Um
dies zu begreifen, müssen wir jenes kunstvolle Gebäude der apollinischen
Kultur gleichsam Stein um Stein abtragen, bis wir die Fundamente
erblicken, auf die es begründet ist. Hier gewahren wir nun zuerst
die herrlichen olympischen Göttergestalten, die auf
den Giebeln dieses Gebäudes stehen, und deren Taten in weithin leuchtenden
Reliefs dargestellt seine Friese zieren. Wenn unter ihnen auch Apollo steht,
als eine einzelne Gottheit neben anderen und ohne den Anspruch einer ersten
Stellung, so dürfen wir uns dadurch nicht beirren lassen. Derselbe
Trieb, der sich in Apollo versinnlichte, hat überhaupt jene ganze
olympische Welt geboren, und in diesem Sinne darf uns Apollo als Vater
derselben gelten. Welches war das ungeheure Bedürfnis, aus dem eine
so leuchtende Gesellschaft olympischer Wesen entsprang?
Wer,
mit einer anderen Religion im Herzen, an diese Olympier herantritt und
nun nach sittlicher Höhe, ja Heiligkeit, nach unleiblicher Vergeistigung,
nach erbarmungsvollen Liebesblicken bei ihnen sucht, der wird unmutig und
enttäuscht ihnen bald den Rücken kehren müssen. Hier erinnert
nichts an Askese, Geistigkeit und Pflicht: hier redet nur ein üppiges,
ja triumphierendes Dasein zu uns, in dem alles Vorhandene vergöttlicht
ist, gleichviel ob es gut oder böse ist. Und so mag der Beschauer
recht betroffen vor diesem phantastischen Überschwang des Lebens stehn,
um sich zu fragen, mit welchem Zaubertrank im Leibe diese übermütigen
Menschen das Leben genossen haben mögen, daß, wohin sie sehen,
Helena, das "in süßer Sinnlichkeit schwebende" Idealbild ihrer
eignen Existenz, ihnen entgegenlacht. Diesem bereits rückwärts
gewandten Beschauer müssen wir aber zurufen: "Geh nicht von dannen,
sondern höre erst, was die griechische Volksweisheit von diesem selben
Leben aussagt, das sich hier mit so unerklärlicher Heiterkeit vor
dir ausbreitet. Es geht die alte Sage, daß König Midas lange
Zeit nach dem weisen Silen,
dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als
er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was
für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr
und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König gezwungen,
endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht: "Elendes Eintagsgeschlecht,
des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen,
was nicht zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das
Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren
zu sein, nichts zu sein, nichts zu sein. Das
Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben".
Wie
verhält sich zu dieser Volksweisheit die olympische Götterwelt?
Wie die entzückungsreiche Vision des gefolterten Märtyrers zu
seinen Peinigungen.
Jetzt
öffnet sich uns gleichsam der olympische Zauberberg und zeigt uns
seine Wurzeln. Der Grieche kannte und empfand die Schrecken und Entsetzlichkeiten
des Daseins: um überhaupt leben zu können, mußte er vor
sie hin die glänzende Traumgeburt der Olympischen stellen. Jenes ungeheure
Mistrauen gegen die titanischen Mächte der Natur, jene über allen
Erkenntnissen erbarmungslos thronende Moira jener Geier des großen
Menschenfreundes Prometheus, jenes Schreckenslos des weisen Oedipus, jener
Geschlechtsfluch der Atriden, der Orest zum Muttermorde zwingt, kurz jene
ganze Philosophie des Waldgottes, samt ihren mythischen Exempeln, an der
die schwermütigen Etrurier zu Grunde gegangen sind – wurde von den
Griechen durch jene künstlerische Mittelwelt der Olympier
fortwährend von Neuem überwunden, jedenfalls verhüllt und
dem Anblick entzogen. Um leben zu können, musten die Griechen diese
Götter, aus tiefster Nötigung, schaffen: welchen Hergang wir
uns wohl so vorzustellen haben, daß aus der ursprünglichen titanischen
Götterordnung des Schreckens durch jenen apollinischen Schönheitstrieb
in langsamen Übergängen die olympische Götterordnung der
Freude entwickelt wurde: wie Rosen aus dornigem Gebüsch hervorbrechen.
