Hans Zimmermann : 12 KÖRBE: Quellen zum Thema "Schöpfung" und zum Weltbild der Antike und des Mittelalters
– zur Einführung in die philosophische Tradition : Boethius : De hebdomadibus : "esse"
 
vier Briefe zur Einführung in die philosophische Tradition  *  philosophische links
Boethius: De institutione musica: Sphärenharmonie als musica mundana; De institutione arithmetica
De hebdomadibus: über die Teilhabe der Seienden am göttlichen "esse" (zu SEIN)
 
Boethius: "esse"  
           Der letzte zusammenfassende, alle Systeme (Platon-Aristoteles-Neuplatonismus) noch einmal konzentrierende und von der Antike an das Mittelalter überliefernde Philosoph ist Boethius. Gipfel aller Konzentration sind die gut anderthalb Seiten der kleinen Schrift "De hebdomadibus", die wir hier unten ins Netz stellen:   
           Gipfel aller sich verwirklichenden Form sei die Idee des Seins selbst, bloßes "zu SEIN" (im Infinitiv); alles Seiende (Partizip) habe teil an diesem puren "zu SEIN" (ESSE) und strebe dessen reines "zu SEIN" werdend an; "zu SEIN" ist ein ansonsten qualitätsloses reines Sichvollziehen, der "actus purus", Gott, der ist, indem er sich weiß, und sich weiß, indem er ist – aber eben nicht als ein Seindes unter anderem, sondern als das SEIN (vollendet sich zu verwirklichen, sich in Wirklichkeit zu vollenden) aller sein-wollenden, das SEIN empfangenden Wesen. Sie empfangen es, indem sie sehnsuchtsvoll am schaffend sich-mitteilenden SEIN teilhaben, es als Geschöpfe empfangen und in sich entwickelnder Angleichung an (und Aufnahme in) das SEIN auch anteilsweise "sind".  
           Alle Lebewesen, auch alle Planetenbewegungen und die Erkenntnisfortschritte der Menschen, streben dabei eines an, nämlich die pure Wirklichkeit des Allbewegenden, das selbst nicht von anderem verursacht oder bewegt wird  
    Dieser Allbewegende bewegt dabei nicht durch einzelne Aktionen (wie eine Person), sondern dadurch, daß es von allem geliebt wird, als Vollendung aller Bestrebungen nach Vollkommenheit, eben als die selbstgenügsam überströmende Ideenquelle des Vollkommenen selbst (in Platons Sonnengleichnis: "to agathon" – lateinisch "bonum"). Das zieht alles an, hinauf, in die Wirklichkeit des sich-selbst-genießenden allseienden Wesens hinein.   
           Wirklich sind alle Wesen nur dadurch, daß sie an der Wirklichkeit der selbstgenügsamen Vollendung, bloß "zu sein" (und in in diesem Sichsein zugleich sich zu "wissen"), orientiert sind, auch wenn sie wahre Vollendung und pures "zu sein" in der selbstgenügsamen Fülle des "Einen" nicht erreichen. 
de hebdomadibus 
 
quomodo substantiae in eo quod "sint" bonae sint 
Inwiefern die Wesenheiten in dem einen Punkt, daß sie "sind", vollkommen sind, 
cum non sint substantialia bona 
auch wenn sie nicht in ihrem Eigenwesen vollkommen sind 
    postulas, ut ex "hebdomadibus" nostris eius quaestionis obscuritatem 
      quae continet modum quo substantiae in eo quod "sint" bonae sint, 
        cum non sint substantialia bona, 
      diceram et paulo evidentius monstrem; 
    idque eo dicis esse faciendum, quod non sit omnibus notum iter huiusmodi scriptionum. 
    Du forderst, daß ich aus unserer "Siebenheiten"-Schrift die Dunkelheit jener Frage –   
      die darin liegt: inwiefern denn Wesenheiten in dem Punkt, daß sie "sind", vollkommen sind,   
        auch wenn sie nicht in ihrem Eigenwesen vollkommen sind, 
      – noch einmal aufgreife, und daß ich sie ein wenig einleuchtender darstelle;  
    und du sagst, das müsse deshalb geschehen, weil nicht allen der Gang solcher Schriften bekannt sei.   
     
    tuus vero testis ipse sum 
      quam haec vivaciter fueris ante complexus. 
    Ich selbst aber bin dir ein Zeuge dafür,   
      wie lebhaft du dich dieses Themas bereits früher angenommen hast. 
      
