Hans Zimmermann, Görlitz : Quellentexte in zwölf Sprachen : Indien : Upanishaden des Sâmaveda : Chândogya-Upanishad
 
Paul Deussen: Vorrede zu "Sechzig Upanishads" * Einleitung: Upanishads des Sâmaveda * Inhaltsverzeichnis
Chândogya-Upanishad:  1 * 2 * 3 (Weltei) * 4 * 5 (prâna) * 6 (tat tvam asi) * 7 * 8,1-6; 8,7-15 * Kena-Upanishad
 
Chândogya-Upanishad
Übersetzung und Voranmerkungen: Paul Deussen
 
Siebenter Prapâthaka
Von dieser Art ist auch der vorliegende Abschnitt, in welchem (wie gewöhnlich ein Brahmane durch einen Kshatriya) Nârada als höchster Repräsentant des Brahmanentums ("unter den Götter-Rishi's bin ich Nârada", sagt Krshna, Bhag.Gîtâ 10,26) durch den Kriegsgott Sanatkumâra oder Skanda als höchsten Vertreter der Kshatriya's ("unter den Heerführern bin ich Skanda" ib.10,24) belehrt wird. Nacheinander stellt Sanatkumâra sechzehn Weisen, das Brahman zu verehren, auf, als nâman, vâc, manas, samkalpa, cittam, dhyânam, vijñânam, balam, annam, âpas, tejas, âkâsha, smara, âcâ, prâna und zuhöchst als bhûman. Jede folgende Verehrungsform wird für größer, bhûyas, als die vorhergehende erklärt bis hinauf zum bhûman selbst "der Größe" schlechthin oder "der Unbeschränktheit", welche, in ihrer eignen Majestät ruhend, alles in sich, nichts mehr außer sich hat, als identisch mit dem Ich (aham) und dem Selbste (âtman) allerorts sich befindet, in all den tausend Wesen zur Erscheinung kommt, und deren Erkenntnis allein Freiheit und "die Lösung aller Knoten" bewirkt. So klar hierin die Erhebung von allem Endlichen und Beschränkten zum bhûman als der Unendlichkeit und Unbeschränktheit schlechthin vorliegt, so seltsam sind doch mitunter die Stufen, auf denen zu dieser Unendlichkeit fortgeschritten wird. Wir wollen dieselben kurz überblicken.
  1. Alles vedische und weltliche Wissen, welches Nârada besitzt, und dessen Unzulänglichkeit er selbst daran erkennt, daß es ihm den gesuchten Frieden nicht gibt, ist blos Name (nâman), und als solcher der Verehrung würdig. "Wer den Namen als Brahman verehrt", erntet dafür reichen Lohn; aber das Brahman, der Âtman, was er auch immer sein mag, ist jedenfalls das Größte von allem, – und es gibt noch etwas Größeres als den Namen.
2. Größer als der Name ist die Rede (vâc), weil sie den Namen und mit ihm alles in der Welt kundmacht (vijñâpayati).
3. Größer als die Rede ist das Manas (Verstand und zugleich bewußter Wille, hier namentlich der letztere), weil es Rede und Namen befaßt, wie die Hand zwei Früchte umspannt.
4. Größer als das Manas ist der Entschluß (auch die Vorstellung, samkalpa), weil vom Entschließen das Wollen, wie von diesem wiederum Rede und Name abhängig ist.
5. Größer als der Entschluß ist der Gedanke (cittam), weil von ihm das Entschließen, Wollen usw. abhängt.
6. Größer als der Gedanke ist das Sinnen (die Meditation, dhyânam); ein Grund dafür wird nicht angegeben; statt dessen findet sich nur ein Hinweis darauf, wie alles Große, in sich selbst Ruhende "gleichsam meditiert".
7. Größer als das Sinnen ist die Erkenntnis (vijñânam), weil sie – die Begründung knüpft nicht an 6. sondern an 2. an! – alles, was die Rede nach 2. kundmacht, und mit ihm alles in der Welt erkennt (vijñânati).
8. Größer als die Erkenntnis ist die Kraft (balam), weil ein Kraftreicher mehr vermag als hundert Erkenntnisreiche. – Ein überraschender Übergang, namentlich für das indische Bewußtsein, welches sonst stets das Wesen der Dinge im Intellektuellen sucht. Noch befremdlicher ist das Folgende.
9. Größer als die Kraft ist die Nahrung (annam), weil von ihr alle leibliche und geistige Leistungsfähigkeit abhängt.
10. Größer als die Nahrung ist das Wasser (âpas), weil von ihm alles Wachstum, somit die Nahrung und mit ihr alles übrige abhängt.
