Feire Fiz : Richard Wagner : Tristan und Isolde : 3.Akt
Richard Wagner
 
Tristan und Isolde
 
in drei Aufzügen 
 
nach dem Wortlaut der gedruckten Partitur
von 1865
in kommentierendem Vergleich mit
Gottfried von Straßburg, Tristan:
XIV Der Splitter * XVI Der Liebestrank
XVIIa Das Geständnis * XVIIb Minne-Exkurs
durch
Feire Fiz
 
Richard Wagner : Tristan und Isolde : 1. Akt  /  2. Akt  /  3. Akt
 
ORCHESTEREINLEITUNG 
 
(Mäßig bewegt 4/4) 
 
 
DRITTER AUFZUG  
 
Burggarten 
Zur einen Seite hohe Burggebäude, zur andren eine niedrige Mauerbrüstung, von einer Warte unterbrochen; im Hintergrunde das Burgtor. Die Lage ist auf felsiger Höhe anzunehmen; durch Öffnungen blickt man auf einen weiten Meereshorizont. Das Ganze macht den Eindruck der Herrenlosigkeit, übel gepftegt, hie und da schadhaft und bewachsen. Im Vordergrunde, an der inneren Seite, liegt Tristan, unter dem Schatten einer großen Linde, auf einem Ruhebett schlafend, wie leblos ausgestreckt. Zu Häupten ihm sitzt Kurwenal, in Schmerz über ihn hin gebeugt und sorgsam seinem Atem lauschend. Von der Außenseite her hört man, beim Aufziehen des Vorhanges, einen Hirtenreigen, sehnsüchtig und traurig auf einer Schalmei geblasen. Endlich erscheint der Hirt selbst mit dem Oberleibe über der Mauerbrüstung und blickt teilnehmend herein. 
ERSTER AUFTRITT 
 
Der Hirt. Kurwenal: Tristan: 
 
Hirt (leise): 
Kurwenal! He! Sag, Kurwenal! 
Hör doch, Freund! 
 
(Kurwenal wendet ein wenig das Haupt nach ihm.) 
Wacht er noch nicht? 
 
Kurwenal (schüttelt traurig mit dem Kopf): 
Erwachte er, 
wär's doch nur, 
um für immer zu verscheiden: 
erschien zuvor 
die Ärztin nicht, 
die einz'ge, die uns hilft. – 
Sahst du noch nichts? 
Kein Schiff noch auf der See? 
 
Hirt. 
Eine andre Weise 
hörtest du dann, 
so lustig, als ich sie nur kann. 
Nun sag auch ehrlich, 
alter Freund: 
was hat's mit unserm Herrn? 
 
Kurwenal: 
Laß die Frage: 
du kannst's doch nie erfahren. 
Eifrig späh, 
und siehst du ein Schiff, 
so spiele lustig und hell! 
 
(Der Hirt wendet sich und späht, mit der Hand überm Auge, nach dem Meer aus.) 
 
Hirt. 
Öd und leer das Meer! 
 
(Er setzt die Schalmei an den Mund und entfernt sich blasend.) 
 
Tristan: (bewegungslos, dumpf): 
Die alte Weise – 
was weckt sie mich? 
 
Kurwenal (fährt erschrocken auf): 
Ha! 
 
Tristan (schlägt die Augen auf und wendet das Haupt ein wenig): 
Wo bin ich? 
 
Kurwenal: 
Diese Stimme! 
Seine Stimme! 
Tristan! Herre! 
Mein Held! Mein Tristan! 
 
Tristan (mit Anstrengung): 
Wer ruft mich? 
 
Kurwenal: 
Endlich! Endlich! 
Leben,oLeben! 
Süßes Leben, 
meinem Tristan neu gegeben! 
 
Tristan (ein wenig auf dem Lager sich erhebend, matt): 
Kurwenal – du? 
Wo war ich? 
Wo bin ich? 
 
Kurwenal: 
Wo du bist? 
In Frieden, sicher und frei! 
Kareol, Herr: 
kennst du die Burg 
der Väter nicht? 
 
Tristan: 
Meiner Väter? 
 
Kurwenal: 
Sieh dich nur um! 
 
Tristan: 
Was erklang mir? 
 
