Feire Fiz : Quellen zum Weltbild des Mittelalters : Wartburgkrieg : Der Gral als Stein aus der Krone der Gerechtigkeit
 Jan van Eyck, Ausschnitte aus der Madonna des Kanzlers Rolin (s.u.)
Der Wartburgkrieg
("Der Sängerkrieg auf der Wartburg")
wohl zwischen 1240 und 1260 (anonym) in Thüringen
 
mittelhochdeutsch, ed. und übers. von Karl Simrock 1858
die Strophen 137 bis 146 (in Simrocks Zählung)
 
Abhandlung des Herausgebers (Karl Simrock 1858):
Handschriften und Anordnung der Strophen
 
Teil I: Fürstenlob * Teil II: Rätselspiel * Zabulons Buch
 
Der Gral als Stein aus der Krone der Gerechtigkeit
Strophenform: Schwarzer Ton
vgl."Der Stein" im Petrusbrief,
in den Psalmen und bei Jesaja
 
137. 
J 103  
 
Her Schrîber, sît ir tugenthaft,  
sô bitet Got noch hiute sîner hôhen kraft  
zuo Vezzer vor der Hennenberger sarken;  
  
Swenn sô der priester habe gelesen  
Agnus dei, sô sulet ir bereite wesen:  
muget ir niht baz, sô mant in doch der barken,    
  
Die Jâcop truoc dô über sê; daz was ein stein vil swære.  
gap iu Got sinne und sanges site,  
sô sult ir vür der edelen sêle hiute bite,  
daz ez die engel Gote sagen zuo mære 
137. Biterolf  
  
  
Herr Schreiber, seid ihr tugendhaft,  
So bittet Gott noch heut bei seiner hohen Kraft  
Zu Veßra vor der Hennenberger Särgen.  
  
Wenn am Altar der Priester heut  
Agnus Dei gelesen hat, so seid bereit,  
Könnt ihr nicht mehr, so mahnt ihn nur des Fergen,  
  
Der Jacob über See einst fuhr: ein Stein war Ferg und Nachen.  
Gab Gott euch Sinn und Sangessitten,   
So sollt ihr für der Edeln Seelen heute bitten,  
Daß es die Engel kund vor Gotte machen.  
 
138. 
J 104  
 
Herre vater, sun noch geist! 
wol mich geloube dîn, daz du diz brôt hie weist, 
dâ sêle und engele werlt ist mite gespîset: 
 
Durch alle heiligen, die dich loben, 
durch alle sêle, die nâch dîner helfe toben, 
durch priester, die dîn lêre haben bewîset, 
 
Durch barme dîn und durch den pîn, den ouch dîn muoter hæte, 
dô sie dich an dem kiuze kôs, 
tuo dise Hennenberger helle pîne lôs, 
Got herre durch dîn immer werenden stæte. 
138. Biterolf  
  
  
Herr Gott, so Vater, Sohn als Geist,  
Nun wohl mir, Glaube, dein, daß du dieß Brot hier weist,  
Das mich mag wie die Welt der Engel laben:  
  
Um alle Heilgen, die dich loben,  
Um alle Seelen, die nach deiner Hülfe toben,  
Die Priester, die von dir gepredigt haben,  
  
Bei deiner Milde, bei der Qual, die deine Mutter sehrte,  
Als sie dich sah am Kreuzespfahl,   
Gieb diese Hennenberger los von Höllenqual,  
Bei deiner Güte, die sich nie verkehrte.  
 
139. 
J 105 
 
Du hâs mîn tichten mir benomen, 
wirn mugen mit menschen sinne hiht wol vürbaz komen: 
des klage ich, daz dir wart daz êrste singen 
 
Ich bite den, der sêwes grunt 
geschaffen hât und dem diu undertiufe ist kunt, 
daz er durch sîner muoter êre twinge 
 
Gerehtikeit: sî im beseit ir menscheheit mit sünden, 
dâ setze er sîne erbarme vür. 
ich man dichs, herre, sît daz Ezechiêles tür 
dir goffent wart; niht vürbaz ich dirz gründe. 
139. Der Schreiber  
  
  
Du hast mein Dichten mir benommen,  
Mit Menschensinnen mögen wir nicht weiter kommen:  
Drum klag ich, daß dir ward das erste Singen.  
  
