Übersetzung der Sigune-Szene
in
Wolfram von Eschenbach:
Parzivâl, Abschn. 245 – 255
 durch Feire Fiz
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Chrétien de Troyes: Le conte du graal (ed. Pierre Kunstmann, Uni Ottawa)
Wolframs Parzival (vollständige Netzedition der Lachmann-Ausgabe)
 
Wolfram von Eschenbach:
Parzivâl
Fünftes Buch, Abschnitt 245 – 255
Die Sigûne -Pietá
am Rande des 
Grals-Gebiets
 
    245      
Parzivâl niht eine lac:    
geselleclîche unz an den tac    
was bî im strengiu arbeit.    
ir boten künftigiu leit    
sanden im in slâfe dar,    
sô daz der junge wol gevar    
sîner muoter troum gar widerwac,    
des si nâch Gahmurete pflac.    
sus wart gesteppet im sîn troum    
mit swertslegen umbe den soum,    
dervor mit maneger tjoste rîch.    
von rabbîne hurteclîch    
er leit in slâfe etslîche nôt.    
möhte er drîzecstunt sîn tôt,    
daz hete er wachende ê gedolt:    
sus teilte im ingemach den solt.  

von disen strengen sachen    
muos er durch nôt erwachen.    
im switzten âdern unde bein.    
der tag ouch durch diu venster schein.    
dô sprach er "we wâ sint diu kint,    
daz si hie vor mir niht sint?    
wer sol mir bieten mîn gewant?"  
  
sus warte ir der wîgant,    
unz er anderstunt entslief.    
nieman dâ redete noch enrief:    
si wâren gar verborgen. 

245  
Parzival lag nicht allein:  
zugesellt bis an den Tagesanbruch  
war ihm die schwere Mühe.  
Ihre Boten sandten künftige Leiden  
ihm im Schlafe voraus,  
so daß der junge Wohlgestaltete  
seiner Mutter Traum gar aufwog,  
den sie nach Gahmuret (sich sehnend) hatte.  
So wurde ihm sein Traum „gesteppt“:  
Mit Schwertschlägen außen um den Saum,  
innen mit mancher gewaltigen Tjoste.  
Vom rasenden Rennen  
litt er im Schlaf etliche Bedrängnisse;  
er hätte dreißigmal tot sein wollen,  
das hätte er wachend eher geduldet;  
so erteilte ihm Ungemach den Sold.  
  
Von diesen schwierigen Umständen  
mußte er in Bedrängnis aufwachen.  
Ihm schwitzten Adern und Knochen.  
Der Tag schien auch (schon) durch die Fenster.  
Da sprach er: „Wehe, wo sind die Kinder,  
daß sie hier vor mir nicht sind?  
Wer wird mir meine Kleidung darreichen?“  
  
So wartete der Held,  
bis er ein zweites Mal einschlief.  
Niemand redete oder rief dort:  
Sie waren gänzlich verborgen. 
umbe den mitten morgen    
do erwachte aber der junge man:    
ûf rihte sich der küene sân.    
    246    
Uf dem teppech sach der degen wert    
ligen sîn harnasch und zwei swert:    
daz eine der wirt im geben hiez,    
daz ander was von Gaheviez.    
dô sprach er ze im selben sân    
"ouwê durch waz ist diz getân?    
deiswâr ich sol mich wâpen drîn.    
ich leit in slâfe alsölhen pîn,    
daz mir wachende arbeit    
noch hiute waetlîch ist bereit.    
hât dirre wirt urliuges nôt,    
sô leiste ich gerne sîn gebot    
und ir gebot mit triuwen,    
diu disen mantel niuwen    
mir lêch durch ir güete.    
wan stüende ir gemüete    
daz si dienst wolde nehmen!    
des kunde mich durch si gezemen,    
und doch niht durch ir minne:    
wan mîn wîp diu küneginne    
ist an ir lîbe alse clâr,    
oder vürbaz, daz ist wâr."  

er tete als er tuon sol:    
von vuoz ûf wâpent er sich wol    
durch strîtes antwurte,    
zwei swert er umbe gurte.    
zer tür ûz gienc der werde degen:    
dâ was sîn ors an die stegen    
geheftet, schilt unde sper    
lent derbî: daz was sîn ger. 