Kurwenal: 
Des Hirten Weise 
hörtest du wieder; 
am Hügel ab 
hütet er deine Herde. 
 
Tristan: 
Meine Herde? 
 
Kurwenal: 
Herr, das mein ich! 
Dein das Haus, 
Hof und Burg! 
Das Volk, getreu 
dem trauten Herrn, 
so gut es konnt', 
hat's Haus und Hof gepflegt, 
das einst mein Held 
zu Erb und Eigen 
an Leut und Volk verschenkt, 
als alles er verließ, 
in fremde Land' zu ziehn. 
 
Tristan: 
In welches Land? 
 
Kurwenal: 
Hei! Nach Kornwall: 
kühn und wonnig, 
was sich da Glanzes, 
Glückes und Ehren 
Tristan, mein Held, hehr ertrotzt! 
 
Tristan: 
Bin ich in Komwall? 
 
Kurwenal: 
Nicht doch: inKareol! 
 
Tristan: 
Wie kam ich her? 
 
Kurwenal: 
Hei nun! Wie du kamst? 
Zu Roß rittest du nicht; 
ein Schifflein führte dich her. 
Doch zu dem Schifflein 
hier auf den Schultern 
trug ich dich; die sind breit, 
sie trugen dich dort zum Strand. 
Nun bist du daheim, daheim zu Land: 
im echten Land, 
im Heimatland; 
auf eigner Weid und Wonne, 
im Schein der alten Sonne, 
darin von Tod und Wunden 
du selig sollst gesunden. 
(Er schmiegt sich an Tristans Brust.) 
Tristan (nach einem kleinen Schweigen): 
Dünkt dich das? 
Ich weiß es anders, 
doch kann ich's dir nicht sagen. 
Wo ich erwacht – 
weilt' ich nicht; 
doch, wo ich weilte, 
das kann ich dir nicht sagen. 
Die Sonne sah ich nicht, 
noch sah ich Land und Leute: 
doch, was ich sah, 
das kann ich dir nicht sagen. 
Ich war, 
wo ichvon je gewesen, 
wohin auf je ich geh: 
im weiten Reich 
der Weltennacht. 
Nur ein Wissen 
dort uns eigen: 
göttlich ew'ges 
Urvergessen! 
Wie schwand mir seine Ahnung? 
Sehnsücht'ge Mahnung, 
nenn ich dich, 
die neu dem Licht 
des Tags mich zugetrieben? 
Was einzig mir geblieben, 
ein heiß-inbrünstig Lieben, 
aus Todes-Wonne-Grauen 
jagt's mich, das Licht zu schauen, 
das trügend hell und golden 
noch dir, Isolden, scheint! 
 
(Kurwenal birgt, von Grausen gepackt, sein Haupt. Tristan richtet sich allmählich immer mehr auf.) 
 
Isolde noch 
im Reich der Sonne! 
Im Tagesschimmer 
noch Isolde! 
Welches Sehnen! 
Welches Bangen! 
Sie zu sehen, 
welch Verlangen! 
Krachend hört' ich 
hinter mir 
schon des Todes 
Tor sich schließen: 
weit nun steht es 
wieder offen, 
der Sonne Strahlen 
sprengt' es auf; 
mit hell erschloss'nen Augen 
mußt' ich der Nacht enttauchen: 
sie zu suchen, 
sie zu sehen; 
sie zu finden, 
in der einzig 
zu vergehen, 
zu entschwinden 
Tristan ist vergönnt. 
Weh, nun wächst, 
bleich und bang, 
mir des Tages 
wilder Drang; 
grell und täuschend 
sein Gestirn 
weckt zu Trug 
und Wahn mir das Hirn! 
Verfluchter Tag 
mit deinem Schein! 
Wachst du ewig 
meiner Pein? 
Brennt sie ewig, 
diese Leuchte, 
die selbst nachts 
von ihr mich scheuchte? 
Ach, Isolde, 
süße Holde! 
Wann endlich, 
wann, ach wann 
löschest du die Zünde, 
daß sie mein Glück mir künde? 
Das Licht – wann löscht es aus? 
(Er sinkt erschöpft leise zurück.) 
Wann wird es Nacht im Haus? 
 