11. Größer als das Wasser ist die Glut (tejas), weil auf Sonnenglut und Blitz der Regen zu folgen pflegt.
12. Größer als die Glut ist der Äther (oder Raum, âkâsha), weil in ihm Sonne, Mond, Sterne, Blitz und Feuer, als Träger der Glut, enthalten sind, und wegen der Abhängigkeit des menschlichen Treibens von ihm.
 
War schon der Übergang von den psychischen Faktoren 2-7 durch Vermittlung des balam zu den Elementen 9-12 befremdlich, so hat er doch sein Analogon in Chând.6,5, wonach Manas, Prâna und Rede von Nahrung, Wasser und Glut abhängig sind. – Aber ganz unverständlich ist das nun folgende Zurückspringen zum Psychischen, um durch Gedächtnis und Hoffnung zum Prâna zu gelangen.
  13. Größer noch als der Äther ist das Gedächtnis (die Erinnerung, smara), weil ohne dasselbe das nach 12. vom Äther abhängige menschliche Treiben nicht möglich wäre.
14. Größer als das Gedächtnis ist die Hoffnung (âshâ), weil sie das Gedächtnis entflammt (der Wille den Intellekt anspornt).
15. Größer als die Hoffnung ist der Prâna (der Odem, das Leben); ein Grund dafür wird nicht angegeben; wohl aber folgt eine schöne Schilderung des Prâna, welcher, wie die Nabe alle Speichen, so alles (zunächst alle Bestandteile des Leibes) zusammenhält, und nach dessen Auszug aus dem Leibe nur noch die wertlose Hülle übrig bleibt. – Diese Auffassung des Prâna als Brahman wird nicht mehr wie die frühern überboten, wer sie besitzt, ist ein Niedersprecher (ativâdin), d.h. er besiegt im Redekampfe alle andern. Und doch ist sie noch nicht das Höchsterreichbare; denn sie ist nur dessen empirische Erscheinungsform als individuelle Seele, welche als Subjekt sich noch die Objekte gegenüberstehen hat und daher beschränkt und klein ist. Sie wird zur höchsten, alles befassenden Seele, wenn man diese empirische Erscheinungsform ihr abstreift, – wenn man, die Unterschiede von Subjekt und Objekt aufhebend, sich zur vollen Unbeschränktheit (bhûman) erhebt. Dies geschieht auf folgendem Wege.
 
Nur der ist wirklich ein Niedersprecher, welcher durch die Wahrhelt niederspricht; diese beruht auf der Erkenntnis, diese auf dem Denken, dieses auf dem Glauben, dieser auf dem Daringewurzeltsein, dieses auf dem Schaffen, dieses auf der Lust, diese auf der Unbeschränktheit. Unter der Lust, die aus der Unbeschränktheit abfließt, ja mit ihr identisch ist (yo vai bhûmâ, tat sukham), darf hier nicht die individuelle Lust, sondern die Wonne (meist ânanda genannt) als Attribut der Gottheit verstanden werden; dem entsprechend ist das Schaffen (krti) nicht das individuelle, sondern die aus der Fülle der Werdelust abfließende göttliche Schöpfertätigkeit; mit ihr wird eins, wer sich auf dem Wege der Erkenntnis, des Denkens und des Glaubens (shraddhâ, wörtlich: das "Knüpfen einer Verbindung" mit dem Göttlichen) zur nihsht "dem Hervorwachsen aus (besser vielleicht nishtha dem Wurzeln in) dem Göttlichen" erhebt. Sonach scheint die Stelle das stufenweise Erheben schildern zu sollen von dem zwar das Göttliche enthaltenden, aber noch dem Reiche der Vielheit angehörigen Prâna bis zu dem Bhûman, der Unbeschränktheit, in welcher alle Unterschiede verschwinden, mithin auch der Erkennende selbst mit seinem Gegenstande eins wird und in ihm aufgeht.
