Feire Fiz : Gottfried von Straßburg : Tristan XVI : Der Liebestrank
Gottfried von Straßburg
 
Tristan
 
XVI : Der Liebestrank
 
11367-11874
mittelhochdeutscher Text nach Friedrich Ranke (Berlin 1930)
Übersetzung ungeglättet "krude" dicht am Wortlaut
durch Feire Fiz
 
Gottfried von Straßburg, Tristan:
XIV Der Splitter * XVI Der Liebestrank
XVIIa Das Geständnis * XVIIb Minne-Exkurs
 
Richard Wagner, Tristan und Isolde
 
 Die Königin braut den Liebestrank * Abschied und Abfahrt * Tristan tröstet Isolde * Abweisung
Isolde und Tristan trinken den Liebestrank * Sündenfall-Analogie * erste Wirkung des Tranks * der Leim
 
XVI. Der Minnetrank 
 
Dô disiu rede g'endet was, 
der künec seite in den palas 
sînes landes cumpanjûnen, 
rittern und barûnen, 11370 
daz diz Tristan waere, 
und kündete in diz maere, 
als er ez haete vernomen, 
war umbe er z'Îrlant waere komen 
und wie er gelobet haete, 11375 
er solte ez ime dâ staete 
mit Markes vürsten machen 
mit allen den sachen, 
als er im vor benande. 
 
daz gesinde von Îrlande 11380 
was dirre maere sêre vrô. 
die lanthêrren sprachen dô, 
daz diu suone waere 
gevellic unde gebaere, 
wan langez hazzen under in 11385 
tribe ie die zît mit schaden hin. 
 
der künec gebôt unde bat, 
daz in Tristan an der stat 
der rede gewis taete, 
als er'm gelobet haete. 11390 
er tete ouch alsô: Tristan 
und alle sînes hêrren man 
die swuoren zuo dem mâle 
daz lant ze Curnewâle 
ze morgengâbe Îsolde, 11395 
und daz si wesen solde 
vrouwe über allez Engelant. 
Hie mite bevalch Gurmûn zehant 
Îsolde hant von hande 
ir vînde Tristande. 11400 
ir vînde spriche ich umbe daz: 
si was im dannoch gehaz. 
 
Tristan der nam s'an sîne hant. 
»künec« sprach er »hêrre von Îrlant, 
wir biten iuch, mîn vrouwe und ich, 11405 
daz ir durch sî und ouch durch mich, 
ez sîn ritter oder kint, 
die her ze zinse geben sint 
von Curnwal und von Engelant, 
die suln in mîner vrouwen hant 11410 
billîchen und von rehte sîn, 
wan si ist der lande künigîn, 
daz ir ir die lâzet vrî.« 
 
»vil gerne« sprach der künec »daz sî. 
eist wol mit mînen minnen, 11415 
varnt s'alle mit iu hinnen.« 
der maere wart manc herze vrô. 
 
Tristan der hiez gewinnen dô 
einen kiel ze sînem kiele 
und daz ouch der geviele 11420 
im selben unde Îsolde 
und dâ zuo, swem er wolde. 
und alse ouch der bereit wart, 
Tristan bereite sich zer vart. 
 
in allen den enden, 11425 
dâ man die ellenden 
ze hove und in dem lande vant, 
die besande man zehant. 
XVI. Der Liebestrank 
 
Als diese Sache beendet war, 
sagte der König im Palast 
zu seines Landes Mitstreitern, 
den Rittern und Baronen, 11370 
daß dies Tristan sei. 
Er gab ihnen die Geschichte bekannt, 
wie er selbst sie vernommen hatte, 
warum er nach Irland gekommen sei 
und wie er gelobt hatte, 11375 
er wolle ihm verbindlich zusichern 
zusammen mit Markes Fürsten 
all jene Dinge, 
die er ihm vorher genannt hatte. 
 
Das Gesinde von Irland 11380 
war über diese Geschichte sehr froh. 
Die Landesherren sprachen da, 
daß diese Versöhnung 
angenehm und angemessen sei, 
denn langer Haß untereinander 11385 
führe immer mit der Zeit zu Schaden. 
 
Der König gebot und bat, 
daß Tristan ihm auf der Stelle 
die Worte bestätige, 
wie er sie ihm gelobt hatte. 11390 
Das tat er: Tristan 
und alle Mannen seines Herrn 
schworen da nun, 
daß das Land zu Cornwall 
Isolde zur Morgengabe sein solle, 11395 
und daß sie werden solle 
Herrin über ganz England. 
Hiermit übergab Gurmun sogleich 
Isoldes Hand der Hand 
ihres Feindes Tristan. 11400 
Von "ihrem Feind" spreche ich darum, 
weil sie ihn damals noch immer haßte. 
 
Tristan ergriff ihre Hand. 
»König«, sagte er, »Herr von Irland, 
wir bitten Euch, meine Herrin und ich, 11405 
daß Ihr um ihret- und um meinetwillen 
alle Ritter und jungen Leute, 
die Euch als Tribut übergeben worden sind 
von Cornwall und von England 
und die in der Hand meiner Herrin 11410 
rechtens und billigerweise sein sollten, 
denn sie ist Königin jener Länder, 
daß Ihr diese für sie frei lasset.« 
 
»Sehr gerne«, sagte der König, »so sei es. 
Es geschieht mit meiner freudigen Zustimmung, 11415 
wenn sie alle mit Euch wegfahren.« 
Über diese Geschichte war manches Herz froh. 
 
Tristan ließ dann herrichten 
ein weiteres Schiff außer seinem eigenen, 
das auch gefallen sollte 11420 
ihm selbst und Isolde 
und dazu Leute, wen immer er wollte. 
Und als auch dieses Schiff bereit war, 
bereitete sich Tristan zur Abfahrt. 
 
