Hans
Zimmermann, Görlitz
: Index
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& Kena-Upanishad
* Bhagavad-Gîtâ
* Yoga
Advaita-Vedânta
monistische
(=nicht-dualistische) Veden-Vollendung (bzw. Upanishad-Interpretation)
Brahma-Sûtrâ-Shânkara-Bhâshyam
= Shârîraka-mîmâmsâ
des Bâdarâyana mit Shânkaras
Kommentar
–
(Übersetzung:
Paul Deussen, Berlin 1887)
Erster Adhyâya,
erster Pâda,
Erstes
Adhikaranam:
Voraussetzungen; zweites
und drittes
Adhikaranam
Shankaras
Einleitung:
Erörterung der
scheinobjektiven Selbstverkennung des "Ich" (adhyâsa-vicârah
)
(sanskrit
/ deutsch)
yushmad-asmat-pratyaya-gocarayor-
vishaya-vishayinos-
tamah
-prakâshavad-viruddha-svabhâvayor-
Objekt (vishaya)
und Subjekt (vishayin),
wie sie als ihren Bereich die Vorstellung
des "Du" [Nicht-Ich] und des "Ich" haben,
sind so entgegengesetzter Natur
wie Finsternis und Licht.
itaretara-bhâvânupapattau
siddhâyâm
tad-dharmânâm-api
sutarâmitaretara-bhâvânupapattih,
Steht es nun fest, daß das
Sein des einen in dem andern nicht zutrifft,
so folgt um so mehr, daß auch
die Qualitäten (dharma) des einen
bei dem andern nicht statthaben.
ityato
'smat-pratyaya-gocare
vishayini cid-âtmake
yushmat-pratyaya-gocarasya
vishayasya tad-dharmânâm
câdhyâsah
,
tad-viparyayena
vishayinas-tad-dharmânâm
ca vishaye 'dhyâso
Hieraus ergiebt sich,
daß die Übertragung
(adhyâsa)
des als seinen Bereich die Vorstellung
des "Du" habenden Objektes und seiner Qualitäten
auf das als seinen Bereich die Vorstellung
des "Ich" habende, rein geistige Subjekt,
und umgekehrt,
daß die Übertragung
des Subjektes und seiner Qualitäten auf das Objekt
folgerichtigerweise falsch
ist. –
tâpy-
anyonyasminn-anyonyâtmakatâm-anyonya-dharmâmsh-
câdhyasyetaretarâvivekenâtyanta-viviktayor-dharmar-dharminor-
mithyâ-jñâna-nimittah
styâ-nrtte
mithunî-krtya
naisargiko
'yam lokavyavahârah .
Und doch ist den Menschen dieses,
auf falscher Erkenntnis beruhende
(mithyâ-jñâna-nimitta),
Wahres und Unwahres [d.h. Subjektives
und Objektives] paarende Verfahren
angeboren (naisargika),
daß sie die Wesenheit und
die Qualitäten des einen auf das andere übertragen,
Objekt und Subjekt,
obgleich sie absolut verschieden
(atyanta-vivikta) sind,
nicht von einander unterscheiden
und so z. B. sagen "das bin ich",
"das ist mein".
âha
– ko 'yam-adhyâso nâmeti?
'Aber was ist unter dieser "Übertragung"
zu verstehen?'
–
ucyate
–
smrti-rûpah
paratra pûrvadrshtâva-bhâsah .
Wir antworten:
sie ist das auf Erinnerung beruhende
Erscheinen eines früher Gesehenen an einem anderen. –
tam
kecit
–
dharmâdhyâsa
– iti vadanti
manche hingegen
definieren sie als die Übertragung
der Qualitäten,
die der einen Sache zukommen, auf
eine andere; –
kecit –
yatra
yad-adhyâsas-tad-vivekâgraha-nibandhano
einige wiederum
als einen Irrtum, der dadurch bedingt
sei,
daß man den Unterschied der Sache
nicht auffasse, auf welche die Übertragung geschehe; –
anye tu –
yatra
yad-adhyâsas-tasyaiva viparita-dharma-tv-
akalpa-nâmâ-cakshate
iti.
wieder andere erklären sie
als die Annahme von Qualitäten
an dem Gegenstande der Übertragung,
welche seinem Wesen entgegengesetzt
seien. –
sarvathâpi
tv-anyasyânya-dharmâvabhâsatâm
na vyabhicarati.
Wie dem auch sei, darin ist Ubereinstimmung,
daß sie das Erscheinen der
Qualität der einen Sache an einer anderen ist.
tathâ
ca loke 'nubhavah . –
shuktikâ
hi rajatavadavamâsate,
ekash-candrah
sadvitîyavad iti.
Und so zeigt sie sich auch in der
Wahrnehmung des gemeinen Lebens,
wenn z.B. die Perlmutter als Silber,
oder der Mond, wiewohl er einer
ist, als zwei erscheint.
katham punah
pratyagâtmanyavishaye
'dhyâso vishayatad-dharmânâm?
'Aber wie ist es möglich,
auf das innere Selbst, da es doch
nicht Objekt ist, die Qualitäten von Objekten zu übertragen?
sarvo hi
puro 'vasthite vishaye
vishayântara-madhyasyati,
Denn ein jeder überträgt
doch nur auf ein vor ihm stehendes Objekt
yushmat-
pratyayâpetasya
ca pratyagâmano 'vishayatvam bravîshi?
und du selbst sagtest [oben],
daß das der Vorstellung des
"Du" entbehrende innere Selbst kein Objekt sei (avishayatvam)?‘
ucyate –
tâvad-ayam-ekântenâvipayah
,
asmat-pratyayavishayatvât,
pratyagâtma-prasiddheh.
