Feire Fiz (Hans Zimmermann) : Materialien und Quellen für Forschung und Unterricht : Griechisch / Latein & Ethik / Weltreligionen / Philosophie
conexus
Wozu Latein? 
  
[Hans Zimmermann] 
Griechisch / Latein 
& Ethik / Weltreligionen / Philosophie
ad paginam domesticam auctoris
 
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    Latein war in den ersten drei Jahrhunderten nach der Gründung unseres humanistischen Görlitzer Gymnasiums im Jahre 1565 die Sprache, in der der gesamte Unterricht gehalten wurde. Alle Schüler der Schule lernten bis zum 19.Jhd. Griechisch, viele auch Hebräisch. Als erste Neusprache kam im 19.Jhd. Französisch hinzu. 

    Wozu Latein? 
     
    Die eigentliche Basissprache unserer Kultur ist Griechisch: Alle Wissenschaften (außer der recht jungen Chemie) wurzeln in dem, was in der griechischen Klassik und seit Gründung der Universität von Alexandria (3.Jhd.v.Chr.) im ganzen hellenistischen Kulturraum (d.h. auch im vorderen Orient) an Forschung begonnen hat: Philosophie, Mathematik (Arithmetik und Geometrie), Biologie, Physik, Geographie, Astronomie, Historiographie (Geschichte), Philologie (Sprachwissenschaften mit quellenkritischer Aufarbeitung der alten Texte), praktisch geübte Rhetorik, später dann auch die Theologie – alle diese Wissenschaften zeigen schon durch ihre griechischen Namen ihre Ursprünge. 
    Übermittelt wurden die Texte und Inhalte aber auf Latein: Von den Römern an über die Schwelle der Völkerwanderung hinweg das Mittelalter hindurch, auch mit immer neuen Übersetzungen z.B. aus dem Arabischen ins Lateinische, in der Renaissance dann unmittelbar aus dem Griechischen, und nicht zuletzt dann in den großen wissenschaftlichen Werken der frühen Neuzeit (Descartes, Leibniz, Newton, Hobbes usw.) – mindestens 1500 Jahre lang wurde der "Saft" des Wissens von der griechischen Wurzel über den lateinischen "Baumstamm" des Abendlandes in die Äste der europäischen Völker hineingeleitet, wenn dann die Blätter des Baumes seit dem 18. Jahrhundert auch eher in den Neusprachen aufgingen: zwei Jahrhunderte lang universell im Französischen als der edelsten romanischen Sprache, seit dem Ende des 20. Jahrhunderts im Englischen als universeller Verkehrssprache. 
    Natürlich ist der lateinische Wortschatz auch über den wissenschaftlichen Bereich und die Fachsprachen hinaus Grundstoff der romanischen Sprachen (und damit der Weltsprachen Spanisch, Portugiesisch und Französisch), zu etwa einem Drittel auch des Englischen. 
     
    Die Hauptwirkung des Lateinunterrichts liegt aber aller Erfahrung nach gar nicht so sehr im leichteren Erlernen romanischer Sprachen und im Erwerb der Fachterminologien vieler Wissenschaften, sondern – im Ausbau des eigenen Hauses, im Sprachbewußtsein der eigenen Muttersprache, des Deutschen. Das ist zugleich die verborgenste, unmerklichste und doch die tiefgreifendste, stabilste, fruchtbarste Wirkung des Lateinunterrichts: Sprachreflexion der eigenen Muttersprache, mit der entsprechenden Ausdrucksfähigkeit und Analysefähigkeit. 
     
    Der Hauptunterschied gegenüber den Neusprachen ist, daß wir nur von der Fremdsprache in die Muttersprache übersetzen und uns nicht in der Fremdsprache unmittelbar verständigen. Latein ist also gewissermaßen eine "halbe" Sprache, die andere Hälfte ist eben die Sprachreflexion des Deutschen. Die Kommunikation, die das Wesen jeder Sprache, auch der Altsprachen, ausmacht, liegt in der Begegnung mit den Klassikern unseres Kulturraumes: Wir führen Gespräche über Jahrtausende hinweg, denn – 
     
    "Wer nicht von dreitausend Jahren 
     sich weiß Rechenschaft zu geben, 
     bleibt im Grunde unerfahren, 
     wird von Tag zu Tage leben" 
    (Goethe, West-östlicher Diwan) 
     