Aus allen Enden, 11425 
wo man die Fremden 
bei Hofe oder auf dem Lande fand, 
holte man diese sogleich herbei. 
Die wîle und sich ouch Tristan 
mit sînen lantgesellen dan 11430 
bereite unde berihtete, 
die wîle sô betihtete 
Îsôt diu wîse künigîn 
in ein glasevezzelîn 
einen tranc von minnen, 11435 
mit alsô cleinen sinnen 
ûf geleit und vor bedâht, 
mit solher crefte vollebrâht: 
mit sweme sîn ieman getranc, 
den muose er âne sînen danc 11440 
vor allen dingen meinen 
und er dâ wider in einen. 
in was ein tôt unde ein leben, 
ein triure, ein vröude samet gegeben. 
 
den tranc den nam diu wîse, 11445 
si sprach Brangaenen lîse. 
»Brangaene« sprach si »niftel mîn, 
lâ dir die rede niht swaere sîn, 
du solt mit mîner tohter hin. 
dâ nâch sô stelle dînen sîn. 11450 
swaz ich dir sage, daz vernim. 
diz glas mit disem tranke nim, 
daz habe in dîner huote 
hüete es vor allem guote. 
sich, daz es ûf der erde 11455 
ieman innen werde. 
bewar mit allem vlîze 
dar es ieman enbize. 
vlîze dich wol starke: 
swenne Îsôt unde Marke 11460 
in ein der minne komen sîn, 
sô schenke in disen tranc vür wîn 
und lâ si'n trinken ûz in ein. 
bewar daz, daz sîn mit in zwein 
ieman enbîze. daz ist sin. 11465 
noch selbe entrink es niht mit in. 
der tranc der ist von minnen. 
daz habe in dînen sinnen. 
ich bevilhe dir Îsôte 
vil tiure und vil genôte. 11470 
an ir sô lît mîn beste leben. 
ich unde sî sîn dir ergeben 
ûf alle dîne saelekeit. 
hie mite si dir genuoc geseit.« 
 
»trût vrouwe« sprach Brangaene dô 11475 
»ist iuwer beider wille alsô, 
sô sol ich gerne mit ir varn, 
ir êre und al ir dinc bewarn, 
sô ich iemer beste kan.« 
Während sich Tristan 
zusammen mit seinen Landsleuten dann 11430 
vorbereitete und zurechtmachte, 
stellte sehr kunstreich 
Isolde, die weise Königin 
in einem kleinen Glasgefäß 
einen Liebestrank her, 11435 
der mit so feinem Verstand 
gewählt und ausgedacht 
und mit solchen Kräften vollbracht war, 
daß, wer davon mit jemandem trank, 
diesen, ob er selbst nun wollte oder nicht, 11440 
mehr als alles andere lieben mußte 
und der andere wiederum ihn allein. 
Denen war nur Ein Tod und Ein Leben, 
Eine Trauer, Eine Freude gemeinsam gegeben. 
 
Den Trank nahm die Weise; 11445 
sie sprach leise zu Brangäne: 
»Brangäne, meine Nichte, 
laß es dich nicht bekümmern, 
du sollst mit meiner Tochter fahren. 
Danach stelle deinen Sinn, 11450 
was ich dir sage, das vernimm: 
Dies Glas mit diesem Tranke nimm, 
habe es in deiner Hut 
und hüte es vor allem Gut. 
Sieh, daß es auf der Erde 11455 
niemandem bekannt werde. 
Bewahre es mit allem Fleiße davor, 
daß jemand davon trinke. 
Beachte sorgfältig: 
Wenn Isolde und Marke 11460 
sich in Liebe vereint haben, 
dann schenke ihnen diesen Trank als Wein ein 
und laß sie ihn gemeinsam austrinken. 
Achte darauf, daß außer den beiden davon 
niemand trinkt. Das ist sinnvoll. 11465 
Trinke auch selbst nicht mit ihnen davon. 
Dies ist ein Liebestrank, 
das habe in deinem Sinn. 
Ich befehle dir Isolde 
sehr angelegentlich und dringend an. 11470 
Das Beste meines Lebens liegt in ihr. 
Ich und sie sind dir ergeben 
bei all deinem Seelenheil. 
Hiermit sei dir genug gesagt.« 
 
Brangäne erwiderte: »Vetraute Herrin, 11475 
ist Euer beider Wille also, 
will ich gerne mit ihr fahren, 
ihre Ehre und al ihre Angelegenheiten bewahren, 
so gut ich immer kann.« 
 
Urloup nam dô Tristan 11480 
und al sîn hut hie unde dort. 
si schieden ze Weisefort 
mit michelen vröuden abe. 
nu volgete  ime unz in die habe 
durch Îsôte minne 11485 
künec unde küniginne 
und al ir massenîe. 
sîn unverwinde amîe, 
sîn unverwantiu herzenôt, 
diu liehte wunneclîche Îsôt 11490 
diu was im z'allen zîten 
weinende an der sîten. 
ir vater, ir muoter beide 
vertriben mit manegem leide 
die selben kurzen stunde. 11495 
manec ouge dâ begunde 
riezen unde werden rôt. 
Îsôt was maneges herzen nôt. 
si bar vil manegem herzen 
tougenlîchen smerzen. 10500 
diu weineten genôte 
ir ougen wunne, Îsôte. 
dâ was gemeine weine. 
dâ weineten gemeine 
vil herzen und vil ougen 11505 
offenlîchen unde tougen. 
und aber Îsôt und aber Îsôt, 
diu sunne unde ir morgenrôt, 
und ouch daz volmaene, 
diu schoene Brangaene, 
dô si sich muosen scheiden, 
diu eine von den beiden, 
dô sach man jâmer unde leit. 
diu getriuwelîche sicherheit 
schiet sich mit manegem leide. 
Îsôt kuste si beide 
dicke und ze manegem mâle. 
 