Wir antworten:
dasselbe ist doch nicht in jedem
Sinne Nicht-Objekt;
denn es ist das Objekt der Vorstellung
des Ich;
und nur darum nimmt man ja auch
allgemein ein inneres Selbst an,
weil es der Wahrnehmung nicht unzugänglich
ist.
na câyam-asti
niyamah . –
puro
'visthita eva vishaye vishayântara-madhyasitavyam-iti;
apratyakshe
'pi hy-âkâshe
vâlâstalamalinatâd-vadhyasyanti.
Auch besteht eben keine Notwendigkeit,
daß man nur auf ein vor uns
stehendes Objekt ein anderes Objekt übertragen könne;
indem z. B. auf den Weltraum (âkâsha),
wiewohl er nicht wahrnehmbar ist,
Unerfahrene die dunkle Farbe des
Grundes und dergleichen übertragen.
evam-aviruddhah
pratyagâtmany-apy-anâtmâdhyâsah
Ebenso ist es nicht ausgeschlossen,
daß man auch auf das innere
Selbst überträgt, was nicht das Selbst ist.
tam-etam-evam-lakshanam-adhyâsam
panditâ avidyeti manyante;
tad-vivekena
ca vastutva-rûpâ-vadhâranam vidyâm-âhuh.
Diese so beschaffene Übertragung
erklären die Philosophen für ein Nichtwissen (avidyâ)
und bezeichnen im Gegensatze dazu die
genaue Bestimmung der Natur eines Dinges als das Wissen (vidyâ).
sati yatra yad-adhyâsah
,
tat-krtena
doshena gunena vâ 'numatrenâpi
sa na sambadhyate,
dann folgt, daß der Gegenstand,
auf welchen eine [derartige, falsche] Ubertragung stattfindet,
durch eine in ihr begründete
Fehlerhaftigkeit oder Beschaffenheit nicht im mindesten betroffen wird.
tam-etam-avidyâkhyâm-âtmânâtmanor-itaretarâdhyâsam
puraskrtya
sarva pramâna-prameya-vyavahârâ
laukikâ
vaidikâsh-ca pravrttâh,
Diese, "Nichtwissen" genannte,
das Selbst und das Nicht-Selbst miteinander verwechselnde Übertragung
bildet nun die Voraussetzung, unter
welcher alle Beschäftigung mit Beweisen oder zu Beweisendem,
und zwar auf weltlichem wie auf
vedischem Gebiete, stattfindet;
sarvâni
ca shâstrâni
vidhi-pratishedha-mokshaparâni.
und ebenso beruhen auf ihr alle
Lehrbücher,
mögen sie nun Gebote und Verbote
oder auch die Erlösung betreffen.
–
katham
punar-avidhâvad-vishayâni pratyakshâdîni
pramânâni
'Aber wie ist es möglich,
daß die Erkenntnismittel, wie Wahrnehmung u.s.w.,
und auch die Lehrbücher sich
auf den Bereich des im Nichtwissen Beruhenden beziehen?'
ucyate –
dehendriyâdishv-aham-mamâbhimâna-rahitasya
pramâna-pravrtty-anupapatteh.
Antwort:
weil man ohne den Wahn, daß
in Leib, Sinnesorganen u.s.w. das "Ich" und das "Mein" bestehe,
kein Erkennender sein kann,
und folglich eine Bethätigung
der Erkenntnismittel nicht möglich ist.
na hîndriyâny-anupâdâya
pratyakshâdivyavahârah
sambhavati.
Denn ohne die Sinnesorgane zur
Hülfe zu nehmen,
findet eine Thätigkeit des
Wahrnehmens u.s.w. nicht statt;
na cânadhyastâtma-bhâvena
dehena
die Verrichtung der Sinnesorgane
aber wiederum
ist nicht möglich ohne einen Standort
[den Leib];
na daitasmin-sarvasminn-asati
asangasyâtmanah
pramâtrtvam-upapadyate.
keinerlei Aktion des Leibes aber
ist möglich,
ohne daß man auf ihn das
Sein des Selbstes (der Seele, âtman)
übertrüge;
na ca pramâtrtvam-antarena
und ohne daß dieses alles
stattfindet, d.h. bei der [von der Leiblichkeit] unabhängigen Seele
ist eine Erkenntnisthätigkeit
gar nicht möglich.
vishayâny-eva-pratyakshadîni
pramânâni
Ohne Erkenntnisthätigkeit
aber geht das Erkennen nicht vor sich.
Folglich beziehen sich die Erkenntnismittel,
Wahrnehmung u.s.w.
sowie die [erwähnten] Lehrbücher
auf den Bereich des im Nichtwissen Beruhenden.
pashvâdibhish-câvisheshât.
yathâ hi
pashvâdayah shabdâdibhih shrotrâdînâm
sambandhe
sati shabdâdivijñâne pratikûle jate tato nivartante,
anukûle
ca pravartante;
Ferner auch deswegen [gehört
die weltliche und die vedische Erkenntnis in den Bereich des Nichtwissens],
weil [dabei] ein Unterschied von
den Tieren nicht stattfindet.
