Feire Fiz (Hans Zimmermann) : Quellensammlung zum Weltbild der Antike und des Mittelalters : Euripides : Die Bakchen (Die Mänaden)
 
EURIPIDHS : BAKCAI
 
EURIPIDÊS : BAKCHAI
 
         EURIPIDÊS (485-406 v.Chr.) : DIE MÄNADEN (DIE BAKCHEN)
 
griechischer Text in lat. Schrift transliteriert und ins Netz gestellt (Hans Zimmermann 2006) nach:
Euripides. Euripidis Fabulae, ed. Gilbert Murray, vol. 3. Oxford. Clarendon Press, Oxford. 1913
 
Übersetzung ins Deutsche: Dietrich Ebener, Berlin / Weimar 1979
 
 Dionysosmosaik in Korinth, 2.Jhd.n.Chr.
 
Dionysos Prolog * erstes Chorlied, Einzug der Bakchen
Teiresias und Kadmos, trunken * Pentheus tritt auf * Teiresias belehrt Pentheus
 
zweites Chorlied * Dionysos vor Pentheus
drittes Chorlied * Wechselgesang zwischen Dionysos und dem Bakchenchor * Dionysos wieder vor Pentheus
 
Botenbericht des Hirten vom Treiben der Bakchen
Dionysos verführt Pentheus zur Neugier * viertes Chorlied * Dionysos mit Pentheus bei den Bakchen
 
fünftes Chorlied * Botenbericht des Dieners von der Zerreißung des Pentheus
sechstes Chorlied, Wechselgesang mit Agaue * Kadmos weckt Agaue aus dem Rausch
Reue des Kadmos nach der Katástrophê * Schlußlied des Dionysos * Schlußlied des Chores
 
ta tou dramatos prosôpa:  
    Dionusos (= Bakchos, Bromios)  
      (ho tou oinou theos) 
    Choros gunaikôn Ludôn  
      = hai Bakchai (Mainades)  
         
    Teiresias (mantis, prophêtês)  
    Kadmos (ho proteros Thêbôn basileus)  
    Pentheus (ho tês Agauês huios,  
        ho Thebôn basileus) 
    Therapôn  
    Boukolos  
    Heteros Therapôn  
    Agauê (hê tou Kadmou thugatêr) 
PERSONEN 
    Dionysos (Bakchos, Bromios), Gott des Unbewußten, 
      des Rausches ("Wein") und der Tragödie 
    Chor lydischer Frauen, 
      die Mänaden (Bakchen, Bacchantinnen) 
     
    Teiresias, der blinde Seher 
    Kadmos, ehemaliger König von Theben 
    Pentheus, Sohn der Agaue, 
        König von Theben 
    Ein Diener des Pentheus 
    Ein Bote, ein Rinderhirt 
    Ein zweiter Bote, ein Diener des Pentheus 
    Agaue, Tochter des Kadmos 
 
DIONYSOS  
hêkô Dios pais tênde Thêbaiôn chthona 
Dionusos, hon tiktei poth' hê Kadmou korê 
Semelê locheutheis' astrapêphorôi puri: 

morphên d' ameipsas ek theou brotêsian  
pareimi Dirkês namat' Ismênou th' hudôr. 
horô de mêtros mnêma tês keraunias 
tod' engus oikôn kai domôn ereipia 
tuphomena Diou puros eti zôsan phloga, 
athanaton Hêras mêter' eis emên hubrin. 
 
ainô de Kadmon, abaton hos pedon tode 
tithêsi, thugatros sêkon: ampelou de nin 
perix egô 'kalupsa botruôdei chloêi. 
  
lipôn de Ludôn tous poluchrusous guas 
Phrugôn te, Persôn th' hêlioblêtous plakas 
Baktria te teichê tên te duschimon chthona 
Mêdôn epelthôn Arabian t' eudaimona 
Asian te pasan, hê par' halmuran hala 
keitai migasin Hellêsi barbarois th' homou 
plêreis echousa kallipurgôtous poleis,  
es tênde prôton êlthon Hellênôn polin, 
takei choreusas kai katastêsas emas 
teletas, hin' eiên emphanês daimôn brotois. 
 

DIONYSOS: 
Hier bin ich nun, in Theben, ich, der Sohn des Zeus, 
Dionysos, den einst des Kadmos Kind, Semele, 
in eines Blitzes Feuerstrahl zur Welt gebracht. 

Als Gott in menschlicher Gestalt erreichte ich 
den Quell der Dirke und die Fluten des Ismenos. 
Das Grabmal meiner Mutter, die der Blitz erschlug, 
erblick ich dort am Schloß, und ihres Hauses Trümmer; 
sie rauchen heut noch, Glut des Zeus, und künden ewig 
von Heras wilder Eifersucht auf meine Mutter. 
 
Ich lobe Kadmos, der den Platz als Heiligtum 
der Tochter weihte; und ich hegte diese Stätte 
rings ein mit frischem, traubenreichem Rebengrün. 
 
Von den Gefilden Lydiens und Phrygiens, 
die reich an Schätzen, über die besonnte 
Flur der Perser, Baktras Mauern, durch das rauhe Land 
der Meder, das gesegnete Arabien 
und durch ganz Asien, das längs der Salzflut sich 
erstreckt mit hochgetürmten Städten voller Volk, 
in dem sich Griechen und Barbaren bunt vereint, 
kam ich, erstmalig hier, in eine Griechenstadt, 
nachdem ich dort schon meine Reigen eingeführt 
und Weihen: Zeigen will ich mich als Gott den Menschen! 
 

prôtas de Thêbas têsde gês Hellênidos 
anôloluxa, nebrid' exapsas chroos  
thurson te dous es cheira, kissinon belos: 
epei m' adelphai mêtros, has hêkista chrên, 
Dionuson ouk ephaskon ekphunai Dios, 
Semelên de numpheutheisan ek thnêtou tinos 
es Zên' anapherein tên hamartian lechous,  
Kadmou sophismath' hôn nin houneka ktanein 
Zên' exekauchônth', hoti gamous epseusato. 
 
toigar nin autas ek domôn ôistrês' egô 
maniais, oros d' oikousi parakopoi phrenôn: 
skeuên t' echein ênankas' orgiôn emôn, 
kai pan to thêlu sperma Kadmeiôn, hosai 
gunaikes êsan, exemêna dômatôn: 
homou de Kadmou paisin anamemeigmenai 
chlôrais hup' elatais anorophois hêntai petrais. 
dei gar polin tênd' ekmathein, kei mê thelei,  
ateleston ousan tôn emôn bakcheumatôn, 
Semelês te mêtros apologêsasthai m' huper 
phanenta thnêtois daimon' hon tiktei Dii.  
 