Um die Morgenmitte  
da erwachte aber der junge Mann;  
sogleich richtete sich der Kühne auf.    
246  
Auf dem Teppich sah der edle Kämpfer 
seinen Harnisch und zwei Schwerter liegen:  
Das eine hieß der Wirt ihm geben,  
das andere war von Gahavieß.  
Da sprach er zu sich selbst sodann:  
„O weh, wodurch ist dies geschehn?  
Gewiß soll ich mich wappnen.  
Ich litt im Schlafe solch eine Pein,  
daß mir im Wachen Mühsal  
noch heute vermutlich bereitsteht.  
Hat dieser Wirt Kriegs-Bedrängnisse,  
so folge ich gerne seinem Gebot  
und auch ihrem Gebot getreulich,  
die diesen neuen Mantel  
mir lieh aufgrund ihrer Güte.  
Stünde ihr doch der Sinn danach,  
daß sie meinen Dienst annehmen wollte!  
Das könnte mir ihretwegen ziemen,  
wenn auch nicht ihrer Minne wegen:  
denn meine Frau, die Königin,  
ist an ihrem Leib genauso schön,  
oder noch mehr, das ist wahr." 

Er tat, wie er es tun mußte:  
Von Fuß auf wappnete er sich gut,  
einem Kampf begegnen zu können.  
Zwei Schwerter gürtete er um.  
Zur Tür trat der edle Kämpfer hinaus,  
da war sein Pferd an der Stiege  
angebunden, Schild und Speer  
lehnten daran: danach hatte er gesucht. 

    247    
E Parzivâl der wîgant    
sich des orses underwant,    
mangez er der gadem erlief,    
sô daz er nâch den liuten rief.    
nieman er hôrte noch ensach:    
ungevüege leit im dran geschach.    
daz hete im zorn gereizet.    
er lief da er was erbeizet    
des âbents, dô er komen was.    
dâ was erde unde gras    
mit tretenne gerüeret    
unt daz tou gar zervüeret.  

als schrînde lief der junge man    
wider ze sîme orse sân.    
mit bâgenden worten    
saz er drûf. die porten    
vand er wît offen stên,    
derdurch ûz grôze slâ gên:    
niht langer er dô habte,    
vast ûf die brücke er drabte.    
ein verborgen knappe daz seil    
zôch, daz der slagebrücken teil    
het daz ors vil nâch gevellet nider.  
  
Parzivâl der sach sich wider:    
dô wollte er hân gevrâget baz.    
"ir sult varen der sunnen haz",    
sprach der knappe, "ir sît ein gans.    
möht ir gerüeret hân den vlans,    
und het den wirt gevrâget!    
vil prîses iuch hât betrâget."    

    248    
Nâch den maeren schrei der gast:    
gegenrede im gar gebrast.    
swie vil er nâch geriefe,    
reht als er gênde sliefe    
warp der knappe und sluoc die porten zuo.    
dô was sîn scheiden dan ze vruo    
an der vlustbaeren zît    
dem der nu zins von vröuden gît:    
diu ist an im verborgen.    
umbe den wurf der sorgen    
wart getoppelt, do er den grâl vant,    
mit sînen ougen, âne hant    
und âne würfels ecke.    
ob in nu kumber wecke,    
des was er dâ vor niht gewent:    
ern hete sich niht vil gesent. 
247  
Ehe Parzival, der Held,  
sein Roß bestieg,  
lief er durch manche der Räume,  
so daß er nach den Leuten rief.  
Aber niemanden hörte oder sah er;  
unmäßiges Leid erfuhr er dadurch,  
das hatte seinen Zorn geweckt.  
Er lief dahin, wo er abgestiegen war  
an dem Abend, als er angekommen war.  
Da war Erde und Gras  
von Tritten aufgewühlt  
und der Tau abgestreift.  