 
Herrlich ist die dann folgende Schilderung des Bhûman, der Unbeschränktheit, welche nichts außer sich sieht, hört, erkennt, welche unsterblich allein in ihrer eignen überirdischen Majestät beruht, und, so wie das mit ihr identische Ich, die Seele, an allen Orten gleich sehr gegenwärtig ist. Wer, in dieser Anschauung lebend, nur an dem Âtman seine Freude hat und alles in seiner Bedingtheit durch den Âtman erkennt, der ist frei, ist über Tod, Schmerz und Kummer erhaben und findet sein Ich in all den tausend Erscheinungen der Schöpfung wieder. -
 
Wie konnte ein Denker, der über so erhabene Anschauungen gebot, Wohlgefallen finden an jenen vorhergehenden, den Leser ermüdenden und so das Interesse für die Hauptsache nur abschwächenden Definitionen? Als gegnerische, zu widerlegende Meinungen wären sie noch eher zu ertragen; aber sie treten auf als eine Reihe von Versuchen, in der Definition des Brahman sich selbst durch Größeres und immer Größeres (bhûya) zu überbieten (ativâda), und unter diesen Umständen wird jeder an der Willkür der Auswahl und noch mehr an der Willkür der Aufeinanderfolge Anstoß nehmen müssen. Es ist damit ganz ähnlich wie bei Platon im Sophista, wo den tiefsinnigen Untersuchungen über das on und mê on die puerilen und nachlässigen Definitionen des Sophisten vorausgeschickt werden, und wir werden uns wohl damit bescheiden müssen, daß beide Denker, wenn sie ihren mitzuteilenden Gedanken eine scheinbar so unangemessene Einleitung vorausschicken, wohl dazu ihre besondern, uns aber nicht mehr erkennbaren Gründe gehabt haben mögen, – wie ich denn für die Diaeresen des Platonischen Sophista ehedem eine Hypothese aufgestellt habe, welche mir auch heute noch, nach fünfundzwanzig Jahren, durchaus einleuchtend erscheint (vgl. meine Commentatio de Platonis Sophistae compositione ac doctrina, Bonnae 1869, p.69 fg.).
Erster Khanda
1. „Belehre mich, Ehrwürdiger!“ – Mit diesen Worten nahte sich Nârada dem Sanatkumâra. Der sprach zu ihm „Bringe mir vor, was du schon weißt, so werde ich dir das darüber Hinausliegende kundmachen." -
2. Und jener sprach: „Ich habe, o Ehrwürdiger, gelernt den Rgveda, Yajurveda, Sâmaveda, den Atharvaveda als vierten, die epischen und mythologischen Gedichte als fünften Veda, Grammatik, Manenritual, Arithmetik, Mantik, Zeitrechnung, Dialektik, Politik, Götterlehre, Gebetlehre, Gespensterlehre, Kriegswissenschaft, Astronomie, Schlangenzauber und die Künste der Musen [wörtlich: der Halbgötter]; – das ist es, o Ehrwürdiger, was ich gelernt habe;
3. und so bin ich, o Ehrwürdiger, zwar schriftkundig aber nicht âtmankundig; denn ich habe gehört von solchen, die dir gleichen, daß den Kummer überwindet, wer den Âtman kennt; ich aber, o Ehrwürdiger, bin bekümmert; darum wollest du mich, o Herr, zu dem jenseitigen Ufer des Kummers hinüberführen!“ – Und er sprach zu ihm: „Alles, was du da studiert hast, ist nur Name (nâman).
4. Name ist der Rigveda, Yajurveda, Sämaveda, der Atharvaveda als vierter, die epischen und mythologischen Gedichte als fünfter Veda, Grammatik, Manenntual, Arithmetik, Mantik, Zeitrechnung, Dialektik, Politik, Götterlehre, Gebetlehre, Gespensterlehre, Kriegswissenschaft, Astronomie, Schlangenzauber und die Künste der Musen, – das alles ist Name. Den Namen mögest du verehren!
5. Wer den Namen als das Brahman verehrt, – soweit sich der Name erstreckt, so weit wird dem ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er den Namen als das Brahman verehrt.“
- „Gibt es, o Ehrwiirdiger, ein Größeres als den Namen'?“
„Wohl gibt es ein Größeres als den Namen.“
- „Das wollest du, o Herr, mir sagen!“
Zweiter Khanda
1. "Die Rede (vâc), fürwahr, ist größer als der Name. Denn die Rede ist es, welche den Rigveda kundmacht, den Yajurveda, den Sâmaveda, den Atharvaveda als vierten, die epischen und mythologischen Gedichte als fünften Veda, Grammatik, Manenritual, Arithmetik, Mantik, Zeitrechnung, Dialektik, Politik, Götterlehre, Gebetlehre, Gespensterlehre, Kriegswissenschaft, Astronomie, Schlangenzauber und die Künste der Musen, dazu den Himmel und die Erde, Wind, Äther, Wasser und Feuer, die Götter und Menschen, die Haustiere und Vögel, die Kräuter und Bäume, die wilden Tiere bis herab zu den Würmern, Fliegen und Ameisen, Recht und Unrecht, Wahrheit und Unwahrheit, Gutes und Böses, Erfreuliches und Unerfreuliches; wäre die Rede nicht, so könnte nicht Recht noch Unrecht sich kundmachen, nicht Wahrheit noch Unwahrheit, nicht Gutes noch Böses, nicht Erfreuliches noch Unerfreuliches; denn nur die Rede macht alles dieses kund, die Rede mögest du verehren!