    "hebdomadas" vero ego mihi ipse commentor 
      potiusque ad memoriam meam speculata conservo 
    quam cuiquam participo quorum lascivia ac petulantia 
      nihil a ioco risuque patitur esse seiunctum. 
    Die "Siebenheiten"-Schrift überdenke ich allerdings für mich selbst   
      und verwahre das Betrachtete lieber in meinem Gedächtnis, 
    als daß ich es mit einem von denen teile, deren Ausgelassenheit und Frechheit   
      es nicht aushält, daß etwas ohne Witz und Gelächter auskommt. 
     
    prohinc tu ne sis obscuritatibus brevitatis adversus, 
      quae cum sint arcani fida custodia tum id habent commodi, 
        quod cum his solis qui digni sunt conloquuntur. 
    Von daher wende Dich bitte nicht gegen die Dunkelheiten der knappen Sprache,   
      die, indem sie treue Wächter des Geheimnisses sind, zugleich auch das Angenehme haben,   
        daß sie sich allein denen, die es würdig sind, mitteilsam machen. 
    ut igitur in mathematica fieri solet ceterisque etiam disciplinis, 
      praeposui terminos regulasque 
        quibus cuncta quae sequuntur efficiam: 
    Wie es also in der Mathematik üblich ist und in den anderen Wissenschaften,   
      habe ich die Begriffe und Grundsätze vorangestellt,   
        mit denen ich dann alles, was daraus folgt, ausführen will: 
      
    I. communis animi conceptio est enuntiatio quam quisque probat auditam. 
    1. Ein allgemeingültiger Satz im Bewußtsein ist eine Äußerung, die jeder akzeptiert, der sie hört.   
       
      harum duplex modus est. 
      Davon gibt es zwei Sorten:   
       
      nam una ita "communis" est, ut omnium sit hominum, 
        veluti si hanc proponas, 
      si duobus aequalibus aequalia auferas, quae relinquantur aequalia esse, 
        nullus id intellegens neget. 
      Denn der eine Satz ist auf die Art "gemeinsam", daß er allen Menschen gemein ist,   
        wie z.B., wenn man folgenden Satz vorlegt,  
      wenn man von zwei Gleichen ein Gleiches abzieht, daß dann der Rest ein Gleiches sei,   
        wohl keiner es abstreiten wird, der es mitdenkt. 
       
      alia vero est doctorum tantum, 
        quae tamen ex talibus communibus animi conceptionibus venit, 
      ut est: „quae incorporalia sunt, in loco non esse,“ et cetera; 
        quae non vulgus sed docti comprobant. 
      Der andere aber ist nur den Gelehrten gemeinsam,   
        obwohl er aus solchen allgemeingültigen Sätzen im Bewußtsein entstammt, 
      wie z.B. der: daß alles, was unkörperlich ist, nicht an einem Ort sein könne usw.;   
        denn diesen Satz vertreten nicht alle, sondern nur die Gelehrten. 
     
    II. diversum est "ESSE" et "id quod est";  
      ipsum enim ESSE nondum "est", 
    at vero quod est accepta ESSENDI forma  
      "est" atque consistit. 
    2. Verschieden sind "zu SEIN" und "das, was ist";    
      zu SEIN selbst "ist" nämlich noch nicht, 
    sondern erst das, was ist, indem es die Form des SEINS empfangen hat,    
      "ist" und besteht. 
     
    III. quod est participare aliquo potest,  
      sed ipsum ESSE nullo modo aliquo participat. 
    fit enim participatio cum aliquid iam "est";  
      "est" autem aliquid, cum ESSE susceperit. 
    3. Was ist, kann an etwas anderem teilhaben,    
      aber zu SEIN selbst hat keineswegs an etwas anderem teil. 
    Teilhabe geschieht nämlich erst, wenn etwas bereits "ist";    
      etwas "ist" aber dadurch, daß es zu SEIN aufgenommen hat. 
     
