Biographie
1. Nach der Darlegung der ionischen Philosophie, wie sie mit Thales
beginnt,
und der Philosophen, die in ihr von Bedeutung waren,
wollen wir nun unsere Aufmerksamkeit der italischen Philosophie zuwenden.
Sie begann laut Hermippos mit Pythagoras, dem Sohn des Goldschmieds
Mnesarchos,
der auf Samos oder, gemäß Aristoxenos, auf einer der tyrrhenischen
Inseln lebte,
die die Athener nach Vertreibung der Tyrrhenier in Besitz genommen
hatten.
Einige nennen ihn einen Sohn des Marmakos, eines Sohnes des Hippasos,
Enkels des Euthyphron und Urenkels des Kleonymos, eines Flüchtlings
aus Phleius.
Marmakos soll seinen Wohnsitz in Samos gehabt haben;
daher die Bezeichnung des Pythagoras als eines Samiers.
2. Von da soll er nach Lesbos gezogen sein
und dort durch Vermittlung seines Onkels Zilos mit Pherekydes bekannt
gemacht worden sein.
Er schmiedete drei silberne Pokale
und nahm sie nach Ägypten mit sich, um sie dort drei Priestern
zu schenken.
Er soll einen älteren Bruder namens Eunomos und einen mittleren
namens Tyrrhenos gehabt haben,
und auch einen Sklaven namens Zamolxis,
dem die Geten Opfer darbringen, da sie ihn für Kronos halten,
das behauptet jedenfalls Herodot.
Er war, wie gesagt, Schüler des Pherekydes aus Syros;
nach dessen Tod kehrte er nach Samos zurück
und wurde dort Schüler des schon steinalten Hermodamas, des Kreophylos-Enkels.
Jung und lernbegierig, wie er war, machte er sich dann auf den Weg
in die Fremde
und ließ sich in alle griechischen und orientalischen Mysterien
einweihen.
3. So kam er nach Ägypten zur Zeit des Polykrates,
der ihn dann durch einen Brief dem Amasis weiterempfahl.
Er erlernte die ägyptische Sprache,
wie Antiphon in seinem Buch über die hervorragendsten Geistesgrößen
mitteilt,
weilte auch bei den Chaldäern und bei den zoroastrischen Priestern.
Dann besuchte er in Kreta zusammen mit Epimenides die Ida-Grotte,
erhielt in Ägypten sogar Zutritt zu den heiligsten Stätten
und studierte deren Geheimlehren über die Götter.
Darauf kehrte er weder nach Samos zurück.
Da er aber seine Heimat der Tyrannenherrschaft des Polykrates unterworfen
fand,
wandte er sich nach Kroton in Italien.
Den kolonisierenden Griechen dort gab er eine Gesetzesverfassung
und erwarb sich mit seinen etwa dreihundert Schülern großen
Ruhm,
die das Gemeinwesen aufs beste verwalteten,
so daß der Staat geradezu eine wirkliche "Herrschaft der Besten"
(Aristokratie) war.
4. touton phêsin Hêrakleidês
ho Pontikos peri autou tade legein
hôs eiê pote gegonôs Aithalidês
kai Hêrmou huios nomistheiê
Herakleides Pontikos sagt, er habe folgendes von sich behauptet:
Er sei einst als Aithalides geboren worden
und für ein Sohn des Hermes gehalten worden;
ton de Hermên eipein autôi
helesthai ho ti an boulêtai
Hermes aber habe ihm gesagt, er dürfe sich auswählen, was immer
er wünsche,
ausgenommen die Unsterblichkeit.
aitêsasthai oun
zônta kai teleutônta mnêmên
echein tôn sumbainontôn
en men oun têi zôêi
pantôn diamnêmoneusai
epei de apothanoi têrêsai tên
autên mnêmên
So habe er sich denn die Gabe erbeten,
sowohl im Leben als auch im Tode die Erinnerung seiner Erlebnisse zu
behalten.
Während des Lebens also habe er sich an alles erinnern können,
aber auch als er dann gestorben sei, habe er ebendiese Erinnerungen
behalten können.
chronon d' husteron eis Euphorbon elthein
kai hupo Meneleô trôthênai
ho d' Euphorbos elegen hôs Aithalidês
pote gegonoi
kai hoti par' Hermou to dôron laboi
Einige Zeit später sei er in den Euphorbos geschlüpft und von
Menelaos verwundet worden.
Euphorbos aber erzählte, er sei einst Aithalides gewesen,
und daß auch er ebendieses Geschenk von Hermes erhalten habe,
kai tên tês psuchês peripolêsin
hôs periepolêthê
kai eis hosa phuta kai zôia
paregeneto
kai hosa hê psuchê en tôi
Haidêi epathe
kai hai loipai tina hupomenousin
und er erzählte vom Herumwandern seiner Seele, wie sie herumgewandert
sei
und in welche Pflanzen und Tiere sie hineingeschlüpft sei,
und all das, was seine Seele im Hades erfahren habe,
und auch, was die anderen Seelen dort zu erwarten hätten.
5. epeidê de Euphorbos apothanoi metabênai
tên psuchên autou eis Hermotimon
hos kai autos pistin thelôn dounai epanêlthen
eis Branchidas
kai eiselthôn eis to tou Apollônos
hieron
epedeixen hên Menelaos anethêken
apsida
Nach dem Tode des Euphorbos aber sei seine Seele übergegangen in den
Hermotimos,
der seinerseits, weil er sich beweisen wollte, sich nach Branchidai
fuhr,
und sobald er dort den Apollontempel betreten hatte,
auf den Schild hinwies, den Menelaos da aufgehängt hatte.
ephê gar auton hot' apeplei ek Troias
anatheinai tôi Apollôni
tên aspida diasesêpuian êdê
monon de diamenein to elephantinon prosôpon
Menelaos habe nämlich, so sagte er, als er mit seinem Schiff von Troja
abfuhr,
dem Apollon den Schild geweiht, der allerdings stark verschlissen gewesen
sei:
nur noch das elfenbeinerne Antlitz sei erhalten gewesen.
epeidê d' Hermotimos apethane
genesthai Purrhon ton Dêlion haliea
kai panta palin mnêmoneuein
pôs prosthen Aithalidês eit' Euphorbos
eita Hermotimos
Als nun Hermotimos starb,
sei er dann als ein delischer Fischer namens Pyrrhos geboren worden,
und habe sich wiederum an alles erinnert,
wie er zuerst Aithalides, dann Euphorbos, dann Hermotimos
und schließlich Pyrrhos geworden sei.
epeidê de Purrhos apethane genesthai
Puthagoran
kai pantôn tôn eirêmenôn
memnêsthai
Als nun Pyrrhos starb, sei er als Pythagoras geboren worden
und habe sich an alles hier Gesagte dann wieder erinnern können.
6. Manche behaupten, Pythagoras habe keine einzige Schrift hinterlassen;
doch irren sie sich.
Denn Heraklit der Naturphilosoph sagt in aller Deutlichkeit:
Puthagorês,
Mnêsarchou historiên êskêsen anthrôpôn
malista pantôn;
kai eklexamenos
tautas tas sungraphas
epoiêsato
heautou sophiên, polumathiên, kakotechniên.
"Pythagoras,
des Mnesarches Sohn, hat am meisten von allen Menschen Forschung getrieben;
Diese Äußerung tat er, weil Pythagoras zu Beginn seiner
Schrift über die Natur sich folgendermaßen äußert:
"Nein, bei der Luft, die ich atme, nein, bei dem Wasser, das ich trinke:
niemals werde ich mir Tadel gefallen lassen über diese Abhandlung."
Pythagoras hat drei Schriften verfaßt:
"Über die Erziehung", "Über die Politik" und "Über die
Naturlehre".