2. Wer die Rede als das Brahman verehrt, soweit sich die Rede erstreckt, so weit wird dem ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er die Rede als das Brahman verehrt."
- "Gibt es, o Ehrwürdiger, ein Größeres als die Rede?"
"Wohl gibt es ein Größeres als die Rede."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen!"
Dritter Khanda
1. "Das Manas (manas) fürwahr ist größer als die Rede. Denn gleichwie eine Faust zwei Eicheln oder zwei Beeren oder zwei Nüsse umfaßt, also umfaßt das Manas die Rede und den Namen. Und wenn einer sein Manas darauf richtet, die heiligen Lieder und Sprüche zu studieren, so studiert er sie; oder die Werke zu vollbringen, so vollbringt er sie, oder sich Söhne und Vieh zu wünschen, so wünscht er sie sich, oder sich diese Welt und jene Welt zu wünschen, so wünscht er sie sich. Denn das Manas ist der Atman, das Manas ist die Welt, das Manas ist das Brahman, das Manas mögest du verehren!
2. Wer das Manas als das Brahman verehrt, soweit sieh das Manaserstreckt, so weit wird dem ein Umherschweifen nach Belieben. zuteil, darum daß er das Manas als das Brahman verehrt."
- "Gibt es, o Ehrwürdiger, ein Größeres als das Manas?"
"Wohl gibt es ein Größeres als das Manas."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen!"
Vierter Khanda
1. "Der Entschluß (samkalpa), fürwahr, ist größer als das Manas; denn wenn einer sich zu etwas entschließt, dann richtet er sein Manas darauf, dann lässet er die Rede ertönen, diese wiederum lässet er ertönen im Namen, in dem Namen einbegriffen sind die Lieder und Sprüche, in den Liedern und Sprüchen die Werke;
2. alle diese haben ih ren Einheitspunkt in dem Entschlusse, ihr Selbst in dem Entschlusse, sind in dem Entschlusse gegründet. Durch den Entschluß sind zustande gekommen Himmel und Erde, durch den Entschluß kamen zustande der Wind und der Äther, kamen zustande das Wasser und das Feuer; auf deren Entschluß hin kommt der Regen zustande, auf des Regens Entschluß hin kommt die Nahrung zustande, auf der Nahrung Entschluß hin kommen die Lebenshauche zustande, auf der Lebenshauche Entschluß hin kommen die Lieder und Sprüche zustande, auf der Lieder und Sprüche Entschluß hin kommen die Werke zustande, auf der Werke Entschluß hin kommt die Welt zustande, auf der Welt Entschluß hin kommt alles zustande; das ist der Entschluß; den Entschluß mögest du verehren!
3. Wer den Entschluß als das Brahman verehrt, der erlangt die durch Entschluß zustande gebrachten Welten, als ein Feststehender die feststehenden, als ein Wohlgegründeter die wohlgegründeten, als ein Unwankender die unwankenden, und soweit sich der Entschluß erstreckt, so weit wird ihm ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er den Entschluß als das Brahman verehrt."
- "Gibt es, o Ehrwürdiger, ein Größeres als den Entschluß?"
"Wohl gibt es ein Größeres als den Entschluß."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen!"
Fünfter Khanda
1. "Der Gedanke (cittam), fürwahr, ist größer als derEntschluß; denn wenn einer Gedanken faßt, dann faßt er Entschlüsse, dann richtet er sein Manas darauf, dann lässet er die Rede ertönen, diese wiederum lässet er ertönen im Namen, in dem Namen einbegriffen sind die Lieder und Sprüche, in den Liedern und Sprüchen die Werke;
2. alle diese haben ihren Einheitspunkt in dem Gedanken, ihr Selbst in dem Gedanken, sind in dem Gedanken gegründet. Darum, wenn einer auch vieles weiß und hat keine Gedanken, so sagt man von ihm: «er ist nicht [von Bedeutung], was er auch weiß; denn wäre er wirklich weise, so würde er nicht so gedankenlos sein»; wenn aber einer nur weniges weiß und hat dabei Gedanken, so hören die Leute darum doch auf ihn. Denn der Gedanke ist von allem jenem der Einheitspunkt, der Gedanke das Selbst, der Gedanke die Grundlage; den Gedanken mögest du verehren!
