Raffaels "Philosophenschule
von Athen" (ca. 1510) in der Stanza della Segnatura
des Vatikan gibt
uns ein Panorama der um 1500 n.Chr. als maßgeblich angesehenen Wissenschaftler
und Philosophen der Antike und der durch
das ganze Mittelalter bis zur Renaissance hin wirkenden Tradition.
Die wichtigsten Figuren wären uns durch Vasaris Biographien und kunstgeschichtliche
Erinnerungen an die Renaissance bekannt, wenn seine Aufzeichnungen gerade
zur Stanza della Segnatura nicht so fürchterlich durcheinandergeraten
wären, daß die "Disputa" (das Fresco gegenüber der "Philosophenschule")
in die Personenzuschreibungen der "Scuola" hineingemischt worden wäre;
ein Sturm oder Schlimmeres ist ihm offensichtlich in die Blätter gefahren;
zur Gruppe neben Aristoteles (peripatetische Schule?) erfahren wir von
ihm nichts, und die Spekulationen sind bei ihm wie auch bei zahllosen folgenden
Kunsthistorikern nicht mit Belegen oder Argumenten abgesichert. Das
Ganze ist in großräumig-perspektivischer Symmetrie unter hohe
Tonnengewölbe mit mächtiger Raumwirkung positioniert – vergleichbar
den Gewölben des Petersdoms, die allerdings (unter Raffaels Mitwirkung)
erst noch im Planungsstadium zur Diskussion standen; als Vorbild für
diese Idealvorstellung diente dann wohl eher die damals frisch entdeckte
Domus Aurea des Kaisers Nero, deren vegetabil-ornamentale
Deckenausmalung ja auch durch Raffael in die Deckengewölbe der langgestreckten
Saalflure und Stanzen selbst übernommen worden ist. In
den hohen Nischen der Seitenschiff-Wände bzw. der das mittlere Tonnengewölbe
rahmenden Gewölbepfeiler, dem Betrachter zugewandt, überragen
überlebensgroß Marmorfiguren des Musenführers
Apollon auf der linken Seite und der Wissenschaftsgöttin Athene
auf der rechten die Szene. Die
Menschen im basierenden "Stockwerk" darunter sind unter den in die Ferne
gestuften, teils wie hohe Tore zum Himmelblau offenen, selbst himmlisch-sphärischen
symmetrischen Halbkreisgewölben des Bildes so verteilt, daß
eine Art Bedeutungsperspektive entsteht und mit "geistigem" Hintergrund
und "mathematisch-naturwissenschaftlichem" Vordergrund, mit linker "platonischer"
Seite unter dem formbewußten Musengott und rechter "aristotelischer"
Seite unter der klugen Technikerin, durch vier oder fünf Gruppenkonzentrationen,
aber auch Individualisierung einzelner Gestalten zwischen diesen Gruppen
das Gesamtpanorama sinnträchtig gegliedert erscheint.
Das
Zentrum bilden die bedeutendsten, alle vorherigen und folgenden Philosophen
überragenden Klassiker – Platon
und Aristoteles: Platon, der in dieser Darstellung die Gesichtszüge
des Wissenschaftlers und Künstlers Leonardo da Vinci hat, mit der
"Liebe"-Farbe Rot über violettem Untergewand, weist in den Sphärenhimmel
hinauf, der im Timaios
beschrieben wird, den er senkrecht unter dem Arm hält; der jüngere
Platonschüler Aristoteles, Elementen-farbig in himmelblaues Tuch über
erdhaftem Braun gekleidet, weist auf den Betrachter, gemäß der
"Ethik", die er von vorne waagrecht auf seine Hüfte stützt. Beide
sind gesprächshaft einander zugewandt. Links
von Platon, erkennbar an der typischen "faunischen" Pysiognomie, dessen
in den Dialogen verewigter Lehrer Sokrates in Diskussion
mit dem Sokratesbiographen Xenophon, dem politisch-militärischen Hasardeur
Alkibiades und anderen, schwer namhaft zu machenden Schülern (und
vielleicht Vorgängern? – einige deutlich ältere Männer).