7. Was aber unter dem Namen des Pythagoras in Umlauf ist,
stammt eher von dem Tarentinischen Pythagoreer Lysis,
der nach Theben in die Verbannung ging und dort Lehrer des Epaminondas
wurde.
Es behauptet aber Herakleides, der Sohn des Sarapion, in dem Auszug
aus Sotion,
er habe auch ein hexametrisches Lehrgedicht "Über das Weltall"
geschrieben
und ein zweites, die "Heilige Rede", deren Anfang lautet:
"Jünglinge, haltet mit heiligem Schweigen dies alles in Ehren";
ein drittes über die Seele, ein viertes über Frömmigkeit,
ein fünftes schrieb aber Helothales, des Koers Epicharm Vater,
ein sechstes Kroton und noch andere mehr.
Die "Mystische Rede", sagt man, sei von Hippasos
zur Verunglimpfung des Pythagoras geschrieben worden;
ebenso seien viele von dem Krotonier Aston verfaßte Schriften
dem Pythagoras unterstellt worden.
8. Es sagt aber auch Aristoxenos, das meiste von seinen ethischen Lehren
habe Pythagoras von einer delphischen Priesterin namens Themistokleia
empfangen.
Und Ion von Chios sagt in den Triagmata,
er habe einiges in seinen Dichtungen als Verse des Orpheus ausgegeben.
Man legt ihm auch die Skopiaden bei, deren Anfang lautet:
"Verhalte dich niemandem gegenüber schamlos."
Sôsikratês d' en Diadochais phêsin
auton erôthenta hupo Leontos tou Phliasiôn
turannou tis eiê
Sôsikratês sagt in seinen "Philosophennachfolgern",
er habe auf die Frage des Leon, des Tyrannen von Phlius, was er denn
sei,
"ein Philosoph" geantwortet.
kai ton bion eoikenai panêgurei
hôs oun eis tautên hoi men agônioumenoi
hoi de kat' emporian hoi de ge beltistoi erchontai
theatai
Das Leben sei einem Wettbewerb ähnlich;
wie nämlich zu einer solchen die einen sich als Kämpfer,
die andern als Händler, die Besten aber als Zuschauer kämen,
houtôs en tôi biôi
hoi men andrapodôdeis ephê phuontai
doxês kai pleonexias thêratai
hoi de philosophoi tês alêtheias
so auch im Leben:
die einen, sagte er, seien Sklavenseelen, sie wüchsen auf als
Jäger nach Ruhm und Gewinn,
die Philosophen aber als Jäger nach Wahrheit.
Soweit dieses Thema.
Lehre
9. Was aber die drei obengenannten mutmaßlichen Schriften des
Pythagoras anlangt,
so enthalten sie im allgemeinen folgende Lehre:
Der Mensch soll nicht die Erfüllung von Wünschen durch die
Götter erflehen,
da niemand weiß, was ihm wirklich nottut.
Von der Trunkenheit stellt er fest,
wenn man alle Folgen richtig gegeneinander aufrechne, daß sie
schädlich sei,
und verurteilt jede Völlerei mit der Weisung, niemand dürfe das
rechte Maß überschreiten,
weder beim Trinken noch beim Essen.
Und was die Liebeslust betrifft, so äußert er sich darüber
folgendermaßen:
"Der Liebeslust mag man sich im Winter hingeben, aber nicht im Sommer;
im Herbst und Frühling sind sie weniger schädlich;
schädlich sind sie aber eigentlich zu jeder Jahreszeit
und der Gesundheit nicht zuträglich."
Und ein andermal erwiderte er auf die Frage, wann man dem Liebesdrang folgen
dürfe:
"Dann, wenn du deine Kraft schwächen willst."
10. Das menschliche Leben teilte er in folgende Phasen:
zwanzig Jahre Kindheit, zwanzig Jahre junges Erwachsensein,
zwanzig Jahre reifes Erwachsensein, zwanzig Jahre Greisenalter.
Es entsprechen aber diese Lebensalter den Jahreszeiten wie folgt:
das Kind dem Frühling, der junge Erwachsene dem Sommer,
der reife Erwachsene dem Herbst, der Greis dem Winter;
dabei ist ihm der junge Erwachsene das gleiche wie der Mannbare,
der reife Erwachsene das gleiche wie der Mann in seiner Vollkraft.
eipe deprôtos hôs phêsi
Timaios
koina ta philôn einai kai philian isotêta
kai autou hoi mathêtai katetithento
tas ousias eis hen poioumenoi
Wie Timaios sagt, war er der erste, der sagte,
daß den Freunden alles gemeinsam und daß Freundschaft Gleichheit
sei.
So legten seine Schüler ihr Vermögen zu gemeinsamem Besitz
zusammen.
pentaetian th' hêsuchazon
monon tôn logôn katakouontes
kai oudepô Puthagoran horôntes eis
ho dokimastheien
tounteuthen d' eginonto tês oikias autou
kai tês opseôs meteichon
Fünf Jahre lang mußten sie schweigen
und ausschließlich als Hörer den Lehrvorträgen folgen
und ohne noch den Pythagoras zu Gesicht zu bekommen, bis sie sich hinreichend
bewährt hätten;
von da ab gehörten sie zu seinem Hause und durften ihn sehen.
Särge aus Zypressenholz waren ihnen untersagt,
weil das Zepter des Zeus aus solchem Holze gefertigt wäre,
wie Hermippos im zweiten Buche über Pythagoras sagt.
11. In seiner Erscheinung soll er etwas ungemein Ehrfurchtgebietendes
gehabt haben,
und seine Schüler hielten ihn für den von den Hyperboreern
hergekommenen Apollon.
Als er sich einst an der Seite entblößt hatte,
soll man seinen Schenkel als golden erkannt haben;
auch ging vielfach das Gerücht um,
beim Durchschreiten des Flusses Nessos habe dieser ihn angeredet.
Timaios legt ihm im zehnten Buch seiner Geschichte die Äußerung
bei,
die den Männern beiwohnenden Weiber würden mit himmlischen
Namen benannt,
sie hießen Feen und Nymphen,
ansonsten würden sie Mütter genannt.
Geometrie
Er soll auch die Geometrie zu ihrem Höhepunkt geführt haben,
nachdem zuerst Moiris die elementaren Grundlagen für sie aufgefunden
habe,
wie Antikleides im zweiten Buch über Alexander sagt.
12. Vor allem aber habe sich Pythagoras mit der Arithmetik beschäftigt
und habe das Monochord erfunden.
Aber auch die ärztliche Kunst vernachlässigte er nicht.
Der Mathematiker Apollodor berichtet,
er habe eine Hekatombe geopfert nach Entdeckung des Satzes,
daß das Quadrat der Hypotenuse im rechtwinkligen Dreieck
der Summe der beiden Katheten-Quadrate gleich sei.
Darauf gibt es auch folgendes Epigramm:
"Als Pythagoras einst sein berühmtes Dreick gefunden,
Brachte als Opfer er dar herrliche Stiere dem Gott."
Auch sagt man, er habe als Erster den Athleten Fleischnahrung zugeführt,
und zwar zuerst dem Eurymenes,
wie Favorin im dritten Buch seiner Denkwürdigkeiten berichtet,
während sie früher sich zu ihrer Kräftigung
mit getrockneten Feigen, weichem Käse und auch mit Weizen nährten,
wie ebendieser Favorin im achten Buch seiner "Vermischten Geschichten"
berichtet.
13. Andere dagegen behaupten, nicht dieser,
sondern ein anderer Pythagoras, ein Masseur nämlich, sei es gewesen,
der die neue Ernährungsart eingeführt habe.
Habe doch Pythagoras so gar schon das Töten von Tieren verboten,
geschweige denn, daß er den Genuß ihres Fleisches gutgeheißen
hätte,
da sie doch in bezug auf Seele und Leben mit uns ganz gleichberechtigt
wären.