3. Wer den Gedanken als das Brahman verehrt, der erlangt die von ihm gedachten Welten, als ein Feststehender die feststehenden, als ein Wohlgegründeter die wohlgegründeten, als ein Unwanken der die unwankenden; und soweit sich der Gedanke erstreckt, so weit wird ihm ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er den Gedanken als das Brahman verehrt."
"Gibt es, o Ehrwürdiger, ein Größeres als den Gedanken?"
"Wohl gibt es ein Größeres als den Gedanken."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen!
Sechster Khanda
1. "Das Sinnen (dhyânam), fürwahr, ist größer als der Gedanke; es sinnt gleichsam die Erde, es sinnt gleichsam der Luftraum, es sinnt gleichsam der Himmel, es sinnen gleichsam die Wasser, es sinnen gleichsam die Berge, es sinnen gleichsam die Götter und Menschen. Darum die, so unter den Menschen Großheit erlangen, die haben die Gabe (âpâda) des Sinnens gleichsam als ihren Anteil erhalten. Die aber klein sind, die sind streitsüchtig, hinterbringend, üble Nachrede führend, während die Überlegenen die Gabe des Sinnens gleichsam als ihren Anteil erhalten haben; das Sinnen mögest du verehren!
2. Wer das Sinnen als Brahman verehrt, soweit sich das Sinnen erstreckt, so weit wird dem ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er das Sinnen als das Brahman verehrt."
- "Gibt es, o Ehrwürdiger, ein Größeres als das Sinnen?"
"Wohl gibt es ein Größeres als das Sinnen."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen!"
Siebenter Khanda
1. "Die Erkenntnis (vijñânam), fürwahr, ist größer als das Sinnen; denn durch die Erkenntnis ist es, daß man den Rgveda erkennt, den Yajurveda, den Sâmaveda, den Atharvaveda als vierten, die epischen and mythologischen Gedichte als fünften Veda, Grammatik, Manenritual, Arithmetik , Mantik, Zeitrechnung, Dialektik, Politik, Götterlehre, Gebetlehre, Gespensterlehre, Kriegswissenschaft , Astronomie, Schlangenzauber und die Künste der Musen, dazu den Himmel und die Erde, Wind, Äther, Wasser und Feuer, die Götter und Menschen, die Haustiere und Vögel, die Kräuter und Bäume, die wilden Tiere bis herab zu den Würmern, Fliegen und Ameisen, Recht und Unrecht, Wahrheit und Unwahrheit, Gutes und Böses, Erfreuliches und Unerfreuliches, Speise und Trank, diese Welt und jene Welt, – das alles erkennt man durch die Erkenntnis; die Erkenntnis mögest du verehren!
2. Wer die Erkenntnis als das Brahman verehrt, der erlangt erkenntnisreiche, kenntnisreiche Welten, und soweit sich die Erkenntnis erstreckt, so weit wird ihm ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er die Erkenntnis als das Brahman verehrt."
- "Gibt es, o Ehrwürdiger, ein Größeres als die Erkenntnis?"
"Wohl gibt es ein Größeres als die Erkenntnis."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen!"
Achter Khanda
1. "Die Kraft (balam), fürwahr, ist größer als die Erkenntnis; denn auch hundert Erkenntnisreiche macht ein Kraftreicher zittern. Ist aber einer kräftig, so ist er ein Rüstiger, ist er rüstig, so kommt er herum, kommt er herum, so kommt er zu Leuten , kommt er zu Leuten, so bekommt er etwas zu sehen, zu hören, zu denken, zu lernen, zu schaffen zu erkennen. Durch Kraft hat die Erde Bestand, durch Kraft der Luftraum, durch Kraft der Himmel, durch Kraft die Berge, durch Kraft Götter und Menschen, durch Kraft die Haustiere und Vögel, die Kräuter und Bäume, die wilden Tiere bis herab zu den Würmern, Fliegen und Ameisen, durch Kraft hat die Welt Bestand; die Kraft mögest du verehren!
2. Wer die Kraft als das Brahman verehrt, soweit sich die Kraft erstreckt, so weit wird dem ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er die Kraft als das Brahman verehrt."
- "Gibt es, o Ehrwürdiger, ein Größeres als die Kraft?"
"Wohl gibt es ein Größeres als die Kraft."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen!"
