Feire Fiz (Hans Zimmermann) : Quellentexte in zwölf Sprachen : Weltbild des Mittelalters : Gervasius von Tilbury : otia imperialia
                 Schreiben ist Tradieren, Tradieren ist Zitieren,
    zitiert werden formelhafte Lehrstücke und Bibelbelege,
und diese wecken anamnetisch das bereits Bekannte

        Die Kunst des belegenden Traditionsbeweises im Hochmittelalter

  Einleitung, Literaturliste und Inhaltsverzeichnis zu den "kaiserlichen Mußestunden"  -  den
     OTIA IMPERIALIA   -  einer Weltbeschreibung,
            Weltgeschichte und Mirabiliensammlung in drei Büchern
                 von Gervasius von Tilbury (Gervasius Tilleberiensis, imperialis aule marescallus in regno Arelatensi)
                         die dieser dem Kaiser Otto IV. zur Zeit von dessen Resignation
                               (etwa zwischen 1211 und 1214) widmete

                      herausgegeben nach dem Manuskript Vat.Lat.933,
                 übersetzt  aus dem Lateinischen und kommentiert mit Bezug auf Belegstellen und Quellen
       von Hans Zimmermann M.A. (Philos., Indologie, Religionswissensch., Bonn 1987):

                    Dies ist eine Überarbeitung und Erweiterung (März 1998) der Staatsexamensarbeit
               „Die Otia Imperialia des Gervasius von Tilbury: Prefatio und 1.Decisio, Kap.1-9;
          Einleitung, Übersetzung und Kommentar" von Hans Zimmermann,
      vorgelegt zur ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien
              im Fach Latein, Universität Osnabrück, Standort Vechta 1992.

 
               Einleitung und Literatur
                 zur Edition, Übersetzung und Kommentierung
                       der "prefatio" und der ersten Kapitel
                             der Otia Imperialia des Gervasius

1. Fundament

Gegeben sei ein Text, genauer: die Photokopie einer über 750 Jahre alten lateinischen Handschrift, eine Druckversion des gleichnamigen Textes, noch keine 300 Jahre alt, einige Informationen hier und da: editorische Vorarbeiten, Teileditionen, Besprechungen in den Nachschlagewerken, ein gewaltiges Umfeld, eine Aufgabenstellung:
Der Text hat den einladenden Titel "Die kaiserlichen Mußestunden" und stammt von Gervasius von Tilbury (s.u. prefatio, Anm.2); die Photokopie, die mir Prof. Dr. Bernd Ulrich Hucker vom hiesigen Institut für Geschichte und hist. Landesforschung für diese Arbeit zur Verfügung gestellt hat, zeigt dem bisherigen Stand der Forschung nach das wichtigste Manuskript dieses Werks, ein Exemplar, das nach den Entdeckungen James R. Caldwells Ergänzungen und Korrekturen des Autors selbst enthält (The autograph manuscript of Gervase of Tilbury, in Scriptorium 11, 1957, S.87-98); die gegebene Druckversion ist die alte Gesamtedition des Werkes innerhalb der historischen Quellensammlung durch G.W. Leibniz (Scriptores rerum Brunsvic. Bd.1, Hannover 1707 S.881-1005; Bd.2 (1710) S.751-784 Emendationes et Supplementa); die erste (und bisher einzige) textkritische Edition, aber nur der Prefatio und einiger kleiner Stücke, ist die von R. Pauli in MGH SS 27 S.361ff (1885). Desweiteren ist die Teiledition – hier fast nur der dritte Teil des Werks, die 3.decisio – von F. Liebrecht (Hannover 1856) von Bedeutung, die aber auf der Leibnizausgabe fußt.
Aber es gibt eine Fülle von Handschriften, das Werk war sehr verbreitet, so ist es auch in den Nachschlagewerken gut besprochen, obwohl eine Neuedition auf der Basis der Caldwellschen Arbeiten doch noch aussteht: Schon Kindlers Literaturlexikon widmet ihm eine gerechte Spalte (Bd.9 Sp.7079, Michaela Zelzer), die Enzyklopädie des Märchens einen ausführlichen Artikel (Wolfgang Maaz) mit einer Fülle an Literaturhinweisen, die bei genauer Prüfung allerdings für den Zweck dieser Arbeit zweifach an Ballast verliert: Zum einen ist es der dritte Teil der Otia imperialia, der für die Forschung der Märchenmotive wichtig ist, da Gervasius darin "mirabilia", Merkwürdigkeiten, Sagen und Wunder gesammelt hat, insofern liegt in deren Nachweis das Hauptinteresse der Enzyklopädie des Märchens. Zum andern haben die Bearbeiter alles und jedes aufgenommen, was nur einen Bezug zur Thematik des Gervasius von Tilbury haben könnte, auch wenn die Otia gar nicht genannt oder zitiert oder gar mitbehandelt werden.
 
 