Denn sowie die Tiere, wenn z.B. ein
Ton ihr Ohr berührt,
falls die Erkenntnis durch diesen
Ton u.s.w. für sie von unangenehmer Art ist, sich davon wegwenden,
und, falls sie angenehm ist, sich
hinzuwenden, –
yathâ
dandodyatakaram purusham-abhimu mukha-palamya
mâm hantum-ayam-icchatîti
palâyitum-ârabhante,
harita-trna-pûrnapânim-upalabhya
tam pratyabhimukhî-bhavanti;
wie sie z.B., wenn sie einen Menschen
mit einem aufgehobenen Stocke in der Hand vor sich sehen,
in der Meinung: "der will mich schlagen",
zu fliehen suchen,
und wenn sie ihn mit einer Hand
voll frischen Grases sehen, sich zu ihm hinwenden: –
evam purushâ
api vyutpanna-cittâh
krûradrshtînâkroshatah
khangodyatakarân-balavata
upalabhya
tato nivartante,
taddhi parîtan-prati
pravartante –
ebenso pflegen auch die Menschen,
wiewohl ihre Erkenntnis entwickelter ist (vyutpanna-cittâh),
wenn sie Starke von grausigem Ansehen
schreiend und mit gezückten Schwertern in den Händen wahrnehmen,
sich von ihnen abzuwenden
und zu den Entgegengesetzten sich
hinzuwenden. –
atah samâna
pashvârdibhih
purushânâm
pramâna-prameya-vyavahârah .
Sonach ist, in Bezug auf Mittel
und Gegenstände des Erkennens,
das Verfahren bei Menschen und
Tieren das gleiche.
pashvadînâm
ca
prasiddho
'viveka-purah sarah pratyakshâdi-vyavahârah.
Allerdings geht bei den Tieren
die auf das Wahrnehmen u.s.w. folgende
Thätigkeit ohne vorheriges Urteilen (viveka)
vor sich;
tat-sâmânya-darshanâd
vyutpattimatâm-api
purushânâm
pratyakshâ-divyavahâras-
tat-kâlah
samâna iti nishcîyate
aber, wie man an der Gleichheit
damit ersieht,
ist auch bei den [geistiger] Entwickelung
teilhaften (vyutpattimatâm) Menschen
die auf das Wahrnehmen u.s.w. folgende
Thätigkeit
für jene Zeit [der falschen
Erkenntnis vgl. p. 449,3] entschieden die nämliche;
shâstrîye
tu vyavahâre yady-api
buddhi-pûrvakârî
nâviditvâtmanah
paraloka-sambandham-adikriyate,
tathâpi
na
vedânta-vedyam,
ashanâyâdyatîtâm,
apeta-brahma-kshatrâdibhedam,
asamsâryâtma-tattvam-adhikâre
'pekshyate,
anupayogâd-adhikâra-
und wenn hingegen zu einer Werkthätigkeit
gemäß dem Schriftkanon
nur ein solcher, der vorher die
[erforderliche] Einsicht (buddhi) erworben
hat,
und keiner, der nicht die Verbindung
der Seele mit der andern Welt erkannt hat, zugelassen wird,
so ist doch zu dieser Zulassung nicht
erforderlich,
daß man die vom Vedânta
zu lehrende, den Hunger und die übrigen [Begierden] hinter sich lassende,
von den Unterschieden zwischen
Brahmanen, Kriegern u.s.w. Abstand nehmende Wahrheit
über die vom Samsâra
(der Seelenwanderung) freie Seele [erkannt habe].
Denn diese kommt bei der Betrauung
[mit dem Opferwerke] nicht zur Anwendung,
ja, sie steht mit derselben in
Widerspruch.
prâk
ca tathâ-bhûtâtma-vijñânât-pravartamânam
shâstram-avidyâvad-vishayatvam
nâtivartate.
Und indem der Kanon der Vorschriften
[nur] vor der sothanen Erkenntnis der Seele in Wirkung steht,
so erstreckt er sich nicht über
den Bereich des im Nichtwissen Beruhenden hinaus.
tathâ
hi – brâhmano yajeta –
ity-âdîni
shâstrânyâtmani
varnâshrama-vayo
'vasthâdi-visheshâdhyâsam-âshritya
pravartante.
So z.B. wenn es heißt: "der
Brahmane soll opfern",
so sind diese und ähnliche kanonische
Vorschriften nur möglich,
sofern man Kasten, âshramâs
(Lebensstadien), Lebensalter
und andere unterschiedliche Zustände
auf das Selbst überträgt.
adhyâso
nâma
atasmins-tad-buddhir-ity-avocâma.
Diese Übertragung aber ist,
wie wir sahen, die Annahme einer
Sache da, wo sie nicht ist.
tad-yathâ
– putra-bhâryâ-dishu vikaleshu sakaleshu
vâ
aham-eva
vikalah sakalo vetti
bâhya-dharmân-âtmany-adhyasyati;
So wie daher jemand, wenn es seinem
Sohne, seiner Gattin und dergleichen schlecht oder gut geht,
zu sagen pflegt, "es geht bei mir
schlecht oder gut",
und damit Qualitäten von Außendingen
auf das Selbst (die Seele) überträgt:
tathâ
deha-dharmân –
sthûlo
'ham, krsho 'ham, gauro 'ham tishtâmi, gacchâmi, langhayâmi
ceti;
tathendriyadharmân
–
mukah
, kânah , klîbah , vadhirah , andho
'ham-iti;
tathâ 'ntah
karana-dharmân –
kâma-samkalpa-vicikitsâdhyavasâyâdîn.
ebenso auch überträgt
er auf dasselbe Qualitäten des Leibes, wenn er denkt:
"ich bin fett, ich bin mager, ich
bin weiß, ich stehe, gehe, springe;"
und ebenso Qualitäten der Sinnesorgane,
wenn er denkt:
"ich bin stumm, entmannt, taub,
einäugig, blind";
und ebenso die Qualitäten des
Innenorgans [antah karanam,
d.h. des Manas],
Verlangen, Entscheidung, Zweifel,
Entschluß u.s.w. (vgl. Brh. 1,5,3); –
evam-aham-pratyayinam-
ashesha-svapracâra-sâkshini
pratyagâtman-yadhyasya,
tam ca pratyagâtmânam
sarva-sâkshinam
tad-viparyayenântah
karanâdish-vadhyasyati.
so also überträgt er
den Vorsteher des Ich (ahampratyayin =
Manas)
auf die seinen Verrichtungen lediglich
als Zuschauer (sâkshin)
gegenüberstehende innere Seele,
und umgekehrt die allem als Zuschauer
beiwohnende innere Seele
auf das Innenorgan u.s.w. [d. h.
auf die Sinnesorgane, den Leib und die Gegenstände der Außenwelt].
evam-ayam-anadir-ananto
naisargiko 'dhyâso
mithyâ-pratyaya-rûpah
kartrtva-bhoktrtva-pravartakah
sarva-loka-pratyakshah
.