Neunter Khanda
1. "Die Nahrung (annam), fürwahr, ist größer als die Kraft. Darum wenn einer selbst zehn [Tage und] Nächte nicht ißt, so bleibt er wohl zwar am Leben, aber er wird zu einem nicht sehenden, nicht hörenden, nicht denkenden, nicht lernenden, nicht schaffenden, nicht erkennenden; aber nach Einflößung von Nahrung wird er wiederum zu einem sehenden, hörenden, denkenden, lernenden, schaffenden, erkennenden; die Nahrung mögest du verehren!
2. Wer die Nahrung als das Brahman verehrt, der erlangt nahrungsreiche, trankreiche Welten, und soweit sich die Nahrung erstreckt, so weit wird ihm ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er die Nahrung als das Brahman verehrt."
- "Gibt es, o Ehrwürdiger, ein Größeres als die Nahrung?"
"Wohl gibt es ein Größeres als die Nalirung."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen!
Zehnter Khanda
1. "Das Wasser (âpas), fürwahr, ist größer als die Nahrung. Darum, wenn es nicht reichlich regnet, so werden die Lebensgeister verstört, denn man denkt, daß die Nahrung zu knapp werden wird; regnet es aber reichlich, so werden die Lebensgeister freudig, denn man denkt, daß es viele Nahrung geben wird. Und nur dieses Wasser, in festgewordenem Zustande, sind diese Erde, der Luftraum, der Himmel, die Berge, die Götter und Menschen, die Haustiere und Vögel, die Kräuter und Bäume, die wilden Tiere bis herab zu den Würmern, Fliegen und Ameisen, sie alle sind nur dieses Wasser in festgewordenem Zustande; das Wasser mögest du verehren!
2. Wer das Wasser als das Brahman verehrt, der erlangt alle Wünsche, der wird der Sättigung teilhaft, und soweit sich das Wasser erstreckt, so weit wird ihm ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er das Wasser als das Brahman verehrt."
- "Gibt es, o Ehrwürdiger, ein Größeres als das Wasser?"
"Wohl gibt es ein Größeres als das Wasser."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen!"
Elfter Khanda
1. "Die Glut (tejas), fürwahr, ist größer als das Wasser. Denn diese ist es, welche, indem sie den Wind zurückhält, den Weltraum erhitzt; dann sagen sie: es ist drückend heiß, glühend heiß, gewiß wird es Regen geben. Die Glut ist es, welche dies zuerst ankündigt und sodann das Wasser strömen läßt. Dann geschieht es, daß, unter aufwärts und seitwärts zuckenden Blitzen, die Donner rollen; darum sagen sie: es blitzt, es donnert, gewiß wird es Regen geben. Die Glut also ist es, welche dies zuerst ankündigt und sodann das Wasser strömen läßt; die Glut mögest du verehren!
2. Wer die Glut als das Brahman verehrt, der wird glutvoll, der erlangt glutreiche, glanzreiche, dunkel-überwältigende Welten, und soweit sich die Glut erstreckt, so weit wird ihm ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er die Glut als das Brahman verehrt."
- "Gibt es, o Ehrwürdiger, ein Größeres als die Glut?"
"Wohl gibt es ein Größeres als die Glut."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen !"
Zwölfter Khanda
1. "Der Weltraum (Äther, âkâsha), fürwahr, ist größer als die Glut; denn im Weltraume sind beide, die Sonne und der Mond, sind Blitz, Gestirne und Feuer; vermöge des Weltraums ruft man, hört man, antwortet man; im Weltraume freut man sich, und freut man sich nicht; man wird geboren im Weltraume, man wird geboren für den Weltraum; den Weltraum mögest du verehren!
2. Wer den Weltraum als das Brahman verehrt, der erlangt weitraumreiche, lichtraumreiche Welten, unbeengte, zum weiten Aussehreiten, und soweit sich der Weltraum erstreckt, so weit wird ihm ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er den Weltraum als das Brahman verehrt."
- "Gibt es, o Ehrwürdiger, ein Größeres als den Weltraum?
"Wohl gibt es ein Größeres als den Weltraum."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen!"
Dreizehnter Khanda
1. "Das Gedächtnis (smara), fürwahr, ist größer als der Weltraum; darum wenn selbst viele zusammensäßen, und sie wären ohne Gedächtnis, so könnten sie niemanden hören, noch denken, noch erkennen; haben sie aber Gedächtnis, so werden sie auch hören, werden denken, werden erkennen; denn [nur] durch das Gedächtnis erkennt man sogar seine eignen Kinder, durch das Gedächtnis sein Vieh, das Gedächtnis mögest du verehren!
2. Wer das Gedächtnis als das Brahman verehrt, soweit sich das Gedächtnis erstreckt, so weit wird dem ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er das Gedächtnis als das Brahman verehrt."