Das war allerdings nur ein Vorwand; in Wahrheit verbot er die Fleischnahrung
deshalb,
weil er die Menschen zu extremer Genügsamkeit in der Ernährung
anhalten
und an eine Lebensweise gewöhnen wollte,
bei der die Beschaffung der Nahrungsmittel keine Sorge machte,
indem man sich mit ungekochter Nahrung und einfachem Wasser zufrieden
gebe;
das würde auch, meinte er, dem Körper zur Gesundheit,
dem Geiste zur Schärfe verhelfen.
Soll er doch auch nur an dem Altar des Apollon Genetor in Delos sich verbeugt
haben,
der hinter dem gehörnten Altar steht,
weil man auf demselben nur Weizen und Gerste und Opferkuchen niederlegte
ohne Feuer und ohne ein Opfertier zu schlachten,
wie Aristoteles in der "Delischen Verfassungsgeschichte" bemerkt.
Wiedergeburt
14. Er ist, wie man sagt, der erste Verkünder der Lehre gewesen,
daß die Seele, indem sie einen Kreislauf der Notwendigkeit durchlaufe,
bald an diese, bald an jene Körperform gebunden sei.
Er zuerst hat bei den Griechen Maße und Gewicht eingeführt,
wie Aristoxenos, der Musiker, sagt.
Auch soll er zuerst die Identität des Abendsterns und des Morgensterns
behauptet haben,
während andere dies dem Parmenides zuschreiben.
Er wurde dermaßen bewundert,
daß man seine Schüler "Orakeldeuter der göttlichen
Stimme" nannte,
und er selbst sagt in einer Schrift,
er sei immer nach einem Zyklus von 207 Jahren aus der Unterwelt wieder
zu den Menschen gekommen.
Daher standen sie zu ihm,
und seine Vorträge zogen Lukanier und Peuketier, Messapier und
Römer an.
15. Bis auf Philolaos aber war kein pythagoreischer Lehrsatz bekannt;
dieser allein veröffentlichte die drei berühmten Bücher,
die Platon für hundert Minen erwarb.
Nicht weniger als sechshundert Zuhörer strömten zur Nachtzeit
zusammen, um ihn zu hören,
und wenn einige gewürdigt wurden, ihn zu sehen,
so schrieben sie ihren Angehörigen über das große Glück,
das ihnen widerfahren sei.
Die Metapontiner nannten sein Haus ein Heiligtum der Demeter
und den Zugang dazu einen Musentempel,
wie Favorin in seinen Vermischten Geschichten bemerkt.
elegon te kai hoi alloi Puthagoreieoi mê
einai pros pantas panta rhêta
hôs phêsin Aristoxenos en dekatôi
Paideutikôn nomôn
Auch die anderen Pythagoreer pflegten zu sagen, es dürfe nicht alles
allen mitgeteilt werden,
wie Aristoxenos im zehnten Buch seiner Erziehungsgesetze sagt.
16. Dort findet sich auch die Bemerkung,
der Pythagoreer Xenophilos habe auf die Frage eines Vaters,
wie er seinen Sohn am besten erziehen könne, geantwortet:
"Wenn er Mitglied eines musterhaft verwalteten Gemeinwesens wird."
Noch viele andere in Italien soll er zu tüchtigen und guten Männern
gemacht haben,
vor allem auch die Gesetzgeber Zaleukos und Charondas.
War er doch wie geschaffen zum Freundschaftsstifter,
und wenn er am Ende erfuhr, daß einer seine Lehrsprüche
übernahm,
so trat er alsbald in enge Gemeinschaft mit ihm und machte ihn sich
zum Freunde.
Lehrsprüche, Akousmata
17. Seine Lehrsprüche aber waren folgende:
Man soll das Feuer nicht mit dem Schwert schüren,
die Waage nicht überschlagen lassen,
nicht untätig auf dem Kornmaß sitzen,
das Herz nicht essen,
nicht beim Abnehmen sondern beim Aufsichnehmen der Last helfen,
man soll die Decken immer zusammengebunden haben,
das Bild der Gottheit nicht auf einem Ring tragen,
man soll die Spur des Topfes in der Asche verwischen,
sein Gesäß nicht mit einer Fackel abwischen,
nicht in Sonnenrichtung urinieren,
nicht auf der großen Heerstraße wandern,
nicht leicht mit der rechten Hand einschlagen,
nicht mit Schwalben unter dem gleichen Dache wohnen,
keine Vögel mit krummen Klauen bei sich züchten,
auf abgeschnittene Nägel und Haare nicht urinieren noch darauf
treten,
ein scharfes Schwert abseits kehren,
und, wenn man verreist, sich an der Grenze nicht umwenden.
Symbolismus der Akousmata
18. Was den Sinn dieser Sprüche anlangt,
so bedeutete das Wort "Mit dem Schwerte nicht das Feuer schüren"
so viel wie:
wecke nicht den Zorn und die schwellende Wut der Gewalthaber;
"die Wage nicht überschlagen lassen":
nicht Recht und Billigkeit überschreiten;
"nicht auf dem Kornmaß sitzen": für Gegenwart und Zukunft Fürsorge
tragen,
denn das Kornmaß ist die tägliche Nahrung.
Der Spruch "das Herz nicht essen" bedeutete,
nicht durch Kummer und Leid die Seele auszehren.
Der Spruch, sich nicht umzuwenden, wenn man auf Reisen geht,
enthielt die Mahnung an die aus dem Leben Scheidenden,
nicht sehnsüchtig am Leben zu hängen
und sich nicht von den irdischen Lüsten fesseln zu lassen.
Hiernach mag man auch das weitere deuten, um uns bei der Sache nicht länger
aufzuhalten.
Regeln, Verbote, Tabus
19. Vor allen Dingen verbot er das Essen von Meerbarben und Schwarzschwänzen;
des Herzens und der Bohnen sollte man sich strengstens enthalten;
Aristoteles sagt auch der Gebärmutter und Seebarbe mitunter.
Er selbst aber begnügte sich, wie einige sagen, mit Honig oder
Honigseim oder Brot.
Wein habe er bei Tage nicht genossen.
Seine Zukost bestand meist aus gekochtem oder rohem Kohl, nur ausnahmsweise
aus Seefischen.
Er trug ein langes, weißes, sauberes Gewand und bediente sich weißer
Decken aus Wolle;
denn Leinen gab es zu jener Zeit noch nicht in der dortigen Gegend.
Niemals ward er dabei betroffen, daß er seine Notdurft verrichtete
oder sich der Liebeslust hingab oder betrunken war.
20. Er enthielt sich sowohl des Lachens wie jeder Eitelkeit,
sei es durch Witze oder Klatsch.
War er im Zorn, so züchtigte er weder einen Sklaven noch einen Freien.
Verständiges Mahnen bezeichnete er als "Umformen".
Was die Wahrsagekunst anlangt, so beschränkte er sich auf Vorzeichen
durch Laute oder Vogelflug,
am wenigsten ließ er sich auf Wahrzeichen durch Feuer ein, ausgenommen
den Weihrauch.
Er gebrauchte nur Opfer ohne Lebensseele;
manche allerdings behaupten,
er habe nur Hähne und Milchböckchen, sogenannte Zärtlinge,
geopfert,
Aristoxenos dagegen berichtet, er erlaube den Genuß aller übrigen
beseelten Lebewesen,
nur des Pflugochsen und des Widders solle man sich enthalten.
21. Eben derselbe sagt auch, wie bereits oben bemerkt,
er habe seine Lehrsätze von der delphischen Priesterin Themistokleia
empfangen.
Und Hieronymos berichtet, er habe, in der Unterwelt angelangt, gesehen,
wie die Seele des Hesiod an eine eherne Säule gefesselt war und
knirschte,
Homers Seele aber von einem Baume herunterhing und von Schlangen umringt
wurde
zur Strafe für deren lästerliche Reden über die Götter;
auch habe er die Strafen derjenigen gesehen, die ihren Weibern nicht beiwohnen
wollten;
und eben deshalb sei er von den Krotonern geehrt worden.