2. Rundbögen

Dem gegenüber stellten sich als wichtigste Bezüge, als zu belegende Stoffverbindungen, als die eigentlichen Fäden des Grundgewebes dieser Enzyklopädie die Traditionsautoren des Gervasius um so deutlicher heraus: Fast jeder Satz seines Werkes stammt irgendwo her, und woher, das ist da am leichtesten zu finden, wo er seine Quellen nicht nennt, dann sind es nämlich die wenigen, von denen er fast alles übernimmt; wo er aber Namen nennt, ist die Stelle entlegen oder aus dritter Hand wiedergegeben. Um in die Tiefe zu gelangen, müßten auch seine Quellen auf deren Quellen hin geprüft werden. Leicht ist etwas zu übersehen, manchmal entdeckt man einen klaren Beleg, wo man in der Irre gesucht hat. Aber die Hauptstränge der Tradition sind noch übersichtlich, man mag die Zeit noch Romanik nennen, wenn die Analogie mit dem Baustil erlaubt ist: gotische Hochscholastik, Aristotelismus und Albertsche Naturwissenschaft wirken noch nicht in die Welt des Gervasius hinein; die wenigen Aristotelismen sind wohlverkapselte Lehrstücke der "platonischen" Hälfte des Mittelalters. Auch so ist das Feld noch weit genug, Einflüsse und Quellen zu verkennen, aber die Hauptstränge sind wohl nachvollziehbar: Für die 1. decisio ist das Genesisbuch der Historia scholastica des Petrus Comestor (bzw. "Manducator") die Hauptgrundlage; dann stammt vieles aus der Imago mundi des Honorius Augustodunensis, der selbst stark auf Beda Venerabilis fußt, den Gervasius aber auch selbst eingesehen hat. Vieles bei Honorius greift Isidors Etymologien auf, – erstaunlicherweise übernimmt Gervasius Isidor-Definitionen wohl nur über Honorius, er schöpft ihn nicht für die eigene Enzyklopädie aus, so nahe das doch zu liegen scheint. Der ins Lateinische übersetzte Iohannes Damaskenos, d.h. der dritte große Teil der Pege gnoseos, die Ekdosis akribes tes orthodoxou pisteos, und daraus vornehmlich das 2.Buch, steht hinter vielen Anschauungen und Argumenten; neben Augustins Civitas Dei bildet es die theologischen Grundmuster der Weltbeschreibung; einige Zwischentöne von mirabilia aus Gregors des Großen Dialogen tauchen auf. Der patristische Neuplatonismus wird aber noch mit Platons Timaios in der interpretierenden Übersetzung und Kommentierung des Calcidius zusammen mit der enzyklopädisch-platonischen Ausstattung des Somnium Scipionis (Cicero) durch Macrobius auf antikem Fundament gegründet; wie später die Philosopheme des Aristoteles, so bildet die mythologisch-narrative Weltschöpfung dieses damals einzigen authentischen Platondialogs noch bis zu Gervasius hin den paganen Kontrast zum Hexahemeron; und wie die Hochscholastiker "den Philosophen", ihren Aristoteles, in die Patristik, d.h. in die aus den "Vätern" konzentrierten Sentenzen des Petrus Lombardus zu integrieren bemüht sind – oder umgekehrt -, so sind für diese Phase noch Platons Timaios nebst Macrobius' und Martianus Capellas Astronomie mit der Genesis zu vereinbaren. Die naive Bildhaftigkeit der Romanik, das Malen in Analogien von Elementen, Säften, Jahreszeiten, Kardinalwinden, die Jakobsleiter der Himmel und Luftschichten mit Planeten und Wesen aller Art, das Prinzip kleinster natürlicher Zahlen, die alles stufen, gruppieren und die Motive fächern, gibt dafür ein reiches Feld; vor allem hat Gervasius einen guten Vermittler benutzt wie kein anderer: Der Synkretismus des römischen Philosophierens, in dem noch anaximandrische Homoiomeren, die impressionistischen Atome (die Epikurs Schule, besonders Lukrez, von Demokrit übernimmt) und last but not least die stoischen logoi spermatikoi problemlos als "semina rerum" identifiziert werden können, kommt nun auch über das Anfangskapitel der Ovidschen Metamorphosen auf unseren Enzyklopädisten; das macht keine Mühe, insofern schon Augustinus diese Synkretismen auf neuplatonischer Ebene in der Philosophie der causae seminales fortsetzte. Und die größere Spannung, die zur heiligen Schrift, wird durch die "salomonische" Weisheitsspekulation (Prov 8,22ff) weitgehend überbrückt.
 
 

3. Kuppel

Dieser Komplex von "Samen der Dinge" und "Weisheits"-Hypostasierung ist nicht zu unterschätzen; zum einen scheint die synkretistische Tendenz der Spätantike selbst gewissermaßen in diese konkretistische Form der intelligiblen Welt hineinkonzentriert zu sein, so daß nicht Plotins reine noetische Lichtwelt, sondern diese organischere, vegetabilische Gestalt wie ein urirdischer Garten die Idee des Anfangs erfüllt und sättigt – man sehe Petrus Comestors Deutung des Paradiesbaumes (Genesisbuch der Historia scholastica, Kap.13) – zum andern bildet nicht neuplatonische Ekstasis den Schlußstein des Weltkreislaufs, die Himmel sind nicht in das Eine der Mystik abstrahiert, sondern die Samenanlage aller Schöpfung in der "Weisheit" trägt als Urmaterie alle Elemente in sich: Zwar ist der Schöpfungsblitz alles zugleich, das ist das eine Dogma der Schöpfung: Qui vivit in aeternum creavit omnia simul Sir (Eccli) 18,1; der daraus tönende Donner ist aber alles andere als die abstrakte Zeittheorie des unbewegten Bewegers oder des lichten Einen, hier heißt es immer wieder erdenschwer: Tu in principio Domine terram fundasti (Ps 101,26 in Hebr 1,10), damit das Verständnis von Gen 1,1 ja nicht im Spiritualismus verblasse; um so voller ist die Geistigkeit, der himmlische "Goldhintergrund" präsent, da die Harmonie der Elemente, der Daseinsstufung in Stein, Pflanze, Tier, Engel und aller Analogien über die Syzygienlehre - wie im Makrokosmos so im Mikrokosmos, dem Menschen, – die Erde himmlisch sein läßt; man vergleiche die naturwissenschaftliche "Renaissance" der Schule von Chartre, besonders Wilhelm von Conchis. Himmelsferne und himmelferne Jenseitigkeitssucht sind erst gotisches Lebensgefühl, Endlichkeit des Menschen und anima forma corporis sind Lehrstücke einer späteren Generation; ohne Mühe vertritt Gervasius die himmlische Präexistenz der Seelen; alles sehr bildhaft, ohne philosophische Kreationismus/Traduzianismus-Erwägungen.
Ist die Ideenwelt im Keimgarten der Weisheit von Bildern gesättigt, so sind die Bilder wiederum niemals freie Imagination, sondern so dicht wie möglich in Schriftbelege gefaßt, wobei nicht nur die "heilige Schrift" und die Väter – Augustinus, Gregorius Magnus, Basileios, Ioannes Damaskenos, Boethius und als Grundenzyklopädie die Etymologien des Isidor von Sevilla – zitiert werden, sondern ohne Mühe auch Ovid (bei Gervasius, abweichend von der üblichen Rezeption des Dichters, immer "der Philosoph" genannt) und häufig der auch sonst wegen seines plastischen Pathos beliebte Lucan. Iosephus und Philon stehen im Hintergrund bereit, das alles hängt natürlich von den vorliegenden lateinischen Übersetzungen, den Zugriffsmöglichkeiten eines Kompilators, Enzyklopädisten oder jedes Belegesuchers ab. Die Genauigkeit und Originalität eines Wilhelm von Conchis fehlte ihm allerdings.
Der Jurist Gervasius muß ein besonders suchfreudiger Stellensammler gewesen sein, aber seine Hauptvorlage Petrus Comestor übertraf und "lehrte" ihn doch meisterlich. Im Grunde hätte es die Forschungstiefe des Gervasiusthemas ausgelotet, alle Zugriffsmöglichkeiten des Petrus Comestor aufzudecken. Aber das ist einer der Türbögen, die ich beim Modellnachbau der ersten decisio der Otia imperialia weit offen lassen mußte, und es zieht an allen Ecken und Enden, wie wenn der Maurer sich darauf beruft, kein Glaser zu sein: "Es war nicht mein Thema". – Das, was bleibt, das Stückwerk der Belege im Einzelnen, soll der Kommentar leisten.
 
