Sobald sie sich so ausgesprochen und mit weit
geöffneten Lippen den Sohn
lange und fest geküßt hat, eilt sie
zum nächsten Strand der brandenden Küste
und mit rosigen Sohlen betritt sie den Tau oben
auf den vibrierenden Fluten
und siehe: schon läßt sie sich nieder
auf der heiteren Wölbung des tiefen Meeres
und da – was sie kaum schon will, nein sofort,
als habe sie es bereits befohlen -
ihr Meeresgefolge zögert nicht: da sind
die Nereustöchter, sie singen im Chor,
und Portunus, verzottelt mit blauem Bart, und
schwer von der Fischlast Salacia,
und der putzige Lenker des Delphins, Palaemon;
schon springen allseits durchs Meer Tritonenscharen
der eine bläst sanft das tönende Muschelhorn
der andere schützt mit seidenem Schirm vor
dem Brand der feindlichen Sonne,
ein dritter hält der Herrin einen Spiegel
vor die Augen,
wieder andere schwimmen unten vorm Wagen zu zweit;
so begleitet ihr Heer Venus bei ihrer Ausfahrt
auf den Ozean.
Wenn
einigen kunsthistorisch bewanderten Lesern diese Szenerie des Venus-Abschieds
in "Amor und Psyche" bekannt vorkommt -- ja, das entspricht ohne all zu
große Differenzen Raffaels "Triumph der Galatea" im Gartensaal (Sala
dei Pianeti) der Villa Farnesina in Rom. Daneben befindet sich zwar ein
etwas älterer "Polyphem" des Sebastiano del Piombo, insofern also
tatsächlich eine "Galatea" als dessen Ergänzung (auch von Raffael
in einem Brief von 1514 an Castiglione so genannt); von Blosio Palladio
wird die dargestellte Meeresgöttin in seinem "Suburbanum Augustini
Ghisii opus" aber in unserem Sinne als "Venus" bezeichnet. Nun
legt nicht nur die Verwandtschaft zur hier oben dargebotenen Apuleius-Stelle,
sondern auch das Umfeld des Raffaelbildes in der Villa Farnesina die Deutung
als "Venus" nahe: In der Tat zeigen 12 Fresken Raffaels (aus dem Jahre
1517) im gleichen Hause, nämlich 10 Dreieckfelder und die beiden Deckenbilder
in der diesem Raum benachbarten Erdgeschoß-Loggia, nichts anderes
als eben eine vollständige Szenenfolge der wesentlichen Stationen
des Märchens von Amor und Psyche.
Ein engerer Zusammenhang des Raffael-Freskos mit dem Venus-Abschied bei
Apuleius läßt sich kaum knüpfen.
Und
doch muß ich aufgrund einer weiteren Entdeckung wieder umschwenken
in der Argumentation. In der Tat enthält Raffaels Fresco trotz aller
Übergänge und fließenden Identifizierungen der antiken
"Venus maritima" in erster Linie eine regelrechte "Galatea", wie sich durch
das Bildprogramm des Polyphem-Galathea-Kapitels
in den "Eikones" (Bildbeschreibungen) des Philostratos
(1.Hälfte des 3.Jhds n.Chr.) belegen läßt, das ganz offensichtlich
von Raffael seinem eigenen Bild programmatisch zugrundegelegt worden ist,
wobei aber doch einiges von der beschriebenen Geste der Meeresnymphe (das
über den Kopf gehaltene Tuch, Abwinklung des Arms) eher noch auf die
von einem Triton umfaßte Gestalt links zu passen scheint als auf
die mädchenhafte Göttin in der Mitte (eikones
II 18,4): hê
de en hapalêi têi thalassêi
paizei tetrôron delphinôn xunagousa
homozugountôn
kai tauton pneontôn
Sie aber: in der
sanften See spielt sie, das Viergespann der Delphine zusammenführend,
die unter
gemeinsamem Joch auch synchron schnauben;
parthenoi
d' autous agousi Tritônos hai dmôai tês Galateias epistomizousai
sphas
ei ti agerôchon
te kai para tên hênian prattoien
Jungfrauen Tritons
führen sie, Dienerinnen Galateias, sie zügelnd,
wenn sie sich
etwas übermütig und auch gegen das Zaumzeug gebärden.
hê
d' huper kephalês halipophuron men lêidion es ton
zephuron airei
skian heautêi
einai kai histion tôi harmati aph' hou kai augê
tis
epi to
metôpon kai tên kephalên hêkei oupô hêdiôn
tou tês pareias anthous
Sie aber: über
ihrem Haupt hält sie ein meerespurpurnes Schleiertuch in den Zephyr,
um Schatten
zu haben und ein Segel für ihr Gefährt, von dem auch ein gewisses
Lichtspiel
auf ihre Stirn
und ihr Haupt fällt, nimmer jedoch so lieblich wie die Blüte
ihrer Wange;
hai komai
d' autês ouk aneintai tôi zephurôi
diabrochoi
gar dê eisi kai kreittous tou anemou
ihre Locken aber
werden nicht emporgewirbelt vom Zephyr,
denn ganz
feucht sind sie und zu schwer für den Wind;
kai mên
kai ankôn dexios ekkeitai leukon diaklinôn pêchun
kai anapauôn
tous daktulous pros hapalôi tôi ômôi
und aber ihr rechter
Ellbogen ist abgespreizt, der weiße Unterarm eingewinkelt,
und läßt
die Finger auf der zierlichen Schulter ruhen,
kai ôlenai
hupokumainousi kai mazos hupanhistatai
kai oude
tên epigounida ekleipei hê hôra
und die Oberarme
schwellen sanft an, und der Busen ist straff,
und auch dem
Knie fehlt nicht der Reiz;
ho tarsos
de kai hê sunapolêgousa autôi charis ephalos
ô pai gegraptai
kai epipsauei
tês thalattês hoion kubernôn to harma
die Fußsohle
und die in sie auslaufende Anmut ist über dem Meer, mein Junge, gemalt,
und sie berührt
die See, als steuere sie das Gefährt.