Als erste Griechenstadt erfüllte Theben ich 
mit Jubel, warf ein Hirschkalbfell ihr um und reichte 
den Thyrsos ihr, den Speer, den Efeulaub umrankt, 
weil meiner Mutter Schwestern – grade sie! – behaupten, 
ich sei, Dionysos, kein Kind des Zeus; Semele 
sei Mutter nur durch einen Sterblichen und habe 
des Fehltritts Schuld auf Zeus gewälzt, ein schlauer Einfall 
des Kadmos; daher habe Zeus sie umgebracht 
– so lästern sie! –, weil sie den Ehebund erlogen! 
 
Drum jagte ich sie aus den Häusern fort, im Wahnsinn, 
und, toll im Rausch, bevölkern sie das Waldgebirge. 
Das Rüstzeug meiner Feiern zwang ich ihnen auf 
und scheuchte alles, was in Theben weiblich ist, 
in wilder Raserei aus seinen Wohnungen; 
zusammen mit des Kadmos Töchtern sitzen sie, 
ein bunter Schwarm, im grünen Tann, auf offnem Fels. 
Soll doch die Stadt verspüren, wenn auch wider Willen, 
daß sie noch nicht geweiht zu meinem Festesrausch 
und ich zu Ehren der Semele, meiner Mutter, 
als Gottheit, zeusentstammt, der Welt mich offenbare. 
 
Kadmos men oun geras te kai turannida 
Penthei didôsi thugatros ekpephukoti,  
hos theomachei ta kat' eme kai spondôn apo 
ôthei m', en euchais t' oudamou mneian echei. 
 
hôn hounek' autôi theos gegôs endeixomai 
pasin te Thêbaioisin. es d' allên chthona, 
tanthende themenos eu, metastêsô poda, 
deiknus emauton: ên de Thêbaiôn polis 
orgêi sun hoplois ex orous bakchas agein 
zêtêi, xunapsô mainasi stratêlatôn. 
hôn hounek' eidos thnêton allaxas echô 
morphên t' emên metebalon eis andros phusin. 
 
all', ô lipousai Tmôlon eruma Ludias, 
thiasos emos, gunaikes, has ek barbarôn 
ekomisa paredrous kai xunemporous emoi, 
airesthe tapichôri' en polei Phrugôn 
tumpana, Rheas te mêtros ema th' heurêmata, 
basileia t' amphi dômat' elthousai tade 
ktupeite Pentheôs, hôs horai Kadmou polis. 
egô de bakchais, es Kithairônos ptuchas 
elthôn hin' eisi, summetaschêsô chorôn.  
 
Nun hat schon Kadmos Thron und Würden abgetreten 
an Pentheus, seiner Tochter Sohn, der gegen mich, 
die Gottheit, kämpfen will, mich ausschließt von den Spenden 
und meiner in Gebeten nirgendwo gedenkt. 
 
Dafür will ihm und allem Volk von Theben ich 
beweisen meine Göttlichkeit. Errang ich hier 
den Sieg, dann ziehe ich, mich offenbarend, weiter. 
Doch suchen die Thebaner, wütend, mit Gewalt 
die Bakchen aus den Bergen heimzuführen, stelle 
ich an der Spitze der Mainaden ihnen mich 
zum Kampfe. Deshalb trete ich als Sterblicher 
auch auf und hab in einen Menschen mich verwandelt. 
 
Wohlan, mein Festschwarm, liebe Frauen, die vom Tmolos, 
dem Bollwerk Lydiens, ihr kommt, die aus der Ferne 
als Freunde ich und Weggenossen mit mir führte, 
nehmt auf die Pauken, die im Phrygerlande heimisch, 
von Mutter Rheia und von mir erfunden, laßt 
erdröhnen sie am königlichen Schlosse hier 
des Pentheus; sehen soll's die Kadmosstadt und hören! 
Ich selbst geh in die Schluchten des Kithairon, wo 
die Bakchen sind, und nehme teil an ihren Reigen. 
 
  
CHOROS 
Asias apo gas 
hieron Tmôlon ameipsasa thoazô 
Bromiôi ponon hêdun 
kamaton t' eukamaton, Bak- 
chion euazomena. 
tis hodôi tis hodôi? tis? 
melathrois ektopos estô, stoma t' euphê- 
mon hapas exosiousthô: 
ta nomisthenta gar aiei 
Dionuson humnêsô. 
 
CHOR: 
Aus Asiens Fluren, 
vom heiligen Tmolos stürme ich her 
zu Ehren des lärmenden Gottes 
in lustvoller Mühe, die Ermattung mit Wonne vereint, 
und feiere jubelnd den Bakchos. 
Wer weilt auf der Straße? Wer weilt auf der Straße? 
Wer in den Häusern? Macht Platz, allesamt, 
haltet rein eure Münder im Schweigen der Andacht! 
Das immer und immer gesungene Lied will ich anstimmen, 
zum Lob des Dionysos. 
 