Wie anders hätte jenes so reizbar empfindende, so ungestüm begehrende,
zum Leiden so einzig befähigte Volk das Dasein ertragen
können, wenn ihm nicht dasselbe, von einer höheren Glorie umflossen,
in seinen Göttern gezeigt worden wäre. Derselbe Trieb, der die
Kunst ins Leben ruft, als die zum Weiterleben verführende Ergänzung
und Vollendung des Daseins, ließ auch die olympische Welt entstehn,
in der sich der hellenische "Wille" einen verklärenden Spiegel vorhielt.
So rechtfertigen die Götter das Menschenleben, indem sie es selbst
leben – die allein genügende Theodicee! Das Dasein unter dem hellen
Sonnenscheine solcher Götter wird als das an sich Erstrebenswerte
empfunden, und der eigentliche Schmerz der homerischen Menschen
bezieht sich auf das Abscheiden aus ihm, vor allem auf das baldige Abscheiden:
so daß man jetzt von ihnen, mit Umkehrung der silenischen Weisheit,
sagen könnte, "das Allerschlimmste sei für sie, bald zu sterben,
das Zweitschlimmste, überhaupt einmal zu sterben". Wenn die Klage
einmal ertönt, so klingt sie wieder vom kurzlebenden Achilles, von
dem blättergleichen Wechsel und Wandel des Menschengeschlechts, von
dem Untergang der Heroenzeit. Es ist des größten Helden nicht
unwürdig, sich nach dem Weiterleben zu sehnen, sei es selbst als Tagelöhner.
So ungestüm verlangt, auf der apollinischen Stufe, der "Wille" nach
diesem Dasein, so eins fühlt sich der homerische Mensch mit ihm, daß
selbst die Klage zu seinem Preisliede wird.
Hier
muß nun ausgesprochen werden, daß diese von den neueren Menschen
so sehnsüchtig angeschaute Harmonie, ja Einheit des Menschen mit der
Natur, für die Schiller das Kunstwort "naiv" in Geltung gebracht hat,
keinesfalls ein so einfacher, sich von selbst ergebender, gleichsam unvermeidlicher
Zustand ist, dem wir an der Pforte jeder Kultur, als einem Paradies der
Menschheit begegnen müssten: dies konnte nur eine Zeit glauben, die
den Emil Rousseaus sich auch als Künstler zu denken suchte und in
Homer einen solchen am Herzen der Natur erzogenen Künstler Emil gefunden
zu haben wähnte. Wo uns das "Naive" in der Kunst begegnet, haben wir
die höchste Wirkung der apollinischen Kultur zu erkennen: welche immer
erst ein Titanenreich zu stürzen und Ungetüme zu töten hat
und durch kräftige Wahnvorspiegelungen und lustvolle Illusionen über
eine schreckliche Tiefe der Weltbetrachtung und reizbarste Leidensfähigkeit
Sieger geworden sein muß. Aber wie selten wird das Naive, jenes völlige
Verschlungensein in der Schönheit des Scheines, erreicht! Wie unaussprechbar
erhaben ist deshalb Homer, der sich, als einzelner, zu jener
apollinischen Volkskultur verhält, wie der einzelne Traumkünstler
zur Traumbefähigung des Volks und der Natur überhaupt. Die homerische
"Naivität" ist nur als der vollkommene Sieg der apollinischen Illusion
zu begreifen: es ist dies eine solche Illusion, wie sie die Natur, zur
Erreichung ihrer Absichten, so häufig verwendet. Das wahre Ziel wird
durch ein Wahnbild verdeckt: nach diesem strecken wir die Hände aus,
und jenes erreicht die Natur durch unsre Täuschung. In den Griechen
wollte der "Wille" sich selbst, in der Verklärung des Genius und der
Kunstwelt, anschauen; um sich zu verherrlichen, mußten seine Geschöpfe
sich selbst als verherrlichenswert empfinden, sie mußten sich in
einer höheren Sphäre wiedersehn, ohne daß diese vollendete
Welt der Anschauung als Imperativ oder als Vorwurf wirkte. Dies ist die
Sphäre der Schönheit, in der sie ihre Spiegelbilder, die Olympischen,
sahen. Mit dieser Schönheitsspiegelung kämpfte der hellenische
"Wille" gegen das dem künstlerischen korrelative Talent zum Leiden
und zur Weisheit des Leidens: und als Denkmal seines Sieges steht Homer
vor uns, der naive Künstler.