Nu die von Curnewâle 
unde ouch Îrlandaere, 
der vrouwen volgaere, 11520 
alle ze schiffe wâren komen 
und haeten urloup genomen. 
Tristan der gie ze jungest în. 
diu liehte junge künigîn, 
diu bluome von Îrlant, 11525 
Îsôt diu gieng im an der hant 
trûric unde sêre unvrô. 
si zwei si nigen dem lande dô 
und bâten den gotes segen 
der liute unde des landes pflegen. 11530 
 
si stiezen an und vuoren dan. 
mit hôher stimme huoben s'an 
und sungen eines unde zwir: 
»in gotes namen varen wir« 
und strichen allez hinewart. 11535
Dann verabschiedeten sich Tristan 11480 
und all seine Mannschaft hier und da. 
Sie schieden von Wexford 
mit großer Freude. 
Bis zum Hafen folgten ihm 
aus Liebe zu Isolde 11485 
König und Königin 
und ihr ganzes Gefolge. 
Seine unvermutete Geliebte, 
seine beständige Herzensqual, 
die lichte, wonnigliche Isolde, 11490 
die war ihm zu allen Zeiten 
weinend an der Seite. 
Ihr Vater und ihre Mutter, beide 
verbrachten mit vielem Leid 
diesen kurzen Augenblick. 11495 
Viele Augen begannen da, 
zu tränen und sich zu röten. 
Isolde bekümmerte viele im Herzen. 
Sie bereitete sehr vielen Herzen 
heimlichen Schmerz. 
Sie weinten unablässig 
um die Wonne ihrer Augen. 
Es erhob sich allgemeines Weinen. 
Gemeinsam weinten da 
viele Herzen und Augen 
öffentlich und in der Stille. 
Und als Isolde und Isolde, 
die Sonne und ihr Morgenrot, 
und auch das Vollmondlicht, 
die schöne Brangäne, 
sich trennen mußten, 
die eine von den beiden, 
da sah man Jammer und Leid. 
Die treuen Freundinnen 
trennten sich unter großem Leid. 
Isolde küßte sie beide 
oft und viele Male. 
 
Als die aus Cornwall 
und auch die Iren, 
das Gefolge der Damen 11520 
alle an Bord der Schiffe gestiegen waren 
und Abschied genommen hatten, 
ging Tristan als letzter hinauf. 
Die strahlende junge Königin, 
die Blüte von Irland, 11525 
Isolde, die ging an seiner Hand 
traurig und sehr unglücklich. 
Die beiden verbeugten sich zum Ufer hin 
und erbaten Gottes Segen 
für das Volk und das Wohl des Landes. 11530 
 
Sie stießen ab und fuhren fort. 
Mit lauter Stimme huben sie an 
und sangen einmal und noch einmal 
»In Gottes Namen fahren wir« 
und segelten alle davon. 11535 
Nu was den vrouwen zuo z'ir vart 
mit Tristandes râte 
ein kielkemenâte 
nâch heinlîcher sache 
gegeben zuo z'ir gemache. 11540 
dâ was diu küniginne 
mit ir juncvrouwen inne 
und mit in lützel kein man 
wan underwîlen Tristan. 
der gîe wîlent dar în 11545 
und trôste die künigîn, 
dâ sie weinende saz. 
diu weinde unde clagete daz, 
daz s'alsô von ir lande, 
dâ sî die liute erkande, 11550 
und von ir vriunden allen schiet 
und vuor mit der unkunden diet, 
sine wiste war oder wie. 
 
sô trôste sî Tristan ie, 11555 
sô er suozeste kunde. 
ze iegelîcher stunde, 
alse er zuo z'ir triure kam, 
zwischen sîn arme er si nam 
vil suoze unde lîse 
und niuwan in der wîse, 11560 
als ein man sîne vrouwen sol. 
der getriuwe der versach sich wol, 
daz er der schoenen waere 
ein senfte zuo z'ir swaere. 
Nun war den Damen zu ihrer Fahrt 
auf Tristans Anweisung 
eine Schiffskemenate 
als Privatraum 
als ihr Gemach gegeben worden. 11540 
Darin war die Königin 
mit ihren Mädchen 
und außer ihnen kein Mann 
außer zuweilen Tristan. 
der ging zuweilen hinein 11545 
und tröstete die Königin, 
die weinend dasaß. 
Sie weinte und jammerte darüber, 
daß sie so von ihrer´m Lande, 
wo sie die Menschen kannte, 11550 
und von ihren Freunden Abschied nehmen 
und mit Unbekannten fahren mußte, 
sie wußte nicht, wohin und wie. 
 
Tristan tröstete sie immer, 
so zartlich er nur konnte. 11555 
Zu jeglicher Stunde, 
wenn er zu ihrer Trauer hinzukam, 
nahm er sie in seine Arme 
ganz zart und leise 
und nicht anders als in der Weise, 11560 
wie ein Gefolgsmann es mit seiner Herrin tun soll. 
Der Getreue trug Sorge, 
daß er der Schönen sei 
eine Besänftigung ihres Kummers. 
und alse dicke als ez ergie, 11565 
daz er sîn arme an sî verlie, 
sô gedâhte ie diu schoene Îsôt 
an ir oeheimes tôt 
und sprach ie danne wider in: 
»lât stân, meister, habet iuch hin, 11570 
tuot iuwer arme hin dan! 
ir sît ein harte müelîch man. 
war umbe rüeret ir mich?« 
»ei schoene, missetuon ich?« 11575 
»jâ ir, wan ich bin iu gehaz.« 
»saeligiu« sprach er »umbe waz?« 
»ir sluoget mînen oehein.« 
»deist doch versüenet.« »des al ein: 
ir sît mir doch unmaere, 
wan ich waere âne swaere 11580 
und âne sorge, enwaeret ir. 
ir alterseine habet mir 
disen kumber allen ûf geleit 
mit pârât und mit kündekeit. 
waz hât iuch mir ze schaden gesant 11585 
von Curnewâle in Îrlant? 
die mich von kinde hânt erzogen, 
den habet ir mich nu an ertrogen 
und vüeret mich, in weiz wâ hin. 
ine weiz, wie ich verkoufet bin, 11590 
und enweiz ouch, waz mîn werden sol« 
 