Laut schreiend lief der junge Mann  
wieder zu seinem Roß sofort;  
mit Schimpfworten  
saß er auf. Die Pforte  
fand er weit offen stehen,  
dadurch hinaus eine breite Spur gehen.  
Nicht länger hielt er sich dort auf,  
schnell trabte er auf die Brücke.  
Ein verborgener Knappe zog das Seil,  
so daß das Ende der Zugbrücke  
das Roß beinahe zu Fall gebracht hätte.  

Parzival, der blickte sich um,  
da wollte er gern nachgefragt haben.  
„Ihr sollt den Haß der Sonne fürchten!“,  
sprach der Knappe, „Ihr seid eine Gans!  
Hättet Ihr doch Euer Maul ein bißchen bewegt  
und den Wirt gefragt!  
Nach hohem Lohn hat es Euch nicht gelüstet!“ 

248  
Der Gast schrie nach genauerer Kunde,  
aber Antwort fehlte ihm gänzlich.  
Wie sehr er auch nach ihm rief -  
ganz so, als ob er im Gehen schliefe,  
wendete sich der Knappe und schlug die Pforte zu.  
Da war sein Scheiden dann zu früh  
für diese verlustbringende Zeit  
für ihn, der nun Zins für seine Freude zahlt;  
die wird ihm nun auch verborgen.  
Um einen Sorgenwurf  
wurde gewürfelt, als er den Gral fand,  
von seinen Augen, nicht von seiner Hand  
und nicht mit einer Würfelkante.  
Wenn ihn nun Kummer weckt,  
so war er vorher nicht daran gewöhnt;  
er hatte noch nicht viel entbehren müssen. 
 
Parzivâl der huop sich nâch    
vast ûf die slâ die er dâ sach.    
er dâht "die vor mir rîten,    
ich waen die hiute strîten    
manlîch umb mîns wirtes dinc.    
ruochten si es, sô waere ir rinc    
mit mir niht vercrenket.    
dane wurde niht gewenket,    
ich hulfe in an der selben nôt,    
daz ich gediende mîn brôt,    
und ouch diz wünneclîche swert,    
daz mir gab ir hêrre wert.    
ungedient ich daz trage.    
si waenent lîhte, ich sî ein zage."    
    249    
Der valscheite widersaz    
kêrt ûf der huofslege craz.    
sîn scheiden dan daz riuwet mich.    
alrêrst nu âventiurt ez sich.  
  
do begunde crenken sich ir spor:    
sich schieden die dâ rîten vor.    
ir slâ wart smal, diu ê was breit:    
er verlôs si gar: daz was im leit.    
maer vriesch dô der junge man,    
dâ von er herzenôt gewan. 
Parzival, der machte sich auf,  
schnell der Spur zu folgen, die er da sah.  
Er dachte: „Die vor mir ritten,  
Ich denke, die kämpfen heute  
mannhaft für die Sache meines Wirtes.  
Ließen sie mich zu, so wäre ihre Runde  
mit mir nicht verdorben.  
Dann gäbe es keine Unentschlossenheit,  
ich hülfe ihnen in eben der Schwierigkeit,  
um mir die Gastlichkeit zu verdienen  
und auch dieses herrliche Schwert,  
das mir ihr werter Herr gegeben hat,  
denn ich trage es noch unverdient.  
Sie denken vielleicht, ich sei ein Feigling.“  
249  
Er, das Gegenteil der Untreue,  
wandte sich dem Gekrakel der Hufspuren zu.  
Sein Scheiden nun, das schmerzt mich;  
jetzt zuerst beginnt die eigentliche Aventiure.  