So steht es mit dieser anfanglosen,
endlosen, angebornen Übertragung,
welche ihrem Wesen nach eine falsche
Annahme ist,
alle Zustände des Thuns und
des Genießens [oder Leidens] hervorbringt
und die Sinneswahrnehmung aller
Menschen befaßt.
asyân-artha-hetoh
prahânâya âtmaikatva-vidyâ-pratipattaye
sarve
Sie, welche die Ursache des Unheils
ist, zu beseitigen und das Wissen von der Einheit der Seele zu lehren,
–
das ist der Zweck aller Vedântatexte
[d.h. der Upanishads].
yathâ
câyam-arthah sarveshâm vedântânâm
tathâ vayam-asyâm
sharîraka-mîmâmsâyâm
Und wie dieses den Gegenstand aller
Vedântatexte ausmacht,
so wollen auch wir denselben in dieser
Shârîraka-mîmânsâ
[Erforschung der verkörperten Seele]
Erstes Adhikaranam
In dem Lehrbuche der Vedântamimâmsâ
[Erforschung der Upa-nishad's], welches wir erklären wollen, lautet
das erste Sûtram wie folgt:
1. atha
ato brahma–jijñâsâ,
iti
nunmehr
daher die Brahmanforschung.
Das Wort atha
(nunmehr) bedeutet hier unmittelbare Folge, nicht einen Vorsatz, da die
Brahmanforschung [wörtlich: der Wunsch, Brahman zu erkennen] nicht
Gegenstand eines Vorsatzes sein kann;
da ferner dafür, [das Wort
atha] als Segenswunsch zu fassen, im
Inhalte des Satzes keine Berechtigung liegt;
denn nur wo es einem schon anderweit
ausgedrückten Inhalte sich anschließt, liegt dem Worte atha
das Motiv zu Grunde, dadurch, daß man es zu Gehör bringt, einen
Segenswunsch auszusprechen.
Hier aber, wo es sich um die Erfüllung
einer vorher rege gemachten Erwartung handelt, kann es in seiner Bedeutung
einer "unmittelbaren Folge" nicht entbehrt werden.
Steht nun die Bedeutung "unmittelbare
Folge" fest, so fragt sich:
so wie die Pflicht-Forschung [die
Karma-mimâmsâ des Jaimini] notwendigerweise das
Veda-Studium zur Voraussetzung hat,
was ist in diesem Sinne die Voraussetzung
der Brahmanforschung, auf die sie sich notwendigerweise bezieht?
Das ist zu erklären.
Die Voraussetzung des Veda-Studiums
nun ist beiden gemeinsam.
Liegt also der Unterschied vielleicht
darin, daß hier [bei der Brahmanforschung] eine Kenntnis der Werke
vorausgesetzt wird? –
Mit nichten! Denn auch vor der
Pflichtforschung ist für den, welcher den Vedânta studiert hat,
eine Erforschung des Brahman zulässig.
Und so wie [beim Tieropfer] für
die Zerstückelung des Herzens u.s.w. eine bestimmte Folge erfordert
wird, indem der Gang vorgezeichnet ist, in derartiger Weise ist hier kein
Gang vorgezeichnet.
Denn für die Annahme, daß
sich Pflichtforschung und Brahmanforschung verhielten wie Grund und Folge,
oder wie Gebot und Gebotenes, ist kein Beweis vorhanden;
auch sind beide verschieden, sowohl
was ihre Frucht als was den Gegenstand der Forschung betrifft.
Nämlich die Erkenntnis der
Pflicht bringt als Frucht Beglückung (abhyudaya)
und bezieht sich auf Observanz;
die Erkenntnis des Brahman hingegen
hat als Frucht das höchste Gut [nihshreyasam,
d.h. Erlösung]
und bezieht sich nicht auf irgend
eine weitere Observanz.
Ferner: die zu erforschende Pflicht
ist ein Zukünftiges, zur Zeit der Erkenntnis noch nicht Vorhandenes,
welches von dem Thun des Menschen abhängig ist;
hier hingegen ist das zu erforschende
Brahman ein schon Vorhandenes, weil schon von Ewigkeit her Bestehendes,
welches nicht von irgend einem Thun des Menschen abhängig ist.
Ein weiterer Unterschied hegt in
der Art, wie die Aufforderung zu beiden stattfindet.
Denn die Aufforderung, wie sie
ein Merkmal der Pflicht bildet, beschränkt sich darauf, innerhalb
ihres Bereiches den Menschen anzutreiben, ohne daß sie ihn belehrte.
Die auf das Brahman bezügliche
Aufforderung hingegen will lediglich den Menschen belehren;
und da es eine [bloße] Belehrung
ist, welche hier aus der Aufforderung resultiert, so wird der Mensch bei
dieser Belehrung nicht verpflichtet, sondern es verhält sich dabei
ähnlich, wie wenn man sich über eine Sache dadurch belehrt, daß
man sie dem Auge nahe bringt.