- "Gibt es, o Ehrwlirdiger, ein Größeres als das Gedächtnis?"
"Wohl gibt es ein Größeres als das Gedächtnis."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen!
Vierzehnter Khanda
1. "Die Hoffnung (âshâ), fürwahr, ist größer als das Gedächtnis; denn, durch die Hoffnung entflammt, lernt das Gedächtnis die heiligen Lieder und Sprüche, vollbringt man die heiligen Werke, wünscht man sich Söhne und Vieh, wdnscht man sich diese Welt und jene Welt; die Hoffnung mögest du verehren!
2. Wer die Hoffnung als das Brahman verehrt, dem gehen durch die Hoffnung alle seine Wünsche in Erfüllung, dessen Gebetwünsche werden nicht vergeblich sein, und soweit sich die Hoffnung erstreckt, so weit wird ihm ein Umherschweifen nach Belieben zuteil, darum daß er die Hoffnung als das Brahman verehrt."
- "Gibt es, o Ehrwürdiger, ein Größeres als die Hoffnung?"
"Wohl gibt es ein Größeres als die Hoffnung."
- "Das wollest du, o Herr, mir sagen!"
Fünfzehnter Khanda
1. "Das Leben (der Odem, prâna), fürwahr, ist größer als die Hoffnung; denn wie die Speichen eingefügt sind in die Nabe, so ist in dieses Leben alles eingefugt. Das Leben geht vonstatten durch das Leben (den Odem), das Leben (der Odem) gibt das Leben, gibt es zum Leben. Das Leben ist Vater und ist Mutter, das Leben ist Bruder und Schwester, das Leben Lehrer und Brahmane.
2. Darum, wenn einer Vater oder Mutter oder Bruder oder Schwester oder Lehrer oder Brahmanen hart anfährt, so sagt man: Pfui, über dir; du bist ein Vatermörder, Muttermörder, Brudermörder, Schwestermörder, Lehrermörder, Brahmanenmörder;
3. wenn er aber eben dieselben, nachdem das Leben entflohen ist, mit dem Spieße zusammenstößt [auf dem Scheiterhaufen] und sie verbrennt mit Haut und Haar, so sagt man nicht: du bist ein Vatermörder, Muttermörder, Brudermörder, Schwestermörder, Lehrermörder, Brahmanenmörder;
4. denn das Leben nur ist alles dieses. – Fürwahr, wer also sieht und denkt und erkennt, der ist ein Niederspreelier (ativâdin); und wenn man zu ihm sagt: du bist ein Niedersprecher, so soll er es zugeben und nicht leugnen."
Sechzehnter Khanda
1. "Der aber ist der rechte Niedersprecher, der durch die Wahrheit niederspricht!"
- "Ich möchte, o Erhabener, durch die Wahrheit niedersprechen!"
"Die Wahrheit (satyam) also muß man suchen zu erkennen."
- "Die Wahrheit, o Herr, möchte ich erkennen!"
Siebzehnter Khanda
1. "Wenn man etwas erkennt, so spricht man die Wahrheit: nicht spricht die Wahrheit, wer nicht erkennt; nur wer erkennt, spricht die Wahrheit. Die Erkenntnis (vijñânam) also muß man suchen zu erkennen."
- "Die Erkenntnis, o Herr, möchte ich erkennen"
Achtzehnter Khanda
1. "Man erkennt, wenn man denkt; ohne Denken ist keine Erkenntnis; nur durch Denken kommt Erkenntnis. Das Denken (mati) also muß man suchen zu erkennen."
"Das Denken, o Herr, möchte ich erkennen!
Neunzehnter Khanda
1. "Man denkt, wenn man glaubt. Ohne Glauben ist kein Denken [credo, ut intelligam]; nur wer Glauben hat, hat Denken. Den Glauben (shraddhâ) also muß man suchen zu erkennen."
- "Den Glauben, o Herr, möchte ich erkennen!"
Zwanzigster Khanda
1. "Man glaubt, wenn man aus etwas hervorwächst [oder nitishthati, in etwas gewurzelt ist]; ohne Hervorwachsen daraus [Gewurzeltsein darin] ist kein Glaube; wer aus etwas hervorwächst [in etwas gewurzelt ist], der glaubt daran. Das Hervorwachsen [nihshthâ, oder nishtdie Wurzelung] also muß man suchen zu erkennen."
- "Das Hervorwachsen [die Wurzelung], o Herr, möchte ich erkennen!"