 

4. Säulen und Wände

Die (von Gervasius an wesentlichen Stellen abgeschriebene) Imago Mundi des Honorius Augustodunensis baut, insgesamt gesehen, ihr "Weltbild" von unten nach oben, genauer: Zuerst geographisch in die Ferne, dann die Elementenschichtung in die Himmel hinauf; dann von den kleinsten Zeiteinheiten aus durch die größeren in die astronomischen, schließlich die Folge der Weltalter. Gervasius dagegen folgt – mit Petrus Comestor – dem Sechstagewerk, bildet es aber durch thematische Ausgriffe enzyklopädisch aus. Dabei ist das erste Kapitel der 1. decisio von größtem Gewicht, indem dort die Sphärenzwiebel gewissermaßen von außen nach innen hin Schicht für Schicht abgeschält wird: Er baut von oben nach unten, wie es dem neuplatonischen Emanationsmodell entsprochen hätte, aber wie bei Honorius gibt es bei ihm dann einen Wendepunkt der Betrachtungsrichtung durch das Motiv des "Menschen als Mikrokosmos". Keine Stufung der Werte wie bei Dante, kein Lichtverlust wie bei Dionysios Areiopagites im Weg hinab: Die Interpretation des Johannesprologs als Zusammenwirken und Ineinander aller mundus-Zuschreibungen am Ende des Kapitels entspricht der Zentralität der Erde und dem Grundsatz Tu in principio Domine terram fundasti, ohne die Boshaftigkeit des Menschen leugnen zu wollen: Sie ist um so beklagenswerter, als der mundus selbst in allen seinen Aspekten der "Weisheit" die gebührende Ehre zollt. Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang die Katharerdiskussion des zweiten Kapitels: In Gervasius' Augen ist an dem mundus nichts wirklich übel; was so scheint, dient der Erziehung des Menschen.
Es ist daher erstaunlich, daß er den Deus malus der Katharer als einen Vergelter, Richter, Weltpolizisten beschreibt – worin er von allen sonstigen Darstellungen des Dualismus abweicht: Die Rolle des strafenden Richters ist nicht einmal mehr streng dualistisch, da sie in der Gerechtigkeitsidee des vergeltenden Ausgleichs nur das Pendant der friedlichen Güte entwickelt, die von jenem Tatenspiegel eben geschützt wird. Und diese beiden komplementären Seiten des Gerechtigkeitswesens bilden sich auch in der irdischen Regierung heraus: Priestertum und Königtum.
So abgetrennt die prefatio in thematischer wie zeitlicher Hinsicht dasteht, so sehr muß doch die Übereinstimmung der dualistischen Charakteristik der beiden "Dei" in der sentenzienhaft-knappen Darstellung der Katharerlehre (1.decisio c.2) mit der "rex-et-sacerdos"-Dualität in der "collatio", die dieses Vorwort des Gervasius ausmacht, überraschen: Das Grundmodell, das er bei den Katharern findet (oder zu finden glaubt), überträgt er auf den ideellen Hintergrund, die Aufgabenpolarität von Priester- und Königtum, wobei er sich nicht davor scheut, die weltliche Gerechtigkeitsausübung des Königtums mit dem vergeltenden Wirken des Deus malus zur Deckung zu bringen. Aber die Mittelbegriffe dieser Übereinstimmung sind deutlich: Die vergeltende Gerechtigkeit entspricht dem Gott des alten Testaments, den die Katharer als nicht identisch mit dem Vater des Lichts ansehen, den Gervasius natürlich als Vater auch der Weltneuschöpfung sieht, und so sind die beiden Pole der Gerechtigkeit – Vergeltung und Vergebung - bei Gervasius im rex et sacerdos Christus zusammengeschlossen, während die beiden Dei der dargestellten Katharerlehre eine solche "Synthese" bestenfalls in der Form kennen, daß der vergebende Gott sich in der konversiven Erkenntnis als die lichte Realität, der Büttelgott dagegen sich nur als vorübergehender Schatten erweisen wird, wobei allerdings auch seine materielle Weltschöpfung mit ihren farbigen Schattierungen im Lichtfeuer ertrinken und versinken muß. Aber ist der Ausklang der Praefatio nicht ähnlich, diese iktisch-metrische Hymne auf die Himmelsherrschaft jenseits aller zeitlichen Fleischlichkeit? Da spielen Augustinismen herein, die zu den bildhafteren Motiven der Otia in Spannung geraten können; aber in Anbetracht der Tatsache, daß zur Abfassungszeit der Addressat der prefatio, Kaiser Otto IV., dem Papst Innocenz III. im Kampf um die imperialen Ansprüche unterlag, ist dieser Abschluß noch vergleichsweise milde, indem er durchaus noch offen läßt, wem in der Christus-Synthese beider Weltlenkungen das imperium zusteht. In der Offenheit liegt die Antwort: dem rex et sacerdos in seiner superempyreischen Apotheose, aus dessen Wirklichkeit die beiden Vollzugsweisen der Gerechtigkeit immer hervorgehen. Daß dabei die vergebende Gestalt die vergeltende im Laufe der historischen Erziehung und Entwicklung der civitas Dei umwandeln soll, während die vergeltende der vergebenden Wurzel und Wirkkraft gibt, hebt die Legitimation der irdischen Herrschaft noch nicht auf; diese Umwandlung der Herrschaft bedeutet aber eine zeitliche Ordnung: wie das alte Testament dem neuen, wie die Weltreiche dem Gottesreich, wie der Körper dem Leib, so gehe die Waffengewalt der Wortmacht zeitlich voran.
Auch der angesprochene Kaiser ist wohl ein waffengewaltiger Analphabet, was nicht heißt, er habe keine Bildung (s. Hans Martin Schaller: Das geistige Leben am Hofe Kaiser Ottos IV. von Braunschweig, in DA 45, 1989, S.54-82); der Gegenspieler Innocenz allerdings ist ein Inbegriff an Belesenheit, ein Meister des Zitatbelegs, treffsicher und dabei maßvoll in der rechtlichen Anwendung der Bibelstellen und von Gratian gesammelten Rechtsentscheide; das Kaisertum/Königtum ist bei der biblischen Legitimation nicht im eigenen Element, auch einem Barbarossa mußten die Bischöfe den Prototypus David vormalen; archaische Empfindungen von Königsheil und Führungskraft geben die Substanz der Legitimation, durchaus mit der Messias-Typologie Davids christianisierbar. Aber gerade das beliebteste Interpretationsverfahren der Kirchenväter, die archetypologische Deutung der alttestamentlichen Gestalten, hat die Kirche im eigenen Sinne verwendet und festgelegt: Die vielen Psalmstellen, die die priesterlich-messianische Würde des Königtums feiern, sind schon längst für die imperiale Würde des Papstes in Anspruch genommen. Die Priesterkultur verwaltet die Schrift, die Tradition und das aus ihr zu schöpfende Recht; es entspricht dieser Asymmetrie, wenn die monistisch-theokratische Version der Zweischwerterlehre den Inbegriff der Legitimationsfähigkeit, den Papst (vor allem einen Innocenz III.!) als gnädigen Stifter der kaiserlichen Exekutive ansieht. In einem Spottlied auf Otto IV. wird allerdings auch der Papst in die Groteske hineingezogen: Er ist selbst mit dem Schwert gegürtet, das er doch weitergeben soll, und bezieht das "Töpfer"-Motiv des Königsweihepsalms (Ps 2,9) unmittelbar auf das eigene Amt, wenn nicht gar die eigene Person. Wegen der Verwandtschaft der ersten Strophe zum Grundmotiv der "Collatio", der vergleichenden Untersuchung von Priester- und Königs-Legitimation in der prefatio, sei dieses Lied hier angeführt. (Man beachte auch das Horazzitat Ars poet. 343: omne tulit punctum, qui miscuit utile dulci in der 1. Strophe, das als titelerklärendes Motto den "Mußestunden" hätte voranstehen können):