Aristipp von Kyrene sagt in dem Buch über die Naturphilosophen,
er sei Pythagoras genannt worden,
weil er im Verkünden (agoreuein) der Wahrheit dem pythischen Gott
(Pythios) gleichkam.
22. Man sagt auch, er habe seine Schüler immer ermahnt, beim Eintritt
ins Haus sich zu fragen:
"Was habe falsch ich getan, was versäumt, worin richtig gehandelt?"
Blutige Opfer sollten den Göttern nicht gebracht werden,
nur am unblutigen Altar sollte man seinen Gottesdienst leisten.
Auch dürfe man nicht bei den Göttern schwören,
denn es sei Pflicht eines jeden, sich selbst vertrauenswürdig
zu machen.
Die Älteren müsse man in Ehren halten,
denn das was zeitlich vorangehe, verdiene die höheren Ehren,
wie im Weltall der Aufgang vor dem Untergang, im Leben der Anfang vor
dem Ende,
in der Belebung die Zeugung vor der Vernichtung.
23. So müsse man auch die Götter höher ehren als die
Dämonen,
die halbgöttlichen Helden höher als die bloßen Menschen,
unter den Menschen aber am meisten die Eltern.
Gegenseitigen Umgang müsse man so pflegen, daß man sich die
Freunde nicht zu Feinden,
dagegen die Feinde zu Freunden mache.
Nichts dürfe man als Eigentum beanspruchen.
Dem Gesetz müsse man beistehen,
der Gesetzwidrigkeit die Stirne bieten.
Eine harmlose Pflanze dürfe man weder zerstören noch verletzen,
auch kein Tier, solange es den Menschen nicht schade.
Sittsamkeit und Anstand bestehe darin,
daß man sich weder wildem Gelächter noch der Schwermut überlasse.
Zu große Körperfülle müsse man meiden;
auf Reisen müsse man Erholung und Anstrengung wechseln lassen,
man solle das Gedächtnis üben,
im Zorn weder reden noch handeln,
nicht jede Art von Wahrsagung hochhalten;
24. man müsse die Leier mit Gesang begleiten
und den Lobgesängen auf Götter und hochbegnadete Menschen
gebührenden Beifall spenden.
Der Bohnen aber müsse man sich enthalten,
weil sie infolge ihrer bauchartigen Beschaffenheit mehr Anteil am Seelenhaften
hätten;
überdies verhelfe ihr Nichtgenuß dem Leibe zu größerer
Bescheidenheit und Ruhe
und mache dadurch auch die Traumbilder milder und weniger aufregend.
Es erzählt aber Alexander in den "Philosophennachfolgern",
er habe auch folgende Angaben in den Aufzeichnungen der Pythagoreer
gefunden:
Mathematik
der Monade und der Zweiheit
25. Der Anfang von allem sei die Einsheit (Monade);
aus der Einsheit aber stamme die unbestimmte Zweiheit,
die gleichsam als Materie der Einheit, ihrer Ursache, zugrunde liege.
Aus der Einheit ferner und der unbestimmten Zweiheit stammen die Zahlen;
aus den Zahlen die Punkte,
aus diesen die Linien,
aus diesen die Flächengestaltungen,
aus den Flächen die stereometrischen Körper,
aus diesen die sinnlich wahrnehmbaren Körper,
deren Elemente, vier an der Zahl, folgende sind:
Feuer, Wasser, Erde, Luft;
sie unterliegen der Veränderung und einer durchgängigen Wandelbarkeit,
und es bildet sich aus ihnen eine beseelte Welt,
vernunftbegabt, kugelförmig,
mit der Erde als ihrem Mittelpunkt,
die auch ihrerseits kugelrund und bewohnt ist.
26. Auch Antipoden gibt es,
denen unser Unten das Oben ist.
Physik, Naturlehre
In gleichen Massen über die Welt verteilt sind Licht und Finsternis,
Wärme und Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit;
wenn und wo die Wärme das Übergewicht hat, tritt Sommer ein,
wo die Kälte, Winter, wo die Trockenheit, Frühling, und wo
die Feuchtigkeit, Herbst.
Wenn die Massen sich einander das Gleichgewicht halten, gibt es die schönsten
Zeiten des Jahres,
dessen sprossender Frühling gesund, dessen welkender Herbst ungesund
ist;
auch der Tag zeige den nämlichen Unterschied:
der frühe Morgen sei sein frisch sprossender Teil, der Abend sein
hinwelkender Teil;
daher sei er auch ungesunder.
Die Luft um die Erde herum sei festgelagert und ungesund und alles in ihr
sei vergänglich,
wogegen die oberste Luft in unausgesetzter Bewegung sei und rein und gesund
und alles in ihr unvergänglich und darum göttlich.
27. Sonne, Mond und die übrigen Gestirne seien Götter;
denn es überwiege in ihnen die Wärme, welche die Erzeugerin
des Lebens ist.
Der Mond aber erhalte sein Licht von der Sonne.
Mit den Menschen seien die Götter verwandt, insofern der Mensch
an der Wärme teil habe;
daher die Fürsorge Gottes für uns.
Das Schicksal sei die Ursache des festgeordneten Ganges des Ganzen wie
der einzelnen Teile.
Der Sonnenstrahl dringe auch durch den kalten und dichten Äther.
Sie nennen nämlich die Luft den kalten Äther,
das Meer und das Feuchte den dichten Äther.
Dieser Strahl also dringe auch in die Tiefe ein und belebe so alles.
28. Belebt sei nämlich alles, was der Wärme teilhaftig werde;
daher seien denn auch die Pflanzen belebt.
Doch habe nicht alles eine Seele.
Es sei aber die Seele ein losgerissenes Stück sowohl des warmen
wie des kalten Athers,
da sie auch Anteil am kalten Äther habe.
Und es sei ein Unterschied zwischen Seele und Leben;
denn die Seele sei unsterblich, da auch das, wovon sie losgerissen
ist, unvergänglich ist.
Die lebenden Wesen entstünden durch einander durch Ergießung
des Samens,
die Entstehung aus der Erde dagegen sei unmöglich.
Der Same aber sei ein Tropfen des Gehirns, der einen warmen Hauch in sich
enthalte,
und wenn dieser sich in die Gebärmutter ergieße, sondere
das Gehirn Lymphe, Wasser und Blut ab,
aus denen sich Fleisch, Sehnen, Knochen, Haare und der ganze Körper
bilde,
durch den Hauch aber Seele und Wahrnehmung.
29. Ihre Gestalt erhalte die erste Verdichtung in vierzig Tagen;
nach den bestimmten harmonischen Verhältnissen würde dann
in sieben oder neun
oder höchstens zehn Monaten das Kind in fertigem Zustand zur Welt
gebracht;
es habe aber in sich alle erforderlichen Verhältnismäßigkeiten
des Lebens,
deren Folge das feste Band bilde, das es in klaren harmonischen Verhältnissen
zusammenhalte,
indem an bestimmten Zeitpunkten jedes Einzelne sich an das Vorige anschließe.
Die Wahrnehmung im allgemeinen wie insbesondere das Gesicht sei eine
Art besonders warmen Hauches.
Daher heißt es von ihm auch, daß es durch die Luft und
durch das Wasser sehe.
Denn das Warme erfahre einen Gegendruck vom Kalten.
Wäre nämlich der Hauch in den Augen kalt, so würde er
von der gleichartigen Luft getrennt bleiben;
so aber findet sich gegensätzliche Luft in den Augen, welche er Pforten
der Sonne nennt.
Dasselbe lehrt er vom Gehör und den übrigen Sinnen.
30. Die menschliche Seele teilt er in drei Teile: Vernehmen, Verstehen,
Mut.