– 'Aber da dem so ist,
was sollen wir denn annehmen, als
dessen unmittelbare Folge die Brahmanforschung bezeichnet wird?' –
Wir antworten:
[I.] die Unterscheidung der ewigen
und der nichtewigen Substanz;
[II.] Verzichtung auf einen Genuß
des Lohnes seiner Bemühungen, hier und im Jenseits;
[III.] Erlangung der [sechs] Mittel,
Gemütsruhe, Bezähmung u.s.w.
[Entsagung, geduldiges Ertragen,
Meditation, Glaube];
[V.] das Verlangen nach Erlösung.
Wenn diese vorhanden sind,
so kann auch vor der Pflichtforschung
ebenso gut wie nach ihr das Brahman erforscht und erkannt werden;
nicht aber umgekehrt.
Somit wird durch das Wort atha
die unmittelbare Folge auf die Erlangung der erwähnten Mittel angedeutet.
Das Wort atas
(daher) bezeichnet einen Grund:
weil nämlich der Veda erklärt,
daß das Feueropfer und die sonstigen [Werke], welche zum Glücke
dienen, eine Frucht bringen, die vergänglich ist, –
denn es heißt:
weil ferner das höchste Ziel des
Menschen als durch die Erkenntnis des Brahman zu erreichen bezeichnet wird
durch die Worte:
"wer Brahman kennt, erlangt das
Höchste" u.s.w. (Taitt. 2,1), –
darum ist unmittelbar nach Erlangung
der erwähnten Mittel die Brahmanforschung ins Werk zu setzen.
Die Brahmanforschung (brahma-jijñâsâ)
bedeutet die Erforschung des Brahman;
Brahman aber ist, wie weiterhin
erklärt werden wird, dasjenige,
Darum darf man bei dem Worte Brahman
nicht an eine andere Bedeutung, wie z.B. etwa an die Brahmanen-Kaste, denken.
Der Genitiv "des Brahman" bedeutet
eine [auf Brahman als Objekt bezügliche] Thätigkeit, nicht eine
bloße Ergänzung [des Begriffs der Forschung, unbestimmt in welchem
Sinne];
denn die Erforschung findet statt
in Hinsicht auf ein zu Erforschendes, ein andres Objekt der Forschung aber
liegt nicht vor.
– 'Aber', könnte man sagen,
'daß das Brahman der Gegenstand der Forschung ist, wird dadurch nicht
ausgeschlossen, daß man den Genitiv als den der Ergänzung ansieht;
da in der Allgemeinheit der Verbindung
[mit einem Genitiv, der bloß zur Ergänzung, unbestimmt in welchem
Sinne, dient] die besonderen Fälle [also auch der hier erforderliche
Genitivus objectivus] enthalten sind.'
– Wenn man dies auch zugeben wollte,
so würde es doch eine zwecklose Erschwerung sein, auf das deutliche
Objektsein des Wortes "des Brahman" zu verzichten, um vermittelst der Allgemeinheit
[und Unbestimmtheit der Genitivverbindung] ein undeutliches Objektsein
desselben anzunehmen.
– 'Sie ist doch nicht zwecklos,
denn sie hat den Zweck, sämtliche mit dem Brahmanbegrifff zusammenhängende
Untersuchungen (über seine Merkmale, die Beweismethoden, Beweisgründe,
Mittel und Frucht seiner Erkenntnis] als berechtigt anzuerkennen.'
– Das bestreiten wir, weil durch
Befassung der Hauptsache auch dasjenige, was sich auf dieselbe bezieht,
als Zweck schon mit einbegriffen ist.
Die Hauptsache nämlich ist
das Brahman, sofern seine Erlangung durch die Erkenntnis das dabei am meisten
Gewünschte ausmacht.
Ist nun diese Hauptsache unter
dem Gegenstande der Forscheng befaßt, so ist damit zugleich dasjenige
als Zweck mit einbegriffen, ohne dessen Erforschung die Erforschung des
Brahman nicht möglich ist;
daher es nicht noch erst besonders
erwähnt zu werden braucht;
ähnlich wie durch die Worte
"der König kommt" angedeutet wird, daß der König mitsamt
seinem Gefolge kommt.
Ebendasselbe ergiebt sich auch
aus dem Zusammenhange der Schrifttexte;
denn wenn es z.B. in Stellen wie:
"Dasjenige, fürwahr, woraus
diese Wesen entspringen" u.s.w. (Taitt. 3,1) weiter heißt:
"das erforsche, das ist das Brahman",
so beweisen diese Worte offenbar, daß
Brahman der Gegenstand der Forschung ist; und dem entspricht das Sûtram,
wenn man den Genitiv "des Brahman" im Sinne der Thätigkeit nimmt.
Die Forschung (jijñâsâ)
bedeutet den Wunsch zu erkennen;
denn das Erkennen, welches als
sein Endziel das Erlangen hat, ist der Gegenstand des dabei ausgedrückten
Wunsches , indem ein Wunsch sich bezieht auf einen gewünschten Erfolg.
Es wird also gewünscht, das
Brahman durch die Erkenntnis als Mittel zu erlangen;
denn das Erlangen des Brahman ist
das Endziel des Menschen, weil durch seine Erlangung das Nichtwissen und
das übrige Unheil, welches den Samen der Seelenwauderung (samsâra)
bildet, völlig ausgerottet wird.
Darum also ist das Brahman zu erforschen.
– 'Ist nun dieses Brahman bekannt
oder unbekannt?
Wenn es bekannt ist, so braucht
man es nicht zu erforschen,
ist es aber unbekannt, so kann
man es nicht erforschen!'