Ich bitt Ihn, der des Meeres Grund  
Geschaffen hat, und dem die Tiefe drunter kunt,  
Um seiner Mutter Ehre mög er zwingen  
  
Gerechtigkeit: verlockte ihre Menschheit sie zu Sünden,  
Da setz er sein Erbarmen vor:  
Des, mahn ich dich, o Herr, da dir Ezechiels Thor  
Geöffnet ward; mehr muß ich dir nicht künden.  
 
140. 
J 106 
 
Ein troum hât vreude mir beschert; 
vil ofte daz mîn herze iedoch in jâmer zert: 
zuo Reinersbrunnen sach ich vrouwen bilde 
 
Sehse trûriclîchen stên, 
eine magt vor in sô rehte schœne gên, 
dazs al der werlt ist mit gedanken wilde. 
 
Mich sach mit spilden ougen an diu magt in hôhem prîse: 
si sprach und nam mich bî der hant:. 
tugendhafte Schrîber, uns hât dir gesant 
Gotes muoter, nu danke ir, sîstu wîse. 
140. Der Schreiber  
  
  
Ein Traum hat Freude mir beschert,  
Obwohl er doch das Herz mir oft mit Jammer zehrt:  
Zu Reinhartsbrunn, wo die Landgrafen rasten,  
  
Sah ich sechs Frauen traurig stehn,   
Vor ihnen eine Magd in solcher Schönheit gehn,  
Daß aller Welt Gedanken sie nicht faßten.  
  
Mit glühnden Augen sah mich an die Magd in hohem Preise:  
Sie sprach und nahm mich bei der Hand:  
Tugendhafter Schreiber, Gottes Mutter sandt  
Uns her zu dir; nun dank ihr, bist du weise.    
 
141. 
J 107 
 
Die Schöne magt ich schouwet an. 
ei sinne, wolt ir mich der tiuren wæte man, 
als ich an irm lîbe hân gesehen! 
 
Die kleider swebeten hende breit 
über den vüezen; wie ir schuohe sint bereit? 
mit steinen, die sô kostelîchez brehen 
 
Gâben, als eteslîcher wære ein morgensterne; 
alsus die schuohe sint bereit. 
'tugendhafte Schrîber, wie hâstu ûferleit? 
wie nu ir mantel sî, daz hôrt ich gerne.' 
141. Der Schreiber  
  
  
Nach der Schönen blickt ich unverwandt:  
Ei Sinne, mahnt ihr an das köstliche Gewand,  
Das ich an ihrem Leibe hab ersehen!  
  
Die Kleider schwebten händebreit  
Ueber den Füßen. Wie ihr Schuhwerk war bereit?  
Mit Steinen, die so glänzten von den Zehen  
  
Als wäre Mancher in der Zahl verwandt dem Morgensterne;  
So sah ich ihre Schuhe dort.  
"Tugendhafter Schreiber, fahr doch weiter fort:  
Wie nun ihr Mantel war, das hört ich gerne."   
 
142. 
M 85,  J 109 
 
Wie nu ir mantel wære aldâ? 
von Klisteriôn ein phesiân anz vünfte blâ, 
dar ûz nâch viures vünkelînen brante 
 
Vil manec guot stein, der da inne liget, 
die treit ein tier, daz doch sîn last gar ringe wiget, 
in Klansîon, als ez diu schrift mir nante, 
 
Monocêrus (treit den) ûf sîme houbete under eime horne; 
darinne stuonden sünnelîn, 
daz durch die ganzen mûre brah ir liehter schîn. -- 
'durch got, waz krônen truoc diu ûzerkorne?' 
142. Der Schreiber  
  
  
Der Mantel nur, o Wunderschau!  
Von Klisterion ein Phesian, zum Fünftel blau,  
Daraus gleich sprühnden Feuerfunken brannte  
  
Der Steine Mancher, drein gelegt,  
Die ein Thier, das an der Last doch unschwer trägt,  
In Klansion, wie es die Schrift mir nannte,    
  
Monocerus in seinem Haupt birgt unter seinem Horne;  
Daneben standen Sönnelein,  
Daß durch die ganzen Mauern gieng ihr lichter Schein.  
"Und welche Krone trug die Auserkorne?"   
 