Kurwenal (nach großer Erschütterung aus der Niedergeschlagenheit sich aufraffend): 
Der einst ich trotzt', 
aus Treu' zu dir, 
mit dir nach ihr 
nun muß ich mich sehnen. 
Glaub meinem Wort: 
du sollst sie sehen 
hier und heut; 
den Trost kann ich dir geben 
ist sie nur selbst noch am Leben. 
 
Tristan (sehr matt): 
Noch losch das Licht nicht aus, 
noch ward's nicht Nacht im Haus: 
Isolde lebt und wacht; 
sie rief mich aus der Nacht. 
 
Kurwenal: 
Lebt sie denn, 
so laß dir Hoffnung lachen! 
Muß Kurwenal dumm dir gelten, 
heut sollst du ihn nicht schelten. 
Wie tot lagst du 
seit dem Tag, 
da Melot, der Verruchte, 
dir eine Wunde schlug. 
Die böse Wunde, 
wie sie heilen? 
Mir tör'gem Manne 
dünkt' es da, 
wer einst dir Morolds 
Wunde schloß, 
der heilte leicht die Plagen, 
von Melots Wehr geschlagen. 
Die beste Ärztin 
bald ich fand; 
nach Kornwall hab ich 
ausgesandt: 
ein treuer Mann 
wohl übers Meer 
bringt dir Isolden her. 
 
Tristan (außer sich) 
Isolde kommt! 
Isolde naht! 
 
(Er ringt gleichsam nach Sprache.) 
 
O Treue! Hehre, 
holde Treue! 
 
(Er zieht Kurwenal an sich und umarmt ihn.) 
 
Mein Kurwenal, 
du trauter Freund! 
Du Treuer ohne Wanken, 
wie soll dir Tristan danken? 
Mein Schild, mein Schirm 
in Kampf und Streit, 
zu Lust und Leid 
mir stets bereit: 
wen ich gehaßt, 
den haßtest du; 
wen ich geminnt,  
den minntest du. 
Dem guten Marke, 
dient' ich ihm hold, 
wie warst du ihm treuer als Gold! 
Mußt' ich verraten den edlen Herrn, 
wie betrogst du ihn da so gern! 
Dir nicht eigen, 
einzig mein, 
mit leidest du, 
wenn ich leide: 
nur was ich leide, 
das kannst du nicht leiden! 
Dies furchtbare Sehnen, 
das mich sehrt; 
dies schmachtende Brennen, 
das mich zehrt; 
wollt' ich dir's nennen, 
könntest du's kennen: 
nicht hier würdest du weilen, 
zur Warte müßtest du eilen – 
mit allen Sinnen 
sehnend von hinnen 
nach dorten trachten und spähen, 
wo ihre Segel sich blähen, 
wo vor den Winden, 
mich zu finden, 
von der Liebe Drang befeuert, 
Isolde zu mir steuert! – 
Es naht! Es naht 
mit mutiger Hast! 
Sie weht, sie weht – 
die Flagge am Mast. 
Das Schiff! Das Schiff! 
Dort streicht es am Riff! 
Siehst du es nicht? 
(Heftig.) 
Kurwenal, siehst du es nicht? 
 
(Als Kurwenal, um Tristan nicht zu verlassen, zögert, und dieser in schweigender Spannung auf ihn blickt, ertönt, wie zu Anfang, näher, dann ferner, die klagende Weise des Hirten.) 
 