Auf diese Einwendung antworten
wir:
was zunächst das Brahman betrifft,
so ist es ein seiner Natur nach ewiges,
reines, weises und freies, allwissendes und mit Allmacht ausgestattetes
Wesen;
denn diese Eigenschaften der Ewigkeit,
Reinheit u.s.w. ergeben sich, wenn man das Wort Brahman analysiert, indem
man der Bedeutung der Wurzel brh
(1."ausreißen", 2. "stärken", 3. "brüllen"; vgl. brhat
– "hoch, groß") nachgeht.
Die Existenz des Brahman aber wird
daraus erwiesen, daß es das Selbst (die Seele) von allem ist;
denn ein jeder nimmt die Existenz
seines eignen Selbstes an, indem er nicht sagen kann: "ich bin nicht."
Würde nämlich nicht die
Existenz des eignen Selbstes allgemein angenommen, so könnte alle
Welt sagen: "ich bin nicht.
Das Selbst aber ist das Brahman.
– 'Aber, wenn das Brahman wirklich
als das Selbst allgemein anerkannt wird,
so ist es doch schon bekannt, und
hieraus folgt wieder, daß es nicht erst erforscht zu werden braucht?'
–
Dem ist nicht so, weil in Bezug
auf seine Merkmale Uneinigkeit besteht.
So z.B. behaupten das ungebildete
Volk und die Materialisten, das Selbst sei nur der mit Geistigkeit ausgestattete
Leib;
andre wiederum sehen das Selbst
in den die Erkenntnis bewirkenden Sinnesorganen;
andre in dem Manas;
wieder andre in der bloßen
Vorstellung des jedesmaligen Augenblicks;
wieder andre in dem Nichts (shûnyam);
einige behaupten, es sei die den
Leib u.s.w. überdauernde, umwandernde, handelnde und leidende Seele;
etwelche sagen, es sei nur die
leidende, nicht die handelnde Seele;
wieder andre, es sei der von ihr
verschiedene, allwissende und allmächtige Gott (îshvara);
noch andre, es sei das [wahre]
Selbst der genießenden (individuellen) Seele.
So stehen viele einander entgegen
und stützen sich dabei auf Argumente und Schriftworte oder den Schein
derselben.
Wollte man nun unbedacht das eine
oder das andre annehmen, so könnte man an seiner Seligkeit Schaden
nehmen und in Unheil geraten.
Darum ist eine Vornahme der Brahmanforschung
und, infolge derselben, eine Untersuchung der Vedântatexte, unterstützt
durch eine ihr nicht widersprechende Reflexion, als ein Mittel zur Seligkeit
zu empfehlen.
Zweites
Adhikaranam
Das Brahman ist, wie wir fanden,
zu erforschen.
Welcher Beschaffenheit ist nun
dieses Brahman?
Darauf antwortet der verehrungswürdige
Verfasser des Sûtram,
es ist dasjenige,
2.
janma-âdi asya
yata', iti
woraus Ursprung u.s.w.
dieses [Weltalls] ist.
Janman,
der Ursprung, der Anfang.
Das Bahuvrîhi-Compositum
janma-âdi, Ursprung u.s.w.],
dient um die Beschaffenheiten dessen zu kennzeichnen, was unter dem Worte
asya [dieses Weltalls] zu verstehen ist;
der Sinn des Compositums ist: "Ursprung,
Bestand und Vergang."
Daß der Ursprung den Anfang
macht, folgt aus der Autorität der Schrift und aus der Natur der Sache.
Aus der Autorität der Schrift;
denn es heißt:
"dasjenige, fürwahr, woraus
diese Wesen entspringen,
[wodurch sie, entsprungen, leben,
und worein sie dahinscheidend wieder eingehen]" (Taitt. 3,1).
In dieser Stelle wird für
Ursprung, Bestand und Vergang eine bestimmte Reihenfolge gelehrt.
Weiter folgt dasselbe auch aus
der Natur der Sache:
denn ein Ding kann nur bestehen
und vergehen, sofern es [vorher] durch den Ursprung Wesenheit empfangen
hat.
Das Wort asya
"dieses [Weltalls]" weist, sofern es ein Pronomen demonstrativum ist, auf
einen in unmittelbarer Wahrnehmung u.s.w. vorliegenden Eigenschaftsträger
hin;
und sofern es im Genitiv steht,
besagt es, daß janma-âdi
"das Entspringen u.s.w." als Eigenschaften mit ihm zu verbinden sind.
Yata',
iti (dasjenige woraus) weist auf eine Ursache hin und ist so
zu ergänzen:
die Ursache, aus welcher Ursprung,
Bestand und Vergang dieser in Namen und Formen ausgebreiteten, viele Handelnde
und Genießende beschließenden, die nach Raum, Zeit und Ursache
speciell bestimmte Frucht der Werke enthaltenden, in einer auch für
den Gedanken unfaßbaren Anordnung gestalteten Welt [herrührt],
–
diese allwissende und allmächtige
Ursache ist das Brahman.
Ursprung, Bestand und Untergang
werden hier erwähnt, sofern alle andren Wandlungen des Seins in diesen
dreien inbegriffen sind.
Wollte man hier hingegen die von
Yâska (p. 31,15 ed. Roth) aufgestellten [Phasen der Existenz]:
"er entsteht, ist", u.s.w. ["wächst,
wandelt sich, schwindet, vergeht"]
verstehen, so könnte, da diese
auch während des Bestehens der Welt wahrgenommen werden, dadurch Ursprung,
Bestand und Vergang der Welt ans der Wurzelursache nicht ausgedrückt
zu sein scheinen;
um diesen Schein zu vermeiden,
werden diejenigen [Phasen] erwähnt, welche besagen, daß, so
wie der Ursprung aus dem Brahman ist, ebenso der Bestand und der Vergang
in ebendemselben stattfinden.