ô makar, hostis eudai-  
môn teletas theôn ei-  
dôs biotan hagisteuei  
kai thiaseuetai psu-  
chan en oressi bakcheu-  
ôn hosiois katharmoisin, 
ta te matros megalas or- 
gia Kubelas themiteuôn, 
ana thurson te tinassôn, 
kissôi te stephanôtheis 
Dionuson therapeuei. 
ite bakchai, ite bakchai, 
Bromion paida theon theou 
Dionuson katagousai 
Phrugiôn ex oreôn Hel- 
lados eis euruchorous a- 
guias, ton Bromion: 
 
Oh, glücklich ein jeder, der seligen Herzens, 
kundig der göttlichen Weihen, 
sein Leben in Reinheit verbringt, 
dem Festschwarm sich anschließt freudigen Herzens, 
dem Bakchos zum Ruhm 
in den Bergen sich tummelnd zu heiliger Sühnung, 
dem Dienst der Kybele, 
der großen Mutter, pflichttreu ergeben, 
und, hoch den Thyrsos schwingend, 
mit Efeu bekränzt, 
Dionysos Ehren erweist! 
Auf, ihr Bakchen, auf, ihr Bakchen, 
den lärmenden Gott, den Gottessohn 
Dionysos, führt aus den phrygischen Bergen 
heim nach Griechenlands 
weiten Straßen und Plätzen, 
den lärmenden Gott! 
 
hon  pot' echous' en ôdi-  
nôn lochiais anankai-  
si ptamenas Dios brontas  
nêduos ekbolon ma-  
têr eteken, lipous' ai-  
ôna kerauniôi plêgai: 
lochiois d' autika nin de- 
xato thalamais Kronidas Zeus, 
kata mêrôi de kalupsas 
chruseaisin sunereidei 
peronais krupton aph' Hêras. 
eteken d', hanika Moirai 
telesan, taurokerôn theon 
stephanôsen te drakontôn 
stephanois, enthen agran thê- 
rotrophon mainades amphi- 
ballontai plokamois. 
 
Ihn hatte die Mutter dereinst getragen 
im Schmerze der Wehen, 
ihn unter dem Blitz, den Zeus geschleudert, 
zu früh geboren, war selbst aus dem Leben geschieden 
unter dem flammenden Strahl. 
Doch hatte sogleich ihn Zeus, 
der Kronide, zu sich genommen 
an Mutterleibes Statt, 
verbarg ihn im Schenkel, 
umschloß ihn mit goldenen Spangen, 
verborgen vor Hera. 
Als nun die Moiren 
das Knäblein zur Reife gebracht, da gebar ihn Zeus, 
einen Gott mit Hörnern des Stiers, und kränzte ihn 
mit Schlangengewinden. Daher auch erhaschen 
Mainaden sich Nattern 
und flechten sie sich in die Haare. 
 
ô Semelas trophoi Thê- 
bai, stephanousthe kissôi: 
bruete bruete chloêrei 
milaki kallikarpôi 
kai katabakchiousthe druos 
ê elatas kladoisi, 
stiktôn t' enduta nebridôn 
stephete leukotrichôn plokamôn 
mallois: amphi de narthêkas hubristas 
hosiousth': autika ga pasa choreusei,  
Bromios hostis agêi thiasous 
eis oros eis oros, entha menei 
thêlugenês ochlos 
aph' histôn para kerkidôn t' 
oistrêtheis Dionusôi. 
Theben du, Heimat Semeles, 
bekränz dich mit Efeu, 
schmücke dich üppig mit grünenden, 
fruchtschweren Ranken der Stechwinde, 
tummle im Rausch dich des Bakchos, 
bedeckt von den Zweigen 
der Eichen und Tannen, 
umsäume die bunten Hirschkalbfelle mit Fransen 
aus weißem Haar! Und halte dich rein bei den Stäben, 
den Zeichen mutwilliger Lust! Bald wird das ganze Land 
im Reigen sich wiegen, wenn der lärmende Gott 
seine Scharen führt in die Berge, die Berge, 
wo warten die Frauen, 
vom Webstuhl, vom Schiffchen 
gescheucht durch Dionysos. 
ô thalameuma Kourê- 
tôn zatheoi te Krêtas 
Diogenetores enauloi, 
entha trikoruthes antrois 
bursotonon kuklôma tode 
moi Korubantes hêuron: 
bakcheiai d' ana suntonôi 
kerasan haduboai Phrugiôn 
aulôn pneumati matros te Rheas es 
chera thêkan, ktupon euasmasi Bakchan: 
para de mainomenoi Saturoi 
materos exanusanto theas, 
es de choreumata 
sunêpsan trietêridôn, 
hais chairei Dionusos. 
 
Du, Heimstatt der Kureten, 
hochheilige Wiege des Zeus auf Kreta! 
Dort in den Grotten erfanden 
im Schmuck ihrer dreifach gebuckelten Helme 
die Korybanten 
mir die lederbespannte Pauke, 
vereinten die bakchischen Schläge harmonisch 
dem lieblich klingenden Hauch 
der phrygischen Flöten und reichten sie 
Rheia, der Mutter, damit sie begleite 
der Bakchen Jubelgeschrei; 
und aus der Hand der göttlichen Mutter 
erbaten die tollenden Satyrn sie 
und führten sie ein in die Reigen 
des alle zwei Jahre begangenen Festes, 
an dem sich Dionysos freut. 
 
hêdu[s] <g'> en oresin hotan  
ek thiasôn dromaiôn  
pesêi pedose, nebridos echôn  
hieron enduton, agreuôn 
haima tragoktonon, ômophagon charin,  
hiemenos es orea Phrugia,  
Ludi', ho d' exarchos Bromios, euhoi. 
 
rhei de galakti pedon, rhei d' oinôi 
rhei de melissan nektari. 
Surias d' hôs libanou ka- 
pnon ho Bakcheus anechôn 
pursôdê phloga peukas 
ek narthêkos aissei 
dromôi kai choroisin 
planatas erethizôn 
iachais t' anapallôn, 
trupheron <te> plokamon eis aithera rhiptôn. 
hama d' euasmasi toiad' epibremei: 
 
Ô ite bakchai, 
[ô] ite bakchai, 
Tmôlou chrusoroou chlidai 
melpete ton Dionuson 
barubromôn hupo tumpanôn, 
euia ton euion agallomenai theon 
en Phrugiaisi boais enopaisi te, 
lôtos hotan eukelados 
hieros hiera paigmata bremêi, sunocha 
phoitasin eis oros eis oros: hêdome- 
na d' ara, pôlos hopôs hama materi 
phorbadi, kôlon agei tachupoun skirtêmasi  
     bakcha. 
 