    Hans Zimmermann, Lehrer für Latein, Griechisch, Hebräisch und Philosophie 
    www.12koerbe.de 

 
 
Wozu Latein?
    A.: In den letzten Tagen war ich ein paar Mal im Stadtarchiv, um etwas über die ersten Jahrhunderte unseres Gymnasium Augustum zu erfahren: Franziskanerklosterschule, Lateinschule, Melanchthons Schüler usw. Ein Stundenplan aus dem 18. Jahrhundert (natürlich auf Latein) zeigt, daß fast alle Unterrichtsstunden ein Teilfach von Latein oder Griechisch waren, bis auf das kleine Wörtchen „arithmetica“ zwischendrin. Also ein bißchen gerechnet wurde auch - im antiken Sprachkleid: Euklids Geometrie im Urtext – sonst aber nur übersetzt und kommentiert, es wurden Reden nach antiker Rhetorik geübt, es wurde in den griechischen Versmaßen des Horaz gedichtet, gesungen natürlich auch, aber alles auf Latein. Überall in diesem Stundenplan kam geradezu das Grundgewebe zum Vorschein: Latein, Latein, La- - 
     
      B.: Eine Kokosmatte von Etüden! Zöpfe von Stroh: „displicent nexae philyra coronae“ – „verhaßt sind mir um Bast gewundene Kränze“ (Horaz). Ist etwas schon deshalb gut, weil es alte Tradition ist, vor allem, wenn es dermaßen übertrieben wird? Diese Mumienwickelei an toten Sprachen, und noch Griechisch, und noch Hebräisch, wie wäre es mit neu- und altbabylonisch? Wozu soll das gut sein? 
       
    A.:  Latein ist nicht nur Tradition, sondern der eigentliche Träger der literarischen Überlieferung, für viele Jahrhunderte überhaupt der einzige Wissensträger, bis Melanchthon das Quellenstudium am Griechischen wieder eingeführt hat. Du weißt ja: Die ersten vier Schulleiter waren Schüler dieses Humanisten. Gewiß müßten wir selbst auch Griechisch vermitteln: In dieser Erweiterung und Vertiefung bestand die eigentliche Gründung dieses Gymnasiums, über die Lateinschule hinaus; und außerdem ist die griechische Literatur viel interessanter: Philosophie, Geschichte, Dichtung – in all dem waren die Griechen den Römern das kaum erreichbare Muster. Auch Whitehead, der mit Russell zusammen in den Principia Mathematica die moderne Mathematik auf logische Grundlagen gestellt hat, sagt, daß alle Philosophie nur aus Fußnoten zu Platon besteht. 
    Und der Ulisses von James Joyce – ist das nicht eine Variation zu Homers Odyssee? Wie in den anderen großen Epen der Menschheit, in den ersten und ältesten - Gilgamesch, Aeneis, Perceval, Don Quixote – das sich suchende Bewußtsein, die Irrfahrt, die Suche nach dem Ursprung! 
     
      B.: Genug, genug! Was ist denn „ältest“ an dem verrückten Spanier? Wenn du schon so dicht an die Gegenwart heranrückst, nennst du wohl gleich noch Kubricks „2001, Odyssee im Weltraum“ – - 
       
    A.: Sagtest du Odyssee? 
     
      B.: Kommen wir nach Hause! Wäre es nicht besser, die geistige Energie der Schüler und ihre Gedächtniskapazität zum Lernen von Neusprachen zu nutzen? 
       
    A.: Gewiß. Warum nicht gleich die meistverbreitete und damit wichtigste Sprache auf Erden? Sieh zu: Ein Fünftel der Menschheit spricht Chinesisch, dreimal so viel wie Englisch. Na? Ich sehe schon, das ist dir zu neu. Und die Tausende von Schriftzeichen ... also wenigstens für die Schrift bleibst du gewiß lieber bei Latein. 
     
      B.: Ja, bei lateinischer Schrift und arabischen Ziffern. 
       
    A.: Indischen, um genau zu sein. Wir sind multikulturell von jeher – und kennen unsere Wurzeln so schlecht! 
     
      B.: Bleib praktisch. Schlüsselfähigkeiten, meinetwegen von der Schrift bis zum Dezimalsystem und darüber hinaus, sind wichtiger als – - als deine Wurzelforschungen. 
       