Vernehmen und Mut finde sich auch in den übrigen Lebewesen, Verstehen
aber nur beim Menschen.
Es erstrecke sich aber das Reich der Seele vom Herzen bis zum Gehirn,
und der dem Herzen zugehörige Teil derselben sei der Mut,
während Verstehen und Vernehmen ihren Sitz im Gehirn hätten;
die Sinne seien Tropfen von diesen.
Das Verstehen sei unsterblich, das übrige sterblich.
Ihre Nahrung erhalte die Seele vom Blute;
ihr inneres Gefüge atme in Windhauchen.
Sie selbst wie auch ihr Gefüge seien unsichtbar,
da auch der Äther unsichtbar ist.
31. Bänder der Seele seien die Adern,
die Arterien und die Sehnen.
Wenn sie aber bei Kraft und ruhig mit sich selbst beschäftigt sei,
dann gäben ihr ihre Worte und Werke den festen Halt.
Aus ihrem Gefüge herausgerissen aber
schweife sie über die Erde hin in der Luft, dem Körper ähnlich.
Hermes aber sei der Hüter der Seelen,
weshalb er Geleiter genannt werde und Torwächter, und Unterirdischer,
da er die vom Leibe geschiedenen Seelen von Land und Meer nach ihrem Bestimmungsort
bringe,
und zwar würden die reinen Seelen nach dem höchsten Platze
gebracht,
die unreinen dagegen dürften sich weder jenen noch einander nähern,
sondern würden in unlösbaren Fesseln von den Erinnyen festgehalten.
32. Das ganze Luftreich sei voll von Seelen,
und diese seien es, die man Dämonen und halbgöttliche Helden
nenne.
Von diesen würden den Menschen die Träume
und die Vorzeichen von Krankheit und Gesundheit zugesandt,
und nicht nur den Menschen, sondern auch den Schafen und dem sonstigen
Hausvieh;
auf sie bezögen sich auch die Reinigungen und Sühnungen,
sowie alle Wahrsagerei und Vorausverkündigung und was dem ähnlich.
Das Schwerwiegendste aber sei es im Menschenleben, die Seele zum Guten
oder zum Bösen zu bereden.
Glücklich seien die Menschen, wenn ihnen eine gute Seele beiwohne,
doch beharre diese niemals in völliger Ruhe und es herrsche nicht
immer die gleiche Strömung.
Ethik, Reinigung
und weitere Akousmata
33. Der Gerechte sei dem Eide treu,
weshalb denn Zeus der Eideswahrer genannt werde.
Die Tugend sei eine Harmonie und ebenso auch die Gesundheit und alles Gute
und die Gottheit;
daher bestehe das Weltall durch Harmonie.
Auch die Freundschaft sei eine harmonische Gleichheit.
Göttern und halbgöttlichen Helden gebühren nicht die
gleichen Ehren;
den Göttern erweise man sie stets in heiliger Ehrfurcht, in weißem
Gewande und keuschen Leibes,
den halbgöttlichen Helden vom Mittag ab.
Die Reinheit erlange man durch Sühnungen, Bäder, Besprengungen,
sowie dadurch, daß man sich selbst
unbefleckt erhalte von der Berührung mit Leichen, von Beischlaf
und von Verunreinigung jeglicher Art,
auch dadurch, daß man sich des Fleisches verreckter Tiere enthält
sowie der Seebarben und Schwarzschwänze, der Eier und eierlegenden
Tiere,
der Bohnen und anderer dergleichen Dinge,
deren Genuß die Priester verbieten, die in den Tempeln die mystischen
Weihen vollziehen.
34. phêsi d' Aristotelês en tôi
Peri tôn Puthagoreiôn
parangelein auton apechesthai tôn kuanôn
êtoi hoti aidoiois eisin homoioi ê
hoti Haidou pulais
ê hoti phtheirei
ê hoti têi tou holou
phusei homoion
Es sagt aber Aristoteles in seiner Schrift "Über die Pythagoreier",
Pythagoras mahne dazu, sich der Bohnen zu enthalten
entweder weil sie den Schamteilen ähnlich seien oder den Hadespforten;
denn sie allein seien knotenlos;
oder auch weil sie schadeten
oder weil sie der Natur des Weltganzen ähnlich seien
oder weil sie oligarchisch seien,
denn die Oligarchen bedienten sich ihrer zum Losen.
ta de pesonta mê anhaireisthai
huper tou ethizesthai mê akolastôs
esthiein
ê hoti epi teleutêi
tinos
Ferner: Was vom Tische herunterfalle, dürfe man nicht aufheben,
um sich daran zu gewöhnen, nicht unmäßig zu essen
oder weil es auf den Tod von irgend jemand hinweise;
sagt doch Aristophanes in den "Heroen",
das zu Boden Fallende gehöre den halbgöttlichen Helden:
"Laßt liegen, was vom Tisch fällt, unberührt von eurem
Mund!"
alektruonos mê haptesthai leukou
hoti hieros tou Mênos kai hiketês
to de ên tôn agathôn
kai to men leukon tês tagathou phuseôs
tôi te Mêni hieros: sêmainei
gar tas hôras
Den weißen Hahn solle man nicht berühren,
weil er dem Mên heilig sei und ein Schutz-Schreier,
das aber hätte zum Guten gehört:
das Weiße nämlich gehöre zur Natur des Guten,
das Schwarze zu der des Schlechten,
und dem Mên heilig: denn er verkünde die Stunden.
tôn ichthuôn mê haptesthai
hosoi hieroi
mê gar dein ta auta tetachthai theois
kai anthrôpois
hôsper oud' elehtherois kai doulois
Fische solle man nicht berühren, soweit sie heilig sind;
denn man dürfe nicht Göttern und Menschen das Gleiche vorsetzen,
so wenig wie den Freien und den Sklaven.
35. arton mê katagnuein
hoti epi hena hoi palai tôn philôn
ephoitôn
kathaper eti kai nun hoi barbaroi
mêde dihairein hos sunagei autous
hoi de pros tên en haidou krisin
hoi d' eis polemon deilian poiein
hoi de epei apo toutou archetai to holon
Brot solle man nicht brechen,
weil in der Vorzeit die Freunde sich bei Einem Brote zusammenfanden,
wie noch jetzt die Barbaren;
man dürfe nicht teilen, was sie zusammenführt;
andere beziehen es auf das Gericht im Hades,
andere wieder darauf, daß es Entmutigung für den Krieg bewirke,
und noch andere, weil das Weltganze damit anfange.
Unter den Figuren sei von den stereometrischen die schönste die
Kugel,
von den Flächen der Kreis.
Alter habe Ähnlichkeit mit allem, was im Abnehmen begriffen sei,
wie anderseits Wachstum und Jugend einander glichen.
Gesundheit sei festes Beharren der Gestaltung,
Krankheit sei deren Verfall.
Vom Salz meinte er, man müsse es auf den Tisch setzen als Mahnung
zur Gerechtigkeit;
denn das Salz erhält alles, was es unter seine Obhut nimmt,
und entsteht aus dem Reinsten, was es gibt: aus Sonne und Meer.
Pythagoras
in der Sicht seiner Kritiker
36. Dies behauptet Alexander in den Aufzeichnungen der Pythagoreer
gefunden zu haben,
und das daran sich Anschließende Aristoteles.
Das feierliche Auftreten des Pythagoras hat auch Timon in den "Sillen"
nicht unerwähnt gelassen,
wenn er, allerdings in beißendem Ton, sagt:
"Ihn, den Pythagoras, der sich auf blendende Weisheit verlegte,
Und, ein erhab'ner Prophet, geschwätzig auf Menschenjagd auszog".
Darüber, daß er zu verschiedenen Zeiten immer wieder als
ein anderer aufgetreten ist,
findet sich ein Zeugnis in einer Elegie des Xenophanes, die mit den
Worten beginnt:
"Folgt mir nun auf ein andres Gebiet, den Weg will ich zeigen."