Überlieferung: Florenz, Bibl. Mediceo-Laurentiana, Cod.Plut.XXIX 1, Bl.435v-436r (= L). Darmstadt, Hess. Landes- und Hochschulbibl., Cod.2777, Bl.3r (= D).
Druck: Rieger, Zwei Gedichte aus der Zeit Ottos IV. aus Cod.1 im Plut.XXIX Bibl.Laur., in: MIÖG1, 1880, S.125f Nr.2; Worstbrock, Politische Sangsprüche Walthers im Umfeld lateinischer Dichtung seiner Zeit, in: Walther von der Vogelweide, Borck-Festschrift 1988, S.79f. – (Text aus Worstbrock:)

Rex et sacerdos prefuit
Christus utroque gladio
Regnum in ipso floruit
Coniunctum sacerdotio.
Utile dulci miscuit
Sed sub figura latuit
Huius iuncture ratio.
 
Otho, quid ad te pertinet?
Que(a) te rapit presumptio?
Cessa(b), iam casus imminet(c),
Iam vicina subversio(d),
Que reprobum exterminet.
Ut Saulem eliminet,
Davit fiet inunctio.
 
Exclamat(e) Innocentius:
Ledor, quem feci, baculo,
Conversus in me gladius,
Cuius cingebar capulo.
Vas est collisum figulo.
Fortior ille vasculo
Franget ergo fragilius.
 

   a) Quo D   b) V.8f ohne Fragezeichen; Celsa? Iam casus Rieger   c) eminet D   d) vicino subvercio D   e) Exclamet D
 

Von solchem Spott ist Gervasius weit entfernt. Dem Schlußstein rex et sacerdos des Herrschaftsgewölbes gibt er eine reichhaltige Stütze archetypologischer Begründung: Beide Säulen der Legitimation, die priesterliche wie die königliche, stehen auf einem guten alttestamentlichen Grund; die Empörung des Volkes gegen die Theokratie, die Erwählung des Saul, muß nicht als letzte Ableitung des Königtums herhalten; auch nicht die Deszendenz der Weltreiche von Ninus und Belus ist der einzige Träger der translatio imperii; das Paar Moses und Aaron ist dem immer benutzten Paar Samuel-Saul zuzugesellen. Die weiteren möglichen Paare dieser Art kommen allerdings nicht zur Besprechung: Kain und Abel (bzw. Seth); Melchisedek und Abraham; die Doppelreihen der Propheten und Könige vor dem Exil und noch im Exil, wo doch die Verbindung der weisen Seher mit dem Strom der Weltreiche in apokalyptischer Gesamtschau zum Ausdruck kommt. Gervasius reduziert diese Vergleichung auf die letzte Synthese - erstaunlicherweise in Petrus – und auf die (angebliche) Metamorphose des Weltreiches zu einer Theokratie durch Konstantin.
Dabei ist weniger die unmittelbare Beweiskraft der zitierten "Konstantinischen Schenkung" genutzt, als vielmehr der arg verflochtene historische Legitimationsstrang des westlichen Kaisertums angesprochen: Wurde Karl vom Papst gesalbt und gekrönt, so muß der Papst die entsprechende sakramentale Kraft gehabt haben. Diese kann sich als Salbungsrecht nur von Christus selbst herleiten: Typologische Grundlage ist die Schlüsselgewalt im Himmel und auf Erden, die ihren Ektypus in der Anerkennung dieser imperialen Funktion des Petrusvertreters durch Konstantin gefunden hat. "Petrus" ist dabei eher als Archetypus des von Christus eingesetzten "Imperators" im Himmel und auf Erden gemeint, denn als "Urpapst", denn das von Konstantin übergegebene Imperium wird an Karl weitergerreicht. Auch dieser Translationsschritt begründet sich in der Petrustypologie: Die Übersendung der Schlüssel des Petrusgrabes an Karl Martell – wie Gervasius es in der 2.decisio darstellt – bildet den symbolischen Ausgangspunkt der Übertragung der imperialen Petrusfunktion. Nachdem Gervasius diese Verflechtung aufgezeigt hat, beläßt er es bei dem salomonischen Urteil bzw. der rhetorischen Frage: "Wer ist größer – der gibt oder der empfängt?" und führt den Bau mit seinen Säulen und Stützen in das Gewölbe mit dem grenzenlosen Ziel und Schlußstein aller Gerechtigkeit über.
 