Da begann sich ihre Spur zu verlieren:  
Es trennten sich, die da vorausritten.  
Ihre Fährte wurde schmal, die vorher breit war;  
er verlor sie gar – das war ihm ärgerlich.  
Kunde erfuhr da der junge Mann,  
durch die er Herzensnot gewinnen sollte. 

do erhörte der degen ellens rîch    
einer vrouwen stimme jaemerlîch.    
ez was dennoch von touwe naz.    
vor im ûf einer linden saz    
ein magt, der vuogte ir triuwe nôt.    
ein gebalsemt ritter tôt    
lent ir zwischen den armen.    
swen ez niht sollte erbarmen,    
der si sô sitzen saehe,    
untriuwen ich im jaehe.  
  
sîn ors dô gein ir wante    
der wênic si bekante:    
si was doch sîner muomen kint.    
al irdisch triuwe was ein wint.    
wan die man an ir lîbe sach.    
Parzivâl si gruozte unde sprach    
"vrouwe, mir ist vil leit    
iuwer senelîchiu arebeit.    
bedurft ir mînes dienstes iht,    
in iuwerem dienste man mich siht."    
    250    
Si dancte im ûz jâmers siten    
und vrâgte in wanne er koeme geriten.    
si sprach "ez widersaeme    
daz iemen an sich naeme    
sîne reise in diese waste.    
unkundem gaste    
mac hie wol grôzer schade geschehen.    
ich hânz gehôrt und gesehen    
daz hie vil liute ir lîp verlurn,    
die werlîche den tôt erkurn.    
kêrt hinnen, ob ir welt genesen.    
saget ê, wâ sît ir hînt gewesen?"  
  
"dar ist ein mîle oder mêr,    
daz ich gesach nie burc sô hêr    
mit aller slahte rîchheit.    
in kurzer wîle ich dannen reit."  
  
si sprach "swer iu getrûwet iht,    
den sult ir gerne triegen niht.    
ir traget doch einen gastes schilt.    
iuch möht des waldes hân bevilt,    
von erbûwenem lande her geriten.    
inre drîzec mîlen wart nie versniten    
ze keinem bûwe holz noch stein:    
wan ein burc diu stêt al ein.    
diu ist erden wunsches rîche.    
swer die suochet vlîzeclîche,    
leider der envint ir niht.    
vil liute manz doch werben siht.    
ez muoz unwizzende geschehen,    
swer immer sol die burc gesehen.    
    251    
Ich waen, hêr, diu ist iu niht bekannt.    
Munsalvaesche ist si genant.    
der bürge wirtes royâm,    
Terre de Salvaesche ist sîn nam.    
ez brâhte der alte Tyturel    
an sînem sun. rois Frimutel,    
sus hiez der werde wîgant:    
manegen prîs erwarp sîn hant.    
der lac von einer tjoste tôt,    
als im diu minne dar gebôt.    
der selbe liez vier werdiu kint.    
bî rîcheit driu in jâmer sint:    
der vierde hât armuot,    
durch got vür sünde er daz tuot.    
der selbe heizet Trevrizent.    
Anfortas sîn bruoder lent:    
der mac gerîten noch gegên    
noch geligen noch gestên.    
der ist ûf Munsalvaesche wirt:    
ungenâde in niht verbirt."  
  
si sprach "hêr, waert ir komen dar    
zuo der jaemerlîchen schar,    
sô waere dem wirte worden rât    
vil kumbers den er lange hât."  
  
der Wâleis ze der meide sprach    
"groezlîch wunder ich dâ sach,    
unt manege vouwen wol getân."  
  
bî der stimme erkante si den man.    
Do sprach si "du bist Parzivâl.    
nu sage et, saehe du den grâl    
    252    
unt den wirt vröuden laere?    
lâ hoeren liebiu maere.    
ob wendec ist sîn vreise    
wol dich der saelden reise!    
wan swaz die lüfte hânt beslagen,    
dar ob muostu hoehe tragen:    
dir dienet zam unde wilt,    
ze rîcheit ist dir wunsch gezilt."  
  