Kurwenal (niedergeschlagen): 
Noch ist kein Schiff zu sehn! 
Tristan (hat mit ahnehmender Aufregung gelauscht und beginnt nun mit wachsender Schwermut): 
Muß ich dich so verstehn, 
du alte ernste Weise, 
mit deiner Klage Klang? 
Durch Abendwehen 
drang sie bang, 
als einst dem Kind 
des Vaters Tod verkündet. 
Durch Morgengrauen 
bang und bänger, 
als der Sohn 
der Mutter Los vernahm. 
Da er mich zeugt' und starb, 
sie sterbend mich gebar. 
Die alte Weise 
sehnsuchtbang 
zu ihnen wohl auch 
klagend drang, 
die einst mich frug 
und jetzt mich frägt: 
zu welchem Los erkoren 
ich damals wohl geboren? 
Zu welchem Los? 
Die alte Weise 
sagt mir's wieder: 
mich sehnen – und sterben! 
Nein! Ach nein! 
So heißt sie nicht! 
Sehnen! Sehnen! 
Im Sterben mich zu sehnen, 
vor Sehnsucht nicht zu sterben! 
Die nie erstirbt, 
sehnend nun ruft 
um Sterbens Ruh 
sie der fernen Ärztin zu. – 
Sterbend lag ich 
stumm im Kahn, 
der Wunde Gift 
dem Herzen nah: 
Sehnsucht klagend 
klang die Weise; 
den Segel blähte der Wind 
hin zu Irlands Kind. 
Die Wunde, die 
sie heilend schloß, 
riß mit dem Schwert 
sie wieder los; 
das Schwert dann aber – 
ließ sie sinken; 
den Gifttrank gab sie 
mir zu trinken: 
wie ich da hoffte 
ganz zu genesen, 
da ward der sehrendste 
Zauber erlesen: 
daß nie ich sollte sterben, 
mich ew'ger Qual vererben! 
Der Trank! Der Trank! 
Der furchtbare Trank! 
Wie vom Herz zum Hirn 
er wütend mir drang! 
Kein Heil nun kann, 
kein süßer Tod 
je mich befrein 
von der Sehnsucht Not; 
nirgends, ach nirgends 
find ich Ruh: 
mich wirft die Nacht 
dem Tage zu, 
um ewig an meinen Leiden 
der Sonne Auge zu weiden. 
O dieser Sonne 
sengender Strahl, 
wie brennt mir das Hirn 
seine glühende Qual! 
Für dieser Hitze 
heißes Verschmachten, 
ach, keines Schattens 
kühlend Umnachten! 
Für dieser Schmerzen 
schrechliche Pein, 
welcher Balsam sollte 
mir Lindrung verleihn? 
Den furchtbaren Trank, 
der der Qual mich vertraut, 
ich selbst – ich selbst, 
ich hab ihn gebraut! 
Aus Vaters Not 
und Mutterweh, 
aus Liebestränen 
eh und je – 
aus Lachen und Weinen, 
Wonnen und Wunden 
hab ich des Trankes 
Gifte gefunden! 
Den ich gebraut, 
der mir geflossen, 
den wonneschlürfend 
je ich genossen – 
verflucht sei, furchtbarer Trank! 
Verflucht, wer dich gebraut! 
 
(Er sinkt ohnmächtig zurück.) 
Kurwenal (der vergebens Tristan zu mäßigen suchte, schreit entsetzt auf): 
Mein Herre Tristan! 
Schrecklicher Zauber! 
O Minnetrug! 
O Liebeszwang! 
Der Welt holdester Wahn, 
wie ist's um dich getan! 
Hier liegt er nun, 
der wonnige Mann, 
der wie keiner geliebt und geminnt. 
Nun seht, was von ihm 
sie Dankes gewann, 
was je Minne sich gewinnt! 
 
(Mit schluchzender Stimme.) 
Bist du nun tot? 
Lebst du noch? 
Hat dich der Fluch entführt? 
 
(Er lauscht seinem Atem.) 
O Wonne! Nein! 
Er regt sich, er lebt! 
Wie sanft er die Lippen rührt! 
 
Tristan (langsam wieder zu sich kommend): 
Das Schiff? Siehst du's noch nicht? 
 
Kurwenal: 
Das Schiff? Gewiß, 
es naht noch heut; 
es kann nicht lang mehr säumen. 
 
Tristan: 
Und drauf Isolde, 
wie sie winkt, 
wie sie hold 
mir Sühne trinkt. 
Siehst du sie? 
Siehst du sie noch nicht? 
Wie sie selig, 
hehr und milde 
wandelt durch des 
Meers Gefilde? 
Auf wonniger Blumen 
lichten Wogen 
kommt sie sanft 
ans Land gezogen. 
Sie lächelt mir Trost 
und süße Ruh, 
sie führt mir letzte 
Labung zu. 
Ach, Isolde, Isolde! 
Wie schön bist du! 
Und Kurwenal, wie, 
du sähst sie nicht? 
Hinauf zur Warte, 
du blöder Wicht! 
Was so hell und licht ich sehe, 
daß das dir nicht entgehe! 
Hörst du mich nicht? 
Zur Warte schnell! 
Eilig zur Warte! 
Bist du zur Stell'? 
Das Schiff? Das Schiff? 
Isoldens Schiff? 
Du mußt es sehen, 
mußt es sehen! 
Das Schiff? Sähst du's noch nicht? 
 