    IV. id quod "est" habere aliquid praeterquam quod ipsum "est" potest;  
      ipsum vero ESSE nihil aliud praeter se habet admixtum. 
    4. Das, was "ist", kann etwas über den Sachverhalt, daß es "ist", hinaus an sich haben;    
      zu SEIN selbst aber hat über sich hinaus nichts, was ihm beigemischt wäre. 
     
    V. diversum est "tantum esse aliquid" et "esse aliquid" in eo quod est; 
      illic enim accidens hic substantia significatur. 
    5. Verschieden sind "nur etwas Bestimmtes zu sein" und "überhaupt Etwas zu sein" bei dem, was ist;   
      dort wird nämlich ein zufälliges Merkmal, hier die Wesenheit bestimmt. 
     
    VI. omne quod "est" participat eo quod est "ESSE", ut "sit"; 
      alio vero participat ut aliquid sit. 
    ac per hoc id quod "est" participat eo quod est "ESSE" ut "sit"; 
      "est" vero ut participet alio quolibet. 
    6. Alles, was "ist", hat teil an dem, was "zu SEIN" ist, eben um zu "sein";   
      an anderem hat es aber teil, um Etwas zu sein. 
    Und dadurch hat das, was "ist", teil an dem, was "zu SEIN" ist, eben um zu "sein";   
      es "ist" aber, um an einem beliebigen Anderen teilhaben zu können. 
     
    VII. omne simplex ESSE suum et id quod "est" unum habet. 
    7. Alles Einfache hat sein SEIN und das, was "ist", als eines.   
     
    VIII. omni composito aliud est ESSE, aliud ipsum est. 
    8. Bei allem Zusammengesetzten dagegen ist zu SEIN etwas anderes, als es selbst ist.   
     
    IX. omnis diversitas discors, similitudo vero appetenda est; 
      et quod appetit aliud, 
        tale ipsum esse naturaliter ostenditur 
          quale est illud hoc ipsum quod appetit. 
    9. Alle Verschiedenheit führt in Entzweiung hinab, Gleichheit aber ist Ziel der Entwicklung;   
      und was sich zu einem anderen entwickeln will,   
        erweist auf dem Naturwege, daß es selbst so beschaffen sei,   
          wie jenes, zu dem es sich entwickeln will, schon an sich selbst beschaffen ist. 
    sufficiunt igitur quae praemisimus; 
      a prudente vero rationis interprete 
        suis unumquodque aptabitur argumentis. 
    Es genügt also das, was wir hier vorausgeschickt haben;   
      aber ein kluger Ausdeuter der begrifflichen Struktur   
        wird jeden Grundsatz seinen Argumenten passend eingliedern. 
     
    quaestio vero huiusmodi est: 
    Die Untersuchung verläuft nun wie folgt:   
     
    ea quae "sunt" bona sunt
      tenet enim communis sententia doctorum 
    omne quod est ad bonum tendere,  
      omne autem tendit ad simile. 
    Alles, was "ist", ist vollkommen  
      die allgemein geltende Auffassung der Gelehrten hält nämlich fest, 
    daß alles, was "sei", sich zum Vollkommenen entwickeln wolle,    
      alles aber will sich zu einem Gleichartigen entwickeln. 
     
    quae igitur ad bonum tendunt  
      bona ipsa sunt. 
    Was sich also zum Vollkommenen entwickeln will,    
      ist selbst schon ein Vollkommenes. 
    sed quemadmodum bona sint, inquirendum est: 
      utrumne participatione an substantia? 
    Aber inwiefern es nun schon ein Vollkommenes ist, muß erst untersucht werden:   
      ob durch Teilhabe oder durch sein eigenes Wesen? 
     