Es läßt sich nämlich
für die wie bezeichnet beschaffene Welt eine andre Ursache als den
wie bezeichnet beschaffenen Gott nicht annehmen, indem sich weder aus einer
ungeistigen Urmaterie, noch aus Atomen, noch aus dem Nichtsein, noch aus
der Wanderseele der Ursprung u.s.w. der Welt begreifen läßt,
und ebensowenig aus ihrer eignen
Natur, sofern alle die besonderen Zustände des Raumes, der Zeit und
der Ursache das [zu erklärende) Gegebene bilden.
Dieses ist nur eine Schlußfolgerung,
welche jedoch von den an der Causalität Gottes Festhaltenden als beweiskräftig
angesehen wird für die Existenz u.s.w. eines über die Wanderseele
hinausliegenden Gottes.
– 'Wird nun vielleicht auch hier,
in unserem Sûtram, nur auf diese Schlußfolgerung hingedeutet?'
–
Doch nicht! Denn der Zweck der
Sûtra's ist vielmehr der, die Upanishadworte zu einem Blumenkranze
zusammenzureihen, indem es Upanishadworte sind, welche in den Sutra's
citiert und betrachtet werden.
Denn allein dadurch, daß
man den Sinn der heiligen Worte betrachtet und hierbei stehen bleibt, wird
die Erlangung des Brahman vollbracht, nicht aber dadurch, daß man
Schlußfolgerungen und sonstige Beweismittel anwendet.
Sind aber einmal solche Vedântatexte,
welche die Ursache für Ursprung u.s.w. der Welt anzeigen, vorhanden,
so ist weiterhin auch ein Schlußverfahren, welches zur Bestätigung,
daß man den Sinn der Schriftworte wirklich erfaßt hat, dient
und mit denselben nicht in Widerspruch tritt, als ein Beweismittel nicht
unzulässig.
Denn auch von der Schrift selbst
wird die Reflexion herbeigezogen.
So, wenn es heißt: "man soll
ihn hören, soll ihn verstehen", (Brh. 2,4,5);
und ferner: "wie
jener belehrt und verständig zu den Gandhârern heimgelangt,
also auch ist ein Mann, der hienieden einen Lehrer gefunden, sich bewußt"
(Chand. 6,14,2).
In diesen Worten weist die Schrift
sich selbst zur Gefährtin die menschliche Erkenntnis zu.
Auch sind nicht so wie bei der
Pflichtforschung die Schriftworte die alleinige Autorität auch bei
der Brahmanforschung;
vielmehr haben hier die Schriftargumente
und, je nachdem es kommt, auch
die aus der Wahrnehmung u.s.w. geschöpften Argumente Beweiskraft,
und zwar weil die Brahmanforschung
in der unmittelbaren Wahrnehmung ihr Endziel findet,
und weil sie sich auf einen thatsächlich
vorhandenen Gegenstand richtet.
Denn wo es sich um Pflichterfüllung
handelt, kommt die Wahrnehmung nicht in Betracht,
und sind mithin die Schriftworte
die einzige Autorität;
auch schon deswegen, weil eine
zu erfüllende Pflicht in ihrer Verwirklichung von dem Menschen abhängig
ist;
denn ein weltliches wie ein vedisches
Werk kann gethan werden oder nicht gethan werden oder anders gethan werden,
sowie man zu Pferde reisen kann, oder zu Fuß, oder sonstwie, oder
überhaupt nicht.
So z.B. wenn es heißt: "er
benutzt beim Übernachtsopfer die sechzehnteilige [Strophe]",
– "er benutzt nicht beim Übernachtsopfer
die sechzehnteilige "[Strophe]", (vgl. p. 370,1. 483,1);
oder: "er opfert nach Sonnenaufgang"
– "er opfert vor Sonnenaufgang" (Ait.br. 5,31,1),
so handelt es sich dabei um Vorschriften
und Verbote,
und hierbei hat es einen Sinn,
von einer Wahlfreiheit, von Regeln und von Ausnahmen zu reden.
Ein wirklicher Gegenstand hingegen
läßt keine Wahlfreiheit darüber zu, ob er so oder so ist
oder nicht ist.
Mag immerhin, wo es sich um ein
Auswählen handelt, dieses von dem Dafürhalten des Menschen abhängig
sein, so ist doch die Erkenntnis der Wesensbeschaffenheit eines Gegenstandes
nicht von dem Dafürhalten des Menschen abhängig, sondern allein
von dem Gegenstande selbst.
Wenn z.B. der Gegenstand ein Baumstamm
ist, so kann er nicht nach der wahren Erkenntnis ein Baumstamm oder ein
Mensch oder sonst etwas sein;
denn daß es ein Mensch oder
sonst etwas sei, ist eine falsche Erkenntnis, und nur daß es ein
Baumstamm ist, ist die wahre Erkenntnis, indem dieselbe von dem Gegenstande
abhängig ist.
Wo es sich also um irgendwie beschaffene
Gegenstände handelt, da wird die Richtigkeit der Erkenntnis bedingt
durch das Objekt.
Ist dem so, dann muß auch
die Erkenntnis des Brahman nur durch das Objekt bedingt sein, weil es sich
dabei um einen wirklich vorhandenen Gegenstand handelt.
'Aber, wenn es sich bei Brahman
um einen wirklich vorhandenen Gegeustand handelt, muß dann derselbe
nicht ein bloßes Objekt der andern [weltlichen] Erkenntnisinittel
sein, und ist somit die Untersuchung der Upanishadworte nicht überflüssig?'