 
(Wahrend Kurwenal noch zögernd mit Tristan ringt, läßt der Hirt von außen die Schalmei ertönen. Kurwenal springt freudig auf.) 
 
Kurwenal: 
OWonne! Freude! 
 
(Er stürzt auf die Warte und späht aus.) 
Ha! Das Schiff! 
Von Norden seh ich's nahen. 
 
Tristan (in wachsender Begeisterung): 
Wußt' ich's nicht? 
Sagt' ich's nicht, 
daß sie noch lebt, 
noch Leben mir webt? 
Die mir Isolde 
einzig enthält, 
wie wär' Isolde 
mir aus der Welt? 
 
Kurwenal (von der Warte zurückrufend, jauchzend): 
Heiha! Heiha! 
Wie es mutig steuert! 
Wie stark der Segel sich bläht! 
Wie es jagt, wie es fliegt! 
 
Tristan: 
Die Flagge? Die Flagge? 
 
Kurwenal: 
Der Freude Flagge 
am Wimpel lustig und hell! 
 
Tristan (auf dem Lager hoch sich aufrichtend): 
Hahei! Der Freude! 
Hell am Tage 
zu mir Isolde! 
Isolde zu mir! 
Siehst du sie selbst? 
 
Kurwenal: 
Jetzt schwand das Schiff 
hinter dem Fels. 
 
Tristan: 
Hinter dem Riff? 
Bringt es Gefahr? 
Dort wütet die Brandung, 
scheitern die Schiffe! 
Das Steuer, wer führt's? 
 
Kurwenal: 
Der sicherste Seemann. 
 
Tristan: 
Verriet' er mich? 
Wär' er Melots Genoß? 
 
Kurwenal: 
Trau ihm wie mir! 
 
Tristan: 
Verräter auch du! 
Unsel'ger! 
Siehst du sie wieder? 
 
Kurwenal: 
Noch nicht. 
 
Tristan: 
Verloren! 
 
Kurwenal (jauchzend): 
Heiha! Hei ha ha ha ha! 
Vorbei! Vorbei! 
Glücklich vorbei! 
 
Tristan (jauchzend): 
Kurwenal, hei ha ha ha, 
treuester Freund! 
Kur wenal. Tristan: 
All mein Hab und Gut 
vererb ich noch heut. 
 
Kurwenal: 
Sie nahen im Flug. 
 
Tristan: 
Siehst du sie endlich? 
Siehst du Isolde? 
 
Kurwenal: 
Sie ist's! Sie winkt! 
 
Tristan: 
O seligstesWeib! 
 
Kurwenal: 
Im Hafen der Kiel! 
Isolde, ha! 
Mit einem Sprung 
springt sie vom Bord ans Land. 
 
Tristan: 
Herab von der Warte, 
müßiger Gaffer! 
Hinab! Hinab 
an den Strand! 
Hilf ihr! Hilf meiner Frau! 
 
Kurwenal: 
Sie trag ich herauf: 
trau meinen Armen! 
Doch du, Tristan, 
bleib mir treulich am Bett. 
 
(Kurwenal eilt fort.) 
ZWEITER AUFTRITT 
 
Tristan: Isolde: Kurwenal: 
 
Tristan (in höchster Aufregung mühend): 
O diese Sonne! 
Ha, dieser Tag! 
Ha, dieser Wonne 
sonnigster Tag! 
Jagendes Blut, 
jauchzender Mut! 
Lust ohne Maßen, 
freudiges Rasen! 
Auf des Lagers Bann 
wie sie ertragen? 
Wohl auf und daran, 
wo die Herzen schlagen! 
Tristan der Held, 
in jubelnder Kraft, 
hat sich vom Tod 
emporgerafft! 
 
(Er richtet sich hoch auf.) 
 