Parzivâl der wîgant    
sprach "wâ von habt ir mich erkant?"    
si sprach dâ bin ichz diu magt    
diu dir ê kumber hât geclagt,    
und diu dir sagte dînen namen.    
dune darft dich niht der sippe schamen,    
daz dîn muoter ist mîn muome.    
wîplîcher kiusche ein bluome    
ist si, geliuert âne tou.    
got lôn dir daz dich dô sô rou    
mîn vriunt, der mir zer tjost lac tôt.    
ich hân in alhie. nu prüeve nôt    
die mir got hât an im gegeben,    
daz er niht langer solde leben.    
er pflac manlîcher güete    
sîn sterben mich dô müete:    
ouch hân ich sît von tage ze tage    
vürbaz erkennet niuwe clage."  
  
"ôwê war kom dîn rôter munt?    
bistuz Sigûne, diu mir kunt    
tet wer ich was, ân allen vâr?    
dîn reideleht lanc brûnez hâr,    
    253    
Des ist dîn houbet blôz getân.    
zem fôrest in Brizljân    
sach ich dich dô vil minneclîch,    
swie du waerest jâmers rîch.    
du hâst verlorn varwe unde craft.    
dîner herten geselleschaft    
verdrüzze mich, solt ich die haben:    
wir sulen diesen tôten man begraben."  
  
dô natzten diu ougen ir die wât.    
ouch was vroun Lûneten rât    
ninder dâ bî ir gewesen.    
diu riet ir vrouwen "lat genesen    
disen man, der den iuweren sluoc:    
er mag ergetzen iuch genuoc."    
Sigûne gerte ergetzens niht,    
als wîp die man bî wanke siht,    
manege, der ich will gedagen.    
hoert mêr Sigûnen triuwe sagen.    
diu sprach "sol mich iht gevröun,    
daz tuot ein dinc, ob in sîn töun    
laezet, den vil trûrigen man.    
schiede du helflîche dan,    
sô ist dîn lîp wol prîses wert.    
Da hörte der Held, reich an Kampfesmut,  
die schmerzerfüllte Stimme einer Frau  
Es war da noch überall naß von Tau.  
Vor ihm auf einem Lindenstamm saß  
ein Mädchen; ihr brachte ihre Treue Bedrängnis.  
Ein einbalsamierter toter Ritter  
war ihr zwischen die Arme gelehnt;  
Wen das nicht erbarmen sollte,  
der sie so dort sitzen sähe,  
den erkläre ich für untreu.  

Er wandte sein Pferd zu ihr hin,  
wobei er sie kaum erkannte,  
obwohl sie doch das Kind seiner Tante war.  
Alle irdische Treue war ein Wind  
gegen die Treue, die man an ihrem Leib sah.  
Parzival grüßte sie und sprach:  
„Frau, ich empfinde Schmerz  
über Euren sehnsüchtigen Kummer.  
Wenn Ihr jemals meinen Dienst beansprucht,  
wird man mich in Eurem Dienst sehen.“  

250  
Sie dankte ihm in der Weise ihres Jammers  
und fragte ihn, woher er geritten komme.  
Sie sprach: „Es ist unziemlich,  
daß jemand unternimmt  
seine Reise in diese Einsamkeit.  
Einem Gast, der sich nicht auskennt,  
kann hier wohl großer Schaden geschehen.  
Ich habe gehört und gesehen,  
daß hier viele Leute ihr Leben verloren,  
die sich wahrlich den Tod erkoren haben.  
Kehrt um, wenn Ihr heil davon kommen wollt.  
Sagt aber vorher, wo Ihr heute Nacht gewesen seid?“  

„Dort, eine Meile oder mehr, ist  
eine Burg, wie ich nie eine so erhabene sah,  
mit aller Befestigungs-Pracht.  
Vor kurzem bin ich von dort hergeritten.“  

Sie sprach: „Wer Euch etwa getraut hat,  
den sollt Ihr nicht absichtlich betrügen  
Ihr tragt doch den Schild eines Fremden?  
Ihr müßt des Waldes überdrüssig geworden sein,  
wenn Ihr von bebautem Land her geritten seid.  
Innerhalb von dreißig Meilen wurde nie behauen  
zu einem Bau irgendein Stück Holz oder Stein -  
außer einer Burg: Die steht allein.  
Die ist Erfüllung aller irdischen Wünsche.  
Wer die fleißig sucht,  
der findet sie leider nicht.  
Viele Leute sieht man sich doch darum bemühen.  
Es muß aber unwissend geschehen,  
wenn immer einer die Burg erblicken soll.  