–
Doch nicht! Denn da Brahman kein
Objekt der Sinne ist, so würde sich sein [Kausal-] Nexus mit der Welt
nicht [mit Sicherheit] ergreifen lassen.
Nämlich: die Sinne haben ihrer
Natur nach als Objekt die Außendinge und nicht das Brahman.
Wäre nun Brahman ein Objekt
der Sinne, so würde man diese Welt als eine mit Brahman verknüpfte
Wirkung wahrnehmen.
Nun man aber die Wirkung allein
wahrnimmt, so läßt sich [ohne Offenbarung] nicht ausmachen,
ob sie mit Brahman oder vielleicht mit sonst etwas [als Ursache] verknüpft
ist, [da dieselbe Wirkung verschiedene Ursachen haben kann].
Somit hat unser Sûtram nicht
don Zweck, eine Schlußfolgerung darzulegen,
sondern vielmehr, auf das Vedântawort
hinzuweisen.
Welches ist nun dasjenige Vedântawort,
auf welches durch unser Sûtram hingedeutet wird?
In der Stelle, die anhebt mit den
Worten:
"Bhrigu, fürwahr, der Sohn
des Varuna, trat vor seinen Vater Varuna und sprach:
Lehre mich, Verehrungswürdiger,
das Brahman",
heißt es weiterhin:
"dasjenige, fürwahr, woraus
diese Wesen entspringen, wodurch sie, entsprungen, leben,
und worein sie dahinscheidend wieder
eingehen,
das suche zu erkennen, das ist
das Brahman" (Taitt. 3,1),
und das Resultat dieser Forschung wird
angegeben in den Worten:
"die Wonne wahrlich ist es, aus
welcher diese Wesen entspringen,
die Wonne, durch welche sie, entsprungen,
leben,
die Wonne, in welche sie dahinscheidend
wieder eingehen" (Taitt. 3,6).
Und so ließen sieh noch manche
andere derartige Stellen anführen,
welche das seiner Natur nach ewige,
reine, weise, freie, allwissende Wesen als die Weltursache bezeichnen.
Drittes
Adhikaranam
Das Brahman wurde, indem es als
Weltursache aufgezeigt wurde, für allwissend erklärt.
Dieses zu bestätigen, sagt
[der Lehrer] weiter:
3.
shâstra-yoni-tvâd, iti
wegen des Grundseins des
[Schrift]-Kanon's.
Der große vom Rgveda
anfangende Schriftkanon, welcher, durch mancherlei Wissensdisciplinen verstärkt,
wie eine Lampe alle Dinge beleuchtet und gewissermaßen allwissend
ist, hat als Grund, als Ursache das Brahman.
Denn nicht kann ein solcher Kanon
wie der Rgveda u.s.w., der mit der Eigenschaft der Allwissenheit
ausgestattet ist, von einem andern als einem Allwissenden herrühren.
Denn auch sonst, wenn irgend ein
ausführliches Lehrbuch von einem ausgezeichneten Manne hervorgebracht
worden ist, wie z.B. das der Grammatik von Pânini, wiewohl
sich dieses nur erst auf ein einzelnes Gebiet des Wissens bezieht, so nimmt
man doch allgemein an, daß der Urheber noch mehr wisse, als es enthält;
um wieviel mehr muß man [wo
es sich um ein so universelles Werk wie den Veda handelt] annehmen, daß
das große Wesen, welches den in viele Zweige (shâkhâ)
auseinandergehenden, der Einteilung in Götter, Tiere, Menschen, Kasten,
Âshramâs u.s.w. zu Grunde liegenden, Rgveda u.s.w. genannten
Schacht alles Wissens mühelos, zum Spiele, dem Aushauche eines Menschen
vergleichbar, aus sich hervorgebracht hat, –
wie die Schrift sagt:
"aus diesem großen Wesen
ausgehaucht worden ist der Rgveda" u.s.w. (Brh. 2,4,10),
–
daß dieses große Wesen
eine überschwengliche Allwissenheit und Allmacht besitzen muß.
Oder auch [man kann das Sûtram
folgendermaßen erklären]:
das erwähnte Lehrbuch des
Rgveda u.s.w. ist der Grund, der Erkenntnisgrund, die Ursache für
die Annahme jenes Brahman, wenn man anders sein Wesen in gebührender
Weise erforscht;
denn das Brahman, welches die Ursache
für Ursprung u.s.w. des Weltalls ist, kann, das ist die Meinung [des
Sûtram], nur aus dem Schriftkanon als Beweisgrunde erkannt werden.
Daher der Schriftkanon schon im
vorigen Sûtram [als Beweisgrund] herangezogen wurde in den Worten:
"fürwahr, woraus diese Wesen entspringen" u.s.w. (Taitt. 3,1). –
'Aber wozu noch das gegenwärtige
Sûtram, da doch der Autor schon im vorigen Sûtram damit, daß
er den Schriftkanon [als Beweisgrund] heranzog, das Grundsein des Schriftkanons
für die Annahme des Brahman anerkannte?' –
Wir antworten: dort war in dem
Wortlaute des Sûtram der Schriftkanon nicht in deutlicher Weise herangezogen,
und so könnte man auf die
Meinung kommen, als werde der Ursprung u.s.w. der Welt [aus Brahman] als
eine bloße [weltliche] Schlußfolgerung vorgebracht.
Diese Meinung zu beseitigen, ist
der Zweck des vorliegenden Sûtram:
"wegen
des Grundseins des Schriftkanons."
Hans
Zimmermann, Görlitz
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