143. Wolfram 
M 85,  J 110,  K 666 d1 
  
Sol ich die krônen bringen vür? 
diu wart geworht nâch sehstic tûsent engel kür, 
die wolten Got von himelrîche dringe. 
 
Sich lucifer, dô wart si dîn! 
swâ noch werde, wîse meister pfaffen sîn, 
die wizzent wol, daz ich die wârheit singe. 
 
Sant Michâhêl sach Gotes zorn von übermuotes twâle: 
die krône brach er sunder danc 
im von dem houbet, daz ein stein dar ûz gespranc, 
der wart doch sint ûf erden Parzivâle. 
143. Der Schreiber  
  
  
So höre von der Krone Pracht:  
Nach sechzigtausend Engel Wunsch ward sie gemacht,  
Die wollten Gott vom Himmelreiche drängen.  
  
Sieh Lucifer, so ward sie dein!  
Wo irgend werthe, weise Meisterpfaffen sei'n,  
Die wüsten wohl, daß ich die Wahrheit sänge.  
   
St. Michael sah Gottes Zorn um solchen Hochmuths Pralen:  
Die Krone brach sein Schwert im Saus  
Ihm von dem Haupte: Seht, da sprang ein Stein daraus,  
Der ward hernach auf Erden Parzivalen.   
 
144. Klingsôr 
M 87 
 
Got tete, als er noch dicke tuot: 
unreht hôchvart nimt er die lenge niht für guot: 
Lucifermuoste von dem himel vallen, 
 
Mit im vil manic engel schar: 
ir liehter schîn kêrt sich in swarze varwe gar, 
ir süeze diu wart zeiner bittern gallen. 
 
Alle diez gedâhten, daz sich lucifer möhte gelîchen 
dem süezen Got, zer selben stunt 
die muosten vallen in der tiefen helle grunt, 
dâ siz ân ende mit jâmer muosten tîchen. 
144. Der Schreiber  
  
  
Da that Gott wie er oft noch thut:  
Die Hochfahrt nimmt er auf die Länge nicht für gut:  
Lucifer muste von dem Himmel fallen,  
  
Mit ihm der Engel große Schar;  
Ihr lichter Schein verkehrte sich in Schwärze gar,  
All ihre Süße ward zu bittrer Gallen.  
  
Die je mit Lucifer gewähnt, er dürfe sich vergleichen  
Dem süßen Gott, zur selben Stund  
Sah man sie fallen in der tiefen Hölle Schlund:  
Da büßten sies mit Jammer ohne Gleichen.   
 
vgl.: Luzifers Sturz (Jes 14,12 ff)
 
145. Wolfram 
M 88 
 
Den stein, der ûz der krônen spranc, 
den vant, der ie mit hôhem prîs nâch wirde ranc, 
Titurel, der dicke mit sîner hende 
 
Die ritter rêrte ûf erden dach: 
den walt man in mit rîcher tjoste swenden sach: 
sî sprachen: wîchet, dort kumt der genende! 
 
Ez kêrten schœne vrouwen dar mit liebe ir ougen süeze, 
swenne er sich in die poinder flaht 
und dur die ganzen schare brach mit sîner maht, 
sô sprach manec rôter munt: 'daz dich Got grüeze!' 
145. Der Schreiber  
  
  
Den Stein, der aus der Krone sprang,  
Den fand, der stäts mit hohem Preis nach Würde rang,  
Titurel, der oft die Ritter streute  
  
Zur Erde mit des Arms Gewalt.  
Mit reicher Tjost verschwenden sah man ihn den Wald.  
Sie riefen: Weicht, dort kommt der Unbedräute!  
  
Mit Freuden wandten schöne Fraun auf ihn der Augen Süße;  
Wenn er sich in die Haufen wand  
Und durch die ganzen Scharen brach mit starker Hand,  
So sprach manch rother Mund: "Daß Gott dich grüße!"   
 