Was er aber über ihn selbst sagt, ist folgendes:
"Als er, des Weges gehend, ein Hündchen mit Schlägen bedacht
sah,
Ließ er, von Mitleid erfaßt, gleich sich vernehmen, wie
folgt:
Weg mit der Peitsche, mein Freund ist's ja, dessen Seele du quälest;
An ihrer Stimme hab' ich deutlich sie wieder erkannt."
Soweit Xenophanes.
37. Auch Kratinos witzelt über ihn in seiner "Pythagoristin".
Und auch in seinen "Tarantinern" läßt er sich über
ihn folgendermaßen aus:
"So halten sie es: Denn verfängt, wer weiß woher,
Ein ganz normaler Mensch sich in den wirren Netzen,
Die ihre Weisheit knüpft, wird ihm der Kopf so schwer
Von ihren Widersprüchen, Schlüssen, Formelsätzen,
Kettfäden-Schlingen, Schlangentang-verschlungnem Meer..."
Und Mnesimachos im Alkmaion:
"Pythagoristisch opfern wir dem Loxias:
Beseeltes ist als Nahrung bei uns nicht erlaubt!"
38. Und Aristophon im "Pythagoristen":
"Bei seiner Ankunft in dem Reich der Toten bot
– So sagte er – sich ihm der schöne Anblick dar
Des Vorrangs der Pythagoristenschüler: sie
Allein verzehrten ihre Mahlzeit im Verein
Mit Pluton, als die Frömmsten." B. "Tja, ein gnädger Gott,
Der sich mit diesen Pennern eingelassen hat."
Und in demselben Stück:
Von Kräutern, stillen auch mit Wasser nur den Durst;
Sieh der verlausten Mäntel Glanz von Speck und Dreck,
Sag mir: wer von den Jungen die noch tragen soll?"
Anekdoten über
den Tod des Pythagoras
39. Es starb aber Pythagoras auf folgende Weise:
Er war zu Gast bei einem Fest im Hause des bekannten Milon.
Da trug es sich zu, daß einer von denen,
die der Zulassung nicht für würdig erachtet worden waren,
aus Rache und Neid das Haus in Brand steckte;
einige wollen wissen, die Krotonier selbst hätten das ins Werk gesetzt
aus Angst vor drohender Gewaltherrschaft.
Man habe bemerkt, wie Pythagoras sich von der Unheilsstätte entfernte;
vor einem Bohnenfelde angekommen, blieb er stehen mit den Worten:
"Besser, sich gefangen geben als die Bohnen niederzutreten,
und besser, ermordet zu werden als sich auf Unterhandlungen einzulassen;"
und so sei er von den Verfolgern niedergemacht worden.
Ebenso sei auch die Mehrzahl seiner Genossen umgekommen, an die Vierzig;
nur ganz wenige seien entkommen,
zu denen der Tarentiner Archippos gehörte und der oben genannte
Lysis.
40. Dagegen berichtet Dikaiarchos,
Pythagoras habe sich in das Heiligtum der Musen in Metapont geflüchtet
und sei dort nach vierzigtägiger Nahrungsenthaltung gestorben.
Herakleides hinwiederum behauptet in seinem Auszug aus des Satyros
Lebensbeschreibungen,
Pythagoras sei nach der Beerdigung des Pherekydes auf Delos nach Italien
zurückgekehrt,
und da er in Kroton die Tafel vollständig besetzt und den Kylon an
ihrer Spitze fand,
sei er nach Metapont übergesiedelt,
wo er durch Nahrungsentsagung seinen Tod gefunden habe,
da er nicht länger mehr leben wollte.
Hermippos aber berichtet,
nach Ausbruch eines Krieges zwischen Agrigent und Syrakus
sei Pythagoras mit seinen Anhängern ausgerückt zur Hilfeleistung
an die Agrigentiner;
als es da aber zu einer Niederlage kam,
habe er auf der Flucht ein Bohnenfeld umgehen wollen,
wobei er von den Syrakusanern umgebracht worden sei;
die übrigen aber, an die fünfunddreißig, seien in Tarent
verbrannt worden,
da sie sich als politische Gegner der Häupter der Regierung erwiesen.
Der unterirdische Aufenthalt
41. kai allo ti peri Puthagorou phêsin
ho Hermippos
legei gar hôs genomenos en Italiai
kata gês oikiskon poiêsai
kai têi mêtri enteilaito
ta ginomena eis delton graphein
sêmeioumenên kai ton chronon
epeita kathienai autôi est'
an anelthê
Und noch etwas anderes über Pythagoras teilt Hermippos mit:
Er erzählt nämlich, er habe, als er nach Italien gekommen
sei,
eine kleine Wohnstätte unter der Erde angelegt
und seiner Mutter aufgetragen, sie solle, was vorgehe, auf eine Tafel
schreiben
und dabei auch die Zeit mit verzeichnen,
und es dann zu ihm hinablassen, bis er zurückkehre.
touto poiêsai tên mêtera
ton de Puthagoran meta chronon anelthein
ischnon kai kateskeleteumenon
Das habe die Mutter getan.
Pythagoras aber sei nach einiger Zeit wieder zu Tage gekommen,
schmächtig und abgezehrt wie ein Skelett.
eiselthonta t' eis tên ekklêsian
phaskein
hôs aphiktai ex haidou
kai dê kai aneginôsken autois
ta sumbebêkota
So sei er unter die Volksmenge getreten mit der Verkündung,
er komme aus der Unterwelt;
auch las er ihnen vor, was sich zugetragen.
hoi de sainomenoi tois legomenois
kai episteueon einai ton Puthagoran theion tina
hôste kai tas gunaikas autôi paraounai
hôs kai mathêsomenas ti ton autou
has kai Puthagorikas klêthênai
Die Bürger aber, gerührt von seinen Mitteilungen,
bezeugten ihm unter Tränen und Klagen ihre Teilnahme
und waren des festen Glaubens, Pythagoras sei ein Götterwesen,
so daß sie sogar ihre Weiber ihm übergaben,
damit sie etwas von seinen Lehren erlernten;
sie seien dann die "Pythagorischen" genannt worden.
Soweit der Bericht des Hermippos.
Familie
42. Pythagoras hatte auch eine Frau, namens Theano, Tochter des Krotoniaten
Brontinos,
nach andern die Frau des Brontinos und Schülerin des Pythagoras.
Auch hatte er eine Tochter Damo, wie Lysis in dem Brief an Hipparch schreibt,
wo er sich über Pythagoras folgendermaßen ausläßt:
"Es behaupten viele, daß du, Hipparch, auch öffentlich als Philosoph
auftrittst,
was doch Pythagoras noch streng von sich wies;
denn als er seiner Tochter Damo seine Aufzeichnungen zur Bewahrung anvertraute,
legte er es ihr dringend ans Herz, sie niemandem zu übergeben,
der nicht zu seiner Schule gehöre.
Und sie, obschon in der Lage, die Niederschriften für große
Summen verkaufen zu können,
mochte sich doch nicht dazu herbeilassen;
denn sie schätzte Armut und die Aufträge ihres Vaters höher
als Gold,
und dies, obwohl sie nur ein Weib war!"
43. Er hatte auch einen Sohn, Telauges,
der seines Vaters Nachfolger wurde und nach einigen Lehrer des Empedokles
war.
Hippobotos schreibt nämlich dem Empedokles die Worte zu:
"Telauges, herrlicher Sproß des Pythagoras und der Theano!"
Von einer Schrift des Telauges weiß man nichts,
wohl aber von einer Schrift seiner Mutter Theano.
Von ihr erzählt man auch, sie habe auf die Frage,
wann eine Frau vom Manne rein würde, geantwortet:
"Vom eigenen Manne augenblicklich, von einem andern aber niemals."