Einundzwanzigster Khanda
1. "Man wächst hervor aus etwas [ist darin gewurzelt], wenn man schafft: ohne Schaffen ist kein Hervorwachsen [Gewurzeltsein]; nur wer etwas schafft, wächst daraus hervor [ist darin gewurzelt]. Das Schaffen (krti) also muß man suchen zu erkennen."
- "Das Schaffen, o Herr, möchte ich erkennen!"
Zweiundzwanzigster Khanda
1. "Man schafft, wenn man Lust empfindet; ohne Empfinden von Lust ist kein Schaffen; nur wer Lust empfunden hat, schafft. Die Lust (sukham) also muß man suchen zu erkennen."
- "Die Lust, o Herr, möchte ich erkennen!"
Dreiundzwanzigster Khanda
1. "Die Lust besteht in der Unbeschränktileit (Größe, bhûman); in dem Beschränkten (Kleinen) ist keine Lust; nur die Unbeschränktheit ist Lust. Die Unbeschränktheit (bhûman) also muß man suchen zu erkennen."
- "Die Unbeschränktheit, o Herr, möchte ich erkennen!"
Vierundzwanzigster Khanda
1. "Wenn einer [außer sich] kein andres sieht, kein andres hört, kein andres erkennt, das ist die Unbeschränktheit; wenn er ein andres sieht, hört, erkennt, das ist das Beschränkte. Die Unbeschränktheit ist das Unsterbliclie, das Beschränkte ist sterblich."
- "Aber worauf gründet denn sie sich, o Herr?"
"Sie gründet sieh auf ihre eigne Größe, oder, wenn man will, nicht auf die Größe.
2. Denn unter Größe verstehet man in dieser Welt viel Kühe und Rosse, Elefanten und Gold, Sklaven und Weiber, Feld und Land. Aber das meine ich nicht, meine ich nicht," so sprach er, "denn da gründet sich eines immer auf das andre.
Fünfundzwanzigster Khanda
1. Sie aber [die Unbeschränktheit] ist unten und ist oben, im Westen und im Osten, im Süden und im Norden; sie ist die ganze Welt.
Daraus folgt für das Ich-Bewußtsein (ahamkâra): Ich (aham) bin unten und oben, im Westen und im Osten, im Süden und im Norden; ich bin diese ganze Welt.
2. Daraus folgt für die Seele (âtman): die Seele ist unten und oben, im Westen und im Osten, im Süden und im Norden; die Seele ist diese ganze Welt.
Wer also sieht und denkt und erkennt, an der Seele sich freuend, mit ihr spielend, mit ihr sich paarend und ergötzend, derselbige ist autonom (svarâj), und ihm ist in allen Welten Freiheit (kâmacâra); die es aber anders als so ansehen, die sind heteronom (anyarâjan), vergänglicher Seligkeit, und ihnen ist in allen Welten Unfreiheit (akâmacâra).
Sechsundzwanzigster Khanda
1. Für den, fürwahr, welcher also sieht und denkt und erkennt, stammt aus seiner Seele das Leben, aus seiner Seele die Hoffnung, aus seiner Seele das Gedächtnis, aus seiner Seele der Weltraum, aus seiner Seele die Glut, aus seiner Seele das Wasser, aus seiner Seele Schöpfung und Vergang, aus seiner Seele die Nahrung, aus seiner Seele die Kraft, aus seiner Seele die Erkenntnis, aus seiner Seele das Sinnen, aus seiner Seele der Gedanke, aus seiner Seele der Entschluß, aus seiner Seele das Manas, aus seiner Seele die Rede, aus seiner Seele der Name, aus seiner Seele die heiligen Lieder und Sprüche, aus seiner Seele die heiligen Werke, aus seiner Seele diese ganze Welt." -
2. Darüber ist dieser Vers:
   
Rein ernährt er sich, und rein ist er; bewahrt, weil rein, die Lehre treu: weil er sie treu in der Erinnerung bewahrt, wird ihm zuteil die Lösung aller Knoten. Nachdem [durch die erwähnte Reinheit der Nahrung] die Unreinheit von ihm gewichen ist, zeigt ihm [wie einst dem Nârada] der heilige Sanatkumâra [durch den gegenwärtigea Upanishad-Abschnitt] das Ufer jenseits der Finsternis. [Darum] nennen sie ihn Skanda (den Übersteiger), – nennen sie ihn Skanda.
 
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Paul Deussen: Vorrede zu "Sechzig Upanishads" * Einleitung: Upanishads des Sâmaveda
 
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Hans Zimmermann, Görlitz : Quellentexte in zwölf Sprachen : Indien : Upanishaden des Sâmaveda : Chândogya-Upanishad