 

5. Fußbodenmosaik und Ornamentik

Zurück auf den Boden, die Textgrundlage des Ganzen: Sobald der Text in eine flüssig lesbare Form gebracht wird und die Satzgliederung als Grundlage von Verständnis und Übersetzung geklärt wird, wird – zunächst bei der prefatio - Auge und Ohr von einer auffälligen Binnenstruktur der Gervasischen Prosa überrascht:

Sacerdos orat.                Rex imperat.
Sacerdos debita dimittit.  Rex errata pugnit.
Sacerdos animas ligat             et  solvit.
Rex corpora cruciat                et occidit.
Das ist nicht mehr die Zone der Grußformeln, für die die Kasuskongruenz der Attribute zum Addressaten im Dativ oder der Akkusativobjekte dessen, was dem Angesprochenen gewünscht wird, in der flektierenden Sprache leicht zu Gleichklängen führt - wie ja auch in der Grußformel dieses Werks in ganz besonderem Maße -, sondern "richtiger" Inhaltstext, nach dem Gelasius-Zitat davor
          Duo sunt imperator auguste  quibus hic mundus regitur
das erste "eigentliche" Satzgefüge der collatio: Sechs kurze Aussagen in mehrfacher Parallelen-Symmetrie,
a) drei Satzpaare genauester Entsprechung Subjekt zu Subjekt, Prädikat zu Prädikat, Objekt zu Objekt, Kopula zu Kopula in der doppelten Paarformel der Prädikate;
b) die drei Paarbildungen anaphorisch untereinander parallelisiert, indem die Subjekte der ersten Hälften und die Subjekte der zweiten Hälften jeweils identisch sind;
c) Homoioteleuta der acht Prädikate, ansatzweise auch der Objekte, auf den Endungen -at und -it (jeweils viermal) in der Reimstellung aabb abab.

Aber es bleibt Prosa, die Silben sind weder gezählt noch in Länge oder Iktus harmonisiert, sonst hätte auch das mehrsilbige Subjekt der Vorderglieder mit seinem einsilbigen Gegensubjekt – sacerdos mit rex – ausgeglichen werden müssen; immerhin sind alle Objekte dreisilbig, die Prädikate aber unsymmetrisch drei- oder zweisilbig verteilt. Die isomorphe Struktur der Satzgliederung in den genannten Parallelen und die Symmetrie der Homoioteleuta zeigt eine extrem kleingliedrige Reimprosa an, die hier auch der inhaltlichen Aussage entspricht und in sich noch einmal Klangmittel anwendet, wo dem Priestertum sanftere und dem Königtum härtere Klänge entsprechend den jeweiligen Prädikationen zugeordnet sind.
Folgt dieses Stück schon dem Gesetz der wachsenden Glieder, so ist eine Auflösung der kleingliedrigen "durchbrochenen Arbeit" in größere Teilsätze oder Sätze zu erwarten; in der Tat lockert sich dieses Gefüge in den folgenden Sätzen schon soweit auf, daß nicht mehr alles "reimen" muß.
Beispiele ähnlicher Engführung der "reimenden" Gliederung bieten vor allem die Stellen, die einen einführenden Anfang oder eine abschließende Apotheose aufzeigen wollen, so etwa im Übergang von der eigentlichen collatio zum Widmungsrahmen oder im dreizehnfachen Homoioptoton auf -o (neben einem achtfachen auf -is) im Ende der prefatio. Auch sonst ist eine nicht ganz gleichmäßig geführte Reimprosa bestimmend für diesen Vorspann, wobei sogar Zitate durch geringfügige Umstellungen in die Klangparallelisierung einbezogen werden, z.B. Rom 6,21 als Abrundung eines eng geführten Reimblocks oder das große Orosiuszitat zum "Ninus"-Beginn der Weltreichentwicklung, wo gleichfalls die Abrundung des Abschnitts die Engführung bis zum Wort-für-Wort-Reim steigert.
Ist nun das eigentliche Werk für die kaiserlichen Mußestunden, in unserem Fall die ersten neun Kapitel der ersten decisio, ähnlich geformt? Um diese Sachlage am Text selbst erkennbar zu machen, ist die Handschrift hier in einer bestimmten Weise wiedergegeben worden, die zugleich die mittelalterliche Interpunktion konservieren läßt und damit für die Orthographie eine möglichst große Texttreue garantiert: Anstatt im neuzeitlichen Sinne Punkte oder Kommata zu setzen, wo der Schriftstrom sinngemäße Einschnitte fordert, sind hier die Teilsätze so auf die Zeilen verteilt worden, daß die Umbrüche diese Gliederung mitanzeigen. Punkte kommen in der Handschrift auch als Verbindungszeichen vor, siehe besonders das Lehrstück über die zwölf Windrichtungen (cap.7), das in der Leibniz-Edition gerade aufgrund der ungewöhnlichen Verbindungspunkte verwirrt worden ist; – hier stören sie nicht mehr. Umgekehrt bestätigen die Punkte des Manuskripts oft den gewählten Zeilenumbruch, stehen ihm selten auch entgegen, wo aber gerade die Sinnkontinuität ungebrochenen Fortgang erforderlich macht. Auch die Zitate im Kommentar sind meistens in diese Zeilengliederung gebracht worden, wobei besonders bei Augustinus und Innocenz III. die Reimprosa und der allgegenwärtige Parallelismus gleichgeschalteter Teilsätze im Rahmen größerer Perioden deutlich wird; die Periodengefüge werden gleichzeitig überschaubarer.
Die übliche Druckdarbietung solcher Texte verdeckt diese Strukturen ähnlich, wie die "prosaische", nicht-versifizierte Schreibweise antiker Hexameter in mittelalterlichen Texten (so auch in diesem Manuskript) das Rhythmusgefühl des Lesers erforderlich macht, solche Stellen zu erkennen. Beispiele für letzteres sind die hexametrischen Zitate Lucan, Bellum civile 10,507f und c.7 Lucan, Bell.civ. 1,406-408.
Aber der Hauptgesichtspunkt für diese Zeilenumbruchs-Gestaltung ist hier der, eine Darstellung der Binnenstrukturen der Abschnitte zu ermöglichen, und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen können die Homoioteleuta und gleichfalls die häufigen Alliterationen und andere Klangmittel der Gliederung und Parallelisierung im Textstrom der Otia imperialia damit ohne weitere Hinweise optisch anschaulich werden. Es bleibt damit dem Leser überlassen, die Auffälligkeit oder Unauffälligkeit, das klangliche Gewicht oder die Zufälligkeit der aufscheinenden Gleichklänge selbst zu beurteilen: Wenn Gervasius mit Alliterationen oder Reimendungen arbeitet, bleibt es nicht bei zwei oder drei "Ähnlichkeiten", die genannten Stellen bilden regelrechte Ketten von Homoioteleuta, wobei die Satzunterteilung meistens noch natürlich bleibt und die wesentlichen Worte, zumeist auch parallelgeschaltete Satzteile, den Anklang oder das Echo durch den Abschnitt tragen.
Zum andern erlaubt der Zeilenumbruch die Anwendung eines weiteren Mittels zur Verdeutlichung der Textstruktur: Der enzykopädische Charakter des Werks kann transparent gehalten werden. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und nicht gleich alles Dichtung, was Entsprechungen verkettet und Parallelenscharen hintereinanderschaltet. Das Hauptmittel der inneren Sinnverknüpfung in der ersten decisio ist die Wiederholung. Die Ästhetik der Otia imperialia bewegt sich zwischen einer fast naiven Freude am Homoioteleuton und dem Reiz eines Eisenbahnfahrplans.
Der Vergleich mit der Imago mundi des Honorius Augustodunensis zeigt, wie ein anderer Autor, der ja auch von Gervasius "benutzt" worden ist, mit diesen Gliederungsmitteln umgeht. Die Imago mundi ist in Reimprosa geschrieben, aber oft bleibt der erwartete Reimschluß aus. Meistens sind es längere Teilsätze, parataktisch verkettete Aussagen, die damit parallel geschaltet werden, entsprechend ihren aufgezählten Inhalten; oft aber auch Satzteilreihungen, die dann die gleiche Verbalendung zeigen. Die ganze Imago mundi bevorzugt dabei ein einziges Homoioteleuton, auf -tur, unter den beiderlei Gestalten der 3.Singular- oder der 3.Plural-Endung der Passivformen, fast immer im beschreibenden Präsens; dazwischen Blöcke mit anderer Reimendung, jeweils mindestens vierfach je Abschnitt. Zusammen mit der Aufreihung der Aussagen, die meist aus Beda oder Isidor entnommen sind, macht dieser "arabische" Prosastil – siehe das Goethezitat in Anm.1 zur prefatio – einen naiven Eindruck. Gervasius fügt seine Blöcke komplexer, variantenreicher und manchmal geradezu spielerisch, obwohl sein Latein mit seiner Formfreude nicht Schritt hält: Liebrecht (im Vorwort seiner Teilausgabe, S.X) konstatiert, der Stil des Gervasius leide an "Unbeholfenheit, Anakoluthen und bis zur Unverständlichkeit getriebenem Schwulst". Man darf allerdings nicht immer die Leibnizedition zur Textgrundlage nehmen.
Die Kennzeichnung als Reimprosa trifft allerdings mehr auf die prefatio denn auf die 1. decisio zu; wenn die Lehrstücke dort den Eindruck einer rhythmischen Gliederung machen, dann liegt es zum einen am enzyklopädischen Wiederholungsstil, zum andern an der harmonischen Integration von Texten, die selbst zwischen Prosa und Versen angesiedelt sind, vor allem den Bibelzitaten. Der Sprachduktus – vor allem das variierende Wiederholen gleichartiger Aussagen, der "Parallelismus membrorum" als zwar noch nicht so benanntes, aber mannigfach nachgeahmtes Stilmittel – wirkt immerhin von der hebräischen Grundlage oder von der aramäischen Mündlichkeit über die sehr viel dürrere Septuagintaübersetzung in die naiv-spröde Sprechweise der Vulgata hinein, und in dieser zweifachen Brechung wirkt doch noch manches nach; dichterische Texte verlieren an poetischem Reiz, so besonders Psalmen und Propheten; Apostelbriefe können an sprachlicher Gestalt gewinnen, wie z.B. in der Jakobusbriefstelle (1,17f), die Gervasius am Ende der collatio zitiert, aus normaler griechischer Prosa in der lateinischen Übersetzung eine reimende Strophe geworden ist.
Wichtig für uns ist hier, daß von der Methode, in variierendem Ausdruck Gleiches immer wieder zu sagen, in der Septuaginta-vermittelten Vulgata meistens nur ein vergleichsweise trockener Wiederholungs-Schematismus übriggeblieben ist. Nun hat Latein mit dem Hebräischen – auch die "Siebzig" konnten sich dem nicht entziehen - gemeinsam, eine flektierende Sprache mit vielen Formenkongruenzen der Endungen zu sein, die vielen -im und -ekha und -enu im Hebräischen, die -is und -um und -ibus und was nicht noch mehr der häufigsten lateinischen Endungen; zu diesen "unwillkürlichen" Gleichklängen, deren reimender Parallelbau in der klassischen Prosa mit Recht variierend vermieden wird, die aber in den knappen Analogie-Formeln der Psalmen und Propheten leicht kristallartig anschießen können, kommt der natürliche Wohlklang des Lateinischen, wo die Psalmen (im Unterschied zu ihrer deutschen Übersetzung) singbar blieben und für die Mönche ja auch ein reiches Rezitationsarsenal boten.
Jedenfalls wirkt dieser Wiederholungsstil, zu dem das Dichtgut in der zweifachen Übersetzungsbrechung abgesunken ist, auf den Sprachduktus des Enzyklopädisten deutlich ein. Ohnehin ist Schreiben für Gervasius wie für seine Zeitgenossen in erster Linie Zitieren, Zitieren ist in erster LinieWiedergabe formelhafter Lehrstücke und Bibelrezitation, und diese soll nur das bereits Bekannte und in den gebildeten Gemütern Angelegte anamnetisch wecken.
So leitet sich der Wiederholungsstil des Gervasius nicht nur aus der enzyklopädischen Auflistung ab, sondern nährt sich auch aus dem Sprachduktus der Vulgata, deren Versprosa dann auch so glatt, als sei sie von gleichem Stoff, in das Beleggeflecht der Otia eingebunden ist.
 