»Nein schoene Îsôt, gehabet iuch wol. 
jâ muget ir michel gerner sîn 
in vremede ein rîchiu künigîn 
dan in der künde arm unde swach. 11595 
in vremedem lande êre unde gemach 
und schame in vater rîche, 
diu smeckent ungelîche.« 
 
»jâ meister Tristan« sprach diu maget 
»ich naeme ê, swaz ir mir gesaget, 11600 
eine maezlîche sache 
mit liebe und mit gemache 
dan ungemach und arbeit 
bî micheler rîcheit.« 
 
»ir redet wâr« sprach Tristan; 11605 
»swâ man aber gehaben kan 
die rîcheit bî gemache, 
die saeligen zwô sache 
die loufent baz gemeine 
dan ietwedere al eine. 11610 
nu sprechet, waere ez dâ zuo komen, 
daz ir müeset hân genomen 
den truhsaezen ze manne, 
wie vüere ez aber danne? 
ich weiz wol, sô waeret ir vrô. 11615 
und danket ir mir danne alsô, 
daz ich iu kam ze trôste 
und iuch von ime erlôste?« 
 
»des wirt iu spâte« sprach diu maget 
»von mir iemer danc gesaget. 11620 
wan lôstet ir mich von im dô, 
ir habet mich aber sider sô 
verclüteret mit swaere, 
daz mir noch lieber waere 
der truhsaeze ze man genomen, 11625 
dan ich mit iu waere ûz komen. 
wan swie tugendelôs er sî, 
waere er mir keine wîle bî, 
er lieze sîne untugent durch mich. 
got weiz, dar an erkante ouch ich, 11630 
daz ich im liep waere.« 
 
Tristan sprach: »disiu maere 
sint mir ein âventiure. 
daz wider der natiure 
kein herze tugentlîche tuo, 11635 
dâ gehoeret michel arbeit zuo. 
ez hât diu werlt vür eine lüge, 
daz iemer unart g'arten müge. 
schoeniu, gehabet ir iuch wol! 
in kurzen ziten ich iu sol 11640 
einen künec ze hêrren geben, 
an dem ir vröude und schoene leben, 
guot unde tugent und êre 
vindet iemer mêre.« 
Aber besonders dann, wenn es kam, 11565 
daß er seine Arme um sie legte, 
dachte immer die schöne Isolde 
an den Tod ihres Oheims 
und sprach dann zu ihm: 
»Laßt das, Kapitän, bleibt weg! 11570 
Nehmt Eure Arme von mir fort! 
Ihr seid ein ziemlich lästiger Mann. 
Warum berührt Ihr mich?« 
»Ach, Schöne, tue ich Unrecht?« 
»Ja, denn ich hasse Euch.« 11575 
Er fragte: »Warum, gesegnete Herrin?« 
»Ihr erschlugt meinen Oheim.« 
»Aber das ist doch gesühnt.« »Gleichgültig: 
Ihr seid mir trotzdem zuwider, 
denn ich wäre ohne Beschwernis 11580 
und ohne Sorge, wenn Ihr nicht wäret. 
Ihr ganz allein habt mir 
diesen ganzen Kummer aufgebürdet 
mit Betrug und Verschlagenheit. 
Was hat Euch mir zu schaden gesandt 11585 
von Cornwall nach Irland? 
Die mich von Kind auf erzogen haben, 
denen habt Ihr mich nun betrügerisch abgelistet, 
und Ihr führt mich nun, ich weiß nicht, wohin. 
Ich weiß nicht, wofür ich verkauft wurde 11590 
und was nun mit mir werden soll.« 

»Nein, schöne Isolde, seid getrost. 
Ihr werdet sicher viel lieber sein 
eine mächtige Königin in der Fremde 
als unbedeutend und gering daheim. 11595 
Ehre und Bequemlichkeit in fremdem Lande 
und Schmach im Reich des Vaters - 
das schmeckt sehr unähnlich.« 

»Ja, Kapitän Tristan», sprach das Mädchen, 
»ich nähme eher, was immer Ihr sagt, 11600 
bescheidene Verhältnisse 
mit Zuneigung und seelischer Gelassenheit 
als Unrast und Mühen 
mit mächtigem Reichtum.« 

»Ihr habt recht», sagte Tristan, 11605 
»aber wo man zugleich haben kann 
Reichtum zusammen mit der Bequemlichkeit, 
da gehen diese beiden beglückenden Dinge 
viel besser zusammen 
als jedes allein. 11610 
Nun sprecht, wenn es dahin gekommen wäre, 
daß Ihr hättet nehmen müssen 
den Truchseß zum Ehemann, 
wie ginge es dann wohl weiter? 
Ich weiß schon, daß Ihr dann froh wäret! 
Und jetzt dankt Ihr mir so, 
daß ich Euch kam zum Troste 
und Euch von ihm erlöste?« 
 