Mit blutender Wunde 
bekämpft' ich einst Morolden, 
mit blutender Wunde 
erjag ich mir heut Isolden! 
 
(Er reißt sich den Verband der Wunde auf.) 
 
Heia, mein Blut! 
Lustig nun fließe! 
 
(Er springt vom Lager herab und schwankt vorwärts.) 
 
Die mir die Wunde 
auf ewig schließe – 
sie naht wie ein Held, 
sie naht mir zum Heil! 
Vergeh die Welt 
meiner jauchzenden Eil'! 
 
(Er taumelt nach der Mitte der Bühne.) 
 
Isolde: (von außen): 
Tristan! Geliebter! 
 
Tristan: (in der furchtbarsten Aufregung): 
Wie, hör ich das Licht? 
Die Leuchte, ha! 
Die Leuchte verlischt! 
Zu ihr! Zu ihr! 
 
(lsolde eilt atemlos herein. Tristan, seiner nicht mächtig, stürzt sich ihr schwankend entgegen. In der Mitte der Bühne begegnen sie sich; sie empfängt ihn in ihren Armen. Tristan sinkt langsam in ihren Armen zu Boden.) 
 
Isolde: 
Tristan!Ha! 
 
Tristan (sterbend zu ihr aufblickend): 
Isolde! 
(Er stirbt.) 
 
Isolde: 
Ha! Ich bin's, ich bin's, 
süßester Freund! 
Auf, noch einmal 
hör meinen Ruf! 
Isolde ruft: 
Isolde kam, 
mit Tristan treu zu sterben. 
Bleibst du mir stumm? 
Nur eine Stunde, 
nur eine Stunde 
bleibe mir wach! 
So bange Tage 
wachte sie sehnend 
um eine Stunde 
mit dir noch zu wachen: 
betrügt Isolden, 
betrügt sie Tristan 
um dieses einzige, 
ewig kurze 
letzte Weltenglück? 
Die Wunde? Wo? 
Laß sie mich heilen! 
Daß wonnig und hehr 
die Nacht wir teilen; 
nicht an der Wunde, 
an der Wunde stirb mir nicht: 
uns beiden vereint 
erlösche das Lebenslicht! 
Gebrochen der Blick! 
Still das Herz! 
Nicht eines Atems 
flücht'ges Wehn! – 
Muß sie nun jammernd 
vor dir stehn, 
die sich wonnig dir zu vermählen 
mutig kam übers Meer? 
Zu spät! 
Trotziger Mann! 
Strafst du mich so 
mit härtestem Bann? 
Ganz ohne Huld 
meiner Leidensschuld? 
Nicht meine Klagen 
darf ich dir sagen? 
Nur einmal, ach! 
nur einmal noch! – 
Tristan! – Ha! – 
Horch! Er wacht! 
Geliebter! 
 
(Sie sinkt bewußtlos über der Leiche zusammen.) 
 
(Kurwenal war sogleich hinter Isolde zurückgekommen; sprachlos in furchtbarer Erschütterung hat er dem Auftritte beigewohnt und bewegungslos auf Tristan hingestarrt. Aus der Tiefe hört man jetzt dumpfes Gemurmel und Waffengeklirr. Der Hirt kommt über die Mauer gestiegen.) 
 
DRITTER AUFTRITT 
 
Die Vorigen. Der Hirt. Der Steuermann. Melot. Brangäne: Marke: Ritter und Knappen. 
 
Hirt (hastig und leise sich zu Kurwenal wendend): 
Kurwenal! Hör! 
Ein zweites Schiff. 
 
(Kurwenal fährt heftig auf und blickt über die Brüstung, während der Hirt aus der Ferne erschüttert auf Tristan und Isolde sieht.) 
 
Kurwenal (in Wut ausbrechend): 
Tod und Hölle! 
Alles zur Hand! 
Marke und Melot 
hab ich erkannt. 
Waffen und Steine! 
Hilf mir! Ans Tor! 
 
(Er eilt mit dem Hirten an das Tor, das sie in der Hast zu verrammeln suchen.) 
 
Der Steuermann (stürzt herein): 
Marke mir nach 
mit Mann und Volk: 
vergebne Wehr! 
Bewältigt sind wir. 
 