    si participatione, per se ipsa nullo modo bona sunt; 
      nam quod participatione "album" est, 
        per se in eo quod ipsum est "album" non est. 
    Wenn durch Teilhabe, ist es keineswegs an sich selbst schon vollkommen;   
      denn was durch Teilhabe "weiß" ist,   
        ist nicht an sich selbst, in dem, was es selbst ist, schon "weiß".  
     
    et de ceteris qualitatibus eodem modo. 
    Und von anderen Eigenschaften gilt das Gleiche.   
     
    si igitur participatione sunt bona, 
      ipsa per se nullo modo bona sunt: 
        non igitur ad bonum tendunt. 
    Wenn es also durch Teilhabe vollkommen ist,   
      ist es keineswegs an sich selbst schon vollkommen:   
        Also will es sich nicht zu einem Vollkommenen entwickeln. 
     
    sed concessum est. 
    Aber eben dies ist doch bereits zugestanden worden!  
     
    non igitur participatione sunt bona sed substantia. 
    Folglich ist es nicht durch Teilhabe, sondern durch sein eigenes Wesen vollkommen.   
     
    quorum vero substantia bona est, id quod "sunt" bona sunt; 
      id quod "sunt" autem habent ex eo quod est "ESSE". 
    Alles aber, dessen Wesen vollkommen ist, ist schon darin, daß es "ist", vollkommen;   
      die Tatsache, daß es "ist", hat es aber von dem, was "zu SEIN" ist. 
     
    ESSE igitur ipsorum bonum est; 
      omnium igitur rerum "ipsum ESSE" bonum est. 
    Zu SEIN ist bei all dem bereits das Vollkommene;   
      folglich ist bei allen Dingen "zu SEIN selbst" das Vollkommene. 
     
    sed si "ESSE" bonum est, 
      ea quae "sunt" in eo quod "sunt" bona sunt 
        idemque illis est "ESSE" quod "boni esse"; 
    substantialia igitur bona sunt, 
      quoniam non participant bonitatem. 
    Aber wenn "zu SEIN" das Vollkommene ist,   
      ist alles, was "ist", schon darin, daß es "ist", vollkommen,   
        und "zu SEIN" bedeutet für es dasselbe wie "vollkommen zu sein"; 
    die Wesen sind folglich vollkommen,   
      da sie ja an Vollkommenheit nicht bloß teilhaben. 
     
    quod si ipsum "ESSE" in eis bonum est, 
      non est dubium quin substantialia cum sint bona, 
    primo sint bono similia 
      ac per hoc hoc ipsum bonum erunt; 
        nihil enim illi praeter se ipsum simile est. 
    Wenn nun aber "zu SEIN" selbst in ihnen schon das Vollkommene ist,   
      folgt zweifellos, daß auch die Wesenheiten, da sie vollkommen seien, 
    dem höchsten Vollkommenen gleichartig seien   
      und eben dadurch dieses Vollkommene selbst sein werden;  
        nichts ist nämlich jenem gleichartig, – es sei denn es selbst.  
     
    ex quo fit ut omnia quae "sunt" deus sint, 
      quod dictu nefas est. 
    Daraus geht hervor, daß alles, was "ist", Gott ist, –   
      das so zu formulieren ist aber unstatthaft. 
     
    non sunt igitur substantialia bona 
      ac per hoc non in his est ESSE bonum; 
        non sunt igitur in eo quod "sunt" bona? 
    Folglich sind nicht die Wesen schon vollkommen   
      und dadurch ist auch "zu SEIN" bei ihnen noch nicht das Vollkommene;  
        sie sind also noch nicht dadurch, daß sie "sind", schon vollkommen?  
     
    sed nec participant bonitatem; 
      nullo enim modo ad bonum tenderent? 
    Und sie haben aber auch nicht einmal an der Vollkommenheit teil;   
      sie wollen sich nämlich keineswegs zum Vollkommenen entwickeln? 
     