»Da könnt Ihr lange warten», sprach das Mädchen, 
»ehe ich mich dafür bedanke. 
Denn Ihr habt mich zwar von ihm erlöst, 
Ihr habt mich aber seither so 
mit Kummer verwirrt, 
daß ich lieber hätte 
den Truchseß zum Mann genommen, 
als daß ich mit Euch herausgekommen wäre. 
Denn so tugendlos er auch sein mag, 
wenn er ein Weilchen bei mir gewesen wäre, 
er legte seine Untugend durch mich ab. 
Gott weiß, daran hätte auch ich erkannt, 
daß ich ihm lieb wäre.« 
 
Tristan antwortete: »Diese Geschichten 
klingen mir abenteuerlich. 
Daß entgegen seiner natürlichen Anlage 
jemand tugendlich handelt, 
da gehört viel Mühe dazu. 
Das hält die Welt für eine Lüge, 
daß Unart sich in Artigkeit wandeln könnte. 
Seid getrost, schöne Herrin! 
In kurzer Zeit werde ich Euch 
einen König zum Herrn geben, 
an dem Ihr Freude und schönes Leben, 
Reichtum und Tugend und Ehre 
für immer finden werdet.« 

Hie mite strichen die kiele hin. 11645 
si beide haeten under in 
guoten wint und guote var. 
nu was diu vrouwîne schar, 
Îsôt und ir gesinde, 
in wazzer unde in winde 
des ungevertes ungewon. 
unlanges kâmen sî dâ von 
in ungewonlîche nôt. 
Tristan ir meister dô gebôt, 
daz man ze lande schielte 
und eine ruowe hielte. 
 
nu man gelante in eine habe, 
nu gie daz volc almeistic abe 
durch banekîe ûz an daz lant. 
nu gienc ouch Tristan zehant 
begrüezen unde beschouwen 
die liehten sîne vrouwen. 
und alse er zuo z'ir nider gesaz 
und redeten diz unde daz 
von ir beider dingen, 
er bat im trinken bringen. 
 
Nune was dâ nieman inne 
âne die küniginne 
wan cleiniu juncvrouwelîn. 
der einez sprach: »seht, hie stât wîn 
in disem vezzelîne.« 
nein, ezn was niht mit wîne, 
doch ez ime gelîch waere. 
ez was diu wernde swaere, 
diu endelôse herzenôt, 
von der si beide lâgen tôt. 
nu was aber ir daz unerkant. 
si stuont ûf und gie hin zehant, 
dâ daz tranc und daz glas 
verborgen unde behalten was. 
Tristande ir meister bôt si daz. 
er bôt Îsôte vürbaz. 
si tranc ungerne und über lanc  
und gap dô Tristande unde er tranc  
und wânden beide, ez waere wîn. 
 
iemitten gienc ouch Brangaene în 
unde erkande daz glas 
und sach wol, waz der rede was. 
si erschrac sô sêre unde erkam, 
daz ez ir alle ir craft benam 
und wart reht alse ein tôte var. 
mit tôtem herzen gie si dar. 
si nam daz leide veige vaz, 
si truoc ez dannen und warf daz 
in den tobenden wilden sê. 
»owê mir armen!« sprach s' »owê, 
daz ich zer werlde ie wart geborn! 
ich arme, wie hân ich verlorn 
mîn êre und mîne triuwe! 
daz ez got iemer riuwe, 
daz ich an dise reise ie kam, 
daz mich der tôt dô niht ennam, 
dô ich an dise veige vart 
mit Îsôt ie bescheiden wart! 
ouwê Tristan unde Îsôt, 
diz tranc ist iuwer beider tôt!« 
So segelten die Schiffe dahin. 
Sie hatten beide dabei 
guten Wind und gute Fahrt. 11645 
Nun war die Damen-Schar, 
Isolde und ihr Gesinde, 
in Wasser und Wind 
die Reisebeschwerlichkeiten nicht gewohnt. 
In nicht langer Zeit kamen sie deshalb 
in ungewöhnliche Bedrängnis. 
Tristan, ihr Kapitän, befahl, 11655 
daß man auf Land zuhielte 
und eine Ruhepause einlegte. 
 
Man gelangte in einen Hafen, 
und die meisten gingen von Bord, 
um an Land spazierenzugehen. 11660 
Nun ging auch Tristan sogleich, 
um zu begrüßen und anzuschauen 
seine strahlende Herrin. 
Und als er sich zu ihr niedergesetzt hatte 
und sie dies und das redeten 11665 
über ihrer beider Angelegenheiten, 
bat er, man möge ihm etwas zu trinken bringen. 
 
Es war aber niemand da 
neben der Königin –  
außer einigen jungen Hofdamen, 11670 
von denen eine sagte: »Seht, hier ist Wein 
in diesem kleinen Gefäß.« 
Nein, es war nicht mit Wein gefüllt, 
wenn es ihm auch glich. 
Es war das dauernde Leid, 11675 
die endlose Herzensnot, 
an der sie beide sterben sollten. 
Das aber wußte sie nicht. 
Sie stand auf und ging gleich hin, 
wo der Trank und das Glas 10680 
verborgen und aufbewahrt waren. 
Tristan, ihrem Kapitän, bot sie das an, 
und der bot es zuerst Isolde an. 
Sie trank widerwillig und erst nach einiger Zeit 11650 
und gab es dann Tristan, der davon trank. 
Sie beide glaubten, es sei Wein. 
 