Kurwenal: 
Stell dich und hilf! 
Solang ich lebe, 
lugt mir keiner herein! 
 
Brangänes Stimme (außen, von unten her): 
Isolde! Herrin! 
 
Kurwenal: 
Brangänes Ruf? 
(Hinabrufend.) 
Was suchst du hier? 
 
Brangäne: 
Schließ nicht, Kurwenal! 
Wo ist Isolde? 
 
Kurwenal: 
Verrät'rin auch du? 
Weh dir, Verruchte! 
 
Melot (außerhalb): 
Zurück, du Tor! 
Stemm dich nicht dort! 
 
Kurwenal (wütend auflachend): 
Heiahaha dem Tag, 
an dem ich dich treffe! 
 
(Melot, mit gewaffneten Männern, erscheint unter dem Tor. Kurwenal stürzt sich auf ihn und streckt ihn zu Boden.) 
Stirb, schändlicher Wicht! 
Weh mir, Tristan! 
(Er stirbt.) 
 
Brangäne: (noch außerhalb): 
Kurwenal! Wütender! 
Hör, du betrügst dich! 
 
Kurwenal: 
Treulose Magd! 
(Zu den Seinen.) 
Drauf! Mir nach! 
Werft sie zurück! 
(Sie kämpfen.) 
 
Marke (außerhalb): 
Halte, Rasender! 
Bist du von Sinnen? 
 
Kurwenal: 
Hier wütet der Tod! 
Nichts andres, König, 
ist hier zu holen: 
willst du ihn kiesen, so komm! 
(Er dringt auf Marke und dessen Gefolge ein.) 
 
Marke (unter dem Tor mit Gefolge erscheinend): 
Zurück! Wahnsinniger! 
 
Brangäne (hat sich seitwärts über die Mauer geschwungen und eilt in den Vordergrund): 
Isolde! Herrin! 
Glück und Heil! 
Was seh ich? Ha! 
Lebst du? Isolde! 
 
(Sie müht sich um Isolde: – Marke mit seinem Gefolge hat Kurwenal mit dessen Helfern vom Tore zurückgetrieben und dringt herein.) 
Marke: 
O Trug und Wahn! 
Tristan, wo bist du? 
 
Kurwenal (schwer verwundet, schwankt vor Marke her nach dem Vordergrund): 
Da liegt er – 
hier – wo ich – liege. 
(Er sinkt bei Tristans Füßen zusammen.) 
 
Marke: 
Tristan! Tristan! 
Isolde! Weh! 
 
Kurwenal (nach Tristans Hand lassend): 
Tristan, Trauter, 
schilt mich nicht, 
daß der Treue auch mitkommt! 
(Er stirbt.) 
 
Marke: 
Tot denn alles! 
Alles tot! 
Mein Held, mein Tristan! 
Trautester Freund, 
auch heute noch 
mußt du den Freund verraten? 
Heut, wo er kommt, 
dir höchste Treu' zu bewähren? 
Erwache! Erwache! 
Erwache meinem Jammer! 
 
(Schluchzend über die Leiche sich herabbeugend.) 
 
Du treulos treuster Freund! 
 
Brangäne (die in ihren Armen Isolde wieder zu sich gebracht): 
Sie wacht! Sie lebt! 
Isolde! Hör mich, 
vernimm meine Sühne! 
Des Trankes Geheimnis 
entdeckt' ich dem König: 
mit sorgender Eil' 
stach er in See, 
dich zu erreichen, 
dir zu entsagen, 
dir zuzuführen den Freund. 
 
Marke: 
Warum, Isolde, 
warum mir das? 
Da hell mir enthüllt, 
was zuvor ich nicht fassen konnt', 
wie selig, daß den Freund 
ich frei von Schuld da fand! 
Dem holden Mann dich zu vermählen, 
mit vollen Segeln flog ich dir nach. 
Doch Unglückes 
Ungestüm, 
wie erreicht es, wer Frieden bringt? 
Die Ernte mehrt' ich dem Tod, 
der Wahn häufte die Not. 
 
Brangäne: 
Hörst du uns nicht? 
Isolde! Traute! 
Vernimmst du die Treue nicht? 
(Isolde, die nichts um sich her vernommen, heftet das Auge mit wachsender Begeisterung auf Tristans Leiche.) 
 