Wonnen bringt er im Waldgebirg, 
wenn er nach stürmischem Reigen 
zu Boden sinkt, bedeckt mit dem heiligen Hirschkalbfell, 
voller Durst nach dem Blut des getöteten Bockes, 
voll Gier, sich zu laben an rohem Fleisch 
auf der Jagd durch phrygische, lydische Berge, 
er, unser Führer, der lärmende Gott, Euhoi! 
 
Von Milch fließt der Boden, er fließt von Wein, 
er fließt vom Nektar der Bienen, 
und Dampf steigt auf wie von syrischem Weihrauch. 
Und Bakchos hebt hoch 
den flammenden Kien 
auf der Spitze des Stabes 
und stürmt dahin im rasenden Reigen, 
neckt die Schwärmer, 
scheucht sie mit Freudengeschrei, 
läßt flattern sein lockiges Haar in den Lüften. 
Und schallend ruft er hinein in den Jubel: 
 
"Auf, ihr Bakchen, 
auf, ihr Bakchen, 
im Schmuck des goldenströmenden Tmolos 
besinget Dionysos, 
unter dem Dröhnen der Pauken, 
preiset jauchzend den jauchzenden Gott 
mit lautem phrygischem Ruf, 
wenn die Flöte lieblichen Klanges 
heilig, in heiligen Weisen erschallt, geleitend die Schwärmer 
hinauf in die Berge, hinauf in die Berge!" Und fröhlich, 
so wie ein Füllen zur Seite der nährenden Mutter, 
stürmt vorwärts im Tanzschritt 
     die Bakche. 
 
 
TEIRESIAS 
tis en pulaisi? Kadmon ekkalei domôn, 
Agênoros paid', hos polin Sidônian 
lipôn epurgôs' astu Thêbaiôn tode. 
itô tis, eisangelle Teiresias hoti 
zêtei nin: oide d' autos hôn hêkô peri 
ha te xunethemên presbus ôn geraiterôi, 
thursous anaptein kai nebrôn doras echein 
stephanoun te krata kissinois blastêmasin. 
 
TEIRESIAS: 
Wer wacht am Tor? Ruf Kadmos aus dem Schloß, den Sohn 
Agenors, der aus Sidon einst gekommen und 
die Hauptstadt Theben hier gebaut mit ihren Türmen! 
Geh, melde, daß Teiresias ihn sprechen will! 
Er weiß, weshalb ich hier bin und was ich, der Alte, 
mit ihm, dem Älteren, beschloß: Die Stäbe zu 
umwinden, uns in Hirschkalbfelle einzuhüllen 
und unser Haupt mit Efeuranken zu bekränzen. 
 
KADMOS  
ô philtath', hôs sên gêrun êisthomên kluôn 
sophên sophou par' andros, en domoisin ôn: 
 
hêkô d' hetoimos tênd' echôn skeuên theou: 
dei gar nin onta paida thugatros ex emês 
[Dionuson hos pephênen anthrôpois theos] 
hoson kath' hêmas dunaton auxesthai megan. 
 
poi dei choreuein, poi kathistanai poda 
kai krata seisai polion? exêgou su moi 
gerôn geronti, Teiresia: su gar sophos. 
 
hôs ou kamoim' an oute nukt' outh' hêmeran 
thursôi krotôn gên: epilelêsmeth' hêdeôs 
gerontes ontes. 
 
KADMOS: 
Mein bester Freund, ich hörte deine Stimme, drin 
im Schloß, die weise Mahnung eines weisen Mannes. 
 
Hier bin ich, sieh, gerüstet, in der Tracht des Gottes. 
Muß ich doch meiner Tochter Sohn, Dionysos, 
der sich den Menschen offenbarte als ein Gott, 
mit aller meiner Kraft in seiner Größe stützen. 
 
Wohin gilt es zu tanzen? Und wohin zu schreiten, 
dabei das graue Haupt zu schütteln? Lehr mich, du, 
der Greis den Greis, Teiresias! Du bist erfahren. 
 
Ich möchte unermüdlich, Tag und Nacht, die Erde 
mit meinem Thyrsos stampfen. Herrlich: Meine Jahre, 
ich spüre sie nicht mehr! 
 
TE  
taut' emoi pascheis ara:  
kagô gar hêbô kapicheirêsô chorois.  

KA   
oukoun ochoisin eis oros perasomen?  

TE  
all' ouch homoiôs an ho theos timên echoi.  

KA   
gerôn geronta paidagôgêsô s' egô.  

TE  
ho theos amochthi keise nôin hêgêsetai.  

KA   
monoi de poleôs Bakchiôi choreusomen?  

TE  
monoi gar eu phronoumen, hoi d' alloi kakôs.  

KA   
makron to mellein: all' emês echou cheros.  

TE  
idou, xunapte kai xunôrizou chera.  

KA   
ou kataphronô 'gô tôn theôn thnêtos gegôs.  
 

TEIRESIAS: 
Das gleiche gilt für mich! 
Auch ich bin jung und will im Tanze mich versuchen. 

KADMOS: 
So wollen wir zu Wagen ins Gebirge ziehen? 

TEIRESIAS: 
Nein, nicht gebührend würde so der Gott geehrt 

KADMOS: 
Dann will ich dich, ein Greis den andern, treulich leiten. 

TEIRESIAS: 
Der Gott wird mühelos uns beide dorthin führen. 

KADMOS:  
Von Thebens Männern tanzen wir allein für Bakchos? 

TEIRESIAS: 
Ja, wir allein sind bei Verstand, die andern töricht. 

KADMOS: 
Zu lange zögern wir! Häng dich in meinen Arm! 

TEIRESIAS: 
Hier! Greife zu! Verbinde deine Hand mit meiner! 

KADMOS: 
Niemals darf ich, ein Mensch, gering die Götter achten. 
 

TE  
ouden sophizomestha toisi daimosin. 
patrious paradochas, has th' homêlikas chronôi 
kektêmeth', oudeis auta katabalei logos, 
oud' ei di' akrôn to sophon hêurêtai phrenôn. 
erei tis hôs to gêras ouk aischunomai, 
mellôn choreuein krata kissôsas emon? 
ou gar diêirêch' ho theos, oute ton neon 
ei chrê choreuein oute ton geraiteron, 
all' ex hapantôn bouletai timas echein 
koinas, diarithmôn d' ouden' auxesthai thelei. 
 