251  
Ich denke, Herr, die ist Euch nicht bekannt;  
Munsalwäsche wird sie genannt.  
Das Königreich des Wirtes der Burg  
hat den Namen Terre de Salwäsche.  
Dies übergab der alte Titurel  
seinem Sohn, König Frimutel,  
so hieß der edle Kämpfer:  
so manchen Preis erwarb seine Hand.  
Dieser lag von einer Tjoste tot darnieder,  
wie ihm die Minne sein Leben bestimmte.  
Eben dieser hinterließ vier edle Kinder.  
Trotz ihres Reichtums leben drei in Jammer:  
Der vierte lebt in Armut,  
dies tut er vor Gott im Sündenausgleich.  
Dieser heißt Trevrizent.  
Sein Bruder Anfortas muß sich stützen:  
Er kann weder reiten noch gehen,  
weder liegen noch stehen.  
Dieser ist auf Munsalwäsche der Wirt;  
doch Ungnade verschont ihn nicht.“  

Sie sprach: „Herr, wärt Ihr dahin gekommen  
zu der jammererfüllten Schar,  
so wäre dem Wirt Rettung geworden  
aus vielem Kummer, den er seit langem hat.“  

Der Waliser sprach zu dem Mädchen:  
„Großartige Wunder sah ich dort  
und so manche wohlgestaltete Frau.“  

An der Stimme erkannte sie den Mann.  
Da sprach sie: „Du bist Parzival;  
nun sage doch: sahst du den Gral?  

252  
Und den Wirt, leer von aller Freude?  
Laß liebe Kunde hören!  
Wenn seine Drangsal gewendet ist,  
sei deine Glücksfahrt gesegnet!  
Es sei denn, was die Lüfte in Beschlag genommen haben,  
so sollst du darüber erhaben sein!  
Dir diene Zahmes und Wildes!  
Zum Reichtum sei dir Wunscherfüllung zugezählt!“  

Parzival der Held  
sprach: „Woran habt Ihr mich erkannt?“  
Sie sprach: “Ich bin doch das Mädchen,  
das dir früher einmal seinen Kummer geklagt hat  
und die dir deinen Namen sagte.  
Du mußt dich nicht deiner Verwandtschaft schämen:  
daß nämlich deine Mutter meine Tante ist.  
Eine Blume weiblicher Keuschheit  
ist sie, auch ohne Tau geläutert.  
Gott lohne es dir, daß dich damals so betrübte  
mein Geliebter, der mir von einer Tjoste tot dalag.  
Ich trage ihn hier. Nun ermesse die Not,  
die mir Gott um seinetwillen gegeben hat,  
daß er nicht länger leben sollte.  
Er hatte einen männlich-guten Charakter.  
Sein Sterben war für mich schwer zu ertragen.  
Auch habe ich seither von Tag zu Tag  
immerfort meine Klage erneuert.“  

„O weh! Wohin verschwand dein roter Mund!  
Bist du’s, Sigune, die mir kundtat,  
wer ich war, ohne Umwege?  
Dein lockiges, langes, braunes Haar,  

253  
davon ist dein Haupt entblößt!  
Im Wald von Briziljan  
da sah ich dich so überaus lieblich,  
wiewohl du von Jammer erfüllt warst.  
Du hast Gesichtsfarbe und Kraft verloren;  
deine harte Gesellschaft würde mir  
schwer werden, sollte ich die genießen;  
wir müssen diesen toten Mann begraben!“  