 

Überlieferung: Ohne Vergleich mit der unübersehbaren Fülle von Handschriften des beliebten Werks wird hier Vatikan, Vat.Lat.933 (hier wie bei Caldwell = N), wovon mir für diese Arbeit eine Photokopie zur Verfügung steht, zugrundegelegt, da höchst wahrscheinlich diese Handschrift die eigenen Korrekturen und marginalen Ergänzungen (= Nc, "corr. an N") des Autors enthält: s. James R. Caldwell, The autograph manuscript of Gervase of Tilbury, in Scriptorium 11 (1957) S.87-98, besonders S.90, wonach f.18r und f.23r autorielle Ergänzungen in der ersten Person enthalten. – Gruppierung der Handschriften, Vorarbeiten zur Erstellung des durch Rückwirkungen verwickelten Stemmas und Untersuchung der mutmaßlichen Addenda des Autors in der Gruppe der Manuskripte, zu denen auch Vat.Lat.933 gehört, s. weitere Aufsätze Caldwells: Manuscripts of Gervase of Tilbury's Otia Imperialia, in Scriptorium 16 (1962) S.28-45; The interrelationsship of the manuscripts of Gervase of Tilbury's Otia Imperialia, in Scriptorium 16 (1962) S.246-274; Gervase of Tilbury's addenda to his "Otia Imperialia", in Mediaeval Studies 24 (1962) S. 95-126. - Die Edition von R. Pauli in MGH SS 27 S.361ff ist damit überholt, obwohl eine Neuedition noch aussteht.

