
    die nun, dem Grale zugewandt,  
    verachtungsvoll des' Hüter von sich stieß; 
    darob die Wut nun Klingsorn unterwies,  
    wie seines schmähl'chen Opfers Tat  
    ihm gäbe zu bösem Zauber Rat;  
    den fand er nun: -  
    Die Wüste schuf er sich zum Wonnegarten,  
    drin wachsen teuflisch holde Frauen;  
    dort will des Grales Ritter er erwarten  
    zu böser Lust und Höllengrauen: 
    wen er verlockt, hat er erworben;  
    schon viele hat er uns verdorben. -  
     
    Da Titurel, in hohen Alters Mühen,  
    dem Sohn die Herrschaft hier verliehen: 
    Amfortas ließ es da nicht ruh'n,  
    der Zauberplag' Einhalt zu tun;  
    das wißt ihr, wie es da sich fand: 
    der Speer ist nun in Klingsors Hand;  
    kann er selbst Heilige  
    mit dem verwunden, 
    den Gral auch wähnt er  
    fest schon uns entwunden.
  
VIERTER KNAPPE  
    Vor allem nun:  
    der Speer kehr' uns zurück!
DRITTER KNAPPE  
    Ha, wer ihn brächt',  
    ihm wär's zu Ruhm und Glück! 
Wagners Sondergut.  
  
Zwar ist das Motiv vom "Schastel marveil" aus den Aventiuren Gavans bei Chrétien und Wolfram, und der Name des herrschenden Zauberers aus Wolframs Text übernommen und ja auch aus der mittelalterlichen Dichtung vom "Sängerkrieg auf der Wartburg" bekannt, wo Clinschor aus Ungerlant dem Heinrich von Ofterdingen gegen Wolfram von Eschenbach (!) zur Hilfe eilen muß, aber sogar die Gefangenschaft der Frauen unterscheidet sich erheblich, wie der Charakter der dort lebenden Frauen ohnehin: Im Epos sind sie bloß Gefangene; hier bei Wagner sind sie Geschöpfe – Gewächse – des "Meisters".  
  
Sowohl im Werdegang Klingsors als auch in der Funktion dieser "Gewächse" werden bei Wagner "Verführung", "Enthaltsamkeit" und Sexualität besonders betont – sehr viel stärker als bei Chrétien oder Wolfram, sei es bei deren Gralsgemeinschaft, sei es bei der Schilderung des Schastel marveil. Allerdings ist die Verletzung des Gralskönigs im Epos nicht bloß eine Seitenwunde, vergleichbar der Speerwunde Christi am Kreuz, sondern eine unheilbar-offene Wunde des Genitalbereichs
GURNEMANZ  
    Vor dem verwaisten Heiligtum  
    in brünst'gem Beten lag Amfortas,  
    ein Rettungszeichen bang erflehend: 
    ein sel'ger Schimmer da  
    entfloß dem Grale,  
    ein heilig' Traumgesicht 
    nun deutlich zu ihm spricht 
    durch hell erschauter  
    Wortezeichen Mahle: -  
     
    «durch Mitleid wissend 
    der reine Tor,  
    harre sein',  
    den ich erkor.» 
DIE VIER KNAPPEN 
    «durch Mitleid wissend  
    der reine Tor-» 
Entsprechend bei Wolfram: die Gralsgemeinschaft (Trevrizent: "Wir") kniet nach erstaunlichen Heilungsversuchen, die aber alle fehlschlagen, vor dem Gral und empfängt die Botschaft, daß der König nur durch einen Fremden, der ohne vorherige Information eine schlichte Mitleidsfrage stellt, von seinem Leiden erlöst werden kann; dieser Fremde werde dann der neue Gralskönig sein.  
  
Um so größer dann die Enttäuschung, daß der einzige Fremde, dem es gelingt, zur Burg zu gelangen, trotz aller dezenten Hinweise die Frage nicht stellt 
  
Die Deutung des Parzival-Namens als  "Fal Parsi" (2. Aufzug) und die Übersetzung dieser Umstellung als "reiner Tor" ist wieder Wagnersches Sondergut. 
durch Mitleid wissend der reine Tor -
 
Einführendes zur musikalischen Substanz des Parsifal
zur zweiten Hälfte des ersten Aufzugs
zum zweiten Aufzug des Parsifal (Klingsors Zauberschloß) * zum dritten Aufzug (im Gebiet des Grals)
+
die große Parsifal-Seite (Derrick Everett)
Wagner-WEB * Bayreuther Festspiele
Wagner-Seite (Kristian Evensen)
+
zur Startseite (Schaltpult mit links zu den Parzival-Seiten):
Synopse Chrétien/ Wolfram: Parzival in der Gralsburg * Übersetzung ins Neuhochdeutsche
Synopse Chrétien/ Wolfram: Sigûne als Pietá * Übersetzung ins Neuhochdeutsche
Synopse Chrétien/ Wolfram: Trevrizent über den Gral * Trevrizent über Anfortas
zur "Funktion der Gralssuche im Parzival" * "lapsit exillis" – "lapis exilis": die Namensvarianten des Grals
*+)
mittelalterliche Quellen : mediaevum.de : mittelalterliche Literatur
Chrétien de Troyes: Le conte du graal (ed. Pierre Kunstmann, Uni Ottawa)
Wolframs Parzival (vollständige Netzedition der Lachmann-Ausgabe)
 (+*
Richard Wagner: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, 1., 2. und 3.Aufzug * Das Lied vom Tannhäuser
Chrêtiens und Wolframs Parzival * Wagner: Parsifal * Tristan * Wolfram und Klingsôr im Wartburgkrieg:
Der Gral als Stein aus der Krone der Gerechtigkeit * Luzifers Sturz (Jes 14,12 ff) * Der "köstliche Stein" (1.Petrusbrief)
Goethe: Das Märchen / Deutung (R.Steiner) * Novalis: Klingsohrs Märchen im "Heinrich von Ofterdingen" * Novalis: Hymne
Elischa Beth: "...noch einen Tannhäuser schuldig" bzw. "Zwiebelgold" (Roman) * vgl. 7.Rundbrief 2005
*+)
Index * lapsitexillis (index) * hansz (Hausseite) * Meditation und Mantren * links
 
 
Feire Fiz : lapsit exillis : Gral : Parsifal : 1Akt : im Gralsgebiet
 
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