TEIRESIAS: 
Es gilt ja unsre Weisheit vor den Göttern nichts. 
Das Vätererbe, das so alt ist wie die Zeit, 
das wird kein menschlicher Verstand je niederreißen, 
selbst wenn sein Wissen höchstem Scharfsinn er verdankt. 
Soll man mich schelten, ohne Rücksicht auf mein Alter 
ging' ich, das Haupt bekränzt mit Efeu, hin zum Tanz? 
Die Gottheit machte keinen Unterschied, ob man 
als Jüngling oder Greis zum Tanze schreiten soll! 
Im Gegenteil, von allen heischt zugleich sie Ehren, 
will nicht durch starre Einteilung sich Ruhm gewinnen. 
 
KA   
epei su phengos, Teiresia, tod' ouch horais, 
egô prophêtês soi logôn genêsomai. 
Pentheus pros oikous hode dia spoudês perai, 
Echionos pais, hôi kratos didômi gês. 
hôs eptoêtai: ti pot' erei neôteron? 
 
KADMOS: 
Du kannst, Teiresias, das Sonnenlicht nicht schauen; 
daher will ich verkünden dir, was vor sich geht. 
Dort nähert Pentheus eilig sich dem Schloß, der Sohn 
Echions, dem des Landes Thron ich anvertraut. 
Er ist erregt. Was hat er Schlimmes zu berichten? 
 
PENTHEUS  
ekdêmos ôn men têsd' etunchanon chthonos, 
kluô de neochma tênd' ana ptolin kaka, 
gunaikas hêmin dômat' ekleloipenai 
plastaisi bakcheiaisin, en de daskiois 
oresi thoazein, ton neôsti daimona 
Dionuson, hostis esti, timôsas chorois: 
 
plêreis de thiasois en mesoisin hestanai 
kratêras, allên d' allos' eis erêmian 
ptôssousan eunais arsenôn hupêretein, 
prophasin men hôs dê mainadas thuoskoous, 
tên d' Aphroditên prosth' agein tou Bakchiou. 
  
hosas men oun eilêpha, desmious cheras 
izousi pandêmoisi prospoloi stegais: 
hosai d' apeisin, ex orous thêrasomai, 
[Inô t' Agauên th', hê m' etikt' Echioni, 
Aktaionos te mêter', Autonoên legô.] 
kai sphas sidêrais harmosas en arkusin 
pausô kakourgou têsde bakcheias tacha. 
  
legousi d' hôs tis eiselêluthe xenos, 
goês epôidos Ludias apo chthonos, 
xanthoisi bostruchoisin euosmôn komên, 
oinôpas ossois charitas Aphroditês echôn, 
hos hêmeras te keuphronas sungignetai 
teletas proteinôn euious neanisin. 
 
ei d' auton eisô têsde lêpsomai stegês, 
pausô ktupounta thurson anaseionta te 
komas, trachêlon sômatos chôris temôn. 
  
ekeinos einai phêsi Dionuson theon, 
ekeinos en mêrôi pot' erraphthai Dios, 
hos ekpuroutai lampasin kerauniais 
sun mêtri, Dious hoti gamous epseusato. 
taut' ouchi deinês anchonês est' axia, 
hubreis hubrizein, hostis estin ho xenos? 
  
atar tod' allo thauma, ton teraskopon 
en poikilaisi nebrisi Teiresian horô 
patera te mêtros tês emês – polun gelôn – 
narthêki bakcheuont': anainomai, pater, 
to gêras humôn eisorôn noun ouk echon. 
ouk apotinaxeis kisson? ouk eleutheran 
thursou methêseis cheir', emês mêtros pater? 
 
su taut' epeisas, Teiresia: tond' au theleis 
ton daimon' anthrôpoisin espherôn neon 
skopein pterôtous kampurôn misthous pherein. 
ei mê se gêras polion exerrueto, 
kathês' an en bakchaisi desmios mesais, 
teletas ponêras eisagôn: gunaixi gar 
hopou botruos en daiti gignetai ganos, 
ouch hugies ouden eti legô tôn orgiôn. 
 
PENTHEUS: 
Ich weilte grade außerhalb, da hörte ich 
von einem Unfug, der die Stadt, ganz plötzlich, heimsucht: 
Die Weiber ließen Haus und Herd im Stich, angeblich 
gespornt von Bakchos, schweifen durch das Bergesdickicht 
und feiern den erst kürzlich eingeführten Gott 
Dionysos – wer das auch sei! – mit ihren Tänzen. 
 
Inmitten ihrer Schwärme stehen volle Krüge, 
und hier und da schleicht eine scheu beiseite sich, 
um sich den Männern hinzugeben – wie sie heucheln, 
als gottbegeisterte Mainaden; doch in Wahrheit 
ist ihnen Aphrodite heiliger als Bakchos! 
 
Nun, die ich greifen konnte – ihre Hände sind 
gebunden, Wächter hüten im Gefängnis sie. 
Und die noch fehlen, will ich im Gebirge fangen, 
Ino, Agaue, die mich dem Echion einst 
geboren, auch Aktaions Mutter, Autonoe. 
Ich werde sie in Ketten legen und sehr schnell 
dem tollen Bakchosspuk damit ein Ende setzen! 
 
Dann sagt man auch, ein Fremdling sei hierhergekommen, 
aus Lydien, ein Zauberkünstler und Beschwörer; 
sein blondgelocktes Haupt verbreite Wohlgeruch, 
sein dunkles Auge berge Aphrodites Reiz, 
und Tag wie Nacht verweile er bei jungen Frauen, 
wobei die Bakchosweihen er zum Vorwand nähme! 
 
Hab ich ihn unter meinem Dach erst fest, so mache 
mit seinem Thyrsosstampfen, seinem Lockenschütteln 
ich Schluß: Ich lasse ihm das Haupt vom Rumpfe trennen! 
 