Druck: Gesamtedition G.W. Leibniz, Scriptores rerum Brunsvic. Bd.1, Hannover 1707 S.881-1005 (hier = L); Bd.2 (1710) S.751-784 Emendationes et Supplementa. -
Nur prefatio (= collatio sacerdotii et regni) und geringe Auszüge des weiteren Textes unter Vergleich einiger Handschriften (ohne die hier zugrundegelegte Vat.Lat.933): E Gervasii Tilleberiensis Otiis Imperialibus ed. R.Pauli (1882) MGH SS 27 S.359-394.
 

Sekundärliteratur:

Borst, A: Die Katharer, Stuttgart 1953 (= MGH Schriften Bd.12)
Brinkmann, H.: Der Reim im frühen Mittelalter, in:
                 Die Genese der europäischen Endreimdichtung, ed. Ernst, U./ Neuser, P.-E.,
                 Darmstadt 1977, S.149-176
Dronke, P.: Fabula. Explorations into the uses of myth in medieval Platonism, Leiden/Köln 1974
Elze, R.: Die Ordines für die Weihe des Kaisers und der Kaiserin, Hannover 1960 (= MGH sep.ed.9)
Eichmann, E.: Die Kaiserkrönung im Abendland, Würzburg 1942
Hucker, B.U.: Kaiser Otto IV., Hannover 1990 (= MGH Schriften 34)
Kuhn, K.G.: Zur Geschichte des Reims, in:
                 Die Genese der europäischen Endreimdichtung, ed. Ernst, U./ Neuser, P.-E.,
                 Darmstadt 1977, S.22-33
Liebrecht, F.: Des Gervasius von Tilbury Otia imperialia, Hannover 1856; hier: Vorwort (s. Maaz)
Maaz, W.: Gervasius von Tilbury, in: Enzyklopädie des Märchens, Bd.5 Sp.1109-1122.
                Umfassende Bibliographie Sp.1116-1122.
                (Dort Sp.1118, Anm.25: "Die Liste der von Gervasius zitierten Autoren bei
                Liebrecht, S.XI Anm.9 ist irreführend.")
Nellmann, E.: Walthers unzeitgemäßer Kreuzzugsapell. Zur Funktion der Her-Keiser-Strophen des Ottentons.
                ZfdPh 98 (1979) Sonderheft S.22-60
Olson, G.: Literatur as recreation in the later middle ages, Ithaca/L. 1982
Schmugge, L.: Kanonistik und Geschichtsschreibung, in:
                 Zeitschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgesch. 99, Kanonistische Abt.68 (1982)
                 S.219-276 (zu Gervasius S.223 mit Anm.13)
Schnith, K.: Otto IV. und Gervasius von Tilbury. Gedanken zu den Otia Imperialia,
                 in: Historisches Jahrbuch 82 (1963) S.50-69
Schulze, H.-J.: Gervasius von Tilbury. Sein Leben, seine Staatsauffassung und sein Verhältnis zur Antike.
                  Diss. (Durchschlag des Typoskripts) Berlin 1955
Viarre, S.: La survie d'Ovide dans la littérature scientifique des XIIe et XIIIe siècle, Poitiers 1966
Worstbrock, Fr.J.: Politische Sangsprüche Walthers im Umfeld lateinischer Dichtung seiner Zeit,
                  in: Walther von der Vogelweide, ed. Müller, J.D./Worstbrock, Fr.J., Hamburg 1989
 

Primärliteratur, Vorlagen des Gervasius:

1. Bibel und biblisches Umfeld:

a) Biblia Hebraica Stuttgartensia, Editio minor, ed. Kittel u.a., editio secunda emendata, Stuttgart 1984;
    (hier = hebr.)
b) Septuaginta Societatis scientiarum Gottingensis auctoritate ed. Alfred Rahlfs, Genesis, Stuttgart 1926;
    (hier = LXX)
c) Novum Testamentum Graecum et Latine, ed. Nestle, Stuttgart 1914
    (hier = Mt, Mc, Lc, Ioh, Act, Rom, 1Cor, 2Cor, etc.)
d) Biblia Vulgata (Biblia sacra iuxta Vulgatam Clementinam) ed. Colungo, A./ Turrado, L., Madrid 41965;
    (hier = Gen, Ex etc., 1Rg (Sam), 2Rg (Sam), 3Rg, 4Rg etc., Iob, Ps, Prov, Sap, Sir (Eccli), Is, Ier, Ez etc.

Zitatweise: Konventionelle Abbreviaturen gemäß lateinischer Titulatur, punktlos; in Zweifelsfällen Alternative in Klammern: Bei Psalmstellen zuerst die Vulgatazählung, in Klammern die heute übliche hebr. Zählung. Hebr. und griech. Zitate in lateinische Schrift transliteriert, ohne Akzente, Ypsilon in Diphthongen als u.

Dutripon, F.B.: Bibliorum Sacrorum Concordantiae, Hildesheim/New York 1986 = Paris 181880
Lisowsky, G.: Konkordanz zum hebräischen Alten Testament, Stuttgart 21981
Mayer, R.: Der Talmud, ausgewählt, übers. und erklärt, München 51980
Schneemelcher, W.: Neutestamentliche Apokryphen, Tübingen 51987
Riessler, P. (übers.): Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel, Tübingen 1927; darin:
       a) Apokalypse des Baruch, griechisch, S.40-54
       b) Schatzhöhle, S.942-1013
       c) Sibyllinische Orakel 3.Buch, S.1014-1045
Haardt, R.: Die Gnosis, Salzburg 1967
Die Schöpfungsmythen: Ägypter, Sumerer, Hurriter, Hethiter, Kanaaniter und Israeliten
              (Übers. aus dem Französ.: La Naissance du monde, ed. Mircea Eliade), Darmstadt 1980
       Enûma elîsch