Und der Frau, die zum eigenen Manne gehen wolle, riet sie,
mit den Kleidern zugleich die Scham abzulegen,
beim Aufstehen aber mit den Kleidern auch die Scham wieder anzulegen.
Und gefragt: "Welche denn?", antwortete sie:
"Die, wegen deren ich Weib genannt werde."
44. Pythagoras starb, wie Herakleides, des Sarapion Sohn, sagt, im
Alter von achtzig Jahren,
entsprechend seiner eigenen Schilderung der Lebensalter;
nach anderen indes, und zwar der Mehrzahl, ist er neunzig Jahre alt geworden.
Diogenes
Laertios: satirische Verse auf Pythagoras
Von unseren Scherzgedichtchen auf ihn lautet das eine so:
"Nicht als der Einzige hast du des Fleisches, das lebt, dich enthalten,
Sag doch, Pythagoras, wer ißt schon lebendiges Fleisch?
Aber ist es gekocht und gebraten und richtig gesalzen,
Dann verspeisen wir's gern, weil es dann seelenlos ist."
Und ein anderes:
"So war's also bestellt mit des großen Pythagoras Weisheit:
Selbst sich zu nähren von Fleisch galt ihm als Sünde und
Schmach;
Anderen setzte er's vor, der Weise! Der Reine! Der Gutmensch!
Meidet die Sünde und regt andre zum Sündigen an!"
45. Und noch eines:
"Willst du recht deutlich erkennen des großen Pythagoras Weisheit,
Blick auf den Buckel des Schilds, den Euphorbos einst trug.
Denn er sagt dir: Ich war schon ein Mensch. Und diese Erklärung
Spricht ihm ein Dasein zu und doch ein Nichtsein zugleich."
Und ein weiteres auf seinen Tod:
"Warum verehrte Pythagoras doch die Bohnen so heilig?
Mit seinen Schülern vereint ward er dem Tode geweiht.
Dort, am Bohnenfeld, wars: er wollte die Früchte verschonen,
Und so fiel er; es schlug Akragas' Mannschaft ihn tot!"
Datierung
Sein Lebenshöhepunkt fällt in die 60.Olympiade (540/ 537
v.Chr.)
und seine Schule erhielt sich neun oder auch zehn Generationen hindurch.
46. Denn die letzten Pythagoreer waren die, deren Lebenszeit sich noch
mit der des Aristoxenos berührt,
nämlich der Chalkidier Xenophilos aus Thrakien und Phanton aus
Phlius,
und Echekrates und Diokles und Polymnestos, gleichfalls Phliasier.
Sie waren Schüler der Tarentiner Philolaos und Eurytos.
Es hat vier Männer namens Pythagoras gegeben,
der Zeit nach nicht weit voneinander entfernt.
Einer ein Krotonier, ein Mann von tyrannischer Sinnesart;
zweitens ein Philasier, ein Turnlehrer bzw. Masseur, wie manche sagen;
viertens der unsere hier,
dem die philosophischen Geheimlehren beigelegt werden, deren Lehrer
er war,
eph' hou kai to "Autos epha"
paroimiakon eis ton bion êlthen
und von dem auch das "autos êpha", das "Er selbst hat's gesagt",
dieser zum allgemeinen Sprichwort gewordene Ausspruch, herstammt.
47. Andere behaupten, es habe noch einen anderen Pythagoras gegeben,
einen Bildhauer aus Rhegium,
der zuerst die Gesetze des Rhythmus und der Symmetrie aufgefunden zu
haben scheine,
und einen weiteren Bildhauer aus Samos;
darüber hinaus noch einen wenig erfreulichen Rhetor;
auch einen Arzt, der über den Kropf geschrieben und einige Erläuterungen
zu Homer verfaßt hat;
und noch einen, der sich mit dorischen Altertümern beschäftigt
hat, wie Dionysios berichtet.
Eratosthenes aber sagt
– und Favorin im achten Buch seiner Vermischten Geschichten führt
ihn als Zeugen an –,
dieser sei es gewesen, der in der 48. Olympiade (588/ 85 v.Chr.)
als kunstmäßiger Faustkämpfer aufgetreten sei,
mit langem Haar und in purpurnem Gewand;
er sei ausgeschlossen worden vom Wettkampf der Knaben
und habe, von Spott verfolgt, sich alsbald an die Männer herangemacht
und gesiegt.
48. Das gehe auch aus dem Epigramm hervor, dessen Verfasser Theaetet
ist:
"Kennst du Pythagoras nicht, den Haarumwallten, den Wandrer,
Ihn, den Samier, der weithin als Fechter berühmt?
Ich bins, Pythagoras, hier; und willst du Genaueres hören.
Frage die Elier nur, Wunder erzählen sie dir!"
Einführung von Definitionen
Von unserem Pythagoras sagt Favorin,
er habe zur Bearbeitung des mathematischen Stoffes Definitionen eingeführt
und auf diesem Wege seien dann Sokrates und dessen Schüler weiter
fortgeschritten,
und dann Aristoteles und die Stoiker.
Auch habe er das Himmelsgebäude zuerst Kosmos genannt
und die Erde als rund bezeichnet;
nach Theophrast dagegen Parmenides,
49. Ihm soll als Gegner Kylon gegenübergestanden haben wie Antilochos
dem Sokrates.
Auf den Athleten Pythagoras aber gibt es auch folgendes Epigramm:
"Nach Olympia kam, im Faustkampf zu siegen, als Knabe
Dieser Pythagoras einst, Samier, Krateos' Sohn."
Der Philosoph aber schrieb folgenden Brief an Anaximenes:
"Auch du. mein Bester, würdest,
wenn du nicht an Abkunft und Ruhm den Pythagoras in Schatten stelltest,
dich schon auf und davon gemacht haben von Milet;
so aber hält dich dein von den Vätern ererbter Ruhm fest
und würde auch mich festgehalten haben, wenn ich dem Anaximenes
gliche.
Aber wenn ihr, die Trefflichsten, die Städte verlaßt, dann werden
sie ihrer Zierde verlustig gehen
und die Gefahr von seiten der Perser wird sich verdoppeln.
50. Nicht immer ist es gut, den Himmel zu erforschen;
schöner ist es, dem Vaterlande seine Dienste zu weihen.
Auch ich lebe nicht ganz bloß für meine Gedankenwelt,
sondern nehme auch teil an den Kriegen, die die Italiker wider einander
führen."
Nachdem wir den Pythagoras besprochen,
kommen nun die namhaften Pythagoriker an die Reihe;
nach ihnen die, von denen nur hie und da Einzelheiten überliefert
werden;
dann folgt die Reihe der hervorragenden Denker bis auf Epikur, wie
bereits gesagt.
Von Theano und Telauges haben wir gesprochen.
Nun gilt es zunächst von Empedokles zu reden,
denn nach einigen war er des Pythagoras Schüler.
Anhang I:
Liste von Akousmata
bei Iamblichos, Protr.21 (DK 58 C 6)
1. eis hieron apiôn proskunêsai
mêden allo metaxu biôtikon mête
lege mête pratte
Wenn du zum Tempel gehst, um deine Verehrung zu erweisen,
darfst du nebenbei nichts Alltägliches sagen oder tun.
2. hodou parergon oute eisiteon eis hieron
oute proskunêteon toparapan
oud' ei pros tais thurais autais pariôn
genoio
Auf dem Wege darfst du nicht in einen Tempel hineingehen
und vor allem dort keine Verehrung erweisen,
selbst dann nicht, wenn du ganz nahe an seinen Türen vorbeikommst.
3. anhupodêtos thue kai proskunei
Opfere und erweise deine Verehrung ohne Schuhe.
4. tas leôphorous hodous ekklinôn
dia tôn strapôn badize
Vermeide die Heeresstraßen und beschreite die schlichten Pfade.
5. melanourou apechou
Enthalte dich des Schwarzschwanzes;
denn er gehört den unterirdischen Göttern.