    nullo modo igitur sunt bona? 
    Folglich sind sie keineswegs vollkommen? 
    huic quaestioni talis poterit adhiberi solutio. 
    Als Lösung für diese Problematik mag folgende Argumentation dienen:   
     
    multa sunt quae cum separari actu non possunt, 
      animo tamen et cogitatione separantur; 
    ut cum triangulum vel cetera a subiecta materia nullus actu separat, 
      mente tamen segregans 
        ipsum triangulum proprietatemque eius 
          praeter materiam speculatur. 
    Es gibt vieles, das, obwohl es in Wirklichkeit nicht getrennt werden kann,   
      im Bewußtsein und Denken dennoch getrennt wird; 
    wie z.B.: obwohl keiner ein Dreieck oder Ähnliches von der unterlegten Materie wirklich abtrennt,   
      er dennoch, indem er es geistig absondert,   
        das Dreieck selbst und seine Eigengesetzlichkeiten   
          unabhängig von der Materie anschaut. 
      
    amoveamus igitur primi boni praesentiam paulisper ex animo, 
      quod esse quidem constat 
        idque ex omnium doctorum indoctorumque sententia 
          barbararumque gentium religionibus cognosci potest. 
    Wir wollen also das Dasein eines höchsten Vollkommenen vorübergehend wegdenken,   
      obwohl natürlich feststeht, daß es existiert,   
        und dies an der Übereinstimmung aller Gelehrten wie Ungelehrten   
          und sogar noch an den Religionsübungen der Sachsen abgelesen werden kann. 
     
    hoc igitur paulisper amoto ponamus 
      omnia esse quae sunt bona 
    atque ea consideremus quemadmodum bona esse possent, 
      si a primo bono minime defluxissent. 
    Indem dies also vorübergehend weggedacht wird, wollen wir annehmen:   
      daß alles, was vollkommen sei, existiere, 
    und wollen dann überlegen: auf welche Weise denn nun Vollkommenes existieren könne,   
      wenn es überhaupt nicht von einem höchsten Vollkommenen abgeleitet werden könne. 
     
    hinc intueor 
      aliud in eis esse quod "bona sunt", 
        aliud quod "sunt". 
    Daran erkenne ich,   
      daß es bei ihm etwas anderes ist, "vollkommen zu sein",   
        als: "zu sein". 
     
    ponatur enim una eademque substantia bona esse "alba", "gravis", "rotunda"; 
      tunc aliud esset ipsa illa substantia, 
        aliud eius rotunditas, aliud color, aliud bonitas; 
    nam si haec singula idem essent quod ipsa substantia, 
      idem esset gravitas quod color, 
        color quod bonum et bonum quod gravitas – 
          quod fieri natura non sinit. 
    Denn angenommen: ein und dasselbe vollkommene Wesen wäre "weiß", "schwer" und "rund";   
      dann wäre eben jenes Wesen selbst,   
        seine Rundheit, Farbe und Vollkommenheit nicht dasselbe; 
    denn wenn diese einzelnen Eigenschaften mit dem Wesen selbst identisch wären,   
      dann wären seine Schwerheit und Farbe identisch,   
        Farbe wäre mit dem Vollkommenen und das Vollkommene mit Schwere identisch –   
          aber die Natur läßt nicht zu, daß so etwas wirklich wird. 
     
    aliud igitur tunc in eis esset "ESSE", aliud "aliquid esse", 
      ac tunc bona quidem essent, 
        "ESSE" tamen ipsum minime haberent bonum. 
    Es wäre dann also nicht dasselbe für die Dinge, "zu SEIN", und "etwas Bestimmtes zu sein",   
      und so wären sie dann in gewisser Weise vollkommen,   
        hätten aber keineswegs "zu SEIN" als Vollkommenes. 
     
    igitur si ullo modo "essent", 
      non a bono ac bona essent 
    ac non idem essent quod bona, 
      sed eis aliud esset "ESSE" aliud "bonis esse". 
    Wenn sie also auf irgendeine Weise "wären",   
      wären sie nicht auch zugleich vom Vollkommenen her vollkommen 
    und wären nicht mit dem, was vollkommen ist, identisch,   
      sondern das unterschiede sich bei ihnen: "zu SEIN" und "zum Vollkommenen zu gehören". 
     