Inzwischen kam auch Brangäne herein 
und erkannte das Glasgefäß 
und sah genau, wie die Sache stand. 
Sie erschrak und fuhr so sehr zusammen, 11690 
daß es ihr alle Kraft benahm 
und sie geradezu totenbleich wurde. 
Mit totem Herzen ging sie hin, 
nahm das unselige, todbringende Gefäß, 
trug es fort und warf es 11695 
in die tobende, wilde See. 
»O weh mir, ich Arme«, rief sie, »o weh, 
daß ich zur Welt je ward geboren! 
Ich Arme, wie habe ich verloren 
meine Ehre und meine Treue! 11700 
Daß es Gott erbarmen möge, 
daß ich je diese Reise antrat, 
daß mich der Tod nicht daran hinderte, 
auf diese todbringende Fahrt 
mit Isolde geschickt zu werden! 11705 
O weh, Tristan und Isolde, 
dieser Trank ist Euer beider Tod!« 11685 
 
 
Nu daz diu maget unde der man, 
Îsôt unde Tristan, 
den tranc getrunken beide, sâ 
was ouch der werlde unmuoze dâ, 
Minne, aller herzen lâgaerîn, 
und sleich z'ir beider herzen în. 
ê si's ie wurden gewar, 
dô stiez s'ir sigevanen dar 
und zôch si beide in ir gewalt. 
si wurden ein und einvalt, 
die zwei und zwîvalt wâren ê. 
si zwei enwâren dô niemê 
widerwertic under in. 
Îsôte haz der was dô hin. 
diu süenaerinne Minne 
diu haete ir beider sinne 
von hazze gereinet, 
mit liebe alsô vereinet, 
daz jetweder dem anderm was 
durchlûter alse ein spiegelglas. 
si haeten beide ein herze. 
ir swaere was sîn smerze, 
sîn smerze was ir swaere. 
si wâren beide einbaere 
an liebe unde an leide 
und hâlen sich doch beide, 
und tete daz zwîvel unde scham. 
si schamte sich, er tete alsam; 
si zwîvelte an im, er an ir. 
swie blint ir beider herzen gir 
an einem willen waere, 
in was doch beiden swaere 
der urhap unde der begin. 
daz hal ir willen under in. 
 
Tristan dô er der minne enpfant, 
er gedâhte sâ zehant 
der triuwen unde der êren 
und wolte dannen kêren. 
»nein« dâhte er allez wider sich 
»lâ stân, Tristan, versinne dich, 
niemer genim es keine war.« 
sô wolte et ie daz herze dar. 
wider sînem willen criegete er, 
er gerte wider sîner ger. 
er wolte dar und wolte dan. 
der gevangene man 
versuohte ez in dem stricke 
ofte unde dicke 
und was des lange staete. 11755 
der getriuwe der haete 
zwei nâhe gêndiu ungemach: 
swenne er ir under ougen sach, 
und ime diu süeze Minne 
sîn herze und sîne sinne 11760 
mit ir begunde sêren, 
sô gedâhte er ie der Êren, 
diu nam in danne dar van. 
hie mite sô kêrte in aber an 
Minne, sîn erbevogetîn. 11765 
der muose er aber gevolgec sîn. 
in muoten harte sêre 
sîn triuwe und sîn êre. 
sô muote in aber diu Minne mê, 
diu tete im wirs danne wê. 11770 
si tete im mê ze leide 
dan Triuwe und Êre beide. 
sîn herze sach si lachende an, 
und nam sîn ouge der van. 
als er ir aber niht ensach, 11775 
daz was sîn meistez ungemach. 
dicke besatzte er sînen muot, 
als der gevangene tuot, 
wie er ir möhte entwenken, 
und begunde ofte denken: 11780 
»kêre dar oder her, 
verwandele dise ger, 
minne und meine anderswâ!« 
sô was ie dirre stric dâ. 
er nam sîn herze und sînen sin 11785 
und suohte anderunge in in, 
sone was ie niht dar inne 
wan Îsôt unde Minne. 
Als nun das Mädchen und der Mann, 
Isolde und Tristan, 
den Trank getrunken beide, sogleich 11710 
war auch der Welt Erregung da, 11710 
die Liebe, aller Herzen Belagerin, 
und schlich sich in ihrer beider Herzen hinein. 
Ehe sie es gewahr wurden, 
pflanzte sie ihre Siegesfahne dort auf 11715 
und zog sie beide in ihre Gewalt. 
Sie wurden eins und vereint, 
die zwei und zweierlei waren zuvor. 
Die beiden waren da nicht länger 112 
feindselig zueinander. 
Isoldes Haß war dahin. 
Die Versöhnerin Liebe, 
die hatte ihrer beider Sinn 
von Haß gereinigt 725 
und so sehr in Zuneigung vereint, 
daß jeder dem anderen 
durchsichtig war wie Spiegelglas. 
Sie hatten beide nur noch ein Herz. 
Ihr Kummer war sein Schmerz, 730 
sein Schmerz war ihr Kummer. 
Sie waren beide eine Einheit 
an Zuneigung und Leid 
und verbargen sich dennoch beide voreinander; 
und das taten Zweifel und Scham. 
Sie schämte sich, und er auch. 
Sie zweifelte an ihm, er an ihr. 
Wie blind auch ihrer beider Herzen Begehren 
in einem gemeinsamen Willen bestand, 
so bereitete ihnen beiden doch Kummer 
der Anfang und Beginn. 
Das verbarg ihre Absichten voreinander. 11720 
 