Er rühmt sich dreist, er sei der Gott Dionysos, 
sei eingenäht gewesen in den Schenkel einst 
des Zeus – der ihn und seine Mutter doch erschlagen 
durch seinen Blitz, weil sie den Bund mit Zeus erlogen! 
Verdient das nicht den Strick, in Schimpf und Schande, so 
zu freveln, wer der fremde Mann auch immer ist? 
 
Ein neues Wunder! Hier seh ich den Zeichendeuter 
Teiresias im bunten Hirschkalbfell, dazu 
den Vater meiner Mutter – lachhaft! – bakchostoll 
den Stecken schwingen! Vater, schämen muß ich mich, 
euch alte Leute des Verstandes bar zu sehen. 
Wirfst du nicht gleich den Efeu weg? Willst du nicht gleich, 
Großvater, aus der Hand den Thyrsos fallen lassen? 
 
Du brachtest ihn so weit, Teiresias! Du willst 
den neuen Gott den Menschen bringen, um auch ferner 
nach Vögeln auszuspähen und für Opfer Lohn 
zu ernten. Schützte dich dein graues Alter nicht, 
du solltest unter den gebundnen Bakchen sitzen, 
weil du so lasterhafte Weihen einführst! Wo 
beim Schmausen Frauen sich am Traubensaft ergötzen, 
da taugt, so meine ich, der Gottesdienst nichts mehr. 
 
 
CHO 
tês dussebeias. ô xen', ouk aidêi theous 
Kadmon te ton speiranta gêgenê stachun, 
Echionos d' ôn pais kataischuneis genos? 
 
CHORFÜHRERIN: 
O Frevel! Freund, nimmst du nicht Rücksicht auf die Götter, 
auf Kadmos, der die erdentsproßnen Menschen säte, 
entehrst, Echions Kind, dein eigenes Geschlecht? 
 
TE 
hotan labêi tis tôn logôn anêr sophos 
kalas aphormas, ou meg' ergon eu legein: 
su d' eutrochon men glôssan hôs phronôn echeis, 
en tois logoisi d' ouk eneisi soi phrenes. 
 
thrasei de dunatos kai legein hoios t' anêr 
kakos politês gignetai noun ouk echôn. 
  
houtos d' ho daimôn ho neos, hon su diagelais, 
ouk an dunaimên megethos exeipein hosos 
kath' Hellad' estai. duo gar, ô neania, 
ta prôt' en anthrôpoisi: Dêmêtêr thea – 
gê d' estin, onoma d' hopoteron boulêi kalei: 
hautê men en xêroisin ektrephei brotous: 
hos d' êlth' epeit', antipalon ho Semelês gonos 
botruos hugron pôm' hêure keisênenkato 
thnêtois, ho pauei tous talaipôrous brotous 
lupês, hotan plêsthôsin ampelou rhoês, 
hupnon te lêthên tôn kath' hêmeran kakôn 
didôsin, oud' est' allo pharmakon ponôn. 
houtos theoisi spendetai theos gegôs, 
hôste dia touton tagath' anthrôpous echein. 
  
TEIRESIAS: 
Erhält ein weiser Mann für seine Reden nur 
den rechten Stoff, dann ist es leicht, auch recht zu reden. 
Flink zwar ist deine Zunge, so, als wärst du klug, 
in deinen Worten aber zeigst du keine Klugheit. 
 
Wer Mut und Macht vereint und reden kann, ist doch 
ein schlechter Bürger, wenn er nicht Verstand besitzt. 
 
Der neue Gott hier, über den du spottest – ja, 
mir fehlt die Kraft, zu sagen, wie gewaltig er 
in Hellas herrschen wird! Zwei Güter, junger Herr, 
besitzen für den Menschen höchsten Wert: Demeter, 
das ist die Erde, kannst sie nennen, wie du willst; 
sie nährt die Sterblichen mit ihren trocknen Gaben. 
Gleichwertiges erfand Semeles Sohn und führte 
es bei den Menschen ein, den Traubensaft, den Trank, 
der die geplagten Sterblichen vom Leid befreit, 
wenn sie am Strom der Reben sich erquicken, 
und den Schlummer bringt, Vergessen aller Qual des Tages; 
er ganz allein schafft Hilfe gegen jede Not. 
Er, selbst ein Gott, wird Göttern dargebracht als Spende, 
so daß durch ihn der Mensch das Gute ernten kann. 
 
kai katagelais nin, hôs enerraphê Dios 
mêrôi? didaxô s' hôs kalôs echei tode. 
epei nin hêrpas' ek puros kerauniou 
Zeus, es d' Olumpon brephos anêgagen theon, 
Hêra nin êthel' ekbalein ap' ouranou: 
Zeus d' antemêchanêsath' hoia dê theos. 
rhêxas meros ti tou chthon' enkukloumenou 
aitheros, ethêke tond' homêron ekdidous, 
Dionuson Hêras neikeôn: chronôi de nin 
brotoi rhaphênai phasin en mêrôi Dios, 
onoma metastêsantes, hoti theai theos 
Hêrai poth' hômêreuse, sunthentes logon. 
  
Du höhnst ihn, weil er in den Schenkel eingenäht 
des Zeus gewesen? Ja, das stimmt, ich will's dich lehren! 
Als Zeus entrafft ihn aus des Blitzes Feuerstrahl 
und hoch auf den Olymp sein göttlich Kind gebracht, 
da wollte Hera aus dem Himmel es verbannen. 
Doch Zeus hat listig sich gewehrt, recht wie ein Gott. 
Er riß ein Stück vom Äther, der die Welt umgibt, 
und formt' ihn wie Dionysos und gab ihn Hera 
zum Pfand, auf daß den Streit sie ende. Später hieß es, 
Zeus habe ihn im  S c h e n k e l  ausgetragen; dies 
erfand man, unter Tausch des Wortsinns, weil das Bild 
des Gottes einst als Pfandge s c h e n k  für Hera diente. 
 
mantis d' ho daimôn hode: to gar bakcheusimon 
kai to maniôdes mantikên pollên echei: 
hotan gar ho theos es to sôm' elthêi polus, 
legein to mellon tous memênotas poiei. 
Areôs te moiran metalabôn echei tina: 
straton gar en hoplois onta kapi taxesin 
phobos dieptoêse prin lonchês thigein. 
 