146. 
J 111 
 
Ich sprach zuor megede wandels vrî: 
durch Got und durch dîn selbes tugent, er mac gesî 
ein vrouwe, diu dort stêt in sulher wæte? 
 
Krone unde kleit ist allez golt; 
si ensaget es niht, ists ieman ûf der erden holt? 
d8ie maget sprach: jâ, der ot ir willen tæte! 
 
Sie minnet den, der ebene vert, diu reine tugenden rîche, 
und heizet diu Gerehtikeit. 
swen ich vor ir sol nern, des win ich arebeit, 
Es ist ir zorn, swâ si mir muoz entwîche. 
146. Der Schreiber  
  
  
Ich sprach zur Jungfrau tadelsfrei:  
Um Gott und eigne Tugend, sage, wer sie sei,  
Die Fraue, die dort steht in solchem Staate:  
  
So Kron als Kleid ist alles Gold:  
Sie sagt es nicht; ist sie auf Erden Jemand hold?  
"Ja denen wohl, die ihren Willen thaten.  
  
Sie minnet die, die eben gehn, die reine, tugendreiche,  
Und heißet die Gerechtigkeit.  
Beschütz ich Wen vor ihr, so kostet es mich Streit:  
Es schafft ihr Zorn, muß sie vor mir entweichen."  
 
Jan van Eyck: Die Madonna des Kanzlers Rolin (Paris, Louvre)
 
Jan van Eyck: Die Madonna des Kanzlers Rolin (Paris, Louvre)
 
siehe auch: Van Eyck : Genter Altar : Anbetung des Lammes
 
 
Abhandlung des Herausgebers (Karl Simrock 1858): Handschriften und Anordnung der Strophen des "Wartburgkrieges"
 
Teil I: Fürstenlob * Teil II: Rätselspiel * Der Gral als Stein aus der Krone der Gerechtigkeit * Zabulons Buch
 
Dieser Knoten bindet folgende Stränge:
 
Der Gral als Stein aus der Krone der Gerechtigkeit * Der "köstliche Stein" (Jesaja 28,16 & Psalm 118,22) im 1.Petrusbrief
Wagner: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, 1., 2. und 3. Aufzug * Tannhäuser-Lied * Wagner: Tristan
Novalis: Hymne * Chrêtiens und Wolframs Parzival * Wagner: Parsifal * Wolfram und Klingsôr im Wartburgkrieg:
Goethe: Das Märchen von Schlange und Lilie * Novalis: Klingsohrs Märchen im "Heinrich von Ofterdingen"
Elischa Beth: "...noch einen Tannhäuser schuldig" bzw. "Zwiebelgold" (Roman) * vgl. 7.Rundbrief 2005
zu Flegetanis: "Zabulons Buch" im "Wartburgkrieg" / Parzival: Flegetanis , "ein Heide vaterhalb"
"Der Zimmermann", apokryphe Kindheitsevangelien; AT: der "Maurer" Hiram und der Tempelbau
Die Berufe Jesu: Zimmermann, Arzt, Lehrer, König, der Dichter, der Gärtner, der Priester
Schriftauslegung der Lebensschriftchiffre: Novalis: Die Lehrlinge zu Sais: Der Stein
Astralis * al-Ghazzali: Das Gleichnis vom Schreibrohr : die Chiffernschrift
Die Lebens-Chiffernschrift nach der Feuerprobe bei Rudolf Steiner:
"Wie erlangt man  Erkenntnisse der höheren Welten?"
Islam: Koran * Moschee in Cordoba * Alhambra in Granada
Franz von Assisi: Fioretti (Blütenlegenden); Sonnengesang
Märchen von dem Machandelboom (Wacholderbaum)
J.V. Andreae: Chymische Hochzeit Chr. Rosencreutz
Fama Fraternitatis   +   Confessio Fraternitatis
Jakob Böhme: Die Morgenröte im Aufgang
Ovid: Metamorphoses XV : der Phoenix
William Blake: The book of Urizen
Philipp Otto Runge: Der Morgen
Luzifers Sturz (Jes 14,12-15)
Richard Wagner: Parsifal
Wolfram & Chrêtien:
Parzival  und
der  Gral
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