Als Tristan die Liebe empfand, 
gedachte er schon sofort 
seiner Treue und seiner Ehre 
und wollte sich abwenden. 
Er dachte bei sich: »Nein,        1174 
laß das, Tristan! Besinne dich! 
Achte nicht darauf!« 
Sein Herz aber strebte immer dahin. 
Gegen seinen Willen führte er Krieg, 
begehrte gegen sein Begehren. 11750 
Er wollte zu ihr und wollte fort. 
Der gefangene Mann 
kämpfte gegen seine Fesseln 
oft und heftig 
und war eine lange Zeit beharrlich. 11755 
Der Getreue, der hatte 
zwei bedrückende Nöte: 
Wenn er ihr in die Augen sah 
und ihm die süße Liebe 
sein Herz und seine Sinne 11760 
mit ihr zu versehren begann, 
dann gedachte er immer der Ehre, 
die ihn davon abbrachte. 
Aber dann packte ihn wieder 
die Liebe, seine Erbherrin. 11765 
Der mußte er aber folgen. 
Ihn mühten sehr heftig 
seine Treue und seine Ehre. 
So mühte ihn aber die Liebe noch mehr. 
Sie tat ihm weher als weh 11770 
und fügte ihm mehr Leid zu 
als Treue und Ehre beide. 
Sein Herz sah sie lachend an, 
aber er wandte doch seine Augen ab. 
Wenn er sie jedoch nicht ansah, 
war das sein schlimmster Kummer. 
Oft überlegte er in seinem Gemüt, 
wie es ein Gefangener tut, 
wie er ihr entkommen könnte 
und begann oft zu denken: 11 780 
»Kehre dahin oder dorthin! 
Verwandle dieses Begehren! 
Minne und sinne anderswohin!« 
So war immer dieser Strick da. 
Er nahm sein Herz und seinen Sinn 11785 
und suchte Änderung in ihnen, 
aber es war nie etwas darin 
außer Isolde und die Liebe. 
Alsam geschach Îsôte. 
diu versuohte ez ouch genôte; 11790 
ir was diz leben ouch ande. 
dô sî den lîm erkande 
der gespenstegen minne 
und sach wol, daz ir sinne 
dar în versenket wâren, 11795 
si begunde stades vâren, 
si wolte ûz unde dan. 
sô clebete ir ie der lîm an. 
der zôch si wider unde nider. 
diu schoene strebete allez wider 11800 
und stuont an iegelîchem trite. 
si volgete ungerne mite. 
si versuohte ez manegen enden. 
mit vüezen und mit henden 
nam sî vil manege kêre 11805 
und versancte ie mêre 
ir hende unde ir vüeze 
in die blinden süeze 
des mannes unde der minne. 
ir gelîmeten sinne 11810 
die enkunden niender hin gewegen 
noch gebrucken noch gestegen 
halben vuoz noch halben trite, 
Minne diu enwaere ie dâ mite. 
Îsôt, swar sî gedâhte, 11815 
swaz gedanke sî vür brâhte, 
sone was ie diz noch daz dar an 
wan minne unde Tristan. 
und was daz allez tougen. 
ir herze unde ir ougen 11820 
diu missehullen under in. 
diu scham diu jagete ir ougen hin, 
diu minne zôch ir herze dar. 
diu widerwertige schar 
maget unde man, minne unde scham, 
diu was an ir sêre irresam. 
diu maget diu wolte den man 
und warf ir ougen der van. 
diu scham diu wolte minnen 
und brâhte es nieman innen. 
waz truoc daz vür? scham unde maget, 
als al diu werlt gemeine saget, 
diu sint ein alsô haele dinc, 
sô kurze wernde ein ursprinc: 
sine habent sich niht lange wider. 
 
Îsôt diu leite ir criec der nider 
und tete, als ez ir was gewant. 
diu sigelôse ergap zehant 
ir lîp unde ir sinne 
dem manne unde der minne. 
si blicte underwîlen dar 
und nam sîn tougenlîche war. 
ir clâren ougen unde ir sin 
diu gehullen dô wol under in. 
ir herze unde ir ougen 
diu schâcheten vil tougen 
und lieplîchen an den man. 
der man der sach si wider an 
suoze und inneclîchen. 
er begunde ouch entwîchen 
do's in diu minne niht erlie. 
man unde maget si gâben ie 
ze iegelîchen stunden, 
sô sî mit vuogen kunden, 
ein ander ougenweide. 
die gelieben dûhten beide 
ein ander schoener vil dan ê. 
deist liebe reht, deist minnen ê. 
ez ist hiure und was ouch vert 
und ist, die wîle minne wert, 
under gelieben allen, 
daz s'ein ander baz gevallen, 
sô liebe an in wahsende wirt, 
die bluomen unde den wuocher birt 
lieplîcher dinge, 11565 
dan an dem urspringe. 
diu wuocherhafte minne 
diu schoenet nâch beginne: 
daz ist der sâme, den si hât, 
von dem si niemer zegât. 11570 
 
Si dunket schoener sît dan ê. 
dâ von sô tûret minnen ê. 
diuhte minne sît als ê, 
sô zegienge schiere minnen ê. 
Ebenso geschah es Isolde. 
Die versuchte es auch verzweifelt. 11790 
Auch ihr war dieses Leben unerträglich. 
Als sie den Leim erkannte 
der gespenstigen Liebe 
und genau sah, daß ihre Sinne 
in ihm versenkt waren, 11795 
begann sie ans Gestade zu fahren; 
sie wollte heraus und fort. 
Aber der Leim klebte immer an ihr fest. 
Er zog sie zurück und herunter. 
Die Schöne strebte mit aller Kraft dagegen an 11800 
und blieb doch bei jedem Schritt stecken. 
Sie folgte ihm ungern. 
Sie versuchte es auf vielerlei Art. 
Mit Füßen und mit Händen 
nahm sie vielerlei Kehrtwendungen 11805 
und versenkte desto mehr 
ihre Hände und ihre Füße 
in die blinde Süßigkeit 
des Mannes und der Liebe. 
Ihre festgeleimten Sinne 11810 
konnten sich nirgendwohin bewegen 
und fanden weder Brücke noch Steg 
für nur einen halben Fuß oder halben Schritt, 
ohne daß doch immer die Liebe dabei war. 
Wohin Isoldes auch dachte, 11815 
welchen Gedanken sie vorbrachte, 
es war nichts daran 
als nur Liebe und Tristan, 
und das alles verbarg sie. 
Ihr Herz und ihre Augen 11820 
standen miteinander im Widerstreit. 
Die Scham jagte ihre Augen hinweg, 
die Liebe zog ihr Herz zu ihm hin. 
Die widerstrebende Verbindung 118 
von Mädchen und Mann, von Liebe und Scham, 
die war an ihr sehr irreführend. 
Das Mädchen, das wollte den Mann 
und wandte doch die Augen ab. 
Die Scham, die wollte lieben 
und ließ es niemand merken. 
Aber was half es? Scham und Mädchen, 
wie die ganze Welt gemeinsam sagt, 
die sind ein so flüchtiges Ding 
und so kurzlebige Blüten, 11535 
daß sie nicht lange widerstehen können. 
 