    quod si nihil omnino aliud essent nisi "bona" 
      neque "gravia" neque "colorata" neque "spatii dimensione distenta" 
        nec ulla in eis qualitas esset, 
          nisi tantum "bona" essent, 
    tunc non res sed rerum viderentur esse principium 
      nec potius "viderENTUR", sed "viderETUR"; 
    UNUM enim solumque est huiusmodi, 
      quod tantum "bonum" aliudque nihil sit. 
    Denn wenn sie überhaupt nichts anderes wären als etwas "Vollkommenes" –  
      weder "Schweres" noch "Gefärbtes" noch "räumlich Ausgedehntes",   
        und wenn sie überhaupt keine weitere Eigenschaft an sich hätten,   
          als bloß diese: "vollkommen" zu sein, 
    dann wären sie nicht Dinge, sondern schienen eher das Prinzip der Dinge zu sein –   
      d.h. nicht "SIE schienen", sonders "ES schiene"; 
    das EINE allein ist nämlich derart,   
      daß es bloß "vollkommen" ist und nichts darüber hinaus ist. 
     
    quae quoniam non sunt simplicia, 
      nec "esse" omnino poterant, 
    nisi ea id quod solum bonum est 
      esse voluisset. 
    Da diese Dinge nun nicht einfach sind,   
      könnten sie auch nicht einmal "sein", 
    wenn nicht das, was als Einziges vollkommen ist,   
      gewollt hätte, daß sie seien. 
     
    idcirco quoniam ESSE eorum a boni voluntate defluxit, 
      bona esse dicuntur. 
    Und nur deshalb, weil ihr SEIN aus dem Willen des Vollkommenen hervorgeströmt ist,   
      gelten sie als "vollkommen". 
      
    primum enim bonum, 
      quoniam "est", 
        in eo quod est bonum est; 
    secundum vero bonum, 
      quoniam ex eo fluxit cuius "ipsum ESSE" bonum est, 
        ipsum quoque bonum est. 
    Das höchste Vollkommene nämlich ist,   
      einfach weil es "ist",   
        in dem, was da ist, vollkommen; 
    ein zweites Vollkommenes aber ist,   
      da es ja aus dem hervorgeströmt ist, bei dem "zu SEIN selbst" das Vollkommene ist,   
        auch selbst vollkommen. 
      
    sed "ipsum ESSE" omnium rerum ex eo fluxit 
      quod est primum bonum et quod bonum tale est 
        ut recte dicatur 
          in eo quod "est" esse bonum. 
    Aber "zu SEIN selbst" ist bei allen Dingen aus dem hervorgeströmt,   
      was das höchste Vollkommene ist und was derartig vollkommen ist, 
        daß zu Recht gesagt wird:   
          indem etwas nur "sei", sei es schon vollkommen. 
      
    ipsum igitur eorum "ESSE" bonum est; 
      tunc enim in eo. 
    Folglich ist in ihnen "zu SEIN" selbst das Vollkommene;   
      denn das ist auch in ihm selbst nicht anders. 
     
    qua in re soluta quaestio est. 
    Damit ist das Problem gelöst. 
    idcirco enim licet in eo quod "sint" bona sint, 
      non sunt tamen similia primo bono, 
    quoniam non quoquo modo sint res 
      ipsum ESSE earum bonum est, 
    sed quoniam non potest esse ipsum ESSE rerum, 
      nisi a primo ESSE defluxerit, id est bono; 
    idcirco ipsum ESSE bonum est 
      nec est simile ei a quo est. 
    Mag deshalb gelten: daß die Dinge in dem Punkt, daß sie "sind", vollkommen sind,   
      so sind sie dennoch dem höchsten Vollkommenen nicht gleichartig, 
    da ja nicht aufgrund all der Erscheinungsweisen der Dinge   
      ihr SEIN selbst schon vollkommen ist, 
    sondern da ja nicht einmal das SEIN selbst der Dinge dasein könnte,   
      wenn es nicht vom höchsten SEIN ausgeströmt wäre, d.h. vom Vollkommenen; 
    deshalb ist ihr SEIN selbst vollkommen   
      und ist doch dem, von dem es herkommt, nicht gleichartig. 
     