Da netzten die Augen ihr das Gewand.  
Auch war Frau Lunetes Rat  
bei ihr gewiß zwecklos;  
die hatte ihrer Herrin geraten: „Laßt genesen  
diesen Mann, der den Euren schlug:  
er mag Euch ersatzweise ergötzen!“  
Sigune begehrte kein Ergötzen,  
wie eine Frau, die man wankelmütig sieht,  
so manch eine, die ich hier verschweigen will.  
Hört mehr von Sigunes Treue sagen!  
Sie sprach: „Soll mich noch etwas erfreuen,  
so tut dies nur ein Ding: ob ihn sein Todesringen  
verließ, den allzu traurigen Mann!  
Schiedest du hilfreich von dannen,  
so ist dein Leben wohl Preises wert! 

du vüerst ouch umbe dich sîn swert:    
bekennestu des swertes segen,    
du maht ân angest strîtes pflegen.    
Sîn ecke ligent im rehte:    
von edelem geslehte    
worhte ez Trebuchetes hant.  
  
ein brunne stêt bî Karnant,   
254    
dar nâch der künec heizet Lac,    
daz swert gestêt ganz einen slac    
am andern ez zevellet gar:    
wilt du ez dan wider bringen dar,    
ez wirt ganz von des wazzers trân.    
du muost des urspringes hân,    
underm velse, ê in beschine der tac.    
der selbe brunne heizet Lac.    
sint diu stücke niht verrêrt,    
der si reht ze ein ander kêrt,    
sô si der brunne machet naz,    
ganz unde sterker baz    
wirt im valz und ecke sîn    
und vliesent niht diu mâl ir schîn.    
daz swert bedarf wol segens wort:    
ich vürht diu habestu lâzen dort:    
hât si aber dîn munt gelernet,    
sô wehset unde kernet    
immer saelden craft bî dir:    
lieber neve, gelube mir,    
sô muoz gar dienen dîner hant    
swaz dîn lîp dâ wunders vant:    
ouch mahtu tragen schône    
immer saelden crône    
hôhe ob den werden:    
den wunsch ûf der erden    
hâstu volleclîche:    
niemen ist sô rîche,    
der gein dir koste mege hân,    
hâstu vrâge ir reht getân."  
    255    
Er sprach "ich hân gevrâget niht."    

"ôwê daz iuch mîn ouge siht",    
sprach diu jâmerbaeriu magt,    
"sît ir vrâgens sît verzagt!    
ir sâhet doch sölh wunder grôz:    
daz iuch vrâgens dô verdrôz,    
aldâ ir wârt dem grâle bî!    
manege vrouwen valsches vrî,    
die werden Garschiloyen    
und Repanse de schoyen,    
und snîdende silber und bluotec sper.    
ôwê waz wolt ir zuo mir her?    
gunêrter lîp, vervluochet man!    
ir truogt den eiterwolves zan,    
dâ diu galle in der triuwe    
an iu becleip sô niuwe.    
iuch solt iuwer wirt erbarmet hân,    
an dem got wunder hât getân,    
und het gevrâget sîner nôt.    
ir lebt, und sît an saelden tôt."  
  
dô sprach er "liebiu niftel mîn,    
tuo bezzeren willen gein mir schîn.    
ich wandel, hân ich iht getân."    
"ir sult wandels sîn erlân",    
sprach diu maget. "mir ist wol bekant,    
ze Munsalvaesche an iu verswant    
êre und ritterlîcher prîs.    
iren vindet nu deheinen wîs    
deheine geinrede an mir."  
  
Parzivâl sus schiet von ir. 

Du führst auch an der Seite sein Schwert:  
Wäre dir der Segen des Schwertes bekannt,  
du dürftest ohne Angst in den Kampf stürzen.  
Seine Schneiden sind genau gearbeitet;  
von edler Abkunft (war der Schmied:)  
Trebuchets Hand wirkte es.  