2. Antike:

Diels, H./ Kranz, W.: Die Fragmente der Vorsokratiker, 1.Bd., 171974 (= 61951)
Platon: Timaios, in: Platonis opera, ed. Burnet, J. Bd.4, Oxford 1902 ff (Zählung der Stephanus-Ausgabe);
            s.u. Calcidius' Kommentar
Aristoteles: Peri psyches, ed. Ross, W.D., Oxford 1956
                 Ta meta ta physika, ed. Jäger, W., Oxford 1957
                 Peri ouranou, ed. Allan, D.J. Oxford 1936
Philon von Alexandrien: Peri tes kata Moysea kosmopoiias (= De opificio mundi),
            ed. Goold, G.P., Harvard/London 1981
Publius Ovidius Naso: Metamorphoseon libri XV, ed. Ehwald, Berlin 1915
            (hier in der Übersetzung sehr frei, hexametrisch nachgebildet)
                                  Heroides, ed. Palmer, A., Oxford 21898
Marcus Annaeus Lucanus: Bellum civile (Pharsalia), ed. Duff, J.D., Cambridge/London 1928
Flavii Iosephi opera omnia, ed. Naber, S.A., Leipzig 1888
Disticha Catonis, in: Minor Latin Poets, ed. Duff, J.W./ Duff A.M., Harvard/London 1982
Ambrosius Theodosius Macrobius: Commentarii in Somnium Scipionis, ed. Willis, J., Leipzig 1973
Martianus Minneus Felix Capella: De nuptiis Philologiae et Mercurii, ed. Willis, J., Leipzig 1983;
             Liber VIII De Astronomia S.302-337
Calcidius (bzw. Calcidius): Timaeus, ed. Waszink, J.H. in: Plato Latinus Bd.4, London/Leiden 1962
 

Patristische und mittelalterliche Literatur:

Origenes von Alexandrien: Peri archon, (Rufinus-Übersetzung: De principiis),
              ed.Görgemanns/Karpp, Darmstadt 21985
Basileios von Kaisareia: Homiliai eis ten Hexahemeron, Migne PG 29 (hier = Hexahemeron)
Iohannes Damaskenos: Pege gnoseos 3 (Ekdosis akribes tes orthodoxou pisteos) Migne PG 94
Eusebios/Hieronymus: Chronologia, Migne PG 19
Gregorius Magnus, Dialogorum libri IV, Migne PL 77
Hadot, P./ Brenke, U. (übers.): Christlicher Platonismus.
              Die theologischen Schriften des Marius Victorinus, Zürich 1976
Aurelius Augustinus: De civitate Dei, ed. Dombart, B./ Kalb, A., Leipzig 1928 (hier = Civ); Vom Gottesstaat,
              Buch 11-22 kommentiert v. Andresen, C., Zürich 1955
Paulus Orosius: Historiarum adversus paganos libri VII, ed. Zangemeister, K., Wien 1882 (hier = Hist)
Gelasius papa: ep.8 ad Anastasium imperatorem, Migne PL 59 Sp. 41-47 (= Decretum Gelasianum)
Constitutum Constantini, ed. Fuhrmann, H., in: Fontes iuris Germanici antiqui, X, Hannover 1968
Isidor von Sevilla: Etymologiarum sive originum libri XX, ed. Lindsay, W.M., Oxford 1911 ff (hier = Etym)
Beda Venerabilis: Opera omnia -
               De tempore,
               De natura rerum (= DNR),
               De temporum ratione -, Migne PL 90
Honorius Augustodunensis: Imago mundi, ed. V.Flint, in:
               Archives d'histoire doctrinale et littéraire du moyen age 57 (1982) S.7-153
Wilhelm von Conches: Philosophia mundi, ed. Maurach, Gr., Pretoria 1980
Petrus Comestor: Historia scholastica, Genesis, Migne PL 198 (hier = Petr.Com. 1)
Gratian: (Concordia discordantium canonum), Decretum Magistri Gratiani,
               ed. Friedberg, E., Leipzig 1879 (Graz 1955)
Innocentius III., opera omnia Migne PL 214-217
Regestum Innocentii III. papae super negotio Romani imperii, ed. Kempf, F., in:
               Miscellanae Historiae Pontificii 12, Rom 1947 (= RNI)
Walther von der Vogelweide (ed. Lachmann), neu-ed. Kraus, C. von, Berlin 121959
 

KAPITELÜBERSCHRIFTEN der ersten decisio
(gemäß Manuskript N)

   a) initiales D fehlt in der ganzen Spalte vor großem E (DE) in N, zur Rubrifizierung offengelassen; Nummerierung (römisch) nach L, N ohne Nummerierung   b) et quot modis dicitur mundus Titel zu c.I., s.u.   c) divinitas suppungiert N, korr.Nc   d) hereticorum om. Titel zu c.II., s.u.   e) et L, om. N; De sole et luna et stellis et signis Titel zu c.V., s.u.   f) quod N   g) distinguitur annus L   h) De ornamentis aeris et ventis Titel zu c.VII. in L und N, s.u.   i) fluviis paradisi Titel zu c.XI.; de rore... schließt in N ohne Absatz an   j) et om. Titel zu c.XII.   k) et N, om. L; De ligno vite ligno scientie... Titel zu c.XIV.   l) boni et mali historia Titel zu c.XIV. L aufgrund Integration der Glosse historia   m) de om. L und Titel zu XIX.   n) Strabonis auctoritate Titel zu c.XXI   o) XXII. De Enos et Methusalem L, om. N, aber Titel zu c.XXII. De Enos et Matusale   p) et om. L

 
  Es folgen die Kapitelüberschriften des folgenden Werkes:

   1. Über den Ursprung der Welt und ihre Schöpfung, und was alles "Welt" und "Himmel" heißt.
   2. Die Verschiedenheit der Meinungen und die Widerlegung der heterodoxen Albigenser.
   3. Über die räumliche Aufarbeitung des Chaos.
   4. Über die Gestaltung der Atmosphäre.
   5. Über Sonne, Mond, Sterne und Zeichen.
   6. Auf wie viele Weisen das "Jahr" definiert wird.
   7. Über die Ausstattung der Atmosphäre und die Windrichtungen.
   8. Über Zugtiere, Kriechtiere und Raubtiere.
   9. Über die Schöpfung von Seele und Geist.
 10. Über die vier Weltreiche, die fünf Weltzonen und das Paradies.
 11. Über die Quelle und die vier Flüsse.
 12. Über den Tau des Himmels und Wolken und Nebel.
 13. Über das Meer.
 14. Über den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
 15. Über die Öffnung der Augen nach der Sünde.
 16. Über das "wendige Schwert".
 17. Über die zwei Paradiese und Höllen.
 18. Über Faune und Satyrn.
 19. Über die Söhne Adams und ihre Trennung und den ersten Staat.
 20. Über die Erfindung der Musik und der vielen Künste.
 21. Über Seth und seine Nachkommenschaft.
 22. Über Enos und Methusalem
 23. Über die Ursache der Sintflut.
 24. Über Sintflut, Arche und Regenbogen.

Ende der Kapitelüberschriften.
 
Constitutum Constantini (die "Konstantinische Schenkung", mittelalterliche Fälschung)

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vgl. die "Vorlagen" des Gervasius:
Constitutum Constantini, Honorius Augustod.: Imago Mundi und Petrus Comestor: Historia Scholastica
 
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