    illud enim quoquo modo sit bonum est in eo quod "est"; 
      non enim aliud est praeterquam "bonum". 
    Jenes nämlich ist – auf welche Weise es auch sein mag – vollkommen darin, daß es "ist".   
      denn es ist nichts außerdem – nur eben dies: "vollkommen". 
      
    hoc autem nisi ab illo esset, bonum fortasse esse posset, 
      sed bonum in eo quod "est" esse non posset. 
    Wenn dieses aber nicht von jenem her wäre, könnte es zwar vielleicht vollkommen sein,   
      aber es könnte nicht in dem Punkt vollkommen sein, daß es "ist". 
     
    tunc enim participaret forsitan bono; 
      ipsum vero "ESSE" quod non haberent a bono, 
        bonum habere non possent. 
    Denn dann hätte es unter Umständen Anteil am Vollkommenen;   
      aber "zu SEIN" selbst könnten diejenigen, die es nicht vom Vollkommenen empfingen,   
        auch nicht als Vollkommenes haben. 
     
    igitur sublato ab his bono primo mente et cogitatione, 
      ista licet essent bona, 
        tamen in eo quod essent bona esse non possent; 
    et quoniam actu non potuere exsistere, 
      nisi illud ea quod vere bonum est produxisset, 
    idcirco et ESSE eorum bonum est 
      et non est simile substantiali bono 
        id quod ab eo fluxit. 
    Wenn also das höchste Vollkommene von diesen abgezogen und weggedacht wird,   
      mag zwar gelten, daß sie noch vollkommen seien,   
        sie könnten dennoch in dem Punkt, daß sie "sind", nicht vollkommen sein; 
    und weil sie in Wirklichkeit nicht existieren könnten,   
      wenn jenes eine wahrhaft Vollkommene sie nicht hervorgebracht hätte, 
    deshalb ist zum einen ihr SEIN vollkommen   
      zum andern ist dem wesenhaft Vollkommenen   
        das, was von ihm ausgeströmt ist, nicht gleichartig. 
      
    et nisi ab eo fluxissent, licet essent bona, 
      tamen in eo quod "sunt" bona esse non possent, 
    quoniam et praeter bonum et non ex bono essent, 
      cum illud ipsum bonum primum et "ipsum ESSE" sit 
        et "ipsum bonum" et "ipsum esse bonum". 
    und wenn es nicht von ihm ausgeströmt wäre, könnte es zwar als vollkommen gelten,   
      könnte aber dennoch nicht in eben dem Punkt, daß es "ist", vollkommen sein, 
    da es ja auch außerhalb des Vollkommenen und nicht aus dem Vollkommenen hervorgegangen wäre,   
      obwohl jenes selbst doch das höchste Vollkommene und "zu SEIN selbst" ist   
        und "das Vollkommene selbst" und "das Vollkommene selbst zu SEIN". 
      
    at non etiam alba in eo quod sunt alba 
      ESSE oportebit ea quae alba "sunt", 
    quoniam ex voluntate dei fluxerunt ut essent alba? 
      – minime. 
    Aber müßte nicht das Weiße in dem Punkt, daß es weiß ist,   
      auch das noch SEIN, was das Weiße "ist", 
    da es ja aus dem Willen Gottes hervorgeströmt ist, daß es weiß ist?   
      – Keineswegs. 
     
    aliud est enim "ESSE", aliud "albis esse"; 
      hoc ideo, quoniam qui ea ut "essent" effecit 
    bonus quidem est, 
      minime vero "albus"... 
    "Zu SEIN" ist nämlich etwas anderes als "zum Weißen zu gehören";   
      und zwar deshalb, weil ja derjenige, der bewirkt hat, daß sie "seien", 
    zwar ganz gewiß vollkommen ist,   
      keinesfalls aber "weiß"... 
     