Ein Brunnen fließt bei Karnant,  

254  
nach dem der König „Lac“ genannt wird.  
Das Schwert zerbricht nicht beim ersten Schlag;  
beim zweiten aber zerspringt es.  
Willst du es dann wiederherstellen,  
wird es von der Strömung des Wassers ganz.  
Du mußt es unter die Urquelle halten,  
unter dem Felsen, bevor ihn der Tag bescheint.  
Eben dieser Brunnen heißt Lac.  
Sind die Stücke nicht verloren,  
dem, der sie richtig aneinanderhält:  
sobald sie der Brunnen naßmacht,  
ganz und noch stärker  
werden ihm Fuge und Schneiden sein,  
und der Glanz seiner Zeichnung verfließt nicht.  
Das Schwert bedarf wohl der Segenssprüche;  
ich fürchte, die hast du dort gelassen.  
Hat sie aber dein Mund gelernt,  
so wächst und bildet Fruchtkerne  
immer die Segenskraft bei dir!  
Lieber Neffe, glaube mir:  
so muß alles dienen deiner Hand,  
was dein Leib da an Wunder fand;  
auch wirst du, wie es dir geziemt, tragen  
allen Segens Krone  
hoch über allen Edlen;  
die Wunscherfüllung auf Erden  
hast du uneingeschränkt:  
Niemand wäre so reich,  
daß er im Vergleich mit dir etwas aufbieten könnte,  
hast du nur die Frage richtig gestellt.“  
 
255  
Er antwortete: „Ich habe nicht gefragt.“  

„O weh, daß Euch mein Auge sieht“,  
sprach das jammererfüllte Mädchen,  
„wo Ihr nun keinen Mut zur Frage gefunden habt!  
Ihr saht doch solch große Wunder?  
Daß es Euch da zu mühsam war, zu fragen,  
wo Ihr doch bei dem Gral wart!  
So manche Frauen ohne Fehl,  
die edlen, Garschiloye  
und Repanse de Schoye,  
und das schneidende Silber und den blutigen Speer -  
o weh, was wollt Ihr noch hier bei mir?  
Ehrloser Leib, verfluchter Mann!  
Ihr trugt des Eiterwolfes Zahn,  
da die Galle an Eurer Treue  
so frisch kleben blieb.  
Ihr solltet Euch eures Wirtes erbarmt haben,  
an dem Gott Wunder getan hat,  
und nach seiner Not gefragt haben!  
Ihr lebt, und seid doch allen Segens tot!“  

Da sprach er: „Meine liebe Cousine,  
erweist einen besseren Willen gegen mich!  
Ich will mich ändern, habe ich etwas verbrochen.“  
„Das Sichändern sei Euch erlassen“,  
sprach da das Mädchen. „Mir ist wohl bekannt,  
zu Munsalwäsche verschwand an Euch  
alle Ehre und ritterlicher Preis.  
Ihr werdet nun nichts Kluges mehr,  
keinerlei Antwort mehr von mir hören!“  

So schied Parzival von ihr.

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Synopse Chrétien/ Wolfram: Trevrizent über den Gral * Trevrizent über Anfortas
zur "Funktion der Gralssuche im Parzival" * "lapsit exillis" – "lapis exilis": die Namensvarianten des Grals
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mittelalterliche Quellen : mediaevum.de : mittelalterliche Literatur
Chrétien de Troyes: Le conte du graal (ed. Pierre Kunstmann, Uni Ottawa)
Wolframs Parzival (vollständige Netzedition der Lachmann-Ausgabe)
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Richard Wagner: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, 1., 2. und 3.Aufzug * Das Lied vom Tannhäuser
Chrêtiens und Wolframs Parzival * Wagner: Parsifal * Tristan * Wolfram und Klingsôr im Wartburgkrieg:
Der Gral als Stein aus der Krone der Gerechtigkeit * Luzifers Sturz (Jes 14,12 ff) * Der "köstliche Stein" (1.Petrusbrief)
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