mania de kai tout' esti Dionusou para. 
et' auton opsêi kapi Delphisin petrais 
pêdônta sun peukaisi dikoruphon plaka, 
pallonta kai seionta bakcheion kladon, 
megan t' an' Hellada. all' emoi, Pentheu, pithou: 
mê to kratos auchei dunamin anthrôpois echein, 
mêd', ên dokêis men, hê de doxa sou nosêi, 
phronein dokei ti: ton theon d' es gên dechou 
kai spende kai bakcheue kai stephou kara. 
  
ouch ho Dionusos sôphronein anankasei 
gunaikas es tên Kuprin, all' en têi phusei 
[to sôphronein enestin eis ta pant' aei] 
touto skopein chrê: kai gar en bakcheumasin 
ous' hê ge sôphrôn ou diaphtharêsetai. 
  
horais, su chaireis, hotan ephestôsin pulais 
polloi, to Pentheôs d' onoma megalunêi polis: 
kakeinos, oimai, terpetai timômenos. 
egô men oun kai Kadmos, hon su diagelais, 
kissôi t' erepsomestha kai choreusomen, 
polia xunôris, all' homôs choreuteon, 
kou theomachêsô sôn logôn peistheis hupo. 
mainêi gar hôs algista, koute pharmakois 
akê labois an out' aneu toutôn noseis. 
 
Der Gott läßt auch die Zukunft schauen; denn der Rausch 
des Bakchosfestes weckt Prophetengeist in Fülle. 
Durchdrang der Saft des Gottes kraftvoll erst den Leib, 
zwingt den Berauschten er, die Zukunft zu verkünden. 
Am Werk des Ares auch nimmt teil der Gott; die Furcht 
ließ manch ein Heer, das unter Waffen stand, in Reih 
und Glied, zerstieben, ehe sich die Lanzen kreuzten. 
 
Auch das ist ein dionysosgesandter Wahn. 
Du wirst den Gott auf Delphis Felsen noch erblicken, 
wie er mit Fackeln über beide Gipfel stürmt 
und seinen Feststab schwingt und schüttelt, hochverehrt 
in Griechenland! Nein, Pentheus, folge meinem Rat: 
Glaub nicht, die Macht verleihe große Kraft den Menschen, 
glaub nicht, mit deiner Meinung, die doch irrig ist, 
das Richtige zu treffen! Laß den Gott ins Land, 
gib Spenden, schwärme mit, bekränze dir das Haupt! 
 
Es kann Dionysos die Frauen keinesfalls 
zur Keuschheit zwingen! Im Charakter liegt die Kraft, 
in allen Dingen stets das rechte Maß zu halten. 
Das gilt es zu beachten. Selbst im Bakchosrausch 
wird eine keusche Frau sich nicht verführen lassen. 
 
Du siehst, es freut dich, wenn die Menge vor dem Tor 
sich drängt und wenn die Stadt den Namen Pentheus preist. 
Auch  e r  läßt, glaube ich, sich Ehren gern erweisen. 
So wollen nun auch Kadmos, den du höhnst, und ich 
mit Efeu uns bekränzen und zum Tanze gehen 
– ein greises Paar, und wird doch tanzen! Und niemals 
will ich, durch dich verleitet, gegen Götter kämpfen! 
Dein Wahn ist schrecklich, und kein Säftlein wird dich heilen – 
wie es ja auch ein Gift sein muß, an dem du leidest! 
 
CHO  
ô presbu, Phoibon t' ou kataischuneis logois, 
timôn te Bromion sôphroneis, megan theon. 
 
CHORFÜHRERIN: 
Dem Phoibos bringst du keine Schande, Greis, und handelst 
nur klug, den Bromios, den großen Gott, zu ehren! 
 
KA   
ô pai, kalôs soi Teiresias parêinesen. 
oikei meth' hêmôn, mê thuraze tôn nomôn. 
nun gar petêi te kai phronôn ouden phroneis. 
kei mê gar estin ho theos houtos, hôs su phêis, 
para soi legesthô: kai katapseudou kalôs 
hôs esti, Semelê th' hina dokêi theon tekein, 
hêmin te timê panti tôi genei prosêi. 
  
horais ton Akteônos athlion moron, 
hon ômositoi skulakes has ethrepsato 
diespasanto, kreisson' en kunagiais 
Artemidos einai kompasant', en orgasin. 
ho mê pathêis su: deuro sou stepsô kara 
kissôi: meth' hêmôn tôi theôi timên didou. 
  
KADMOS: 
Mein Sohn, mit Recht hat dich Teiresias gewarnt. 
Steh fest mit uns im Bund, verletze nicht den Brauch! 
Jetzt schwankst du ohne Halt, in deiner Klugheit unklug. 
Und sollte er kein Gott sein, wie du sagst, so nenne 
ihn trotzdem so! Sprich diese Lüge ruhig aus, 
damit Semele als des Gottes Mutter gilt 
und wir, die ganze Sippe, Ruhm und Ehre ernten. 
 
Du hast Aktaions jammervollen Tod vor Augen: 
Die wilden Hunde, die er selber aufgezogen, 
zerfleischten ihn im Walde, weil er sich gebrüstet, 
mit seiner Jagdkunst Artemis zu übertreffen. 
Das sollte dir nicht widerfahren. Komm, ich kränze 
dein Haupt mit Efeu; huldige mit uns dem Gott! 
 
PE   
ou mê prosoiseis cheira, bakcheuseis d' iôn, 
mêd' exomorxêi môrian tên sên emoi? 
tês sês <d'> anoias tonde ton didaskalon 
dikên meteimi. steichetô tis hôs tachos, 
elthôn de thakous toud' hin' oiônoskopei 
mochlois triainou kanatrepson empalin, 
anô katô ta panta suncheas homou, 
kai stemmat' anemois kai thuellaisin methes. 
malista gar nin dêxomai drasas tade. 
  
hoi d' ana polin steichontes exichneusate 
ton thêlumorphon xenon, hos espherei noson 
kainên gunaixi kai lechê lumainetai. 
 
kanper labête, desmion poreusate 
deur' auton, hôs an leusimou dikês tuchôn 
thanêi, pikran bakcheusin en Thêbais idôn. 
 