Eine
zuschreibungsfreudige Deutung, die dem Fresco eine chronologische Anordnung
der Personen von links nach rechts unterlegt, verteilt die Namen der Sophisten
und Diskussionspartner in folgender Reihung:
Unterhalb
dieser Gruppe der mathematisch-musisch-spirituelle
Wissenschaftsbegründer (bzw. Gründer einer "Schule")Pythagoras,
als wesentlicher Vorläufer Platons, dem ein Araber über die Schulter
schaut, den ich hier eher als Vertreter der "arabischen" (eigentlich indischen)
Ziffern ansehen würde denn als "Averroes" (wie oft behauptet wird),
da er eben dem Urmathematiker beigesellt ist; wäre dieser Mann Averroes,
müßte er als bedeutendster Vermittler und Kommentator des Aristoteles
eher in der Nähe der Peripatetiker (also oben rechts) angesiedelt
sein. Ob
es sich bei der rätselhaften weißen Gestalt, die den Betrachter
anschaut, tatsächlich um den Neffen des Papstes Julius II. und Herzog
von Urbino, nämlich Francesco Maria della Rovere,
handelt, muß offenbleiben. Die
gelb und rot gewandete Person rechts neben diesem lichten "Engel" könnte
Empedokles meinen, aber auch das ist unsicher. In
gleicher "Zeit"-Ebene mit Pythagoras der grüblerisch-einsame Heraklit,
den Raffael erst in die Szenerie der Philosophenschule gesetzt haben soll,
nachdem er heimlich den Jeremias des "konkurrierenden" Kollegen Michelangelo
in der Sixtinischen Kapelle betrachtet habe: Der dargestellte Philosoph
hat somit die Gesichtszüge des Architekten, Bildhauers und Dichters
Michelangelo und stützt sich schreibend auf einen Marmorblock. In
der Tat ist Pythagoras Gründer
einer großen Schule der Mathematik, Musikwissenschaft und Metaphysik,
während der "dunkle" Heraklit
mehr als Individualität von poetischer Sprachgewalt "alleinbleibt",
von der indirekten Wirkung auf die Stoa abgesehen.
Der
greise Begründer der Stoischen Schule, der gestrenge Zenon, in Gespräch
mit seinem weinbekränztem "Gegner", dem hier geradezu puttenhaft-kindlichen
Epikur, Gründer der
mehr diesseitig orientierten Epikureischen Schule, ist nicht ganz in diesen
pythagoreischen und sokratisch-platonischen Flügel eingeordnet (und
deshalb ist diese Zuschreibung auch völlig unsicher, wenn nicht gar
unwahrscheinlich); beide erscheinen mehr an den Rand gedrängt, vielleicht
als Gegenpol zu den Extremen gegenüber: Raffael
selbst, gleichsinnig-parallel mit seinem Künstlervorgänger im
Ausmalen der Stanzen, Sodoma, aber es
ist auch nicht ganz auszuschließen, daß es sich um Raffaels
Lehrer Perugino handelt (der in seiner eigenen Selbstdarstellung aber eigentlich
eine völlig andere Physiognomie hat).
So
wie Heraklit unterhalb von Platon
ist der etwas spätere Kyniker Diogenes
unterhalb von Aristoteles auf die
Stufen "drapiert", dürftig-locker gewandet, da er Bedürfnislosigkeit
pflegt: Gefragt nach seinem Herzenswunsch soll er Alexander dem Großen
geantwortet haben "Geh mir aus der Sonne"; es
gibt zahlreiche Ankdoten über das "Hunde"-Leben dieses kynischen (="hündischen")
Sadhus. Die
zugeordnete untere Gruppe wird von Euklid dominiert,
der als der etwas spätere Geometriker hier mit dem alten Pythagoras
auf gleiche Ebene gestuft ist und die Trigonometrie auf einer Tafel am
Boden demonstriert – man vergleiche Haltung, Tätigkeit und Schiefertafel
bei dem Meister auf der linken Seite gegenüber.