Isolde, die legte die Waffen darnieder 
und handelte, wie es ihr bestimmt war. 
Die Besiegte ergab alsbald 
ihren Leib und ihre Sinne 11540 
dem Mann und der Liebe. 
Sie blickte zuweilen zu ihm hin 
und nahm ihn verstohlen wahr. 
Ihre hellen Augen und ihr Gefühl 
paßten nun gut zusammen. 11545 
Ihr Herz und ihre Augen 
richteten sich räuberisch, heimlich 
und liebevoll auf den Mann. 
Der Mann, der sah sie wiederum an 
zärtlich und inniglich. 11550 
Er begann auch nachzugeben, 
da ihn die Liebe nicht freigab. 
Mann und Mädchen, sie gaben immer 
zu jeglicher Stunde, 
wenn sie es mit Fug tun konnten, 11555 
einander Augenweide. 
Die Verliebten fanden beide 
einander schöner, viel mehr als zuvor. 
Das ist Verliebtheits-Recht, das ist Minne. 
Es ist heutzutage so und war auch früher so 
und ist, solange die Liebe währt, 
bei allen Verliebten so, 
daß sie einander besser gefallen 
(wenn die Liebe in ihnen wachsend wird, 
die Blüten und Früchte trägt 
lieblicher Dinge), 11565 
als es ursprünglich der Fall war. 
Die fruchtbringende Liebe, 
die verschönt, wenn sie begonnen hat. 
Das ist der Same, den sie hat 
und kraft dessen sie nie zergeht. 11570 
 
Sie scheint später schöner als zuvor. 
Deshalb ist Liebe so wertvoll zuvor. 
Wenn Liebe später so liefe wie zuvor, 
so zerginge schier die Liebe zuvor. 
 
 
Gottfried von Straßburg, Tristan: XIV Der Splitter * XVI Der Liebestrank:
 Die Königin braut den Liebestrank * Abschied und Abfahrt * Tristan tröstet Isolde * Abweisung
Isolde und Tristan trinken den Liebestrank * Sündenfall-Analogie * erste Wirkung des Tranks * der Leim
 
weiter zu: XVIIa Das Geständnis
 
XVIIb Minne-Exkurs
 
 
Richard Wagner, Tristan und Isolde
 
Dieser Knoten bindet folgende Stränge:
 
Richard Wagner: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, 1., 2. und 3.Aufzug * Das Lied vom Tannhäuser
Chrêtiens und Wolframs Parzival * Wagner: Parsifal * Tristan * Wolfram und Klingsôr im Wartburgkrieg:
Der Gral als Stein aus der Krone der Gerechtigkeit * Luzifers Sturz (Jes 14,12 ff) * Der "köstliche Stein" (1.Petrusbrief)
Goethe: Das Märchen / Deutung (R.Steiner) * Novalis: Klingsohrs Märchen im "Heinrich von Ofterdingen" * Novalis: Hymne
Elischa Beth: "...noch einen Tannhäuser schuldig" bzw. "Zwiebelgold" (Roman) * vgl. 7.Rundbrief 2005
*+)
Index * Rheingold-Travestie * lapsit exillîs (Index) * Van Eyck: Genter Altar * Wurzel Jesse * Mr.Eckhart
Böhme: Aurora * Chym. Hochzeit * Schatzhöhle * Venus-Geburt * Rgveda * Islam: Koran-Suren * Alhambra
Nietzsche: Raffaels "Transfiguration" * Marius Victorinus: Trinität * Proklos * Pascal: l'infini * Leibniz: Monaden
Kant: Raum und Zeit * Kafka: Parabeln * Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? / Theosophie
Genesis 1-11 * Propheten * Elias * Psalmen * Evangelien * Himmelreich=Senfkorn * 1.Joh-Brief * Paulus * Hebräerbrief
Entfaltet der SOHN die Werke des Vaters auch in der Natur? * Gott ist Licht * Gott ist Liebe * Gott ist Geist * Pfingsten
Johannesevang.: Hochzeit zu Kana; 5 Brote und 2 Fische * Perlenlied * Isenheimer Altar * Requiem: Dies irae
Novalis: Lehrlinge zu Sais / Hymne / Astralis / Klingsohrs Märchen / Hymnen an die Nacht * Novalis, Schelling
William Blake : Songs of Innocence and of Experience : The books of Thel : of Urizen : of Ahania : of Los
Das Hohe Lied: "Wo ist denn dein Freund hingegangen?" * Franziskus: Fioretti * Raffael: Disputa del Sacramento
Runge: Der Morgen * Euripides: Die Bakchen * Qumran: Apokalyptische Geburtswehen * Luzifers Sturz
Index * lapsitexillis (index) * hansz (Hausseite) * links
 
* die bisherigen Rundbriefe
emaille?! an den Autor, Übersetzer und Herausgeber (Feire Fiz)
 
Feire Fiz : Gottfried von Straßburg : Tristan XVI : Der Liebestrank
 
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