PENTHEUS: 
Rühr mich nicht an! Geh hin und feire deinen Bakchos, 
nur sollst du mich mit deiner Narrheit nicht besudeln! 
Doch ihn, der dich den Unverstand gelehrt, will ich bestrafen! 
He, mach ungesäumt dich auf den Weg, 
und an dem Sitz, von dem er nach den Vögeln schaut, 
dort wuchte alles aus mit Hebebäumen, stürz 
es um und kehre mir das Unterste zu oberst 
und laß die Seherbinden frei im Wind verwehen! 
Ich werde damit am empfindlichsten ihn treffen. 
 
Und ihr begebt zur Stadt euch, spüret auf den Fremdling, 
der wie ein Weib aussieht, der diese neue Pest 
den Frauen bringt und sie zum Ehebruch verleitet! 
 
Und habt ihr ihn gefaßt, so bringt in Fesseln ihn 
hierher! Er soll durch Steinigung den Tod erleiden, 
ein bittres Bakchosfest in Theben noch vor Augen! 
 
TE  
ô schetli', hôs ouk oistha pou pot' ei logôn. 
memênas êdê: kai prin exestês phrenôn. 
 
steichômen hêmeis, Kadme, kaxaitômetha 
huper te toutou kaiper ontos agriou 
huper te poleôs ton theon mêden neon 
dran. all' hepou moi kissinou baktrou meta, 
peirô d' anorthoun sôm' emon, kagô to son: 
geronte d' aischron duo pesein: itô d' homôs, 
i Bakchiôi gar tôi Dios douleuteon. 
 
Pentheus d' hopôs mê penthos eisoisei domois 
tois soisi, Kadme: mantikêi men ou legô, 
tois pragmasin de: môra gar môros legei. 
 
TEIRESIAS: 
Verblendeter, du weißt nicht, was du sprichst! Jetzt bist 
du völlig toll, und warst schon erst nicht recht bei Sinnen! 
 
Auf, Kadmos, gehen wir, und bitten wir die Gottheit, 
nicht über ihn, wie wild er sich gebärdet auch, 
noch über unsre Stadt ein Unheil zu verhängen! 
Komm, folge mir, auf deinen Efeustab gestützt, 
versuche, aufrecht mich zu halten, wie ich dich! 
Schlimm, wenn zwei Greise stürzen! Doch, mag es geschehen: 
Dem Bakchos haben wir, dem Sohn des Zeus, zu dienen! 
 
Daß Pentheus nur nicht Unglück in dein Haus bringt, Kadmos! 
Ich sage das nicht als Prophet, nein, nur als Zeuge 
der Wirklichkeit. Er schwatzt, ein Dummkopf, dummes Zeug! 
 
 
weiter zum zweiten Chorlied und der Gefangennahme des Dionysos
 
Euripides: Die Bakchen (Die Mänaden)
 
Dionysos Prolog * erstes Chorlied, Einzug der Bakchen
Teiresias und Kadmos, trunken * Pentheus tritt auf * Teiresias belehrt Pentheus
 
zweites Chorlied * Dionysos vor Pentheus
drittes Chorlied * Wechselgesang zwischen Dionysos und dem Bakchenchor * Dionysos wieder vor Pentheus
 
Botenbericht des Hirten vom Treiben der Bakchen
Dionysos verführt Pentheus zur Neugier * viertes Chorlied * Dionysos mit Pentheus bei den Bakchen
 
fünftes Chorlied * Botenbericht des Dieners von der Zerreißung des Pentheus
sechstes Chorlied, Wechselgesang mit Agaue * Kadmos weckt Agaue aus dem Rausch
Reue des Kadmos nach der Katástrophê * Schlußlied des Dionysos * Schlußlied des Chores
 
vgl. Apollodoros, Bibliothêkê : Dionysos-Sagenkreis
und Philostratos, Eikones (Bildbeschreibungen) 1,18 : Bakchen
 
Dionysos verwandelt die Piraten in Delphine
Odysseus lauscht den Sirenen, angebunden an den Mast
Dionysos-Umzug
 
Rgveda: der süße Saft * Odysseus lauscht den Sirenen
Homerischer Aphrodite-Hymnus * Homerischer Dionysos-Hymnus
Hesiod: Werke und Tage (Pandora) / Theogonie (gesamt, griech./dt.)
archaische Kunst (aus dem "Perserschutt" der Akropolis): Herakles
: Berufung (6,1-13) : Immanuel (7,10-16; 9,1-6; 11,1-10)
Vergil: 4. Ekloge – Geburt des neuen Weltenjahrs / 6. Ekloge – Silen singt die Welt
Georgica 4,219 ff - das beseelte All, der alles durchdringende Geist
Ovid, Metamorphoses 15: "Pythagoras": der Phönix / Fasti: Flora : Botticelli: Primavera
Plutarch: Über das E in Delphi (u.a.: Apollo und Dionysos) * Über Isis und Osiris
 
Jesus schläft im Boot auf dem stürmischen Meer * Jesus vor Pilatus * ICH BIN der ICH BIN
Hochzeit zu Kana (Johannesevangelium) * Van Eyck : Genter Altar : Anbetung des Lammes
Raffaelo Santi: Disputa del Sacramento (Eucharistie) / Der Parnaß (Fresco: Apollon mit den Musen)
Novalis: Hymne / Astralis * Samuel Taylor Coleridge: Kubla Khan (englisch / deutsch)
Wagners Tristan: Isolde zerbricht das principium individuationis
Parsifal * Einführendes zur musikalischen Substanz in Wagners "Parsifal"
Nietzsche: dionysisch-apollinisch in "Die Geburt der Tragödie": Raffaels Verklärungs-Bild
 
Das Mandala eines Tages (mystisch-rauschhafte Erzählung, Hans Zimmermann 1979)
... noch einen Tannhäuser schuldig (Roman, Elischa Beth 1996)
 
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Feire Fiz (Hans Zimmermann) : Quellensammlung zum Weltbild der Antike und des Mittelalters : Euripides : Die Bakchen (Die Mänaden)