    A.: Also gut: Latein ist ein Schlüssel nicht nur für die Quellen des Altertums, der Religion, der Philosophie, der Geschichte, führt nicht nur hinab zu den Müttern der Wissenschaften, hinauf zu den Sternen der Mythen und Lieder, sondern bedeutet auch Logik, haarfeine Sprachanalyse, Sprachreflexion. 
     
      B.: Logik üben wir mit Mathematik! 
       
    A.: Unbestritten, siehe Whitehead. Nimm einfach an, daß die Sprachreflexion bei der Konstruktion der Sätze, beim Aufdröseln der Satzperioden Caesars und Ciceros, vielleicht organischer ist, inhaltlich gesättigter, zugleich ästhetisch, seelenformend - 
     
      B.: Wird man davon also schwärmerisch, so wie du? Ich habe gehört, die eigene Sprache würde trocken, quadratisch-praktisch-gut, römischer Beton usw.; und andere fürchten, daß man von zuviel Latein einen überladenen Satzbau bekomme, bestenfalls endlos ausufernd wie bei Thomas Mann. Wer will das schon! Vielleicht schüttelst du uns besser etwas Knappes, Witziges aus dem Ärmel? Schnupftabak aus dem Archivstaub? 
       
    A.: Horaz, s.o., deine „Bastkränze“. Oder Martial. Oder die kernigen Sentenzen der Bibel. 
     
      B.: „Neuer Wein in alten Schläuchen“, Mk 2,22. Und am Ende geht meine Zunge, gespickt mit Zitaten und Fremdwörtern, auf Stelzen. 
       
    A.: Well roared, lion (über den Löwen von Ovids "Pyramus und Thisbe" in Shakespeares "Midsummer night dream")! Aber wenn du zu Fuß gehst, wirst du doch den Schlüssel nicht gleich wegwerfen: Fremdwörter sind die „Vertrautwörter“ der Fachsprachen vieler Wissenschaften, jedenfalls aller Wortbildungen, die älter sind als das Fachenglisch der letzten Jahrzehnte und das Fachchinesisch künftiger Jahrhunderte. 
     
      B.: Englisch ist knapper. 
       
    A.: Als Chinesisch (!?!!) oder als Latein? Ja, Einsilbigkeit  ist praktisch, die Bauweise lateinischer Wortendungen ist allerdings systematischer. Und das verkürzt den Ausdruck auf systematischem Wege. 
     
      B.: Klar. Aber auf die Computer-Tastaturen paßt DEL oder ALT besser als – - 
       
    A.: DELEATUR oder ALTERNATIO? Lateinisches Englisch, internationale Begrifflichkeit. Das Wort Computer ist lateinisch: „Rechner“. Weiß der Himmel, warum wir das englisch aussprechen müssen (vgl "Waterloo", das liegt in Belgien, oder "Gladiator", als Filmtitel). Wenn im Englischen wissenschaftliche Wort-Neubildungen versucht werden, schöpft man meistens aus dem romanischen Drittel seiner Wörter. Und für die nicht gerade kleine Welt der spanisch-, portugiesisch- oder französischsprachigen Länder Europas und Amerikas – deren Sprachgemeinschaft ist übrigens größer als die englische – ist das gewiß nicht unangenehm. 
    Natürlich lernt man umgekehrt diese drei Sprachen – und besonders das Italienische – vom Lateinischen aus leicht und schnell. 
    Es war die Sprache der gelehrten Verständigung, der Diskussion, die gesamteuropäische Sprachbrücke schlechthin. Dieses Gemeinsame bleibt noch in den Fremdwörtern der Neusprachen und erleichtert die Wissenschaftsdiskussion. Die Altsprachen geben unserer Kultur das Selbst-Bewußtsein - und ein Gedächtnis von dreitausend Jahren. 
     
      B.: Eurozentrismus? 
       
    A.: Keineswegs! Die griechische Wissenschaft strömte einst in die syrische und arabische Literatur, von dort im Mittelalter durch die Lateinübersetzer in Toledo wieder zu uns. Und wieviel Römisches lebt heute noch in den beiden Amerikas, sei es in den hippodamischen Straßennetzen, diesen Schachbrettmustern, sei es in den politischen Institutionen und ihren lateinischen Namen! 
    Entschuldige mich, ich muß weiter; Kopien aus dem Archiv sichten. Vielleicht finde ich „Neues aus alten Gewölben“? Bis bald! 
       
 
 
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