Isolde: 
    Mild und leise  
      wie er lächelt, 
    wie das Auge  
      hold er öffnet – 
    seht ihr's, Freunde?  
      Seht ihr's nicht? 
    Immer lichter  
      wie er leuchtet, 
    sternumstrahlet  
      hoch sich hebt? 
    Seht ihr's nicht?  
      
    Wie das Herz ihm  
      mutig schwillt, 
    voll und hehr  
      im Busen ihm quillt? 
    Wie den Lippen,  
      wonnig mild, 
    süßer Atem  
      sanft entweht – 
    Freunde! Seht!  
      Fühlt und seht ihr's nicht? 
      
    Hör ich nur  
      diese Weise, 
    die so wunder-  
      voll und leise, 
    Wonne klagend,  
      alles sagend, 
    mild versöhnend  
      aus ihm tönend, 
    in mich dringet,  
      auf sich schwinget, 
    hold erhallend  
      um mich klinget? 
    Heller schallend,  
      mich umwallend, 
    sind es Wellen  
      sanfter Lüfte? 
    Sind es Wogen  
      wonniger Düfte? 
    Wie sie schwellen,  
      mich umrauschen, 
    soll ich atmen,  
      soll ich lauschen? 
    Soll ich schlürfen,  
      untertauchen? 
    Süß in Düften  
      mich verhauchen? 
    In dem wogenden Schwall,  
      in dem tönenden Schall, 
    in des Welt-Atems  
      wehendem All – 
    ertrinken,  
      versinken – 
    unbewußt –   
      höchste Lust! 
 
(lsolde sinkt, wie verklärt, in Brangänes Armen sanft auf Tristans Leiche. Rührung und Entrücktheit unter den Umstehenden. Marke segnet die Leichen. Der Vorhang fällt langsam.) 
 
Partiturseiten :
in dem wogenden Schwall, 
in dem tönenden Schall, in des
Weltatems wehendem All
ertrinken, versinken, unbewußt,
höchste Lust
 
 
Richard Wagner : Tristan und Isolde : 1. Akt  /  2. Akt  /  3. Akt
 
 
Richard Wagner: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, 1., 2. und 3.Aufzug * Das Lied vom Tannhäuser
Chrêtiens und Wolframs Parzival * Wagner: Parsifal * Tristan * Wolfram und Klingsôr im Wartburgkrieg:
Der Gral als Stein aus der Krone der Gerechtigkeit * Luzifers Sturz (Jes 14,12 ff) * Der "köstliche Stein" (1.Petrusbrief)
Goethe: Das Märchen / Deutung (R.Steiner) * Novalis: Klingsohrs Märchen im "Heinrich von Ofterdingen" * Novalis: Hymne
Elischa Beth: "...noch einen Tannhäuser schuldig" bzw. "Zwiebelgold" (Roman) * vgl. 7.Rundbrief 2005
*+)
Index * Rheingold-Travestie * lapsit exillîs (Index) * Mr.Eckhart * Böhme: Aurora * Chym. Hochzeit * Venus-Geburt
Rgveda * Nietzsche: Raffaels "Transfiguration" * Proklos * Pascal: l'infini * Leibniz: Monaden * Kant: Raum und Zeit
Novalis: Lehrlinge zu Sais / Hymne / Astralis / Klingsohrs Märchen / Hymnen an die Nacht * Novalis, Schelling
Kafka: Parabeln * Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? / Theosophie * Luzifers Sturz
1.Joh-Brief * Paulus * Hebräerbrief * Entfaltet der SOHN die Werke des Vaters auch in der Natur?
Gott ist Licht * Gott ist Liebe * Gott ist Geist * Pfingsten * Johannesevang.: Hochzeit zu Kana * Perlenlied
Das Hohe Lied: "Wo ist denn dein Freund hingegangen?" * Runge: Der Morgen * Euripides: Die Bakchen
*
emaille?! an den Autor, Übersetzer und Herausgeber (Feire Fiz)
 
Feire Fiz : lapsit exillis : Gral : Tristan : 3.Akt
 
zurück                               Seitenanfang