6. glôssês pro tôn allôn
kratei theois hepomenos
Beherrsche vor allem die Zunge, wenn du den Göttern folgst.
7. anemôn pneontôn tên êchô
proskunei
Wenn die Winde wehen, sollst du dem Rauschen Verehrung erweisen.
8. pur machairêi mê
skaleue
Schüre das Feuer nicht mit dem Messer.
9. oxida apo seautou apostrephe pasan
Halte jede Säure von dir fern.
10. andri epanatithemenôi
men phoriton sunepaire
mê sunkathairei de apotithemenôi
Wenn einer sich eine Last auflegt, hilf ihm, sie aufzunehmen;
hilf ihm aber nicht, sie abzunehmen, wenn er sie ablegt.
11. eis men hupodêsin ton dexion poda
propareche
eis de podoniptron ton euônumon
Fang beim Schuhanziehen mit dem rechten Fuß an,
beim Fußwaschen mit dem linken.
12. peri Puthagoreiôn aneu phôtos
mê lalei
Rede nicht ohne Licht von Pythagoreiern.
13. zugon mê huperbaine
Überschreite kein Joch.
14. apodêmôn tês oikias
mê epistrephou
Wenn du auf Reisen dein Haus verläßt, so wende dich nicht um;
denn die Erinnyen kommen hinter dir her.
15. pros hêlion tetrammenos mê
ourei
Uriniere nicht in Richtung der Sonne.
16. daidiôi thakon
mê apomasse
Räume den Kot nicht mit der Fackel fort.
17. alektruona trephe men mê thue de
Mênêi gar kai Hêliôi
kathierôtai
Du sollst den Hahn züchten und nicht opfern,
denn er ist der Menê und dem Sonnengott heilig.
18. epi choiniki mê kathezou
Setz dich nicht bei dem Scheffel nieder.
19. gampsônuchon mêken paratrephe
Züchte nichts, das krumme Nägel hat.
20. en hodôi mê schize
Spalte nicht auf der Straße.
21. chelidona oikiai mê dechou
Nimm keine Schwalbe auf in dein Haus.
22. daktulion mê phorei
Trage keinen Ring.
23. theou tupon mê epigluphe daktuliôi
Das Bild eines Gottes schneide nicht in deinen Ring.
24. para luchnon mê esoptrizou
Spiegle dich nicht beim Schein einer Lampe.
25. peri theôn mêthen thaumaston
apistei
mêde peri theiôn dogmatôn
Verweigere nicht den Glauben an irgend etwas Wunderbares, was die Götter
oder die Auffassungen über das Göttliche betrifft.
26. aschetôi gelôti
mê onuchizou
Laß dich nicht von unbezwingbarem Lachen übermannen.
27. para thusiai mê onuchizou
Schneide dir beim Opfern nicht die Nägel.
28. dexian mê panti raidiôs
emballe
Gib nicht jedem leichthin die Rechte.
29. strômatôn anastas sunelisse
auta
Lege, wenn du aufstehst, die Bettücher zusammen
und verwische den Abdruck.
30. kardian mê trôge
Beiß nicht ins Herz.
31. enkephalon mê esthie
Iß nicht das Gehirn.
32. apokarmatôn sôn kai aponuchismatôn
kataptue
Spucke auf deine abgeschnittenen Haare und Nägel.
33. erhuthinôn mê proslambanou
Nimm keinen Rotfisch hinzu.
34. chutras ichnos apo spodou aphanize
Verwische die Spur des Topfes in der Asche.
35. chruson echousêi mê
plêsiaze epi teknopoiiai
Einer Frau, die Gold trägt, nähere dich nicht zu dem Zweck,
ein Kind mit ihr zu zeugen.
36. protima to schêma kai bêma
tou schêma kai triôbolon
Achte "Gestalt und Schrittgewalt" höher als das: "Gestalt und
drei Groschen" [?]
37. kuamôn apechou
Enthalte dich der Bohnen.
38. molochên epiphuteue men mê
esthie de
Pflanze die Malve, aber iß sie nicht.
39. empsuchôn apechou
Enthalte dich der beseelten Lebewesen.
Anhang II:
Pythagoreische
Kosmologie bei Aristoteles, cael. B 13, 293a 20 f (DK 58 B 37):
enantiôs hoi
peri tên Italian kaloumenoi de Puthagoreioi
legousin
Gegensätzlich (zur üblichen geozentrischen
Auffassung)
äußern sich die sogenannten Pythagoreier
in Italien.
epi men gar tou mesou pur einai phasi
tên de gên hen tôn astrôn
ousan kuklôi pheromenên peri to meson
nukta te kai hêmeran poiein
Sie sagen nämlich, im Mittelpunkt sei ein Feuer,
die Erde aber, die nur eines der Gestirne sei,
bewege sich im Kreis um den Mittelpunkt herum
und bewirke so Nacht und Tag.
eti d' enantian allên tautêi kataskeuazousi
gên
hên antichthona onoma kalousin
ou pros ta phainomena tous logous kai tas aitias
zêtountes
alla pros tinas logous kai doxas hautôn
ta phainomena proshelkontes kai peirômenoi
sunkosmein
Sie setzen ihr zudem noch eine andere Erde entgegen,
die sie die "Gegenerde" nennen,
indem sie nicht zu den gegebenen Erscheinungen die
Begriffe und Ursachenerklärungen suchen,
sondern zu irgendwelchen Begriffen und Meinungen
ihrerseits
die Erscheinungen heranzerren und jenen anzupassen
versuchen.
pollois d' an kai heterois sundoxeie
mê dein têi gêi tên
tou mesou chôran apodidonai
to piston ouk ek tôn phainomenôn
athrousin
Nun mögen viele andere auch der Meinung sein,
man dürfe nicht der Erde den Platz des Mittelpunkts
zuerteilen,
indem sie ihren Beweis nicht aus den Erscheinungen
ziehen,
sondern eher aus ihren Begriffen.
tôi gar timiôtatôi oiontai
proshêkein tên timiôtatên huparchein chôran
einai de pur men gês timiôteron
to de peras tou metaxu
to de eschaton kai to meson peras
Sie glauben nämlich, daß dem Ehrenvollsten
der ehrenvollste Platz zustehe,
Feuer aber sei ehrenvoller als Erde
und Grenze ehrenvoller als ein Dazwischen;
das Letzte außen und der Mittelpunkt innen
aber seien Grenzen.
hôst' ek toutôn analogizomenoi
ouk oiontai epi tou mesou tês sphairas
keisthai autên
Und indem sie daraus ihre Schlüsse ziehen,
glauben sie nicht, daß die Erde im Mittelpunkt
der Gesamtsphäre liege,
eti d' hoi ge Puthagoreioi kai dia to malista
proshêkein
phulattesthai to kuriôtaton tou pantos
to de meson einai toiouton ho Dios phulakên
onomazousi
to tautên echon tên chôran
pur
hôsper to meson haplôs legomenon
kai to tou megethous meson kai tou pragmatos
Ferner glauben die Pythagoreier auch, es gehöre
sich so,
weil zu allermeist das zu bewachen sei, was die
Herrschaft über das Ganze innehabe,
der Mittelpunkt aber sei solcherart, den sie
die Wache des Zeus nennen:
das Feuer nämlich, das eben diesen Platz
einnehme;
als hätte das Mittlere nur einen einzigen Namen,
und als sei die Mitte der umfassenden Größe
und die Mitte des Tatsächlichen
zugleich auch die Mitte der Natur.
kaitoi kathaper en tois zôiois
ou tauton to tou zôiou kai tou sômatos
meson
houtôs hupolêpteon mallon kai
peri ton holon ouranon
Aber wie in den Lebewesen
die Mitte des Lebewesens und die Mitte seines
Körpers nicht identisch sind,
so ist dies um so mehr auch vom gesamten Himmel
anzunehmen.