thauma
hoi ophthalmoi
blepousi
gar huperorion ti kai sunapion tôi mêkei tou pelagous
Ein Wunder sind
ihre Augen,
den sie blicken
ins Grenzenlose, Mitfortgerissene in die Weite des Ozeans.
Wieder
einen Schritt weiter in der Verwandlung von der Venus aus "Amor und
Psyche" zur raffaelischen Venus/Galatea auf dem Meer -
Galatee:
O Vater! das Glück!
Delphine verweilet! mich fesselt der Blick!
Nereus: Vorüber
schon, sie ziehen vorüber
In kreisenden Schwunges Bewegung!
Was kümmert sie die innre, herzliche Regung!
Ach! nähmen sie mich mit hinüber!
Doch ein einziger Blick ergötzt,
Daß er das ganze Jahr ersetzt.
Thales:
Heil! Heil! aufs neue!
Wie ich mich blühend freue,
Vom Schönen, vom Wahren durchdrungen ...
Alles ist aus dem Wasser entsprungen!
Alles wird durch das Wasser erhalten!
Ozean, gönn' uns dein ewiges Walten!
Wenn du nicht Wolken sendetest,
Nicht reiche Bäche spendetest,
Hin und her nicht Flüsse wendetest,
Die Ströme nicht vollendetest,
Was wären Gebirge, was Ebnen und Welt?
Du bist's, der das frischeste Leben erhält.
Echo (Chorus der sämtlichen Kreise):
Du bist's, dem das frischeste Leben entquellt.
Nereus: Sie kehren schwankend fern
zurück,
Bringen nicht mehr Blick zu Blick;
In gedehnten Kettenkreisen,
Sich festgemäß zu erweisen,
Windet sich die unzählige Schar.
Aber Galateas Muschelthron
Seh' ich schon und aber schon.
Er glänzt wie ein Stern
Durch die Menge.
Geliebtes leuchtet durchs Gedränge!
Auch noch so fern
Schimmert's hell und klar,
Immer nah und wahr.
Homunculus:
In dieser holden Feuchte
Was ich auch hier beleuchte,
Ist alles reizend schön.
Proteus: In dieser Lebensfeuchte
Erglänzt erst deine Leuchte
Mit herrlichem Getön.
Nereus: Welch neues Geheimnis in
Mitte der Scharen
Will unseren Augen sich offengebaren?
Was flammt um die Muschel, um Galatees Füße?
Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süße,
Als wär' es von Pulsen der Liebe gerührt.
Thales: Homunculus ist es,
von Proteus verführt...
Es sind die Symptome des herrischen Sehnens,
Mir ahnet das Ächzen beängsteten Dröhnens;
Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron;
Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon.
Sirenen: Welch feuriges Wunder verklärt
uns die Wellen,
Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?
So leuchtet's und schwanket und hellet hinan:
Die Körper, sie glühen auf nächtlicher Bahn,
Und ringsum ist alles vom Feuer umronnen;
So herrsche denn Eros, der alles begonnen!
Heil dem Meere! Heil den Wogen,
Von dem heilgen Feuer umzogen!
Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
Heil dem seltnen Abenteuer!
All-Alle: Heil den mildgewogenen
Lüften!
Heil geheimnisreichen Grüften!
Hochgefeiert seid allhier,
Element' ihr alle vier!
°
* )
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Nachtrag
zum Gefolge der Venus in "Amor und Psyche": "Der Triton mit
dem Sonnenschirm" (vgl.
die Mitte des Venus-Auftritts im Apuleius-Text
oben) -
so betitelte Arno Schmidt seine Analyse (Süddeutscher Rundfunk 1.
Programm, 10. Nov. 1961 22.30-24 Uhr) von
Finnegans Wake,
dem berühmten kryptischen Spätwerk von James Joyce. Die
Partie des Werkes (FW, S.63), wo dieser Triton "erwähnt wird"
(bzw. versteckt ist) -
Fifthly, how
parasoliloquisingly truetoned
on his first time of hearing the wretch's statement
that, muttering Irish,
he had had had o' gloriously
a'lot too much hanguest or hoshoe fine to drink
... ... -
wurde
von Arno Schmidt selbst folgendermaßen aufgeschlüsselt:
fünftens, wie er,
der Triton mit dem Sonnenschirm,
im Brustton des Miß=Selbstgesprächs,
zum ersten Mal die Behauptung jenes Elenden vernahm,
der auf Gut=Irisch zu stottern anhub,
der hätt=hätt=hätt oh Gloria
'n Schlag zuviel vom Hengist=& Horsa=Bräu
gezischt, ... ...