    voluntatem igitur boni comitatum est 
      ut essent bona in eo quod "sunt"; 
    voluntatem vero non albi non est comitata 
      talis eius quod "est" proprietas 
        ut esset album in eo quod est; 
    neque enim ex albi voluntate defluxerunt. 
    Mit dem Willen des Vollkommenen geht also einher,   
      daß es vollkommen ist in dem Punkt, daß es "ist"; 
    mit dem Willen des Nicht-Weißen geht aber nicht   
      eine solche Eigentümlichkeit dessen, das da "ist", einher,   
        daß es in dem Punkt, daß es "ist", weiß sein soll; 
    denn es ist ja auch nicht aus einem Weißheits-Willen hervorgeströmt.   
     
    itaque quia voluit ESSE ea alba qui erat non albus, 
      "sunt" alba tantum; 
    quia vero voluit ea ESSE bona qui erat bonus, 
      sunt bona in eo quod "sunt". 
    Deshalb, weil der, der nicht weiß war, wollte, daß dieses Weiße SEI,   
      "ist" dieses Weiße; 
    weil aber der, der vollkommen war, wollte, daß dieses Vollkommene SEI,   
      ist es vollkommen in dem Punkt, daß es "ist". 
     
    secundum hanc igitur rationem cuncta oportet esse iusta, 
      quoniam ipse iustus est qui ea ESSE voluit? 
        ne hoc quidem! 
    Müßte denn mit der gleichen Logik alles gerecht sein,   
      weil ja er selbst gerecht ist, der wollte, daß es SEI?   
        Nicht einmal das! 
     
    nam bonum esse essentiam, 
      iustum vero esse actum respicit. 
    Denn es ist zu bedenken, daß das Vollkommene eine Seinsheit,   
      das Gerechte aber ein Vollzug ist. 
     
    idem autem est in eo ESSE quod agere; 
      idem igitur "bonum esse" quod "iustum". 
    Allerdings sind bei ihm zu SEIN und zu Vollziehen identisch;   
      folglich ist das "vollkommen zu sein" mit dem "Gerechtsein" identisch. 
     
    nobis vero non est idem "ESSE" quod "agere"; 
      non enim simplices sumus. 
    Bei uns dagegen sind "zu SEIN" und "zu vollziehen" nicht identisch;   
      denn wir sind nicht einfach. 
     
    non est igitur nobis idem bonis ESSE quod iustis, 
      sed idem nobis est ESSE omnibus in eo quod "sumus". 
    Zu SEIN ist deshalb für uns als Vollkommene nicht dasselbe wie für uns als Gerechte,   
      sondern in dem Punkt, daß wir "sind", ist für uns alle "zu SEIN" ein und dasselbe. 
     
    bona igitur omnia sunt, non etiam iusta. 
    Folglich ist alles vollkommen, aber nicht zugleich schon gerecht.   
     
    amplius "bonum" quidem generale est, 
      iustum vero speciale; 
        nec species descendit in omnia. 
    Desweiteren ist "das Vollkommene" ein Allgemeinbegriff,   
      "das Gerechte" dagegen eine Besonderung;   
        solch eine Besonderung läßt sich aber nicht begrifflich auf alles beziehen. 
     
    idcirco alia quidem "iusta" – alia "aliud" 
      omnia – "bona". 
    Darum ist "gerecht" das eine – und "anders" das andere,   
      aber "vollkommen" – ist alles. 
 
maurische Architektur in Andalusien : Moschee in Cordoba : Alhambra in Granada
 
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Kuppel im Saal der zwei Schwestern * Fayencen-Mosaikenwände
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insbesondere zu Proklos Diadochos (Neuplatonismus):
 
Rgveda X,129: nâsad âsin no sad âsît 10,129
Rgveda  I, 164,46, das ekam (das "Eine") im großen Rätsellied
 
Bhâgavad-Gîtâ
Yoga-Sûtras
 
Paul Deussen: Sechzig Upanishads des Veda
Paul Deussen: Vier philosophische Texte des Mahâbhârata:
Bhrgu-Bharadvâja-samvâda * Manu-Brhaspati-samvâda * Shukânuprashna
 
Shukânuprashna (Sanskrit / dt.übers. und komm. H. Zimmermann)
Schöpfungs-Erzählung in der Manusmrti, Kapitel 1 (Sanskrit / dt. Hans Zimmermann 2024)
 
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