So wie Platon das Gesicht Leonardos trägt und Heraklit zugleich Michelangelo
und den Jeremias der Sixtinischen Kapelle wiedergibt, so zeigt sich in
Raffaels Euklid Gestalt und Gesicht des Architekten und Künstlerkollegen
Bramante. Oberhalb
der Euklidgruppe, auffällig einsam, vielleicht Plotinos,
der die platonische Ideenlehre
und das Sonnengleichnis mit der aristotelischen
Metaphysik zur Alleinheitslehre
des Neuplatonismus verbunden hat, die dann Grundlage der gesamten weiteren
philosophischen Entwicklung von der Spätantike
und ihren Kirchenvätern über die Scholastik
des Mittelalters bis hin zu den Platonikern der italienischen Renaissance,
vor allem Marsilio Ficino (1433-1499), wurde und desweiteren in den Rationalismus
des Barock und die Alleinheitsphilosophie des Deutschen
Idealismus (Schelling
und Hegel) einströmte. Paradox scheint die Handgeste dieses absonderlich-verbissen
anmutenden Philosophen: Er zeigt "in den Himmel hinab", der zugleich
in seine dunkelpurpurn gewandete Gestalt integriert ist, – nämlich
auf den blauen Himmelsglobus, den der Perser Zarathustra
(Zoroaster) in der Hand hält. Zarathustra
(wenn diese priesterlich-weiße Gestalt tatsächlich den großen
persischen Religionsgründer meint) wird wohl wegen der Nähe zu
den berühmten "chaldäischen Sterndeutern" und den sterngeleiteten
"Magiern aus dem Morgenland" (in der Weihnachtsgeschichte des Matthäus-Evangeliums)
als sternkundig angesehen, obwohl die bekannteste Beschreibung eines Himmelsglobus,
im arabischen Kulturraum als "Almagest" bekannt geworden, von Ptolemaios
stammen soll; eben dieser Astronom und Geograph hält hier aber bereits
die Erdkugel, auf der Kontinente und Meere ähnlich der ptolemäischen
Weltkarte verteilt sind, die sich dadurch auszeichnete, daß sie ein
gekrümmtes (bezogen auf die Nordhalbkugel) System der Längen-
und Breitengrade zugrundelegte, das für jeden in der Antike den Alexandrinern
bekannten Ort die entsprechenden Koordinaten lieferte. Aus diesen Koordinaten
konnte seit dem späten Mittelalter die entsprechende Nordhalbkugel-Karte
wieder rekonstruiert werden. Ptolemaios
hat hier ein königliches Gewand, weil er zu Raffaels Zeit noch mit
den hellenistischen Königen Ägyptens, die alle den Namen "Ptolemaios"
hatten, identifiziert wurde; gerade durch diesen "Leitfehler" ist diese
Personenzuschreibung sicher. Die
entsprechenden Gruppen oder Einzelpersonen können auf den nun folgenden
Ausschnitt-Bildern genauer betrachtet werden. Die Bilder und manche Angaben
darunter sind manchmal mit weiterführenden Seiten zu den Personen
oder zugehörigen Werken, Themen und Sachgebieten verbunden; ansonsten
kehrt der Betrachter mit einem Mausklick zum Gesamtbild oben zurück.
*
Ausschnitte:
Die
Sokrates-Gruppe
Alkibiades
Xenophon
Sokrates
Politiker
und Offizier
Historiker und Biograph Lehrer Platons
("sizilische Expedition")
des Sokrates und Hauptredner
in dessen Dialogen
*
Die
Pythagoras-Gruppe
Araber
mit Turban – gebeugt über
den schreibenden Pythagoras (Mathematiker und